enkeltauglich leben
Gemeinschaft

Eine kleine Geschichte des Ankommens

Ein Winter lang mit anderen Gestrandeten im Wanderndenhaus.von Karim Dillhöfer, erschienen in Ausgabe #63/2021
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© Jonna Degenhardt

Eigentlich wollte ich ja nur für zehn Tage bleiben. Abends hatte mich Hannah vom kleinen Provinzbahnhof Sulzberg im Allgäu abgeholt und wir stapften gemeinsam auf das Wanderndenhaus zu. »Wie ist es gerade so bei euch in der Villa?«, fragte ich Hannah. »Gut. Wir hatten heute einiges zu besprechen und eine intensive Runde«, sagte sie. »Ich glaube, es ist ein guter Zeitpunkt, dass du jetzt kommst.« Wir waren da: Ein großes Haus am Rand der Gemeinschaft Sulzbrunn, erleuchtete Fenster nach Süden hin, Ofenflackern, ein Schriftzug an der Wand: »Villa Damai« – das ist Indonesisch und meint »Finde deinen Platz und handle danach«. 

Als ich eintrat, bemerkte ich die warme und wuselige Stimmung. Etwas überfordert blickte ich in zwanzig junge Gesichter. »Hallo, ich bin Maya«, »Hey, ich bin Alex – schön, dass du da bist!«, wurde ich begrüßt und umarmt. Ich kam aus einer winterlichen Großstadtwelt, samt ihrer Anonymität, Funktionalität und Effizienz. Hier aber schien ich einen anderen Raum zu betreten. Es gab Abendessen, und wir saßen in einem Kreis auf dem Dielenboden. »Früher hatten wir hier Tische und Stühle, aber mittlerweile
haben wir sie rausgestellt, wir sind einfach zu viele geworden«, erzählte Emil lachend. In der Willkommens-Runde nach dem Abendessen, in der alle erzählten, wer sie gerade waren und woran sie gerade forschten, brachte ich nur einen Satz heraus, der ausdrückte, wie es mir ging: »Ich bin gerade sehr dankbar, hier ankommen zu können.« Zwanzig junge Gesichter schauten mich an – und eigentlich wusste ich bereits in diesem Moment, dass ich hier länger als zehn Tage bleiben würde.

Es sollte ein schöner Winter werden, mit viel zu vielen besonderen Momenten, als dass ich sie hier alle wiedergeben könnte. Über einige möchte ich trotzdem erzählen. Da war die Zeit, als der Schnee so hoch lag, dass wir uns nur noch auf den nächstliegenden Wegen rund um die Villa bewegen konnten. Fast waren wir komplett eingeschneit. In dieser Zeit hielt eine besonders stille und besinnliche Atmosphäre im Haus Einzug. Draußen der Schnee, der uns, wenn wir uns von den wenigen Wegen entfernten, schnell bis zu den Hüftknochen ging. Drinnen schürten wir das Feuer und erzählten uns unsere Lebensgeschichten. Lebensgeschichten-Abende, so lernte ich, sind ein besonderes »Villa-Format«, bei dem ein Mensch einen Abend lang die feierliche Aufmerksamkeit der Übrigen erhält, um seine Lebensgeschichte, so wie es für ihn oder sie gut ist, mit den anderen zu teilen. Schönes und Schwieriges, Antworten und Fragen, Krisen und Flow-Phasen: Alles hat in diesen Lebensgeschichten Platz. Immer wieder war ich ergriffen von der einfachen Heilsamkeit dieses »Raums«. Gerade da, wo Menschen mit Fragen wie: »Ist meine Geschichte erzählenswert? Darf ich damit so viel Platz einnehmen? Wollen andere Menschen meine Geschichte überhaupt hören?« zu erzählen begannen, spürte ich am Ende des Abends häufig, dass uns die Geschichten jedes und jeder Einzelnen sämtlich beschenken und uns helfen, unsere eigenen Wege zu gehen. Das Persönlichste ist gleichzeitig auch das Universellste.

Während der Zeit im Wanderndenhaus haben wir jedoch nicht nur unsere Feuer geschürt und Geschichten gelauscht (auch wenn wir das zugegebenermaßen viel taten). Wir haben auch gebaut und gestaltet, gewuppt und (mit)angepackt. Als zu Beginn der kalten Jahreszeit klar wurde, dass hier mehr Menschen überwintern wollten, als ursprünglich bei der Hausgründung für möglich gehalten wurde, entschieden wir uns dafür, ein neues Wohnzimmer zu bauen. Mit Unterstützung der Gemeinschaft Sulzbrunn haben wir einen Wintermonat lang gearbeitet, und mit dem aufkommenden Lenzmond war es dann geschafft: Aus einer zugerümpelten und nass-kalten Garage war ein neues und wunderschönes Wohnzimmer entstanden. Was für eine Erfahrung! Bei der Einweihung, den neuen Ofen auch hier das erste Mal schürend, sah ich wieder in zwanzig junge Gesichter. Dieses Mal war ich nicht mehr überfordert, aber eines dachte ich immer noch: »Ich bin gerade sehr dankbar dafür, hier angekommen zu sein.«  

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