enkeltauglich leben
Bildung

Dank an die Älteren

Eine Würdigung der Schultern, auf denen das Engagement für gutes Leben heute stehen kann.von Luisa Kleine, erschienen in Ausgabe #65/2021
Photo
© privat

Als ich zwanzig Jahre alt war, das war 2017, reiste ich mit einem blauen Rucksack, großen Augen und Ohren, mutigen Schritten und vielen Fragen über die sommerlichen Veranstaltungen jenes Jahres. Der Zustand der Welt und der Zustand der Bewegungen, die sich für ein gutes Leben für alle aufmachten, sickerten langsam in mich ein. 

Ich hörte nicht nur die Geschichten und Forderungen der Gegenwart; ich blickte auch in faltige, hoffnungsvolle, resignierte, strahlende – und zuweilen auch zermürbte – Gesichter, die mir Geschichten von früher erzählten: von Gorleben, und wie schwierig es war, diesen einen Bioladen zu gründen; von Konflikten und Reisen nach Indien; von Gurus und Missbrauch; von Blockaden und Kampagnen, die Erfolg hatten; und von der Erschöpfung, immer weiterzumachen, ohne das Blatt spürbar zu wenden. Bei diesen Begegnungen stellte ich viele Fragen, dankte für das Erzählen, schätzte das Getane. Aber abends im Zelt kamen mir oft die Tränen vor Wut und Verzweiflung. Es ließ mich erzittern, in welchem Zustand mir die Generationen vor mir die Erde übergeben hatten! Alles, was getan worden war, genügte mir nicht. Meine Wut wurde noch größer, wenn Menschen Dinge sagten wie: »Gut, dass jetzt die jungen Menschen übernehmen. Ich mache meinen Platz nun frei, ihr seid ja sowieso viel bewusster.« Wie allein fühlte ich mich dann, wie schwer die Verantwortung, die auf den Schultern meiner Generation abgeladen wurde!

Gleichzeitig schien mir meine Wut auf die Älteren fehlplatziert in diesen Kreisen, in denen die Menschen ihr ganzes Leben dem Wandel gewidmet hatten: Sie hatten Texte geschrieben, die ich nun lesen konnte; Strukturen aufgebaut, auf die ich mich nun stützen konnte; und Fehler gemacht, aus denen ich lernen konnte. Aber der Schmerz lag unausgesprochen lange zwischen mir und den Älteren. Er machte es mir oft unmöglich, die ehrliche Wertschätzung zu geben, die von mir eingefordert wurde. So lange zuzuhören, wenn Ältere mir sagen wollten, wie es gehe, was ich tun solle, was wirksam sei. Zu groß war auch die Angst davor, veraltete Visionen übergestülpt zu bekommen, die nicht die meinen waren, vereinnahmt oder pädagogisiert zu werden. Zu oft sprach die Nostalgie der Älteren zu mir und nicht der ehrliche Wunsch, mich zu unterstützen.

In mir stellte sich eine größere Weite ein, als ich durch die jetzt lebenden älteren Generationen hindurch die vielen, vielen Generationen vor ihnen und mir ertasten konnte. Die Geschichten der Pariser Kommune, der anti-feudalen Kämpfe, der Sklavenaufstände winkten mir aus der Vergangenheit zu, sie stärkten mir den Rücken und nahmen die Schwere aus den Begegnungen mit lebenden Älteren. Neben dem Horror, der durch meine Vorfahren vor allem in anderen Teilen der Welt verursacht worden war, blickte ich in mutige, kluge, liebevolle Gesichter, wenn ich mir vorstellte, dass da auch immer Menschen waren, die für mehr Gerechtigkeit, Rechte und Demokratie – wie unvollkommen diese auch sein mag – gekämpft haben, die ich nun als Frau hierzulande erleben kann. Mir die Menschen vorzustellen, die in jenen sozialen Bewegungen aktiv waren, die viele tausend Jahre in der Geschichte zurückreichen und die schon so lange aktiv sind, seit es Herrschaft gibt, nimmt mir etwas Schwere von den Schultern. Die Frustration darüber, wie gewaltsam diese Bewegungen wieder und wieder niedergeschlagen worden sind, bleibt. Doch manchmal, wenn mir alles hoffnungslos erscheint, kann ich sehen, wie sie mir aus der Ferne zuwinken: die Suffragetten und die Anarchistinnen, die Kartoffelsalat machenden Unterstützerinnen von Platzbesetzungen, die Schreiberlinge – all die fürsorgenden Menschen der Vergangenheit!

Dann ist es ganz leicht, dankbar zu sein: Für die klugen Gedanken, die geführten Kämpfe und Diskurse, die errungenen Gesetze, die gegründeten Aktionsgruppen und eröffneten Bioläden, die Verbände und Methoden für Gemeinschaftsbildung und all das, was Generationen vor mir getan haben, damit ich nun meine Antworten auf die Krisen meiner Zeit geben kann. Und auch wenn ich selbstverständlich nicht alles gut finde, was Menschen vor mir in guter Absicht getan haben, stehe ich nun oft ganz dankbar da und kann die Riesinnen, auf deren Schultern ich stehe, unter meinen Füßen spüren. Dort, auf diesen Schultern, sende ich dann einen Gruß an die Menschen der Zukunft und fühle mich so zwischen dem Gestern und dem Morgen an genau dem richtigen Ort: hier und heute. 

weitere Artikel aus Ausgabe #65

Photo
von Jochen Schilk

Von jenischen Kesslern und Korbern… (Buchbesprechung)

Just nach der Produktion der letzten Ausgabe zum Schwerpunktthema »nomadische Kulturen« fiel mir im Oya-Büro ein Buch des Schweizer Mythenforschers Sergius Golowin (1930–2006) in die Hände, das dort womöglich schon seit seinem Erscheinen im Jahr 1999 der Entdeckung

Photo
von Grit Fröhlich

Nach der Ernte beginnt erst die Arbeit

Wie weit tragen mich meine eigenen Beine? Beim Blick auf die Karte mit Orten des guten Lebens im Berliner Umland fiel mir der Moldenhauer Hof bei Kremmen im nordbrandenburgischen Rhinluch auf. Ein Waldgarten mitten in einem ehemaligen Moorgebiet? Auf der Satellitenkarte zeigt sich mir aus der

Photo

Sommergeschichten

»Frederick, warum arbeitest du nicht?«, fragt eine Familie schwatzhafter Feldmäuse ein Familienmitglied in dem 1967 erstmals erschienenen Kinderbuch von Leo Lionni. Frederick beteiligt sich nicht am Sammeln von Körnern, Nüssen, Weizen und Stroh für den Winter,

Ausgabe #65
Vom Ernten

Cover OYA-Ausgabe 65
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion