enkeltauglich leben
Titelthema

Vieles hat sich verändert, und nichts hat sich verändert

Wir fragten Menschen, die sich seit Jahren und Jahrzehnten mit all ihrer Kraft dafür einsetzen, die Erdüberhitzung aufzuhalten: »Wie schätzt du die aktuelle Lage ein?«
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Während im Herbst 2009 das Gründungsteam in Klein Jasedow emsig an der ersten Ausgabe von Oya arbeitete, fand in Kopenhagen die 15. UN-Klimakonferenz statt. Bereits damals waren die berechtigten Zweifel daran, ob es den Regierungslenkenden aus aller Welt auf diese Weise gelingen würde, die Erdüberhitzung im notwendigen Maß einzudämmen, eine treibende Kraft, die Oya in die Welt brachte – damals noch mit dem Untertitel »anders denken – anders leben«. 

Im Herbst dieses Jahres, zwölf Jahre und 65 Ausgaben später, ist die Welt nicht mehr dieselbe. Der Untertitel von Oya lautet nun, -etwas präziser, »enkeltauglich leben«. Die Skepsis von damals ist der Gewissheit gewichen, dass, selbst wenn es gelänge, sofort alle CO2-Emissionen einzustellen, wir dennoch in eine Zukunft voller chaotischer Wetterphänomene und unvorhersehbarer lokaler wie globaler Klimaveränderungen hineingehen, die unsere Leben Tag für Tag ganz grundlegend beeinflussen werden, wie im neuen »IPCC-Report« – dem von hunderten wissenschaftlich arbeitenden Menschen verfassten Bericht an den UN-Klimarat – zu lesen steht.

Während wir im Herbst 2021 an dieser Ausgabe arbeiteten, fand in Glasgow die 26. UN-Klimakonferenz statt. Die Weltuntergangsuhr stehe derzeit auf 1 Minute vor 12, hieß es bei der Eröffnung der Konferenz. Aber was bedeutet dieser »Weltuntergang«, der uns angeblich bevorsteht, überhaupt? Für wen steht was auf dem Spiel? Steht die mitteleuropäische Lebensweise zur Disposition, oder geht es um unsere gesamte Welt-Zivilisation, ums Überleben der Menschheit gar oder ums Überleben von sauerstoffatmenden Organismen? Der Weltuntergang ist ein Bild aus der christlichen Apokalyptik, das von einer linearen Zeitvorstellung ausgeht. Was bedeutet es, aus dieser Zeitvorstellung herauszutreten?

Dennoch finden solche Überlegungen nicht irgendwo statt, sondern genau jetzt und genau hier, an zahllosen Orten auf dieser einen Welt, in der hinsichtlich dessen, was in bürokratischer Sprache als »Klimaschutzmaßnahmen« geführt wird, mittlerweile so viele Hoffnungen enttäuscht, aber vielleicht auch Illusionen entlarvt worden sind. In diesem Herbst haben wir sieben Menschen, die ihr Wirken dem Einsatz gegen die Erdüberhitzung gewidmet haben, gefragt: »Was hat sich deiner Wahrnehmung nach in den vergangenen Jahren in der Klimaforschung und -politik verändert, und wie gehst du persönlich damit um?«

Wie können wir in einer Welt anhaltenden, oft abrupten Wandels würde- und verantwortungsvoll leben?

Vieles hat sich verändert, und nichts hat sich verändert. Spätestens seit dem Ende der 1980er Jahre gab es immer wieder Wellen an Optimismus und Pessimismus hinsichtlich der Klimaschutzmaßnahmen. Während menschlicher Enthusiasmus zu- und abnimmt, nehmen die Treibhausgase in der Atmosphäre stets zu. Nach dem Scheitern der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen, 2009, habe ich ein Buch mit dem Titel  »Reason in a Dark Time. Why the Struggle to Stop Climate Change Failed and What It Means for Our Future« (Vernunft in düsteren Zeiten. Warum die Bemühungen, den Klimawandel aufzuhalten, scheiterten und was das für unsere Zukunft bedeutet) veröffentlicht. Wenn ich heute, im Schatten der Klimakonferenz in Glasgow, ein Buch veröffentlichen würde, dann würde es exakt denselben Titel tragen. Während Diplomaten und Politiker mit ihrem Tagesgeschäft fortfahren, haben wir naturwissenschaftliche Einsichten gewonnen, ist eine militantere Klimabewegung auf den Plan getreten und bewegen sich verschiedene Firmen und politische Zuständigkeiten zentimeterweise auf eine postfossile Welt zu. Wir werden die postfossile Welt erreichen, wahrscheinlich sogar noch in diesem Jahrhundert. Doch diese Welt wird grundlegend anders als die uns gegenwärtig vertraute sein – und es gibt dann kein Zurück. Der Klimawandel, den wir entfesselt haben, wird noch viele Jahrhunderte, nachdem die letzte Kohlengrube geschlossen wurde, zu spüren sein. Die tiefgreifendste Herausforderung, vor der wir stehen, ist nicht, uns an diese oder jene neu eingeführten Klimaregularien anzupassen, sondern in einer Welt andauernden und oftmals abrupten Wandels würde- und verantwortungsvoll zu leben. Denn das ist die Welt, die uns hervorgebracht hat und die wir bewohnen. Was ich persönlich angesichts dieses Paradoxons aus Wandel und Untätigkeit tue? Ich schreibe, lehre und nerve meine Freunde und Verwandten mit besserwisserischen Handlungsanweisungen; und ich fahre Fahrrad, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren, ja – aber auch um diesen verrückten Zirkus, dessen Teil ich bin, immer wieder aufs Neue zu sehen, zu spüren und zu hören.

Dale Jamieson (74), Professor für Umweltwissenschaften und Philosophie, Co-Autor des Buchs »Discerning Experts« (siehe Oya 56)


Diejenigen, die Veränderung wollen, sind nicht in der Mehrheit

Viele Menschen haben in den vergangenen drei Jahren die Größenordnung der Klima-, Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitskrise erkannt. Die Selbstsicherheit, mit der im Frühjahr 2019 geäußert wurde, die jungen Menschen hätten keine Ahnung und müssten erst einmal Schule und Studium beenden, ist heute nicht mehr vorstellbar. Die Stellungnahme der »Scientists for Future« vom Frühjahr 2019 würde heute anders aussehen. Aber diejenigen, die dies erkennen, sind nicht in der Mehrheit.

Viele haben in den vergangenen Jahren erkannt, dass nicht Wissenschaftsverwirrer und Wissenschaftsleugnerinnen das Problem sind, sondern vielmehr unser Wunsch nach Verharmlosung, unser Nicht-wahrhaben-wollen, unsere Angst vor dem Wandel, unsere Feigheit vor uns selbst und vor anderen. Aber diejenigen, die dies erkennen, sind nicht in der Mehrheit.

Viele haben in den vergangenen Jahren erkannt, dass Lösungen auf der Hand liegen; dass die Entweder-Oder-Debatten der Vergangenheit Scheindebatten waren; dass es nicht um technischen oder sozialen Wandel geht; dass es nicht um Ordnungsrecht oder Wohnungswende oder Konsumwende oder Finanzwende oder Wachstumswende oder Bildungswende oder Achtsamkeitswende oder Gerechtigkeitswende geht; dass es nicht um persönliches Handeln oder politisches Handeln geht. Viele haben erkannt, dass wir die »oder« durch »und« ersetzen müssen. Aber diejenigen, die dies erkennen, sind nicht in der Mehrheit.

Gehandelt haben wir in den vergangenen Jahren kaum. Wir haben uns von einer bedeutsamen, aber letztlich zweit- oder dritt-rangigen Covid-19-Krise ablenken lassen. In Deutschland haben politische Parteien aus Angst vor den eigenen Wählerinnen einen feigen Wahlkampf geführt. Ich selbst habe aus Angst vor meinen schlechten Kommunikationsfähigkeiten manches schwierige Gespräch vermieden. Sicherlich wird es mehr Klimapolitik in der neuen deutschen Bundesregierung geben als in der alten. Aber einer Lösung der Nachhaltigkeitskrise sind wir nur unbedeutend nähergekommen. Ich bewundere diejenigen, die in den Parteien weiterkämpfen. Es sind Heldinnen und Helden. Aber diejenigen, die dort kämpfen, sind nicht in der Mehrheit.

Viele haben sich in den vergangenen Jahren übernommen, sind ausgebrannt. Ihnen gebührt unser aller Dank. Achtet auf sie, achtet auf euch selbst! Ich habe das Glück, mit meinen begrenzten Mitteln und gemeinsam mit anderen, die mir helfen und denen ich helfen kann, immer wieder kleine Beiträge zur Lösung leisten zu können. Dafür bin ich dankbar!

Gregor Hagedorn (56), Akademischer Direktor am Museum für Naturkunde Berlin und Mitbegründer von »Scientists for Future«


Als Journalist den Klimanotstand ins Bewusstsein bringen

Entscheidendes hat sich bei der Klimapolitik bisher nicht geändert. Die Treibhausgase steigen daher dieses Jahr erneut deutlich an, während immer mehr fossile Brennstoffe aus dem Boden geholt werden. Selbst »ambitionierte« Länder wie Schweden oder Großbritannien müssten das Reduktionstempo verdoppeln, um ihr Emissionsbudget für das 2-Grad-Ziel nicht zu überschreiten. Die Welt ist weiter auf Kurs Klimakollaps, während kaum noch Zeit bleibt, das Schlimmste zu verhindern. 

Gleichzeitig versprechen die Industriestaaten, in Zukunft mehr für Klimaschutz zu tun. Das ist das Verdienst von Bewegungen, die mit Protesten, Kampagnen und zivilem Ungehorsam die Kursänderung auf die politische Agenda gebracht haben. Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, dass sie nicht locker lassen und dass sich immer größere Teile der Zivilgesellschaft hinter ihre Forderungen stellen. Es könnte die Saat für eine Zukunft sein, die Entscheidendes hervorbringt.

Denn die gegenwärtigen Angebote der Regierungen sind auch weiterhin deutlich entfernt vom Notwendigen. Selbst leichte Kursänderungen werden wie zuvor von Interessengruppen blockiert, während in den Medien Stimmung gegen die Kosten der Energiewende gemacht wird. Die Wahlen in den USA und Deutschland haben zudem gezeigt, dass noch viel Arbeit ansteht. Viele Menschen haben für Parteien gestimmt, die auf ein Weiter-so in der Klimakrise setzen.

Wenn der Widerstand gegen den Kurs Richtung Klimakollaps vor allem in den reichen Staaten nicht wächst, werden wir keine realistische Chance haben, die Erderhitzung in Schach zu halten. Aufklärung und Bildung spielen dabei eine zentrale Rolle. Ohne sie wird es nicht gehen. Für mich als Journalist gibt es wohl keine größere Aufgabe, als den politischen Klimanotstand, in dem wir uns befinden, so klar wie möglich ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Dem fühle ich mich verpflichtet.

David Goeßmann (52), Mitgründer des unabhängigen Nachrichten-magazins »Kontext TV«, Autor des Buchs »Kurs Klimakollaps. Das große Versagen der Politik«


Es ist Zeit für Klimawut!

Sieben Jahre und acht Monate zeigt die »Carbon Clock«. Das ist die Zeit, die uns bei aktuellem CO2-Ausstoß noch bleibt, bis wir die kritische Schwelle von 1,5 °C Erderhitzung erreicht haben werden. Alles, was darüber hinausgeht, ist ein Spiel mit dem Tod, von hunderttausenden Menschenleben. Sieben Jahre, das ist ungefähr die Zeit, in der ich mich für Klimagerechtigkeit einsetze. Ich habe Demonstrationen gegen Kohlebagger und Automessen mitorganisiert, Kampagnen gegen neue Kraftwerke und Autobahnen sowie gegen Massentierhaltung gestartet. Ich habe Erfolge mitgefeiert: Mit »Fridays for Future« sind Millionen Menschen auf die Straße gegangen. Mit »Ende Gelände« haben Tausende friedlichen zivilen Ungehorsam geleistet, um Kohlebagger zu stoppen und Klimaschutz selbst in die Hand zu nehmen. Ich liebe es, in dieser Bewegung aktiv zu sein!

Doch wenn ich auf die Zahlen schaue – auf die Emissionen – dann läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Dieses Jahr wurde weltweit sogar noch mehr Kohle und Gas verfeuert als vor der Corona-Pandemie. Und wie sehr wir auch Parteien abwählen, die beim Klimaschutz versagen, wie sehr wir auch Druck machen auf politische Prozesse – die Emissionen sinken nicht. Statt der dringend notwendigen grundlegenden Transformation unseres Wirtschaftssystems gibt es nur Scheinlösungen mit grünem Anstrich, wohlklingende Klimaziele, aber keine Maßnahmen dafür. Warum?

Der Neoliberalismus, der auch in mir selbst steckt, schreit mich an: »Du bist Schuld! Du hast nicht genug getan!« Die Klimaangst in mir heult: »Es hilft doch alles nichts mehr! Wir sind verloren!« Noch bin ich aber nicht bereit, aufzugeben. Nicht, wenn ich an die Menschen im Globalen Süden denke, die jetzt schon der vollen Wucht der Klimakrise ausgesetzt sind, und die weiterkämpfen, weil nicht mehr zu kämpfen bedeuten würde, zu sterben. Aber ich bin auch nicht bereit, noch mehr von Demselben zu tun, das uns bisher schon nicht weiter gebracht hat: Noch mehr Demos organisieren, die an die Politik appellieren – erfolglos; noch mehr gesellschaftlichen Rückhalt für den zivilen Ungehorsam organisieren, mit dem wir die fossile Maschinerie zum Stillstand bringen – für ein paar Stunden. Und dann weiter zur nächsten Aktion, wohlwissend, im Wettlauf gegen die »Carbon Clock«, sind wir immer zu spät dran. Was also tun?

Wenn Aufgeben keine Option ist, aber ein Weiter-so sinnlos erscheint, dann bedarf es jetzt eines Nachdenkens über neue Ansätze. Was wäre, wenn wir gemeinsam mit dort Arbeitenden die Autofabriken blockieren und eine sozial gerechte Umgestaltung der Wirtschaft fordern würden? Was wäre, wenn wir bei unseren Aktionen die Kohle- und Gas-Infrastruktur nicht nur mit unseren Körpern blockieren, sondern sie tatsächlich kaputtmachen und so den Ausstoß von Treibhausgasen effektiv über Tage, vielleicht Woche oder Jahre stoppen würden? Das sind große Fragen voller Fallstricke. Doch wir können sie nicht länger ignorieren. Es bleiben noch sieben Jahre und acht Monate. Wir haben keine Zeit mehr fürs Zweifeln und Zögern. Es wird Zeit für Klimawut!

Lara Eckstein (31), Klimagerechtigkeits-Aktivistin und Campaignerin bei Campact


Einen Platz im Netz des Lebens finden

Die Klimapolitik der vergangenen Jahre hat es noch unwahrscheinlicher werden lassen, dass wir ohne tiefgreifende und schmerzhafte existenzbedrohende Krisen die notwendigen Transformationen hin zu langfristig lebenserhaltenden, menschlichen Seinsweisen auf unserer Planetin vollziehen können. Was sich mit »Fridays for Future« und der sozialwissenschaftlichen Klima-forschung verändert hat, ist der klarere Fokus auf Klimagerechtigkeit und darauf, dass unser derzeitiges kapitalistisches Wirtschaften alle enkeltauglichen Ansätze torpediert.

Wie gehe ich damit in meinem zivilgesellschaftlichen und beruflichen Wirken um? Mit dem zutiefst permakulturellen Projekt »Nüsse fürs Nürnberger Land« schaffen wir im Grünspecht-Verein einen niedrigschwelligen Aufhänger, um in unserem Umgang mit dem uns umgebenden Land und in der Art und Weise, wie wir für unsere Bedürfnisse sorgen, lebensdienliche Veränderungen zu bewirken. Mit Gehölzen, die nahrhafte Baumfrüchte tragen, bringen wir Nahrungsfülle, vielfältige Lebensräume, kleine Wasserkreisläufe, Humusaufbau und CO2-Senken in unsere Landschaft. Jahreszeitenfeste, Baumsegnungen und andere Naturrituale lassen unsere Anbindung an das Größere, dessen Teil wir sind, spürbar werden. Wir laden die mehr-als-menschliche Welt ein, unsere Vorhaben zu unterstützen und nähren damit unser Vertrauen, dass wir als Menschheit unseren Platz im Netz des Lebens noch finden werden: einen Platz, von dem aus wir für Fülle und Lebendigkeit wirken und von dem aus wir dazu beitragen können, das Lebensnetz resilienter zu gestalten, anstatt es wie derzeit zu zerstören. Dabei leitet mich die Frage, welche Fähigkeiten, Herangehensweisen und gewachsenen Strukturen – in der Landschaft und zwischen Menschen – in Hinblick auf die Krisen, auf die wir zusteuern, möglicherweise hilfreich sein können. Wichtig finde ich dabei auch alle Ansätze, die uns helfen – darunter auch, die tiefen Gefühle, mit denen wir angesichts all der Zerstörung konfrontiert sind, zu fühlen und zum Ausdruck zu bringen, damit wir uns immer wieder mit unserem innersten Lebensfluss verbinden können.

Mir persönlich fällt es am schwersten, aus dem ausbeuterischen kapitalistischen Mangeldenken heraus und in die Dankbarkeit und die Wahrnehmung von Fülle hinein zu kommen – ins Vertrauen, dass das, was und wie viel ich schenken kann, auch das ist, was gerade gebraucht wird. Schwer fällt mir zudem bei -allem Handeln, auch mit dem Nichtwissen umzugehen: nicht zu -wissen, ob das, was ich tun kann, was wir Menschen tun können, genug sein wird.

Judit Bartel (44), Permakulturlehrerin und -praktizierende, Grünspecht e.V.


Wo wollen wir eigentlich all die Bäume pflanzen?

Verändert hat sich vor allem die Protestbewegung, die viel effektiver geworden ist. Die Politik aber steuert immer noch nicht in die richtige Richtung. Nach Jahren, in denen unsere Modellierungen von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden, ist jetzt »Netto Null« zum Fetisch geworden. Überall hört man: »Das müssen wir bis 2050 schaffen.« Und es wird so getan, als hätten wir dann 1,5 °C geschafft. Mir macht es Angst, wenn so getan wird, als wäre alles erledigt, wenn wir 2050 klimaneutral sind. Saudi Arabien will bis 2060 klimaneutral werden, aber trotzdem ein bedeutender Ölproduzent bleiben und das CO2 irgendwie wegspeichern. Wo wollen wir denn die ganzen Bäume pflanzen, die für diese Ziele vorgesehen sind? Das läuft darauf hinaus, dass wir schnellwachsende Monokulturen auf Baumäckern pflanzen, um CO2-Senken herzustellen – und damit echte Wälder zerstören.

Um diese Klimaziele von Netto Null zu erreichen, wird immer mehr auf Zukunftstechnologien gesetzt, die vor wenigen Jahren noch für Science Fiction gehalten wurden. Viele Risiken dieser Technologien sind noch gar nicht erforscht. 

Ich habe für mich verschiedene Wege gefunden, mit dieser katastrophalen Situation umzugehen: Einerseits habe ich mich vor einiger Zeit gefragt, was es der Welt bringt, wenn ich als Klimawissenschaftler weiterhin für ein System arbeite, das keinen Wandel will. Also habe ich mit ein paar Kollegen und Kolleginnen »Faculty for a Future« gegründet, mit einer nicht ganz ungewollten Anspielung auf den Science-Fiction Roman »The Ministry for the Future«. Da habe ich jetzt ein Team, das sich einig ist: Wir brauchen einen anderen Diskurs, und wir als Wissenschaftlerinnen müssen ihn mitbestimmen. Da hilft es nicht, mit weiteren Studien Netto-Null-Ziele zu unterstützen. 

Wir sollten uns vielmehr fragen: Ist es überhaupt gut, sich so ein Ziel für die ferne Zukunft zu setzen? Wenn man so ein Ziel für 2030, 2045 oder 2060 definiert, warum denkt man dann, die Absicht allein macht das Erreichen des Ziels überhaupt wahrscheinlicher? Das ist ja schlimmer als bei Neujahrsvorsätzen! Müssten wir nicht vielmehr darüber sprechen, wie wir als Gesellschaft gut zusammenleben können, angesichts der Tatsache, dass jetzt schon viele Klimaauswirkungen – etwa das Abschmelzen der Pole und der Anstieg des Meeresspiegels – unumkehrbar sind?

Im Kleinen mache ich das in Griechenland. Auf zwei Hektar Land wollen wir hier eine kleine Farm aufbauen und regenerativ bewirtschaften. Vernetzt und mit einer kleinen Gruppe ist es für mich viel leichter geworden, mich wirklich darauf einzustellen, wie mein Leben mit dem Klimawandel aussieht, und irgendwie zu akzeptieren, dass sich die Umstände, unter denen wir leben, sicher und sehr schnell verändern werden.

Wolfgang Knorr (55), Klimawissenschaftler und Mitbegründer von »Faculty for a Future«


Rückwärts vorwärts gehen

Zwölf Jahre ist es her. Als Mitorganisatorin der Handel-macht-Klima-Karawane durfte ich im Dezember 2009 50 Menschen aus allen Kontinenten des Globalen Südens zu Protesten gegen die UN-Klimakonferenz COP 15 begleiten. Wir reisten in Bussen, ausgehend von Protesten gegen eine Konferenz der Welthandels-organisation, drei Wochen lang auf unterschiedlichen Routen gen Kopenhagen. Dort waren wir im durch Bollerofen beheizten Kino der eiskalten »Freistadt Christiania« einquartiert und beteiligten uns täglich an den Protesten. Am letzten Tag koordinierte ich die Reihenfolge der internationalen Referierenden außerhalb des Konferenzgebäudes bei der »Reclaim Power«-Aktion – drinnen ließen sich Delegierte beim Versuch, uns entgegenzukommen, verprügeln.

»Jetzt geht es los!«, war mein Gefühl. Anfang 2010 hielt ich Vorträge über die Proteste und die Auswirkungen des Klimakolonialismus, schleppte mich dafür krank zum Jugendumweltkongress und fuhr anschließend zur bundesweiten Koordination der Klimabewegung. Und dann hörte ich wieder auf. Das Interesse am Thema »Klima« war mau. Eine Bewegung war das nicht. Treffen fühlten sich schwerfällig an. Deprimierend. 

Aber andere blieben dran. Organisierten Klimakamps. Begannen, die Organisierung »Ende Gelände« zu formen: in zivilem Ungehorsam zu Tausenden in die rheinischen Kohlegruben zu gehen. Jahr für Jahr. Inzwischen ist es nicht nur eine Bewegung. Inzwischen zweifelt kaum noch jemand an der Dringlichkeit, zu handeln. Die Bewegung hat den Alltagsverstand erreicht.

Doch inzwischen wurde aus der COP 15 die COP 26 – und -dazwischen liegt mehr Zeit, als uns bleibt. Was können wir tun? Viele sagen: Rennen! Mit dem »Green New Deal« das Ruder herumreißen. Klar: Raus aus dem Falschen, rein ins Neue! Aber ich denke auch an »Momo« von Michael Ende: Rückwärts vorwärts gehen. Was hieße das ökonomisch? Mit dem Netzwerk »Oekonomischer Wandel« – dass es NOW abgekürzt wird, ist kein Widerspruch dazu – würde ich sagen: Den Markt abbauen. Die Demokratie ausbauen. Commons aufbauen. Nicht, weil ich glaube, dass wir Zeit hätten. Sondern, weil wir sonst nicht an-kommen können.

Friederike Habermann (54), freie Wissenschaftlerin, Autorin, Aktivistin und Oya-Rätin  //

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