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Von jenischen Kesslern und Korbern… (Buchbesprechung)

von Jochen Schilk, erschienen in Ausgabe #65/2021
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Just nach der Produktion der letzten Ausgabe zum Schwerpunktthema »nomadische Kulturen« fiel mir im Oya-Büro ein Buch des Schweizer Mythenforschers Sergius Golowin (1930–2006) in die Hände, das dort womöglich schon seit seinem Erscheinen im Jahr 1999 der Entdeckung harrte. Der komplette Titel lautet »Von jenischen Kesslern und Korbern, listigen fahrenden Buchhändlern, Kartenlegern, Kräuterfrauen, Schaustellern, Baderinnen, Waldzigeunern und Moosleuten im Land der grünen Freiheit«.

Lange Jahre sammelte Golowin Mythen, Märchen, Sagen, Überlieferungen und Bräuche seiner Schweizer Heimat. Er verfasste zahlreiche Publikationen zu Volkskunde, altem Wissen, Volks- und Ethnobotanik, Schamanismus sowie zu Mythen, Symbolen und Praktiken der Traumdeutung und des Wahrsagens. Ein Bekannter von mir meint zu wissen, dass Golowin für einige seiner Bücher zu Fuß durch die Lande wanderte und die Menschen, die ihm über den Weg liefen, nach ihrem Wissen zum Leben in alter Zeit befragte. Ich konnte dies bislang nicht verifizieren, doch für das vorliegende Buch muss er tatsächlich betagte Bauersleute gebeten haben, sich zu erinnern, was ihnen an Begegnungen mit und Überlieferungen zu jenen fahrenden Leuten von den Sinti, Roma oder Jenischen geblieben ist, die man im Verlauf des frühen 20. Jahrhunderts meist zur Sesshaftigkeit zwang (oder umbrachte). Herausgekommen ist nichts weniger als ein Schatz, eine Fundgrube an Berichten, die in ihrer Gesamtheit mein notwendigerweise lückenhaftes Bild vom Leben in vorindustriellen Zeiten ganz entscheidend bereichern! Die bäuerliche Subsistenzkultur unserer Vorfahrinnen fasziniert mich seit langem. Doch war mir nicht bewusst gewesen, dass es mit den Sinti, Roma und Jenischen – mitten in der agrarischen bzw. städtischen Mehrheitsgesellschaft Europas – Menschen gegeben hat, die eine indigen-naturnahe, gemeinschaftsorientierte und (halb)nomadische Lebensweise pflegten. Zumindest scheint das in der Schweiz der Fall gewesen zu sein, wo es mit den zahlreichen sumpfigen Niederungen und unwegsamen Hängen noch lange Zeit Rückzugsmöglichkeiten für die freiwillig oder unfreiwillig nicht-sesshaft Lebenden gegeben hat. Auch der Möglichkeit eingedenk, dass die Darstellungen ihrer Kultur in diesem Band allzu romantisierend geraten sein könnten, ist das für mich eine schwerwiegende, geradezu erschütternde Erkenntnis. Das Leben und Überleben der »Moosleute« in der Wildnis hatte zur Folge – oder wohl vielmehr zur Bedingung –, dass sie noch inniger mit dem Land verbunden waren als die in festen Häusern Wohnenden. Deutlich wird im Buch zudem, dass die Fahrenden und die Sesshaften auf verschiedenste Weisen voneinander abhingen. Die wichtigsten Funktionen, die die Fahrenden im Gefüge der bäuerlichen Gesellschaft erfüllten, mag dieser Absatz veranschaulichen: »Die alten Fokker und Kessler waren fest überzeugt und lehrten es stolz ihren Kindern: ›Wir können zur Not ganz und gar für uns leben, die Sesshaften aber kaum ohne uns … manch nützlicher Hausrat würde ihnen fehlen, und zumindest würden sie sich in ihren abgelegenen Krachen häufig zu Tode langweilen.‹«

Wer nun neugierig geworden ist, dem wünsche ich viel Glück dabei, den vergriffenen Buch-Schatz in einem Antiquariat oder einer Bibliothek ausfindig zu machen!  


Von jenischen Kesslern und Korbern …
Ein Strauss bunter Geschichten über eine lebendige Kultur, vernommen von Fahrenden und Sesshaften während gut und gerne sechs Jahrzehnten.
Sergius Golowin
Mit einem Geleitwort von Robert Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstraße.
Editions Heuwinkel, 1999
ISBN 978-3-906410319

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