enkeltauglich leben
Titelthema

Nomadin des Lebens

Aus Lisa Wilkes bewegter Biografie, die getragen ist von Seil, Tanz und Begegnungen.von Lisa Wilke, erschienen in Ausgabe #63/2021
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© Nora Dreyer

Ich bin im westlichen Mecklenburg, nahe der damaligen Zonengrenze in einem kleinen Dorf mit 150 Einwohnern aufgewachsen. Mein Vater war dort Pastor, ich die dritte von fünf Schwestern. Meine Eltern haben uns sehr frei erzogen. Ich liebte die Natur, die Wildheit, die Freiheit. Als Pastorenkinder durften wir in der DDR kein Abitur machen, aber ich hatte ohnehin schon lange keine Lust auf die Schule. Da ich keinesfalls Sesselfurzerin werden wollte und keine große Auswahl hatte, machte ich eine Lehre zur Baumschulgärtnerin. Danach begann ich kurzfristig ein theologisches Studium und wollte anschließend Trompeterin werden. Dann kam die Wendezeit, und die Mauer fiel. Schon lange hatte ich mich eingesperrt gefühlt und wusste, dass ich irgendwann aus dieser engen Begrenzung raus musste. Nun mit Reisefreiheit im goldenen Westen war alles reicher und schicker. Beeindruckt hat mich das aber nicht besonders, denn es war so, wie ich es aus dem Westfernsehen kannte.

Mit Mitte zwanzig kam ich durch den Vater meiner Zwillingssöhne mit der Anthroposophie in Kontakt und studierte, nach Stationen in Süddeutschland und Griechenland, Eurythmie in München. Als ich später in Berlin an einem Eurythmiebühnenstück arbeitete, in dem es eine Seiltanzszene gab, erfuhr ich vom Kursangebot des Seiltänzers Sascha und mir war klar: Da muss ich hin! So kam ich aufs Seil. Ich lernte sehr schnell mit der von Sascha entwickelten Methode, nach der ich nun selbst unterrichte. Vom Seiltanz, von der Methode und von Sascha war ich so angetan, dass der Seiltanz mein täglich Brot wurde. Sascha und ich haben auch einige Jahre zusammen gelebt und gearbeitet.

Es ist wunderbar, auf einem Seil laufen zu können! Ich verbinde Tanz, Schauspiel und Eurythmie mit dem Seillauf, um bewegte und bewegende Bilder zu mir wichtigen Lebensthemen in die Welt zu balancieren. 2019 war ich zu einem Straßenfest in Schwerin eingeladen, das ein dort ansässiger Uhrmacher organisierte. Nach der Aufführung sagte eine Frau zu mir: »Jetzt verstehe ich endlich, warum es Seiltanz heißt!« Zum ersten Mal hatte sie eine Seilnummer als tänzerisch wahrgenommen. Der Seiltanz hat mein Leben verändert. Ich fühle mich dadurch mehr verankert in meinem Körper, verbundener mit Himmel und Erde, stehe selbstsicherer und authentischer im Leben. Wichtig sind mir die aktive Aufmerksamkeit und die Geistesgegenwart, die auf dem Seil vonnöten sind. Jede Bewegung hat sofortige Folgen. Ein Augenblick der Unaufmerksamkeit, ein unplatzierter Schritt, eine falsche Bewegung und du fällst, das Seil wirft dich ab. Das kann sehr schmerzhaft oder sogar tödlich sein.

Seit meine Söhne erwachsen sind, lebe ich wie eine Nomadin. Sascha ist inzwischen gestorben. Er hat mir ein Wohnmobil und einen Garten vermacht. Dort ist alles, was ich besitze. Ich lebe unter anderem von den Früchten meines Gartens und weiß, mit wie wenig Strom und Wasser ich auskommen kann. Es ist nicht ideal, bei Regen oder im Winter, wenn es früh dunkel wird, draußen üben zu müssen. Dennoch drängt es mich nicht, mir unter den heutigen Bedingungen eine feste Wohnung zu suchen, schon gar nicht mehr in der Großstadt.

Wegen Coronaverordnungen fielen meine Kurse, Seminare, Kindersommerlager, Auftritte und beinahe alles aus. So kam es, dass ich im vergangenen Jahr einige Wochen im Omnibus für direkte Demokratie mitarbeitete. Durch meine Beschäftigung mit Joseph Beuys und der Anthroposophie wusste ich schon lange vom Omnibus. Aber erst 2019 las ich, dass man dort mitfahren kann und sogar ein Honorar dafür bekommt. Kurzentschlossen schrieb ich eine Mail an Brigitte Krenkers, und schon war ich Teil von Werner Küppers »Band« (siehe Seite 83). Die Arbeit im Omnibus ergänzt sich harmonisch mit meiner Seiltanzarbeit. Wir arbeiten auf der Straße, leben im Doppeldecker und sind im konstruktiven Austausch mit vielen Menschen. Das einfache, unkomplizierte Zusammenleben, die Begegnungen, Werner als wahrhaftiger Mensch und sein Blick in die Welt schenken mir immer wieder frische Impulse. Meine Heimat ist da, wo ich bin, in mir und in der großen Welt. Ich erinnere mich oft an den Tod, vor allem an meinen eigenen. Dadurch fühle ich mein Leben intensiver und setze meine Schritte bewusster. So lebe ich Tag für Tag als Nomadin des Lebens.  


www.gleichgewichtsschule.de


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