enkeltauglich leben
Bildung

Lernen, die eigene Praxis strategisch einzuordnen

Lola Franke sprach mit dem
Aktivisten Tam Brandt über
Systemwandel, Transformation und Verantwortung.
von Lola Franke, Tam Brandt, erschienen in Ausgabe #62/2020
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© privat

Lola Franke: Zusammen mit Aktiven aus verschiedenen Bewegungen hast du die Bildungsinitiative »Let's talk about System Change!« gegründet, die seit März 2020 gezielt auf die Zusammenhänge zwischen Klimakrise und kapitalistischem Wirtschaften aufmerksam macht. Ihr richtet euch ausdrücklich an Menschen, die schon in emanzipatorischen Bewegungen oder Gruppen aktiv sind. Was war eure Motivation? 
Tam Brandt: Die Klimagerechtigkeitsbewegung ist in sehr kurzer Zeit ziemlich groß geworden, und wir glauben, mit gemeinsamen gesellschaftlichen Zielvorstellungen kollektiv noch mehr erreichen zu können. Es ist so viel Kraft frei geworden, aber in welche Richtung wollen wir die Welt eigentlich verändern? 

Wir brauchen neue Ansätze, wenn wir es wirklich ernst meinen damit, die Zerstörung unseres Planeten aufzuhalten. Als Gruppe wollen wir solche Ansätze mitentwickeln. Es reicht uns nicht, bei reiner Kritik an Baumfällungen oder dem Bau von Auto-bahnen stehenzubleiben, sondern wir stellen uns die Systemfrage: Wieso wird in dieser Gesellschaft unternehmerischer Profit über das Wohlergehen der Mehrheit aller Menschen gestellt? Wir wollen als große, recht junge Bewegung einen gesamtgesellschaftlichen Wandel vorantreiben – und dazu gehört auch, die Verhältnisse, in denen wir leben, zu verstehen. Im Gegensatz zu vorangegangenen Bewegungen haben wir auch keine wirkliche Wahl, denn wir befinden uns heute tatsächlich bis zum Hals in der -Klimakrise.


Ihr zielt mit euren Inhalten nicht auf persönliche Konsumentscheidungen ab und glaubt auch nicht, dass es ein mangelndes Bewusstsein für die Klimakatastrophe gibt. Warum sprecht ihr vom Wandel der Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme, statt vom individuellen Wandel?
 Historisch gesehen, haben Menschen oft genug versucht, Dinge dadurch zu verändern, dass sie ihre individuellen Einstellungen verändert haben. Das ist aber immer wieder an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gescheitert. Sichtbar wird das zum Beispiel bei modernen Konsum-kritikerinnen, denn tatsächlich verändert sich insgesamt nicht viel. So gibt es verschiedene Studien, die zeigen, dass der CO2-Fußabdruck nicht mit dem Bewusstsein über die Klimakrise korreliert, sondern einzig und allein mit dem persönlichen Einkommen. Je mehr ich verdiene, desto eher fliege ich für meinen Job oder in den Urlaub, kaufe verschwenderische technische Geräte, lebe in einem großen Haus oder besitze mehr als ein Auto. Deswegen setzen wir uns mit unseren Bildungsangeboten dafür ein, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändert werden, so dass nicht mehr die Tätigkeiten staatlich belohnt und gefördert werden, die wirtschaftlich profitabel sind, sondern solche, die wirklich lebensförderlich sind. Diese beiden Kategorien »wirtschaftlich profitabel« und »lebensfördernd« stehen sich oft gegenüber.

Ich glaube, wenn wir begreifen, dass Wirtschaft und Güterproduktion keine Teilbereiche der Gesellschaft sind, sondern die Grundstruktur unseres Zusammenlebens bilden, können wir wirklich etwas verändern. Solange wir in kapitalistischen Strukturen leben, werden wir immer Menschen ausbeuten und unterdrücken müssen, oder selbst ausgebeutet und unterdrückt werden. Deshalb vermitteln wir in unserer Bildungsarbeit nicht in erster Linie Wissen zur Klimakrise selbst – das ist oft schon vorhanden – sondern leisten Hilfestellung, um Gesellschaftsstrukturen zu entschlüsseln, neu zu denken und zu gestalten.


Aber ist es nicht gefährlich, die einzelne Person aus der Verantwortung zu lassen und alles auf Strukturen zu schieben, die von Politikerinnen verändert werden sollen?
 Doch, auf jeden Fall, und das ist auch nicht unser Ziel. Wir wollen ganz im Gegenteil Menschen wieder mehr in ihre Verantwortung holen – und zwar nicht nur als Konsumentinnen. 

Ich finde, dass wir erst dann wirklich verantwortungsvoll handeln, wenn wir beginnen, den selbstbestimmten und freien Zugang zu gesunden Nahrungsmitteln, guter Kleidung und gemütlichen Häusern für alle Menschen zu erkämpfen. Verantwortung zu übernehmen, bedeutet also auch, sich nicht auf Privilegien auszuruhen und sich im Biomarkt ein reines Gewissen zu kaufen. Verantwortung heißt, sich als politischen Teil dieser Gesellschaft zu verstehen und sie gemeinsam mit anderen Menschen besser zu gestalten. Leider sind schon viele Generationen vor uns daran gescheitert, die macht- und gewaltvollen Strukturen zu durchbrechen – und das hat ja seinen Grund. Deshalb scheint die Flucht in die private Entscheidung an der Supermarktkasse manchmal wie ein verständliches Ablenkungsmanöver.


Welche Rolle spielt Bildung für dich, wenn es um Alternativen zum bisherigen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem geht?
Welche Rolle nehmen Systemchange-Seminare dabei ein?  Ich sehe zwei wichtige Bereiche, die transformatives Potenzial in sich tragen. Zunächst ist da die klassische Bildungsarbeit, die sich innerhalb der Gesellschaft abspielt, in Schulen beispielsweise. Wandel kann da passieren, wo die alten Strukturen sich öffnen und neuen Ideen oder jüngeren Menschen Platz machen, um sich einzubringen.

Mein zweiter Punkt zielt weniger auf übliche Bildungsformate ab, sondern mehr auf die ihnen zugrunde liegende Struktur. Ich meine damit die Notwendigkeit, uns über bestehende Verhältnisse zu informieren, sie zu analysieren, um sie dann zu verändern. Hier hilft Bildung, das System als Ganzes zu hinterfragen und zu dekonstruieren. Wir müssen uns fragen: Was sind die Auswirkungen der Verhältnisse, in denen wir gerade leben? Wir reden hier von allen Auswirkungen: Rassismen, Sexismen, Dürren, Hunger und Armut, die sowohl Ausgangslage als auch Ergebnis von Ausbeutung im Kapitalismus sind. Ich denke, dass wir erst, wenn wir diese Zusammenhänge begreifen, effektiv Einfluss auf die gesellschaftlichen Verhältnisse nehmen und neue lebendige, klimaverträgliche Strukturen aufbauen können. 

Auf einer solchen Bildungsarbeit, die versucht, gesellschaftliche Strukturen sichtbar zu machen und ihre Missstände -aufzudecken, baut schließlich der gesamte Systemwandel auf. Hier setzt die Arbeit unserer Seminare an. Wir gehen den Strukturen nach, auf denen unser Zusammenleben fußt, um sie dann gemeinsam neu zu denken und zu gestalten. Bildung bedeutet auch, an den Wandel zu glauben und sich für ihn einzusetzen. 


Wie baut ihr eure Seminare auf?
 Wir gestalten sie in drei Schritten: Zunächst geht es um die Kritik und die Frage: Was ist Kapitalismus eigentlich und was macht er mit unserer Gesellschaft? Darauf folgt die Utopie und mit ihr die Frage, zu welcher Gesellschaft wir uns entwickeln wollen. Abschließend geht es um Transformation und konkrete Schritte, also darum, was für eine Veränderung wir brauchen, um die gesellschaftlichen Bedingungen zu erreichen, die wir anstreben – und welche Werkzeuge wir für diese Transformationen benötigen.

Gruppen oder Einzelpersonen, die am Seminar teilnehmen, bringen hier ihre eigenen Vorstellungen von Transformation ein und können diese prüfen, diskutieren und weiterentwickeln. Wenn sie dann in ihren politischen Alltag zurückgehen, können sie zum Beispiel erkennen, ob die nächste geplante Kampagne in ihre gesellschaftliche Transformationsstrategie passt oder nicht.


Die Gliederung klingt ja sehr klar strukturiert. Beschreib doch einmal, wie ein Systemwandel nach diesen Schritten ablaufen soll. 
Das ist ja erst einmal nur die Transformationsstrategie; die Umsetzung selbst ist schon etwas komplexer. Einer unserer zentralen Kritikpunkte an der kapitalistischen Gesellschaft ist, dass sie exklusiv ist, also ausschließend. Sie funktioniert nur, weil die meisten Menschen auf diesem Planeten von den Möglichkeiten zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse ausgeschlossen sind. Erst dadurch, dass sie ihre Lebenszeit, ihre Arbeitskraft und ihre körperliche Unversehrtheit verkaufen, bekommen sie Zugang zu den Ressourcen, die sie zum Leben brauchen. Das zeigt sich daran, dass wir nicht einfach Essen oder Wohnraum zur Verfügung haben, wenn wir ihn am dringendsten brauchen, sondern nur dann, wenn wir ihn uns »erarbeiten«.

Dieser Zustand ist im Verständnis unserer Initiative nicht tragbar. Eine Gesellschaft, wie wir sie anstreben, ist demnach eine Inklusionsgesellschaft. Hier kann ich meine Bedürfnisse dann befriedigen, wenn ich auch an andere Menschen denke, beziehungsweise sie nicht einschränke oder ausbeute. Wenn wir diese beiden Punkte geklärt haben, dann können wir uns überlegen, wie wir von der Exklusionsgesellschaft zur Inklusionsgesellschaft kommen. 

Wir gehen in unserer Transformationsstrategie davon aus, dass soziale Bewegungen, die bei den konkreten Missständen ansetzen, für einen Systemwandel von großer Bedeutung sind. Das ist nicht nur deshalb so, weil sie auf Missstände aufmerksam machen, sondern weil sie diese Inklusionslogik beinhalten und damit eine Keimzelle für eine neue solidarische Gesellschaft in sich tragen. Werfen wir einen Blick auf die Zapatistas in Mexiko oder die kurdische Widerstandsbewegung in Teilen Syriens, dann fällt schnell auf, dass diese Orte auf der großen und der kleinen Ebene transformatorisches Potenzial innehaben. Genau diese Beispiele sind so wichtig für uns alle, weil sie zeigen, dass es auch jetzt schon Strukturen geben kann, die über die kapitalistische Logik hinauswachsen und die bestehende Ordnung in Frage stellen.

Auch Klimacamps sind ein gutes Lernfeld für inklusives Zusammenleben. Es wird dort zum Beispiel nicht darüber gestritten, wie Essen verteilt wird und wer wie viel dafür bezahlen muss. Essen gibt es eben für alle, die Hunger haben. Der solidarische Umgang im Camp-Alltag wird allerdings nicht getrennt von der Konfrontation und dem Kampf für eine bessere Welt. Genau das ist für mich der Unterschied zwischen wirklich transformatorischen Orten und solchen, die dem Rückzug und nur dem eigenen guten Leben dienen. Wenn Menschen kleine Kommunen lediglich dazu nutzen, um für sich selbst eine kleine heile Welt zu errichten und dort inklusiv zu leben, dann ist das bestimmt schön für alle, die Teil dieser Gemeinschaft sind. Die vor Ort gelebte Inklusionslogik verbreitet sich aber nicht, sondern bleibt dort, wo Menschen sowieso schon privilegiert sind und gute Aussichten auf ein gutes Leben haben. 


Wie wollt ihr diese Logik in euren Seminaren verändern?
 Wir lassen unsere Gruppen für ihren Alltag beispielsweise eigene Szenarien durchspielen, um selber besser einschätzen zu lernen, wann wir wo exklusive oder inklusive Orte errichten. Im Seminar können die Teilnehmenden lernen, strukturelle Inklusionslogik in ihren Bewegungen zu erkennen und zu fördern.

Außerdem sollen sie ihre tägliche Praxis in die drei Kategorien Kritik, Utopie und Transformation einordnen und sie dann noch ein bisschen weiterspinnen. Man kann das ganz klein für die eigene Wohngemeinschaft durchdenken, oder aber größer auf die Zustände der Welt bezogen. Wir statten die Teilnehmenden unserer Seminare mit genug Werkzeug aus, um auch in ihren Familien, im Freundeskreis, auf dem Biomarkt oder bei der Arbeit weiter zu diskutieren, denn durch solche Diskussionen wird die Art von Veränderung angestoßen, die uns eint statt uns zu -trennen.


Wie kann man bei euch mitmachen?  
Wir bieten unterschiedliche Formate an, die sich vor allem an bestehende Gruppen richten, die sich fortbilden wollen. An einzelnen Basisseminaren können auch Einzelpersonen teilnehmen. Nach der Corona-Krise wird das wieder vor Ort möglich sein; bis dahin finden unsere Angebote ausschließlich online statt. 

Wir alle können überall und jederzeit Orte gemeinsamer Bildung schaffen und dadurch ins Handeln kommen. Das allein hilft schon, um nicht in die Ohnmacht abzurutschen und zu vereinzeln oder Verschwörungserzählungen auf den Leim zu gehen, die mit ebendieser Ohnmacht spielen.


Danke dir für das spannende Gespräch! //


Tam Brandt (25) lebte mehrere Jahre im Hambacher Wald und ist
heute in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv. Seine Vorträge zum Thena Systemveränderung sind als Video auf 
system-change.net verfügbar.


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