enkeltauglich leben
Titelthema

Das Dunkle umarmen

Die Fülle der Erntezeit zu feiern, bedeutet auch, die Vergänglichkeit und das Sterben zu integrieren. Ein Gespräch mit der Traumatherapeutin Ann La-Forker und der Ökodorf-Mitbegründerin Silke Hagmaier.von Matthias Fersterer, Silke Hagmaier, Luisa Kleine, Ann La-Forker, erschienen in Ausgabe #65/2021
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© privat / Nadine Kreuz - Lichtblick Fotografie

Matthias Fersterer  Als wir diese Ausgabe – ursprünglich zu einem ganz anderen Thema – planten, ist uns aufgefallen, dass wir gar nicht darüber nachgedacht hatten, die Ernte vom »Sommer des guten Lebens« einzufahren. Wir fragten uns, warum wir gleich zum nächsten wichtigen Thema übergehen wollten, anstatt das, was da war, zu würdigen und zu feiern. Uns wurde bewusst, dass das in Gesellschaften westlicher Prägung auch kollektiv ein Thema ist. Die persönlichen Grenzen sind da eng mit den planetaren Grenzen verbunden: Wir werfen mehr Fäden aus, als wir gut versorgen, verantworten und an die nachfolgenden Generationen weitergeben können.

Ann La-Forker  Ich habe mich lange unter Druck gesetzt, vor-gefertigten Bildern und Anforderungen von Außen zu entsprechen. In der Zeit meiner Anstellung als Event-Managerin waren es tatsächlich sehr viele, vor allem aber auch die »falschen« Fäden. Ich bin sehr krank geworden, und es war eine Überlebensentscheidung, für das zu gehen, was ich wirklich bin. Die Entscheidung, mich als Traumatherapeutin selbständig zu machen, hatte ihren Preis – etwa knapp bei Kasse zu sein, mich allein zu fühlen, häufig in der Gesellschaft kein Verständnis und keine Sprache zu finden für das, was ich mache. Dennoch ging es mir sofort wesentlich besser.

Heute bin ich übrigens wieder an einem ähnlichen Punkt. Der Kontext, in dem ich arbeite, bedarf einer Neuverhandlung. Ich will nicht mehr ungesunde Strukturen mittragen, indem ich die Wunden, die durch eben jene Strukturen bei Menschen entstehen, individuell versorge. Meinen Konflikt zu benennen, in der Öffentlichkeit auszusprechen, was da gesellschaftlich falsch läuft, war für mich wichtig, um weiterarbeiten zu können. Deshalb habe ich die Initiative »Integrity For Future« ins Leben gerufen.

Silke Hagmaier  Ich lebe im Ökodorf Sieben Linden, das ich in den 1990er Jahren mitbegründen durfte. In diesen 28 Jahren haben sich meine Tätigkeiten sehr verändert. Im ersten Jahrsiebt ging es darum, die politische und strukturelle Basis für die Projektgründung zu schaffen und durch Vernetzung die verstreuten Gemeinschaftsinitiativen in Deutschland und Europa zu einer politisch wirksamen Bewegung zu formieren. Mein Beitrag dazu war vor allem die Herausgabe der ersten Eurotopia-Bücher, die Gründung und Verwaltung des deutschen »Come Together«-Netzwerks und die Beteiligung am Aufbau des GEN-Netzwerks. Mein zweites Jahrsiebt im Ökodorf stand unter dem Stern der Erforschung radikaler Nachhaltigkeit: Die Gründung des »Club 99« orientierte sich an einer 90-prozentigen Ressourceneinsparung und der Entmaterialisierung des Wohlstandsbegriffs, etwa durch gemeinsame Ökonomie, freie Liebe und intensive soziale Forschung. Ein Nebenprodukt dieser Phase war das erste Strohballenhaus Deutschlands. Gleichzeitig entstand dabei mein Beruf des dritten Jahrsiebts: Ich wurde Gespannführerin, da wir Arbeits-pferde als Ergänzung zu unserem entmaschinisierten -Leben im Club 99 interessant fanden; und ich erforschte die Frage, ob es eine Annäherung an die Nutzung von Zugpferden gibt, bei der das Pferd freiwillig mitarbeitet und offensichtlich von der Beziehung zum Menschen profitiert.

Mein letztes Jahrsiebt war geprägt durch späte Mutterschaft, die mein Leben radikal veränderte und eigentlich alles -beendet hat, was ich bis dahin getan hatte – bis zum gegenwärtigen Punkt, an dem ich mit meinem Mann und unseren beiden Töchtern dabei bin, das Ökodorf zu verlassen. Wie du, Ann, bin ich sehr krank geworden – so krank, dass ich wirklich zu nichts mehr fähig war und durch meine körperliche Verfassung gezwungen war, alles zu verändern. Das war keine freiwillige Entscheidung. Während dieser drei ersten sehr aktiven Jahrsiebte hatte ich die Kurve zum Einfahren der Ernte nicht gekriegt, und der Preis hierfür war meine körperliche Gesundheit.

MF  Ihr habt beide von Krise und Krankheit gesprochen. Die Ernte liegt zwischen der sommerlichen Fülle und dem winter-lichen Absterben, zwischen der hellen und dunklen Zeit. Vielleicht fällt es uns deshalb oft schwer zu ernten, weil wir als Gesellschaft den Tod und das Vergehen abspalten. Dazu passen die vielen Unsterblichkeitsprojekte unserer Zivilisation: Menschen versuchen, sich zu verewigen, indem sie aus Glas und Stahlbeton Türme, die bis in den Himmel ragen, bauen und Satellitenketten in den Weltraum schießen. Natürlich sind das nicht nur individuelle, sondern kollektive Prozesse, die seit Jahrtausenden vonstatten gehen. Vielleicht versuchen wir, auf so plumpe Art Unsterblichkeit zu erlangen, weil wir vergessen haben, dass wir auf eine ganz stoffliche Weise unsterblich sind: Wenn unsere Körper sterben, werden sie zu Futter für neues Leben im großen Kreislauf.

AF  Du sprichst von »Abspaltung«, von Spaltung als »Verhinderer« von Ernte. Ich würde unseren Blick gern auch auf den »Ermöglicher« lenken, was sind Bedingungen, die das Ernten gelingen lassen? Verbindung! Das kommt jetzt sehr aus meiner traumatherapeutischen Perspektive, denn »Trauma« bedeutet in seiner schlichtesten Beschreibung einfach »Verlust von Verbindung«. Das bezieht sich auf alle Ebenen unseres menschlichen Lebens: die Verbindung zu mir, zu anderen, zur Welt, zu etwas Höherem, zum Leben selbst. Wenn das ausgeglichen ist, wird Ernte ermöglicht. Da steckt auch eine Ambivalenz drin, denn natürlich sind wir sterblich und können nicht alle Projekte verwirklichen. Gleichzeitig dürfen und sollen wir aber auch groß denken in unserem Sorgetragen für die Welt. Das ist für mich die Essenz, die übergeordnete Perspektive und gleichzeitig unsere Grenze – können wir uns dieser Ambivalenz stellen? Darin liegt für mich ein Reifeimpuls. Das will durchlebt und gefühlt werden! Das finde ich eine enorme Aufgabe.

MF  Als du von der Ambivalenz gesprochen hast, Ann, kam mir das Bild von der Frau Welt in den Sinn. Das ist eine Darstellungsweise der Großen Göttin, die im mittelalterlichen Minnesang besungen und etwa am Wormser Dom als Statue dargestellt wurde. Von vorne ist sie eine strahlend schöne Frau, die Fülle symbolisiert; auf ihrem Rücken sind hingegen Schlangen, Kröten, Spinnen, Geschwüre und vieles andere mehr, das wir lieber ausblenden, zu sehen. Heutzutage gilt Frau Welt oft als Symbol »weltlicher Sinnesfreuden«. Das halte ich für eine einseitige, dem Leib-Seele-Dualismus geschuldete Deutung. Für mich verweist sie auf einen verbundenen Weltzugang, bei dem die Materie durch und durch beseelt, und das, was in vielen Traditionen als »Seele« bezeichnet wird, vollends verkörpert ist. Auch Werden und Vergehen sind dann keine absoluten Gegensätze, sondern einander durchdringende Komplementaritäten – ähnlich dem dao-istischen Yin-Yang, dessen beide Seiten nicht nur zusammen-gehören, sondern die jeweils andere hervorbringen.

SH  Ich bin froh, dass wir gerade durch Anns Blick in mehr Tiefe erkennen, warum wir es mit dem Ernten so schwer haben. Ich sehe darin ein kollektives Muster westlicher Gesellschaften. Die Generation unserer Eltern und Großeltern ist geprägt durch Überlebenskämpfe im Krieg und in der Nachkriegszeit. Da ging es nicht ums Fühlen – da war die Verdrängung feiner Wahrnehmungen und Bedürfnisse der Schlüssel zum Überleben. Diese Grundlage von Trauma erzeugt auf persönlicher wie auf kollektiver Ebene viele Muster, die wir »normal« finden, einfach weil sie so flächendeckend stattfinden. Aber sie sind nicht normal im Sinn von »gesund«. Ich glaube, dass wir durch eine unverbundene Geburt und Kindheit Teile unseres fühlenden Selbst verlieren, und dann der Kopf als Überlebensmechanismus übrigbleibt und kaum durch Herz und Spirit in Zaum gehalten wird. Aber der Kopf ist dafür da, Probleme zu lösen – nicht um zu fühlen, zu ernten, zu feiern. Der Kopf löst beispielsweise das Problem, dass wir Hunger haben, indem er einen Kürbis anbaut, ihn mit Wasser versorgt und auch erntet, aber dann ist der Kopf damit fertig: Problem gelöst. Die Freude über den Geschmack und die Sinnlichkeit dieser wunderbaren Pflanze ist einfach nicht der Fokus dieses Instruments. Wenn ich eine Karikatur unserer Gesellschaft zeichnen würde, wäre es ein großer Kopf, der über einer mageren, durchscheinenden Figur schwebt.

In der westlichen Welt wurzeln viele Gemeinschaftsprojekte tief in der linken Bewegung, deren Kern es ist, das System kritisch zu analysieren. Worte wie »Ganzheitlichkeit« sind oft eher Konzepte als gelebte echte Verbindung. Oft fehlt dann die Verbindung zum eigenen Körper, zur Erde, zu Übergängen, zu Ritualen und sowieso zu allem, was nicht sein soll: zur Negativität, zu Krankheit, Leid, Krieg etc. Das kann zu einer Lebensform führen, in der Menschen einem Weltrettungsziel nach dem anderen hinterherrennen und dabei gar nicht merken, wie weh es tut, sich selbst auszubeuten, ganz zu schweigen vom Verlust des Feierns – ich spreche aus Erfahrung! Dabei öffnet Dankbarkeit für das, was war, erst den Raum für die Kreativität des Jetzt.

AF  Du erwähnst Übergänge und Rituale – das kann ich auch aus der Traumaperspektive bestätigen: Übergänge bedürfen unserer besonderen Aufmerksamkeit. Da sind wir besonders verletzlich und anfällig für Brüche. Die Kopflastigkeit und Unverbundenheit, die du beschrieben hast, hat ja einen ganz realen Boden in unseren Nervensystemen als ein Effekt von Trauma. In den Mustern von Flucht, Angriff, Erstarrung oder Taubheit sind wir nicht wirklich da. Ernte kann nur stattfinden, wenn mein Nervensystem dafür offen ist, wenn ich mich sicher und verbunden fühlen kann. Wenn ich mich nicht spüre, kann ich nichts verändern. Das ist auch eine gesellschaftliche Tatsache, für die es in meinen Augen noch zu wenig Bewusstsein gibt. Unsere individuellen Entwicklungsschritte, die uns wieder verbindungsfähig machen, sind wichtig. Aber es ist auch eine kulturelle Frage: Ist es gesellschaftlich anerkannt, gehört es mit dazu, gemeinsam Pausen zu machen? Die Pause ist ja nicht nichts. Gemeinsam am Feuer sitzen und die Geschichten vom großen Sommer erzählen - das, was schön war, wirklich tief einsinken zu lassen und auch das, was schwer war, genauso zu teilen und dabei zu verdauen.

Luisa Kleine  Was uns oft daran hindert, Pause zu machen, ist der Gedanke: Es ist nicht genug! Das ist ja auch ein Impuls, aus dem wir unsere Gemeinschaft, die Fuchsmühle, letztes Jahr gegründet haben: Wir kritisieren etwas in der Welt und sind unglaublich gut darin, Fehler sichtbar zu machen – das, was alles noch nicht gut läuft. So kommen wir in unsere Gemeinschaft und machen dort dann einfach so weiter: Welche Privilegien wurden noch nicht reflektiert? Warum wurde der Abwasch noch nicht gemacht und das Nachbarschaftsfest noch nicht geplant? Darüber verpassen wir dann oft die Nahrung von Wertschätzung und Dankbarkeit. Um Anderen einfach so, wie sie sind, Wertschätzung entgegenzubringen, bedarf es für mich immer noch Mut – irgendwie wurde an mich die Einstellung »Nichts gesagt ist genug gelobt« herangetragen, eine diffuse Angst, dass Menschen durch Wertschätzung faul oder narzisstisch würden.

SH  Die Haltung, aus der unsere Projekte oft kommen, ist eine abgrenzende: Wir machen es anders als »die Anderen«. Ich trenne mich von allem, was ich doof finde, und will von Frau Welt nur die Vorderseite. Die Rückseite soll nicht sein, ist kein Teil von mir und muss weg!

Die Grundlage des Club 99 war die Erkenntnis, dass dieses System das Leben auf der Erde an die Wand fährt. Zwar waren wir begeistert von unseren ambitionierten Weltrettungszielen, und waren durch Mitgefühl mit den Opfern dieser Welt motiviert: Kinder, Frauen, Arme, Tiere, Pflanzen … Jedoch erst als die Gruppe sich nach elf Jahren intensiven Experiments auflöste, wurde mir endgültig klar, dass wir nichts nachhaltig Neues schaffen können, wenn wir nicht demütig aus der Polarisierung und Identifikation mit nur einer der beiden Seiten – nämlich der »guten« – aussteigen. Ganzheitlichkeit entsteht dadurch, dass wir uns in jedem Moment des Lebens mit allen Sinnen ganz erleben  – und wir sind in unserem Inneren auch nicht komplett »gut« und »rein«! Das gleiche gilt im Außen: Wir können nur mit dem, was um uns herum ist, in Kontakt gehen, wenn wir von Urteil zu Wahrnehmung und von Abgrenzung zu Kontakt übergehen.

AF  Traumatherapie basiert für mich auf dem Wissen um die Alchemie von Verbindung: Es ist eine Kunst und ein Prozess, die voneinander abgespaltenen Pole langsam miteinander in Verbindung zu bringen. In dieser Verhandlung, im Fühlen, im Verweben, entsteht dann ein dritter Platz, der sehr tief und ehrlich ist. Wir erkennen den Moment an seiner Einfachheit. Eigentlich ist die Bewegung selbst dieser dritte Platz. Wir leben in patriarchalen Gesellschaften, wo das Prozesshafte weniger gilt als die Ergebnisse. Ich wünsche mir sehr, dass dem Organischen, dem Zyklischen, dem Prozesshaften mehr Aufmerksamkeit geschenkt, und das Verbundensein im Sinn einer lebendigen, veränderlichen, pulsierenden Bewegung als Wert an sich erkannt wird.

LK  Ich bin noch neugierig darauf, ein paar Geschichten von euch zu hören! Wie haben solche Erkenntnisse sich in eurem Alltag und in euren Projekten konkret niedergeschlagen?

AF  Während der Anstellung für ein großes Festival ist es mir irgendwann nicht mehr gelungen, so in meinem Rhythmus zu leben, dass es mir gut ging. Das war erst einmal sehr schambesetzt. Nachdem ich diese Arbeit dann niedergelegt hatte, habe ich sehr zurückgezogen gelebt und radikal geguckt, was wirklich aus mir selbst heraus kommt. Wichtig war in dieser Zeit, den tiefen Schrecken anzuerkennen: Wow, so weit habe ich mich verloren!

Die toxische Scham konnte sich dann in eine kreative – hin zu mehr seelischer Integrität – verwandeln. Ich bin dankbar, dass ich mir dafür Raum genommen habe. Auch für die Leere. Von dort aus habe ich für mich die Entscheidung getroffen, Verdauungsräume strukturell in meinem Leben zu verankern, nicht erst aus der Not heraus. Ich bekomme viel Wissen und Führung aus meinen Träumen. Mein »Refugium« ist ein Wohnwagen an einem Bach im Wald, der auf einen Kraftort ausgerichtet ist. Ich freue mich, wenn mehr Menschen sich ihr Tempo, ihre Wahrheiten und ihre Strukturen zum Verdauen -zugestehen.

SH  Ein wesentlicher Schlüssel für Verbindung ist für mich mein Körper: Ich lerne immer besser, darauf zu achten, ihn mit seinen Bedürfnissen und Grenzen zu fühlen und zu respektieren: nicht nur, indem ich gute Nahrung und gutes Wasser zu mir nehme, sondern etwa auch durch Erdung – indem ich morgens barfuß durchs Gras gehe oder in ein Gewässer steige. Dazu gehört auch, körperliche Signale von Wohlsein oder Unwohlsein ernstzunehmen – etwa wenn ich in einem Kreis sitze und merke, dass sich etwas nicht stimmig anfühlt und ich am liebsten gehen würde. Ich erlaube es mir nicht mehr, in eine Trennung von meinem Körper zu gehen, um physisch präsent zu bleiben – das habe ich früher andauernd getan! Stattdessen sorge ich lieber für eine grundlegend andere Schwingung in Kontakten – vielleicht, indem ich danke, nicht nur vor dem Zubettgehen oder Essen, sondern auch beim Plenum und bei Treffen jeder Art, oder indem ich es mir erlaube, dem Gesetz der zwei Füße zu folgen – und zu gehen.

MF  Vor zwei Jahren hat uns in Klein Jasedow Tom Porter, ein Angehöriger der Mohawk aus Akwesasne am Sankt-Lorenz-Strom, besucht (siehe Oya 54). Wir saßen in einem großen Kreis und Tom erzählte. Er hat sich erstmal eine ganze Stunde bedankt: dafür, dass Sonne und Mond scheinen, dass die Bäume, Sträucher und Beeren wachsen – die Erdbeeren, die Heidelbeeren, die Himbeeren, die Brombeeren … Und dann sagte er: »Das war die Kurzfassung. Wenn wir bei uns zuhause zusammenkommen, um etwas zu bereden, gibt es erstmal eine zwei- oder dreistündige Dankesrunde, sonst können wir gar nicht anfangen.« Daran muss ich oft denken und versuche, mich in Dankbarkeit zu üben.

LK  Ich muss vor allem an die Vögel denken, die um mich herum leben – das sind meine Komplizen in Sachen Dankbarkeit! Wenn ich morgens aus meinem Wagen klettere und den Amselrich da sitzen sehe, kann ich ihn als meinen Mitbewohner anerkennen und es gibt einen Augenblick, in dem wir einander gegenseitig sehen. Das sind Momente von Einbettung, in denen ich mich als Leben inmitten von Leben erlebe. Ich nehme andere wahr und werde selbst wahrgenommen. Interessanterweise gelingt mir das mit Vögeln manchmal leichter als mit Menschen.

SH  Na, weil sie nicht urteilen! Zum Abschluss möchte ich euch von einem Format erzählen, das ich gerade entwickle und »Segenregen« nenne. Es begeistert mich, da es bislang zuverlässig Räume von offener, weicher Berührung und Verbindung zwischen Menschen kreiert und ganz einfach ist: Ein Mensch stellt sich in die Mitte und wird von anderen im Kreis mit allem »überhäuft«, was guttut: Dank, gute Wünsche, Einladungen, wohlwollende Spiegel … Das entstand, weil ich es mir zu meinem eigenen Geburtstag gewünscht hatte, und seitdem weitere Gelegenheiten in unterschiedlichsten Gruppierungen nutze, um es weiter zu erproben: im Kreis der Großfamilie, mit regional ansässigen Menschen aus der Altmark, im Freundeskreis oder in der Gemeinschaft – und überall entstehen ungeahnte neue Kontaktoberflächen zwischen den Beteiligten.

MF  Habt Dank für eure Offenheit – und für die Geschichten! //


Ann La-Forker (46), Akademikerin und Traumatherapeutin, erforscht und initiiert in unabhängigen Projekten ein neues gesellschaftliches Zusammenleben. Die Gründerin des »Becoming-Essence Feel & Think Tanks« startete kürzlich die globale Initiative #integrityforfuture.
www.integrityforfuture.work

Silke Hagmaier (51) hat das Ökodorf Sieben Linden mitbegründet, das Experiment »Club 99« initiiert und war der 3-PS-Traktor für die Selbstversorgung der Gemeinschaft mit Pferden (kurzelinks.de/Fuhrhalterei). Heute ist sie Mutter und Kommunikationscoach für die Pferd-Mensch-Beziehung. www.kooperative-pferde.de


Weiterlesen

Babette Hünig und Christiane Kliemann: Wir sterben immer, Oya 51;
Ina Meyer-Stoll und Sucha Gesina Wolters: Erschöpfung in Schöpfung wandeln, Oya 60.


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