enkeltauglich leben
Titelthema

Der Feenbaum

Von magischen Bäumen und trockenen Sommern.
Wie der Klimawandel Beheimatung zerstört.
von Kathleen Schwerdtner Máñez, erschienen in Ausgabe #66/2021
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© privat

Wenn der Boden unter meinen Füßen zu federn beginnt, bin ich im Fichtenwald angelangt. Eine dicke Schicht aus unzersetzten Nadeln bedeckt diesen Teil meiner Laufstrecke und zeigt, dass ich mich in einem Forst befinde, der wenig mit einem naturnahen Mischwald gemein hat. Dreimal in der Woche nehme ich mir die Zeit für einen Morgenlauf, stets gemeinsam mit meinen Hunden. Ich laufe eine weite Schleife um eine Anhöhe herum und biege nach rechts. Nur noch wenige Schritte, dann stehe ich vor dem Feenbaum. Erst später sollte ich erfahren, dass er so genannt wurde: »Zauberbaum«, »magischer Baum«, »Feenbaum«– eine majestätische alte Rotbuche, deren weitausgebreitete Äste verraten, dass sie ein Relikt einer längst vergangenen Landschaft ist. Denn nur Bäume, die alleine stehen – sogenannte Solitärbäume – entwickeln bereits ganz unten am Stamm derart kräftige Äste. Und auch, dass sie auf einem kleinen, durch jahrzehntelanges Pflügen aus der Landschaft herausgearbeiteten Hügel steht, macht sie besonders. In einer Welt, in der aus Wäldern Felder und aus Feldern Forste wurden, ist sie ein Fixpunkt. Auf 250 bis 300 Jahre habe ich sie geschätzt, diese einsame Herrscherin der kleinen Lichtung, auf der meine Laufstrecke erneut einen Knick macht.

Bevor ich abbiege, halte ich inne. Ich schmiege mein Gesicht an die raue Rinde, in die zahllose Initialen und Jahreszahlen geritzt wurden. Meine Arme können den Stamm, um den meine Hunde bellend Kreise laufen, nicht umfassen. Ich schließe die Augen und meine, die inneren Flüsse des Baums zu spüren, die Bewegung von Wasser und Nährstoffen von den Wurzeln bis in die Blattspitzen und wieder zurück. Ich umarme den Stamm, bis das Strömen meines Atems und das der Säfte im Baum zu einer einzigen Bewegung geworden sind, ein und aus, auf und ab. Für einen Augenblick teilen wir dieselbe Energie, die Buche und ich, sind Teile des gleichen unendlichen Kreislaufs. Sie ist mein Kraftort.

Warum weinen wir nicht?

Dann, eines Tages im August, ist da nur noch ihr Stumpf. In den sozialen Netzwerken unseres Dorfs hatte ich schon gelesen, dass der Feenbaum gefällt worden war. So erfuhr ich auch von ihren vielen Namen, und davon, dass es offensichtlich noch andere Menschen gab, die dort ihren Kraftort gefunden hatten. Als Wissenschaftlerin möchte ich mehr darüber wissen und kontaktiere die Schreibenden der Posts. Ich bitte sie, mir von ihren Emotionen zu erzählen, und stelle ihnen Fragen: »Was hat dir die Buche bedeutet?«, will ich wissen. »Wie hast du dich dort gefühlt?« Wildfremde Menschen erzählen mir Erstaunliches. »Ich hatte eine Verbindung zu dem Baum«, schreibt eine Frau. »Ich kann das nicht genau beschreiben. Wie Kribbeln in den Füßen«. »Ein bisschen hat sie unbewusst vermutlich auch meine Routenplanung beeinflusst«, meint eine andere, und ein Mann sagt: »Ich fand den Baum magisch. Es war wie in einem Märchen, dort zu sein. Ich bin gern mit meinen Kindern hingegangen.« So viele Leute melden sich zu Wort, dass sogar die lokale Zeitung darüber berichtet und den Bürgermeister auffordert, Stellung zu beziehen. Verkehrsgefährdend sei der Baum gewesen, heißt es nun von offizieller Stelle, man hätte den Weg sichern müssen. Krank sei die Buche eben gewesen, teilweise abgestorben, nichts zu machen. Als ich das nächste Mal am Stumpf vorbeilaufe, hat jemand Blumen hingelegt. Ich finde heraus, dass eine Frau gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter eine Abschiedszeremonie für die Buche durchgeführt hat. »Das war der Lieblingszauberwunschbaum des Mädchens«, schreibt sie, und weiter: »Meine Tochter, fast 5, weint um einen Baum. Wie soll ich ihr erklären, was wir Großen mit dem Rest der Welt und allen darauf befindlichen Lebewesen machen? Und warum weinen wir nicht ob dieser Lage?«

Ja, warum weinen wir eigentlich nicht? Denn dass sie gelitten hatte unter den trockenen Sommern, meine Buche, unsere Buche, das war offenkundig. Das gilt auch für viele andere Buchen, wie die Schweizer Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft berichtete. Im trockenen Sommer 2018 konnten die Forschenden erstmals an ausgewachsenen Buchen großflächig Stresssymptome nachweisen. Vor allem auf Böden mit wenig Wasserspeicherleistung stoppten viele Bäume die Verdunstung über die Blätter. Diese verfärbten sich und fielen ab, Kronen begannen zu verdorren – als wäre der Herbst zu früh gekommen. Auch meine Buche zeigte Anzeichen für Trockenstress in jenem Sommer 2018, in dem sich die Dürre bis in die Adventszeit hinzog. Ein »Ausnahmesommer«, hieß es, aber das wird sich nicht lange aufrechterhalten lassen, denn wissenschaftliche Projektionen deuten darauf hin, dass 2018 keine Ausnahme bleiben wird. Mitteleuropa wird in den nächsten Jahren regelmäßig Hitzeperioden mit Temperaturen von über 40 °C und Sommertrockenheit erleben. Dort, wo Böden schnell austrocknen, haben Buchen keine sichere Zukunft. So wie hier bei mir in Ashausen, zwischen Hamburg und Lüneburg, wo die Böden oft sandig sind und kaum Wasser speichern können. Wälder ohne Buchen? Grund genug, traurig zu sein! Aber es geht um so viel mehr.

Als Menschen sind wir eingebettet in lebendige Landschaften und Nährstoffkreisläufe. Wir atmen den Sauerstoff, den Bäume und andere Pflanzen zuvor ausgeatmet haben, ein und befinden uns so im ständigen stofflichen Austausch mit der Welt. Wie der Autor Fabian Scheidler in seinem Buch »Der Stoff, aus dem wir sind« schreibt: »Durch Atmung und Stoffwechsel werden alle zwei Monate sämtliche Atome meiner Leber ausgetauscht, alle sechs Wochen die meiner Haut. Was eben noch ›da draußen‹ war, ist im nächsten Moment ein Teil von mir.«

Eingebettet ins Fleisch der Welt

Die enge Verwobenheit zwischen menschlicher und mehr-als-menschlicher Welt belegt auch eine 2019 in der Zeitschrift -»Nature« erschienene Studie: Menschen, die sich 120 Minuten pro Woche in gewachsener Landschaft aufhalten, sind gesünder. Wie sehr dies die Wahrscheinlichkeiten reduziert, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Schizophrenie zu bekommen, lässt sich messen: Die Anzahl der Immunzellen steigt, der Spiegel des Stresshormons Cortisol nimmt ab. Von einer »Naturpille« sprechen Forschende in der Zeitschrift »Frontiers in Psychology« und meinen damit nichts anderes als: Zeit in Wäldern, auf Wiesen, an Auen zu verbringen, an Flüssen, die mäandern, inmitten verschiedener Grüntöne, in kleinteiligen Strukturen. Ich erinnere mich genau an das Gefühl, wenn die hellgrünen Buchenblätter zwischen den dunklen Fichten sichtbar wurden. Ich und die vielen anderen Menschen, mit denen ich über meinen – unseren –Feenbaum gesprochen habe, der etwas in uns ausgelöst hatte, das wir nur schwer in Worte fassen, Forschende aber messen können. In einer Zeit, in der wir mehr als je zuvor darüber wissen, wie essenziell unsere Verbindung mit dem Mehr-als-Menschlichen für gutes Leben ist, wird zunehmend deutlich, dass unsere Enkel die Landschafts- und Vegetationsformen, die uns heute noch Trost und Einbettung spenden, wahrscheinlich nicht mehr kennenlernen werden. Was kommt, wenn die Buchen gehen?

Die Verschiebung von Vegetationsgrenzen und der Verlust von Arten sind zu erwartende Begleiterscheinungen der wohl auch in den kommenden Jahren weiter ansteigenden Temperaturen. Ob sich Arten an die Folgen des Klimawandels anpassen können, wird davon abhängen, wie viel Zeit ihnen dazu bleibt und ob es Räume gibt, in die sie ausweichen können. Arten, die hitzeresistent sind und auch längere Trockenperioden ertragen können, sind in unseren Breiten klar im Vorteil. Die Buchen gehören nicht dazu. Das Ende des Feenbaums war also nur der Anfang einer Geschichte, die keine schöne ist. Sie begann damit, dass ich meine Laufroute änderte, weil mein Kraftort verloren war. Sie setzt sich damit fort, dass Landschaften, in denen wir leben, verdorren und Arten, die uns vertraut sind, unwiderruflich verschwinden. Diesen schmerzlichen Verlust an Einbettung und Beheimatung durch die Zerstörung von Landschaften und Lebensräumen bezeichnete der australische Naturphilosoph Glenn Albrecht als »Solastalgie«. Inzwischen gilt der Schmerz über verlorene Tröstung (von lateinisch sōlācium, »Trost«, und griechisch -algia, »Schmerz«) als eine weitverbreitete Auswirkung der Klimakrise auf die psychische Gesundheit. Denn das ist ein erschütternder Aspekt des Klimawandels: Durch ihn geht Beheimatung verloren. Ein Grund zum Weinen – und doch Anlass für Hoffnung. Denn wie tiefenökologische Praktik zeigt, können aus Trauer mitfühlendes Engagement und Resilienz erwachsen. Aus dem Verlust »meiner Buche« ist das Verschwinden »unserer Buche« geworden – und das ist immerhin ein Silberstreif am Horizont. //


Kathleen Schwerdtner Máñez (46) promovierte in Landschaftsökologie, lebt in Ashausen in der Nordheide und forscht an der Universität Greifswald sowie am Internationalen Hochschulinstitut Zittau zu sozial-ökologischer Transformation.


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