enkeltauglich leben
Titelthema

Lebenslernen unterwegs

Von meinem Unterwegssein mit der Wanderuni.von Julian Vethacke, erschienen in Ausgabe #63/2021
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© Kerstin Schroedinger

In meinen beschwerlichen letzten Schultagen war mir klar: Danach möchte ich einfach nur raus, weg, losziehen, ausbrechen, frei sein, die Welt entdecken und rausfinden, was ich hier will! Als mich die Regelschulmühle nach 13 Jahren dann aber in die »Freiheit« ausgespuckt hatte, lag ich das nächste halbe Jahr erst einmal vor allem krank im Bett. Noch mit jeder Menge unangenehmer Symptome in Körper und Seele, die mir und den Ärzten damals größtenteils Rätsel waren, bin ich dann doch losgezogen. Mit Fahrrad, per Anhalter, wandernd oder mit einem ausgebauten Lieferwagen war ich fast vier Jahre lang vor allem unterwegs, ohne festen Wohnort. Mal alleine, mal in Gruppen; mal mit etwas Geld, mal ohne; mal mit Plan, meistens ohne – jedenfalls nie mit einem Plan, der über ein paar Wochen hinausreichte. 

Ich denke gerne an Phasen des Unterwegsseins zurück, in denen ich mich an wenigen Tagen in einer solchen lebendigen Dichte an Geschehnissen und Fügungen wiederfand, wie es sie in meinem Schulalltag gefühlt in einem ganzen Jahr nicht gegeben hatte. Aus diesen Phasen wurden Geschichten, von denen ich noch lange zehren kann, und die mich immer wieder daran erinnern, wie relativ Zeit ist und wie reich das Leben sein kann.

Ich denke da beispielsweise an drei Tage im Spätsommer 2017 zurück. Zu fünft als Wanderuni-Gruppe mit dem Fahrradbus – einem Sechssitzertandem – unterwegs, waren wir an einer Raststätte bei Hamburg gelandet. Unser wagemutiges Vorhaben: einen Trucker zu finden, der bereit wäre, unser Gefährt auf leer gebliebener Ladefläche Richtung Süden mitzunehmen; wir würden dann hinterhertrampen. Auf diese Weise hatten wir schon einmal erfolgreich gute 400 Kilometer in achtfacher Fahrradbusgeschwindigkeit zurückgelegt. Eine Verabredung im Süden, der wir unbedingt treu bleiben wollten, brachte uns dazu, unser Glück erneut zu versuchen. 

Am Abend eines strapaziösen Tag des Wartens, Hoffens und humorvollen Eintauchens in die fabelhafte Welt eines Tankstellenrestaurants waren wir schon drauf und dran, unser Nachtlager im angrenzenden Wald aufzuschlagen. Doch in der Dämmerung fand sich dann doch noch jemand, der anbot, unseren Tretbus bis nach Remscheid im Bergischen Land mitzunehmen. Wie perfekt! Keine zehn Kilometer von dort könnten wir meinen Großeltern einen Besuch abstatten, dann den Rhein hoch bis nach Freiburg radeln, wo wir verabredet waren, und vorher noch das Klimacamp bei Köln besuchen. 

Nach langer Nacht und kurzem Schlaf in einem Buchenwald bei Remscheid standen wir am nächsten Morgen bei meinen Großeltern vor der Tür, die uns mit Frühstück begrüßten. Zwei Tage mit herzlichen Begegnungsmomenten jenseits kultureller Normen, voller Kulturschockwunder, Lachen und Staunen lagen vor uns. Der Höhepunkt dieser Station war für mich ein improvisierter gemeinsamer Tanz zu traditioneller persischer Musik im Wohnzimmer. Ich war mir etwas unsicher, wie es meinen zuschauenden Großeltern mit diesem sehr freien und ungehemmten Ausdruck einer barfüßigen, leicht bekleideten Wandergruppe gehen würde, die gerade wochenlang fast ausschließlich draußen unterwegs gelebt und viel Zeit damit verbracht hatte, sich von allerlei Höflichkeiten und Konditionierungen zu befreien. Doch den beiden stand ein bewunderndes Staunen ins Gesicht geschrieben. Ihre Resonanz auf diesen Wohnzimmertanz hat mich sehr berührt und schwingt bis heute lebendig in mir nach. Es war ein Berührtsein, Gesehen- und Anerkanntwerden, mit dem ich nicht gerechnet hätte.

Meinem Großvater – einem gewissenhaften Arzt und gebürtigem Iraner mit persischer Gastfreundschaft – war es dann am Abend aber doch etwas viel des Unbekannten, als eine Mitwandernde lieber alleine draußen unter freiem Himmel im Garten als mit uns im Gästezimmer übernachten wollte. Die Sorge, sie könne sich dort eine Blasenentzündung holen, ließ ihm, ungeachtet der zahlreichen Geschichten und Fotos, die von unserer wilden Draußenzeit zeugten, keine Ruhe – und so war es meine Aufgabe, sie spätabends wieder ins geschützte Haus zu holen. Bis heute lachen wir unter Wanderuni-Freunden und in der Großfamilie gerne über diese Anekdote.

Wenn Tagebuch und Füller mal nicht dabei waren, etwa weil ich sie beim Trampen in einem Auto vergessen hatte, war das ein großer Verlust. Gute Schreibutensilien waren mir wichtige Verbündete, um das Erlebte in Worten zu reflektieren, zu verdauen und immer wieder nachlesen zu können. 

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