enkeltauglich leben
Titelthema

Was sagen die Fragen?

Eine Reise nach Maulbronn im Nordschwarzwald, an einen Ort des guten Lebens, wo sich Geschichte und Geschichten treffen.von Mira Klepfer, erschienen in Ausgabe #65/2021
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© Mira Klepfer

Es war Samstag geworden, und damit waren ungefähr 48 Stunden am Schafhof in Maulbronn vorbeigezogen. Unsere Gastgeberfamilie war schon fort. Meine gute Freundin Juli und ich hatten nur noch den Auftrag bekommen, die Tür hinter uns zuzuziehen. Das reiche, denn sie schlössen hier nur ab, wenn sie mal länger weg seien. Offene Türen – offene Herzen.

Was für eine spannende Familie dies war, die uns eingeladen hatte! Selbst nicht einheimisch, sondern 2016 in eine Mietswohnung neben dem Schafhof-Museum – quasi in direkter Nachbarschaft zum Weltkulturerbe – gezogen, sind Hans und Claudia mit ihren Söhnen Jonathan und Elias plötzlich Teil dieser Historie. Hans staunt noch immer, wie schnell er von den Einheimischen in verantwortliche Aufgaben rund um das Kloster gebeten wurde. Diese neue Erfahrung gab ihm Anlass, sich mit der Frage zu beschäftigen, warum er nach 43 Lebensjahren in Bielefeld gerade an diesen Ort umgezogen ist. Nicht nur diese Frage lieferte uns Stoff für Gespräche, sondern auch die Diabetes-erkrankung des sechsjährigen Elias oder der Alters-unterschied von 30 Jahren, die die Beziehung von Claudia und Hans prägt.

Während wir also allein im leeren Haus unseren Aufenthalt ausklingen ließen, stellte ich mir viele Fragen, vor allem: Wie bin ich eigentlich hierhergekommen und warum? Was nehme ich gerade mit? Juli beschäftigte sich hingegen interessanterweise mit der Frage: Was von mir lasse ich hier? Verschiedene Fragen, die um ein ähnliches Motiv kreisten: Einsammeln. Ernten.

Julis Bangen darum, ob sie auch alle gegenständlichen wie nicht-gegenständlichen »Fetzen« von sich wieder eingesammelt hatte, mündete in die Frage: Warum bangen? Es bleibt doch immer etwas zurück, wenn wir gehen. Ist das nicht ganz normal? Und was will ich darüber hinaus denn gerne hierlassen?

Ich packte die zugewonnenen Erkenntnisse unseres Besuchs in den schwer-leichten Rucksack der Erfahrungen des Lebens. Einige schauten oben hinaus – und von ihnen möchte ich jetzt erzählen.

Die Sache mit dem Kloster

Hans, der sich so bemüht hatte, Führungen durch die ortskundigsten Einheimischen für uns zu organisieren, stellte uns am zweiten Tag berechtigterweise die Frage: »Interessiert ihr euch überhaupt für Klöster?« Nein, ich zumindest nur wenig. Das aus dem 12. Jahrhundert stammende Kloster, dieses Weltkulturerbe, war tatsächlich nur der Aufhänger, begreife ich – die Kraft, die wirkte, um vom Leben zu dieser Familie gespült zu werden und um auf die Suche nach einer spezifischen Seele zu gehen: Hermann Hesse.

Als ich auf der Oya-Karte die Einladung von Hans las, sprang mich der Name Hermann Hesse an. Juli liebt sein Werk. Ich wollte ihr deshalb zum Geburtstag den Besuch im Kloster schenken. Hesse war wirklich allgegenwärtig. Nicht nur in Form einer Statue, die sich in unmittelbarer Nähe unseres Schlafplatzes befand, sondern auch in Form einer energetischen Präsenz, die sich im Kloster einstellte, weil wir uns vorstellten, wie Hesse einst im Kreuzgang gewandelt und wie es ihm wohl zwischen den Mauern ergangen ist. Hatte er auch genau diese Steine mit den Händen berührt? Hatte er im Innenhof neben dem Springbrunnen aus dem gleichen Blickwinkel und Gefühl seine Kreativität und Gabe für intensive Naturbeschreibungen geschöpft? Diese Fragen waren dort besonders für Juli gut fühlbar. 

Die Sache mit der Tiefe

»Könnt ihr eigentlich auch flach?« Dies hatte mich mal ein Mensch in Bezug auf die Freundschaft zwischen Juli und mir gefragt. Und tatsächlich: Wir können nur tief. Es gibt zu viel zu lernen im Leben, was braucht es da groß die Oberfläche? Wenn wir uns sehen, dann sinken wir sofort ein ins riesige Lernfeld des Lebens. Und offenbar passiert das auch mit anderen, wenn wir zusammen reisen. Bei Hans und Claudia landen wir, ob des regnerischen Wetters, am Küchentisch in diesem uralten, dunklen Haus aus dem Jahr 1772 – und unser Gespräch wird sofort tief. Ich bin dem Wetter fast dankbar, denn hätten wir draußen gesessen, so wäre vielleicht weniger Schutz und Fokus gewesen für die elementaren, wiegenden, einnehmenden Themen, die unsere Welt bewegen – dann hätte die Helligkeit vielleicht geblendet. Ob morgens, mittags, abends oder nachts – die Körper klebten an den Küchenstühlen, der Geist tanzte auf sich bewegendem Boden. Unser aller Lebensreichtum von Menschen im biologischen Alter von 7, 11, 28, 33, 45 und 75 blitzte auf und wurde hin und her gereicht. Mit Hans wälzten wir vor allem Fragen der Psychosomatik und versuchten, Krankheitsgeschichten in kleinen, persönlichen sowie großen, systemischen Kontexten zu begreifen – und damit einhergehend die Frage,  wie Gefühle sich im Körper materialisieren. Dazu zählte als Beispiel die lustige Geschichte eines vom Universum gesandten Huhns, das Hans einst zur Weißglut brachte und ihm dadurch einen Gallenstein bescherte. Eine Erkenntnis lautete: Oft weiß man, welches Ursache der Krankheit zugrunde-liegt. Doch es bedarf zudem einer Form des Ausdrucks, damit sie heilen kann. Dies machte mich sehr nachdenklich und verursachte, dass ich bei meinen Themen und der Art und Weise, wie ich mit ihnen umgehe, nochmal genauer hinsah.

Die Sache mit den Gefühlen

Ob der obigen Erkenntnis sind wir freiwillig tiefer eingestiegen. Am letzten Tag wollten wir mit dem Thema auch in die praktische Anwendung einer von Hans angebotenen psychoanalytischen Methode gehen: dem Zeichnen aus dem Unbewussten heraus. Hans nannte uns 16 Wörter – etwa Tanz, Wut, Wertschätzung, Vater, Hoffnung –, und Juli und ich zeichneten aus dem ersten Impuls heraus kurz etwas auf Papier. Dann redeten wir darüber. Welche Themen sind in unseren Zeichnungen erkennbar und wie sind diese alle miteinander verbunden? Welche Bilder gefallen mir, welche nicht und warum? Ich empfand die Übung als großes gegenseitiges Geschenk. Zuhören. Teilen. Was mir mit meinen eigenen Zeichnungen blieb: Es ist noch vieles ungesagt. Das ganze Prozedere gipfelte auch in der Antwort auf eine Frage, die Juli mir zu Beginn des Besuchs im Zwiegespräch gestellt hatte: »Fühlt es sich manchmal für dich so an, als würde das Universum seine Arme ganz aufmachen, um dich mit seiner Weite zu empfangen und zu umarmen?« Ich sollte später antworten: »Ja, es fühlt sich so an, als würde das Universum sich ganz weit machen für mich und mich damit umarmen. Doch in mir ist es (noch) zu eng. Ich merke, wie ich da mit meiner Enge nicht reinpasse.« Es ist ein Widerspruch. In Widersprüchen bewegt sich der Mensch. Unablässig. Juli würde gerne erstmal immer ins nächstgrößere Gefäß hineinwachsen, ohne Druck und Überforderung, so wie es kommt. Das ganze Universum auf einmal ist doch einigermaßen viel.

Was bleibt

Am Ende wusste Hans schließlich, dass er Aktivitäten für den Besuch nicht zu planen braucht. Wir hatten weder musiziert (sondern geredet) noch Audioguides bei der Klosterführung gebraucht (sondern Hesse erspürt und Rätsel belassen) noch uns von Einheimischen das Schafhofmuseum zeigen lassen (zu viel Input) noch draußen gezeltet (Regen). Claudia wusste, dass sie nicht putzen muss, wenn Fremde kommen, Elias und ich wussten, dass es schön ist, in den Regen zu rennen; ob mit oder ohne Schirm. Juli wusste, dass sie mit ihrer Mutter nochmal zum Kloster kommen wird, und Jonathan wusste, dass es zwar cool ist, mit einem Bruder ein Zimmer zu teilen, es aber einfach zu voll ist.

Der schwer-leichte Rucksack ist auch voll, das Leben weitergelebt, Aspekte davon beleuchtet und beschrieben. Der Rest bleibt in mir und arbeitet weiter. Mensch muss sich nur die Fragen stellen. //


Kontakt nach Maulbronn

www.hanshermsen.de

www.museum-auf-dem-schafhof.de


Hermann Hesse in Maulbronn

Die nordbadische Kleinstadt ist untrennbar mit dem Namen Hermann Hesse verbunden. Der Dichter, der nicht nur unzähligen Jugendlichen Worte für ihre Einsamkeit, ihre Sehnsucht und ihre Suche nach dem Eigentlichen gegeben hat, besuchte hier selbst das Klosterinternat. Wer erinnert sich nicht an Hesses Bildungsroman »Narziß und Goldmund« über die tiefe Freundschaft zweier sehr verschiedener Männer, der in nicht näher benannter, traumverlorener mittelalterlicher Zeit in und um ein »Mariabronn« genanntes Kloster kreist? Die reale Vorlage wurde 1147 als Zisterzienserkloster gegründet und 1556 zum evangelisch-theologischen Seminar Maulbronn umgewidmet. »Vor dem von Doppelsäulchen getragenen Rundbogen des Klostereinganges […], dicht am Wege, stand ein Kastanienbaum.« Hesse begann seinen Roman mit der Beschreibung dieses Maronenbaums, unter dem schon Generationen von Klosterschülern vorübergegangen seien – »ihre Schreibtafeln unterm Arm, schwatzend, lachend, spielend, streitend, je nach der Jahreszeit barfuß oder beschuht, eine Blume im Mund, eine Nuß zwischen den Zähnen oder einen Schneeball in der Hand.« 1891 war er vierzehnjährig dorthin geschickt worden, weil er wie schon sein Großvater und Vater Theologe werden sollte. Die Klosterschule war zuvor von anderen bekannten Männern besucht worden, vom Astronomen Johannes Kepler (1571–1630), vom Dichter Friedrich Hölderlin (1770–1843) und vom Revolutionär Georg Herwegh (1817–1875). Bereits nach einem halben Jahr nahm Hesse Reißaus. Seine Traumatisierung durch die strenge kirchliche Elite-schule bot ihm jedoch lange literarischen Stoff: Er verarbeitete sie in »Unterm Rad« (1906), in »Das Glasperlenspiel« (1943) sowie in dem Gedicht »Im Maulbronner Kreuzgang«, das Hesse 1914 bei einem erneuten Besuch in Maulbronn geschrieben hatte: »Hier ward mein erster Jugendtraum zunichte. / An schlecht verheilter Wunde litt ich lang. / Nun liegt er fern und ward zum Traumgesichte / Und wird in guter Stunde zum Gesang.« //


Mira Klepfer (28) ist seit zwei Jahren auf innerer und äußerer Reise. Momentan gründet sie eine Gemeinschaft, gibt Workshops in »verkörperter Ökologie« und schreibt gern Gedichte. schreibfederleicht.jimdofree.com


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