enkeltauglich leben
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Das zweite konvivialistische Manifest

von Hanne Tuegel, erschienen in Ausgabe #62/2020
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»Ist es wirklich unmöglich, sich eine Welt vorzustellen, in der die Macht nicht, wie allzu oft, von Psychopathen ausgeübt wird […] Eine Welt, in der man sich weiterhin über den Sinn des Lebens stritte, ohne sich jedoch abzuschlachten und in der man Bürger- und Religionskriege vergessen hätte […] Eine Welt, in der man wieder im Einklang mit der Natur leben könnte?«

Die fast 300 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des »Zweiten konvivialistischen Manifests«, die so fragen, sind Intellektuelle, Künstlerinnen und Aktivisten aus 33 Ländern. Bekannte Namen sind dabei: die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi und der Befreiungstheologe Leonardo Boff aus Brasilien, die deutsche Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel und die Soziologin Eva Illouz, die in Israel und Frankreich lehrt, der österreichische Begründer der Gemeinwohlökonomie, Christian Felber, und der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, aus der Schweiz. 

Als Leitlinie für ihre Utopie haben sie John Lennons Lied »Imagine« gewählt: »Imagine all the people sharing all the world!« Stellt euch eine post-neoliberale Welt vor, in der es gelingt, Maßlosigkeit und Gewalt zu zähmen! Konvivialismus bedeutet dabei »die Philosophie und Kunst des Zusammenlebens«, eine Essenz aus dem »Wertvollsten aller Weisheitslehren«. Das ist groß gedacht. 

Die Autorinnen und Autoren, die sich der Aufgabe nicht poetisch, sondern polit-ökonomisch praktisch widmen, können den überhohen Anspruch nicht einlösen. Sie nennen die immensen Hürden auf dem Weg zu einer gerechteren und ökologisch verantwortlichen Zukunft – und sie skizzieren die Anforderungen, die eine konvivialistische Welt erfüllen sollte: Priorität für den Schutz der Natur und ihrer Ressourcen, Balance der Mann-Frau-Beziehungen, De-Globalisierung, ein universelles Mindesteinkommen, das Recht auf Arbeit bei selbstgewählter Arbeitszeit, das Verbot des Spekulations-Kapitalismus, den Nullausstoß an Treibhausgasen, die Einhegung der KI auf die Bereiche, wo sie der Gesellschaft nützt ...

Träumt weiter!? Ich gebe zu, dass ich mich zeitweise darüber geärgert habe, dass sich manches liest wie ein Mix aus Marx, Gandhi und Kinder-Wunschzettel. Darüber, dass eine akademisch-distanzierte -Sprache dominiert, die den Kopf anspricht, aber kaum das Herz erreicht. Aber eben auch darüber, dass der Text schonungslos zeigt, was nötig wäre – sowie die Tatsache, dass wir alle gemeinsam es nicht schaffen, mehr davon zu verwirklichen. 

Damit hat das Manifest ein Ziel erreicht: Es öffnet eine Tür, sich mit dem Unvorstellbaren auseinanderzusetzen – am besten zu den Klängen von John Lennon.  


Das zweite konvivialistische Manifest
Für eine post-neoliberale Welt.
Konvivialistische Internationale (Hg.)
Transcript, 2020, 144 Seiten
ISBN 978-3837653656
10,00 Euro
Open Access: 
www.transcript-verlag.de


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