enkeltauglich leben
Permakultur

Neue Baumbücher

Gelesen von Jochen Schilk.von Jochen Schilk, erschienen in Ausgabe #65/2021
Photo

Das Paradies ist pflanzbar!

Als einen Glücksfall empfinde ich das neu erschienene Buch »Lasst uns Paradiese pflanzen! Reich werden mit der Vielfalt der Natur – statt arm durch ihre Zerstörung«. Autor Timm Koch schlägt damit in dieselbe Kerbe, die bereits mit der Oya-Ausgabe 51 (»Garten Erde«) bearbeitet wurde: Es geht um die Vision, die Menschheit mehr und mehr von den Früchten aus mehrjährigen Gehölzpflanzen zu ernähren, was gegenüber dem energieaufwändigen Anbau einjähriger Kulturen unter anderem deutliche ökologische Vorteile mit sich bringen würde. »Zum Paradies gehören […] fruchttragende Bäume. […] Die Arbeit der Landwirte wird in der Hauptsache aus Ernte bestehen«, formuliert Timm Koch griffig. Er macht immer wieder deutlich, wie beschränkt die industrielle Forst- und Landwirtschaft heute noch denkt und welch immense Zerstörungen ihr Wirken zeitigt. In seiner Vision der agroforstlichen Multifunktionslandschaften sind auch die Massenställe einer in die Baumfeld-Paradiesgartenwirtschaft integrierten Tierhaltung gewichen. 

Wiederholt adressiert der Autor die Geldgeberinnen der Verwüstung: »Mit Waldgartensystemen, Feld-Wald-Wirtschaft und regenerativer Landwirtschaft könnte man schließlich viel mehr Ertrag erwirtschaften« als mit der dummen, weil die Lebensfülle zerstörenden Herangehensweise. »Hey Banker«, ruft Timm Koch also den Verantwortlichen zu. »Entdeckt endlich die Ökologie als Riesenchance, euch langfristig und nachhaltig den Geldbeutel zu füllen, ohne dass ihr zum Hassobjekt werdet! Nutzt […] euer Kapital und euren Einfluss mal zur Abwechslung für die Natur und nicht gegen sie. Mit ein wenig Fantasie wird es euer Schaden nicht sein. […] Seht in den Pestizidfabrikanten endlich das, was sie sind: Konkurrenz, die mit allen Tricks zukunftsfähige Formen der Landnutzung ausbremst. Nutzt dieselben Tricks gegen sie. […] Die sieben essbaren Stockwerke des Waldgartens werden euch dabei zuverlässige Verbündete sein.«

Timm Koch zeigt das Potenzial diverser Ernährungs-Gehölzpflanzen für verschiedene Klimazonen und weist dabei zudem mit den Trüffelpilzen auf eine kulinarisch und finanziell vielversprechende, Baum-assoziierte »Kultur« hin, an die ich bislang noch gar nicht gedacht habe. 

Ein weiterer Aspekt, der in »Lasst uns Paradiese pflanzen!« immer wieder aufscheint, betrifft die Klimadebatte. Für Koch stellt die allgemeine Fixierung auf das CO2 eine allzu grobe Vereinfachung der zugrundeliegenden Problematik (das blinde Wüten der Industriegesellschaft) dar; mindestens ebenso gefährlich wie die Erdüberhitzung sei nachgewiesenermaßen das große Artensterben. Als Lösungsansatz präsentiert er deshalb die Idee der Biodiversitätszertifikate (»Bidis«), die schädliche ökonomische Aktivitäten unprofitabel machen und zugleich helfen soll, regenerative Ansätze zu finanzieren.

Guerilla-Aufforsten?

Als Autor eines Buchs, in dem unter anderem zahlreiche Geschichten von Leuten erzählt werden, die aus eigenem Antrieb und oft ohne jede Genehmigung die Umgebung ihres Wohnorts wiederbegrünt haben, hat mich der Buchtitel »Wie man illegal einen Wald anpflanzt« sehr angesprochen. Die Redaktion des Katapult-Magazins (»das beste Greifswalder Magazin Europas«) verfolgt in seinen Veröffentlichungen, zu denen auch bereits sieben Bücher zählen, den Ansatz, mittels schöner Grafiken und kurzer Texte wissenschaftliche Fakten zu vermitteln – was beim Publikum offenbar gut ankommt. Auch das vorliegende, ansprechend gestaltete Buch glänzt mit einer Fülle an Informationen zu Waldökologie, Waldschutz, Aufforstung und (meist) einheimischen Baum-arten, dazu kommen diverse witzige Anekdoten und andere Kuriositäten, etwa ein Kapitel zur »Eichenlüge der Nazis«. Das ist alles so kurzweilig und interessant aufbereitet, dass man durch die knapp 180 Seiten in nur wenigen Stunden fliegt. 

Allerdings stellte sich bei mir trotz der guten Unterhaltung bald der Eindruck einer gewissen Beliebigkeit der präsentierten Informationen ein (Beispiel: Ein Kilo »Daunen«-Füllung ließe sich statt von 17 Gänsen alternativ und vegan aus dem hervorragend dämmenden Flaum von den Samenständen einer Schwarzpappel gewinnen). Es gibt sicherlich Dutzende andere Bücher, deren Porträts einzelner Baumarten wesentlich tiefer gehen; die hier vorgestellten Porträts sind mehr witzig als nützlich. Das Buchkonzept könnte folgendermaßen beschrieben werden: irgendwas mit Wald. 

Größter Kritikpunkt: Das Versprechen des reißerischen Buchtitels – illegal aufforsten! – wird enttäuschenderweise nur mit einer kurzen Passage »eingelöst«. Diese sei nachfolgend zusammengefasst: Jede von Forstpflanzen bedeckte Fläche ist nach den Forstgesetzen eine potenzielle, schutzwürdige Waldfläche; die Mindestgröße ist dabei je nach Bundesland verschieden. Zu den Forstgewächsen zählen auch bereits Brombeerranken, die im Waldgefüge als Pionierpflanzen wirken. Wer nun eine von Forstpflanzen bestandene Fläche entdeckt – oder in einer gemeinschaftlichen Guerilla-Aktion anpflanzt –, die in der öffentlich einsehbaren Forstgrundkarte noch nicht eingetragen ist, sollte diese schleunigst melden. Denn eine bestehende Waldfläche darf – egal, wie sie entstanden ist – nicht einfach mal so plattgemacht werden. Zumindest muss bei einer Rodung dafür an anderer Stelle eine ökologische Ausgleichsmaßnahme erfolgen.

Fast alles

»Alles, was man [über die Wälder der Welt] wissen muss, in 50 Grafiken« kündigt der Untertitel von Esther Gonstallas »Waldbuch« etwas großspurig an. Dieses akribisch recherchierte und illustrierte Werk verfolgt einen ganz ähnlichen Ansatz wie der Katapult-Titel – hier gelingt es jedoch besser, dem eigenen Versprechen gerecht zu werden, und das Buch scheint mir auch mehr aus einem Guss zu sein. Zwar sind die Grafiken im Vergleich nicht ganz so schön, doch die 50 doppelseitigen Tafeln zu wirklich (fast) allen möglichen Facetten des Themas gehen dafür mehr in die Tiefe. Relevanter und anspruchsvoller!


Lasst uns Paradiese pflanzen!
Reich werden mit der Vielfalt der Natur – statt arm durch ihre Zerstörung.
Timm Koch
Westend, 2021, 240 Seiten
ISBN 9783864891380
18,00 Euro


Wie man illegal einen Wald pflanzt
Katapult-Redaktion
Katapult, 2021
175 Seiten
ISBN 978-3948923183
18,00 Euro


Das Waldbuch
Alles, was man wissen muss, in 50 Grafiken.
Esther Gonstalla
oekom, 2021
128 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3962382117
24,00 Euro


Seit dem Erscheinen seines Buchs »Die Wiederbegrünung der Welt – 50 ansteckende Geschichten vom Bäumepflanzen« (Drachen Verlag, 2019) begleitet Oya-Redakteur Jochen Schilk das Thema auf seinem Blog planetenpflege.de weiter.

weitere Artikel aus Ausgabe #65

Photo
von Mira Klepfer

Was sagen die Fragen?

Es war Samstag geworden, und damit waren ungefähr 48 Stunden am Schafhof in Maulbronn vorbeigezogen. Unsere Gastgeberfamilie war schon fort. Meine gute Freundin Juli und ich hatten nur noch den Auftrag bekommen, die Tür hinter uns zuzuziehen. Das reiche, denn sie schlössen hier nur

Photo
von Maria König

Die Schnitterin in unser Leben lassen

Christliche Feste, bei denen der Bezug zu den Jahreszeiten deutlich durchscheint – wie Weihnachten, Ostern oder Erntedank – sind vielen von uns wohlvertraut. Fremd erscheinen uns hingegen die Schnitterbräuche, die in Mitteleuropa als bäuerliche Jahreskreisfeste noch bis

Photo

Sommergeschichten

»Frederick, warum arbeitest du nicht?«, fragt eine Familie schwatzhafter Feldmäuse ein Familienmitglied in dem 1967 erstmals erschienenen Kinderbuch von Leo Lionni. Frederick beteiligt sich nicht am Sammeln von Körnern, Nüssen, Weizen und Stroh für den Winter,

Ausgabe #65
Vom Ernten

Cover OYA-Ausgabe 65
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion