enkeltauglich leben
Gemeinschaft

Gemöks

Geld in der Gruppe solidarisch teilen. Zwei Beiträge zu gemeinsamer Ökonomie (GemÖk) in Gemeinschaften.von Helen Britt, Luisa Kleine, erschienen in Ausgabe #65/2021
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© Jochen Schilk

Den Kapitalismus wärmer machen 

Helen Britt über ihre Erfahrungen damit, in Gemeinschaft Geld zu teilen.

Geld schafft die Illusion, dass wir unabhängig voneinander seien, dass wir, wenn wir nur genug davon besitzen, alles haben können, was wir zu brauchen glauben, ohne andere darum bitten zu müssen. Gleichzeitig ist Geld keine Garantie dafür, dass wir in Zeiten der Klimakrise immer gut leben werden. Geld garantiert auch nicht, dass unsere immateriellen Bedürfnisse nach authentischem Kontakt mit anderen Menschen oder sinnvollem Tätigsein erfüllt werden. Während Geldhaben tatsächlich oft mit Sicherheit verknüpft ist, fühlt es sich für viele eher unsicher an, über Geld zu reden. Wer weiß schon, wie viel die eigenen Freundinnen auf dem Konto haben? Trauen wir uns, anderen Menschen zu zeigen, dass wir Geldsorgen haben? Seit ich mich mit Geldkultur beschäftige, merke ich immer mehr, mit wie vielen Glaubenssätzen und Ängsten das Thema verknüpft ist. 

Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das uns täglich die Geschichte erzählt: »Nur wenn du etwas leisten kannst oder Geld zu geben hast, bekommst du die Dinge, die du für dein Leben brauchst.« Viele unserer menschlichen Grundbedürfnisse können wir heute nur dann stillen, wenn wir im Gegenzug etwas geben können, denn dem Geldsystem liegt das Prinzip von Leistung und Gegenleistung – also eine Tauschlogik – zugrunde. Das schafft in vielen von uns eine Enge und den ständigen Druck, mehr leisten zu müssen. Kein Wunder also, dass das Thema Geld sich für viele so existenziell anfühlt – auch, wenn im globalen Norden theoretisch genug für alle da ist. 

Seit vier Jahren teile ich mein Konto mit zwei meiner Freundinnen. Meine Motivation dafür sind Fragen wie: »Gibt es schon jetzt Wege, mit Geld umzugehen, die ohne Tauschlogik, Leistungsdruck und letztlich Konkurrenz funktionieren?« »Wie können wir gemeinsam Wege finden, um über Geld und unsere damit verknüpften Gefühle zu sprechen?«, »Was für ein Gefühl von Sicherheit entsteht, wenn wir uns auch auf finanzieller Ebene nicht mehr als abgetrennte Individuen begreifen?«. 

In unserer sogenannten gemeinsamen Ökonomie (manchmal mit »GemÖk« abgekürzt) versuchen wir diese Fragen zu beantworten, indem wir nicht abrechnen, wer wie viel Geld gibt oder nimmt; stattdessen stellen wir das Geld, das wir »verdienen«, den anderen bedingungslos zur Verfügung. 

Unsere gemeinsame Ökonomie durchlief in den vergangenen vier Jahren verschiedene Phasen. Am Anfang hatten wir noch getrennte Konten, haben uns ab und zu über alle Kontostände informiert und, wenn nötig, Geld dorthin verschoben, wo es gebraucht wurde. In dieser Phase hatten wir selten Kontakt miteinander, weil wir in unterschiedlichen Städten wohnten. Dennoch stellte sich bei mir sofort ein Grundgefühl des Getragenseins ein, denn ich wusste, dass ich die anderen um Geld bitten konnte, wenn mein Konto leer war, oder dass wir, wenn keine von uns genug Geld hatte, gemeinsam Strategien finden würden, unsere Leben zu finanzieren. So konnten wir einander ermutigen, andere Menschen um Geld zu bitten, unsere Ausgaben und unser Konsumverhalten zu hinterfragen oder neue Wege des Geldverdienens auszuprobieren. In der nächsten Phase hatte ich teilweise Angst, meine Individualität nicht leben zu können, da ich in dieser Zeit begann, Selbsterfahrungskurse zu besuchen, und die Sorge hatte, dass die anderen beiden meine Ausgaben nicht verstehen und mittragen würden. Es waren tatsächlich einige Gespräche nötig, um unsere verschiedenen Bedürfnisse zu verstehen. 

Wir erzählten uns in diesem Prozess von unseren »Geld-Geschichten«, also von der Art, wie wir mit Geld aufgewachsen waren und welche Botschaften wir dazu von unseren Herkunftsfamilien übernommen hatten. Das machte es leichter, einander als Gewordene zu sehen, deren Ängste und Sehnsüchte einen verständlichen Ursprung haben. In dieser Zeit wurde unsere Gruppe auch auf einer anderen Ebene herausgefordert: Mein damaliger Partner und ich trennten uns und mussten entscheiden, ob wir weiterhin gemeinsam wirtschaften wollten. Obwohl die Trennung nicht leicht war, entschieden wir uns immer wieder dafür, dennoch weiterhin solidarisch mit unserem Geld umzugehen. Dabei hat es uns geholfen, uns immer wieder an unsere gemeinsamen Werte und Visionen einer schöneren Welt zu erinnern. Ich habe gelernt, dass es nicht die Gleichheit unserer Bedürfnisse ist, die Sicherheit schafft, sondern die Bereitschaft, unsere Unterschiedlichkeit anzunehmen und dennoch in Beziehung zu sein. Es ist erstaunlich, dass unsere Konflikte über Geld bisher selten waren und wir nie wirklich große Spannungen erlebt haben. 

Kürzlich haben wir uns entschieden, drei weiteren Freundinnen und Freunden die Erfahrung zu ermöglichen, Teil einer gemeinsamen Ökonomie zu sein. Wir wollten das Experiment wagen, sie zunächst für acht Monate dabei zu haben, um ihnen ein Lernen ohne Druck zu ermöglichen. Es gibt dabei nur zwei Regeln, auf die wir uns gemeinsam geeinigt haben: Ab einer Ausgabe von 150 Euro sprechen wir uns vorher mit den anderen ab, um gemeinsam eventuell günstigere oder kreativere Lösungen zu finden. Und: Ab einem Kontostand von 5000 Euro geben wir unser Geld an nachhaltige Organisationen, Graswurzel-Bewegungen oder Freundinnen mit Geldsorgen weiter. Letzteres hat zwei Gründe: Zum einen wollen wir uns gemeinsam darin üben, Geld dorthin fließen zu lassen, wo es aktuell gebraucht wird. Zum anderen ist das unsere Art der Vorsorge: Wenn wir heute unsere Beziehungen stärken und Projekte unterstützen, die sich für eine nachhaltige Zukunft einsetzen, tragen wir dazu bei, dass die von uns erträumte Welt entsteht.  


Die gerechte Gemeinschaft 

Eine dystopische Groteske ohne gemeinsame Ökonomien.
Von Luisa Kleine.

Mein Wecker klingelt. Ich stehe auf. Ich ziehe meine Kleidung an. Ich checke mit der Gemeinschafts-Chipcard aus meinem Zimmer aus und laufe durch den Gang zum Frühstück, wo die anderen an ihren Plätzen sitzen. Ich bezahle die Raummiete, das Müsli, den Kaffee. Mein Handy sagt mir, an welchem Platz ich heute mein Frühstück einnehmen soll, angepasst an meine aktuellen Konflikte, meine Potenzialentfaltung und mein Bedürfnis nach Ruhe. Sobald ich mich gesetzt habe, erscheinen auf dem Bildschirm Vorschläge für Gesprächsthemen sowie die Kompetenzstufen meiner Tischnachbarinnen. Wir sammeln Punkte in den Bereichen »Soziales« und »Inspiration«. Wir sprechen über das Wetter, und da ich keine Ahnung von Wolkenformen habe, scheitere ich beim Versuch, witzig zu sein. Weil die anderen weder durch mein Wissen noch durch meinen Humor profitieren, muss ich pro Minute 21 Cent für das Gespräch zahlen. Nach dem Frühstück klicken wir uns noch schnell durch die Feedback-App für das Gespräch und gehen dann vom privaten in den Lohnarbeitsbereich. Ich arbeite als Altenpflegerin.

Während ich mich um Tabea kümmere, werde ich von meinen Arbeitgeberinnen genau beobachtet: Meine Arbeitsschritte werden evaluiert und optimiert, um die größtmögliche Effizienz zu gewährleisten. Eigentlich hätte ich heute mehr Lust, etwas draußen zu machen, und blicke sehnsüchtig auf die ordentlich gejäteten Beete vor unseren Fenstern. 

Nach dem Job checke ich aus dem Lohnarbeitsbereich aus und in den Sorgearbeitsbereich ein, wo ich in dieser Woche noch 46 Punkte sammeln muss, damit die Sorgetätigkeiten in -unserer Gemeinschaft komplett gerecht aufgeteilt sind. Pro Stunde erhalte ich fünf Sorgepunkte, multipliziert mit meiner körperlichen und psychischen Fitness, die regelmäßig von Experten festgestellt wird. Ich bin etwas gestresst, weil ich nicht weiß, wie ich meine Leistungsanforderung schaffen soll. Erleichtert stelle ich dann aber beim Kochen fest, dass ich Empathiepunkte sammeln kann, indem ich nebenbei Torstens Klagen über seinen Liebeskummer zuhöre. Lisa kann nicht mehr mit ihm zusammen sein, weil sein Beziehungswert stark gesunken ist, seitdem er so viele Haare verloren hat. Wir kochen ein leckeres Curry und unsere Mägen knurren schon, während wir die vielen Formulare ausfüllen müssen, die unsere Sorgetätigkeit versichern – aber alles muss schließlich seine Ordnung haben. 

Ich checke dann in den Bereich »Freizeit & Persönliches« ein, habe dafür aber fast keine Zeit und laufe aus der Küche schnell zum Gemeinschaftsbereich. 

Am Nachmittag nehmen wir uns wieder einmal Zeit für die Gerechtigkeit. Ulla erzählt von ihrem politischen Aktivismus (der ihr viele Punkte eingebracht hat), und unser Gärtner Werner präsentiert uns die Tabellen zu den Wachstumsphasen der gemeinschaftseigenen Tomatenpflanzen. Wir rechnen und rechnen. Alle starren wir auf unsere Bildschirme und sorgen für Ordnung und Gerechtigkeit. 

Am Abend erfüllen wir brav die Anforderung, miteinander Gemeinschaftsqualitätszeit zu verbringen, und strengen uns an, uns möglichst schnell und tief zu zeigen, die kompetentesten Spiegel zu geben und unsere Liebesfähigkeit zu steigern. Auf dem Weg in mein Zimmer denke ich darüber nach, ob ich heute wirklich genug geleistet habe und alles auch gerecht zugegangen ist. Aber ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, so müde bin ich. Erschöpft schlafe ich ein – aber nicht ohne vorher noch den Abschlussbericht des Tages fertiggestellt zu haben. 


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