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Titelthema

Wanderweidewirtschaft gegen Wüstenbildung

Die Agrarwissenschaftlerin Eva Schlecht erzählte Oya-Redakteurin Tabea ­Heiligenstädt, wie noma­dische Lebensweisen zur ­Bodenfruchtbarkeit beitragen.von Tabea Heiligenstädt, Eva Schlecht, erschienen in Ausgabe #67/2022
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© Marion Reichenbach

Tabea Heiligenstädt: Frau Schlecht, Sie haben vor einigen Jahren im mongolischen und chinesischen Teil des Altaigebirges zu Wanderweidewirtschaft geforscht und tun dies heute im fruchtbaren Gürtel der Sahelzone. Was hat Sie bewogen, mit -nomadisch lebenden Menschen zu arbeiten?

 Eva Schlecht: Schon als Kind war ich viel mit hiesigen Wanderhirten unterwegs, weil mein Vater sich gerne mit ihnen unterhalten hat. Als Biologe war er von der Wanderschäferei als nachhaltigem Landnutzungssystem begeistert. Später reiste ich zu und mit nomadisch lebenden Menschen in verschiedene Teile der Welt. Letztens traf ich in Ghana Kinder aus nomdadischen Familien, die riesige Herden hüteten – allerdings nicht die ihres Vaters, sondern jene fremder Investoren.

Ich bewundere das Wissen der »Pastoralisten« – wie der Fachbegriff für Menschen, die Wanderweidewirtschaft betreiben, lautet – über die Tiere und die Interaktion von Tieren und Umwelt, über Krankheiten und deren Heilung mit den beschränkten, lokal verfügbaren Methoden. Und ich bewundere ihre Genügsamkeit: das Aushalten von Hitze und Kälte, das Leben mit den Tieren tagein, tagaus mit minimalster Ausrüstung. Kein Strom, kein fließendes Wasser, vielleicht in der Mongolei schon mal eine Satellitenschüssel und ein bisschen Fernsehen. So könnte ich selbst nicht dauerhaft leben, aber ich sehe den ökologischen, kulturellen und sozialen Wert!


Mich interessiert seit einiger Zeit, welche Möglichkeiten es gibt, um Landschaften zu regenerieren, Erosion zu verhindern und der Wüstenbildung entgegenzuwirken. Wie forschen Sie zu diesen Fragen? 

 Ich arbeite zu gemischten Landnutzungssystemen – dort, wo schon Ackerbau betrieben wird und Viehhaltung integriert ist, wo aber auch Wanderweidewirtschaft eine Rolle spielt. Die Hirten durchziehen diese Gebiete, ihre Herden weiden in der Trockenzeit die Ernterückstände ab. Ich arbeite häufig mit dem Ethnologen Nikolaus Schareika zusammen und forsche dazu, wie die Interaktion von Boden, Pflanze, Tier und Dung funktioniert und wie Menschen dieses Zusammenspiel beeinflussen. Zwar lese ich sehr viel über rein nomadische Gesellschaften, doch beschäftigte ich mich in der Forschung eher mit den »transhumanten« Systemen, also den Wanderweidewirtschaften, die im Sommer auf die Berge und im Winter in die Täler gehen, wo die Tiere im Stall oder ums Haus herum gehalten werden.

Bis vor kurzem habe ich mit tierhaltenden Gruppen im Altaigebirge zusammengearbeitet. Der Treck hinauf zur Sommerweide dauert mehrere Tage und ist unterbrochen von einem Monat auf der Frühjahrsweide. Darauf folgen zwei, drei Monate auf der Sommer- und ein Monat auf der Herbstweide. Das sind insgesamt 50 bis 80 Kilometer Wanderbewegung. In schlechten Jahren wird im Winter auch mal in die Wüste Gobi weitergewandert, wo kein Schnee fällt und es ein bisschen Vegetation gibt.


Wie wird dabei die Wasserversorgung gewährleistet?  

Natürlich muss überall, wo die Tiere für längere Zeit weiden, Wasser vorhanden sein. Rinder und Schafe müssen spätestens jeden zweiten, Ziegen jeden dritten Tag getränkt werden. Bei Kamelen reicht es, nach zehn bis vierzehn Tagen zu einer Wasserstelle zu gelangen. Je nach Gegend und Tierart können die Herden also oft über längere Zeit einfach frei weiden. In der Regenzeit, wenn Pastoralisten und ihre Tiere in der Sahara oder deren Randzonen unterwegs sind, gibt es sehr viele temporäre Wasserstellen. Das Management dieser Tränken ist jedoch oft nicht strikt geregelt. Da geht man hin und lässt die Tiere trinken, und drum herum gibt es viel Futter. Natürlich hat jede Familie oder jeder Clan bestimmte traditionelle Weide- und Rastplätze; es gibt Regeln dafür, wer wo und wie lange weiden darf. Aber sobald die Herden südwärts in die Ackerbaugebiete und feuchteren Zonen getrieben werden, kommen sie in Gebiete sesshafter Bevölkerungsgruppen. Denen gehört das Land oder sie haben zumindest traditionell das Recht, dieses Land zu bewirtschaften. Sie pflegen meist auch die Brunneninfrastruktur und regeln deren Nutzung. Eine Absprache kann etwa folgendermaßen lauten: »Ja, ihr könnt hier bleiben, das Futter reicht aber nur drei Tage für euch. Für Wasser müsst ihr soundsoviel Geld pro Tier und Tag bezahlen.«


Wie werden diese Absprachen über Nutzungsrechte getroffen? Gibt es viel Kooperation? Oder entsteht viel Spaltung durch die asymmetrischen Besitzverhältnisse? 

Da kenne ich nur Berichte, denen zufolge alles bis in die 1960er und 1970er Jahre hinein relativ harmonisch lief. Zum einen, weil die Bevölkerungsdichte viel geringer war; und zum anderen, weil die sesshaften Gruppen noch weniger stark als heute in die Tierhaltung involviert waren. Abmachungen wie »Ihr düngt unsere Felder, dafür nutzt ihr unser Wasser« waren gang und gäbe. Es gab freilich auch damals Leute, die es anders haben wollten, aber im Großen und Ganzen funktionierte es – obwohl das System bereits durch die Kolonialmächte insofern gestört worden war, als diese – ebenso wie danach internationale Geberländer und heute afrikanische Regierungen – sagten: »Da sind Leute, die unkontrolliert umherziehen. Das gefällt uns nicht, denn wir wissen nicht, wo sie sind und welches Land sie nutzen. Außerdem gehen die Kinder nicht zur Schule.« Dazu kommt, dass die Tiere von hohem Wert sind und der Staat gerne Steuern darauf erheben möchte. Bestrebungen, nomadisch lebende Menschen sesshaft zu machen, gibt es seit der Kolonialzeit. Heute wollen staatliche Institutionen Ordnung schaffen, weil das System der mobilen Tier-haltung für sie nicht nachvollziehbar und bürokratisch zu erfassen ist.


Wie macht sich diese Veränderung von Besitzanspruch bemerkbar?  

Wegen des Bevölkerungswachstums dringt der Ackerbau immer weiter auch in jene Gebiete vor, die traditionell von Nomaden bewohnt waren. Die bestehenden Wanderrouten waren, wie bereits gesagt, auch früher nicht beliebig: klare Regeln legten fest, wer wohin geht und für wie lange verweilt. Diese Routen werden nun durch den Ackerbau gestört, unterbrochen oder stark verengt. Zum Beispiel wurden die Korridore von fünf Metern auf einen Meter verkleinert, weil dort jetzt Hirse angebaut wird. Das provoziert ständig Konflikte zwischen sesshaft und nomadisch lebenden bäuerlichen Familien. Manche Landnutzungskonflikte gehen vor Gericht, einige enden sogar tödlich.

Wir setzen uns auch deshalb für die Rechte der mobilen Gruppen ein, weil diese Art der Tierhaltung in diesen trockenen Gebieten wichtig für das Ökosystem ist.


Bitte erklären Sie das: Warum ist die Wanderweidewirtschaft besser angepasst als der Ackerbau oder die Beweidung von Dauergrünland? 

In semiariden und ariden Gebieten beträgt der jährliche Niederschlag 350 bis 450 Millimeter. Er fällt innerhalb weniger Monate, die Vegetationsperiode ist sehr kurz. Hinzu kommt, dass der Variationskoeffizient – der anzeigt, wie zuverlässig der Regen fällt – um bis zu 30 Prozent schwankt: mal regnet es 100, mal 550 Millimeter pro Jahr. Als Ackerbäuerin muss ich mich ja anpassen, und in diesen Regionen wachsen lediglich Hirse oder Augenbohnen zuverlässig. Bei 100 Millimeter Regen habe ich keinerlei Ertrag. Nach dem Säen laufen die Pflanzen zwar auf, vertrocknen dann aber. Dann habe ich den natürlichen Bewuchs – also das »Unkraut« – durch die Bodenbearbeitung aber auch schon geschädigt. Das heißt, meine Fläche liegt unbedeckt da, und dann kommt über die sehr kurze Vegetationsperiode ein bisschen natürliche Vegetation hoch. Aber durch die menschengemachte Störung ist der Boden insbesondere der Winderosion stärker ausgesetzt. Eigentlich sollte in solch trockenen Regionen aus Gründen von Ökologie, Ökonomie sowie Ernährungssicherheit gar kein Ackerbau betrieben werden!

Mit der mobilen Tierhaltung kann auch in einer Zeit, in der es nur 100 Millimeter regnet, die natürliche Vegetation genutzt werden: Die Herden können zwei, drei Tage grasen, danach werden sie weitergetrieben. Dann ist diese Stelle zwar abgeweidet, aber zumindest verbleiben ein Restbewuchs und die Wurzeln im Boden. Damit können sich die Pflanzen bei weiteren kurzen Niederschlägen regenerieren und schützen die Erde vor Erosion.

Die mobile Tierhaltung erlaubt auch mehr Flexibilität: Hirtinnen können dorthin gehen, wo es geregnet hat, und ziehen weiter, wenn die Fläche abgeweidet ist. Auch die räumlich stark unterschiedliche Verteilung von Regen macht ihnen deshalb nicht so viel aus. Die Fläche kann sich nach dem Abweiden erholen und im besten Fall noch in der gleichen Vegetationsperiode Samen hervorbringen, die dann den Bestand im folgenden Jahr sichern. Wenn die Fläche hingegen eingezäunt ist und ständig beweidet wird, führt das rasch zu Übernutzung.

Ein weiterer Aspekt, der zur Ernährungssicherheit beiträgt, ist, dass bei integrierter Viehhaltung sogar eine vertrocknete Feldfrucht noch von Tieren als Futter genutzt werden kann. Wer keine Tiere hat, kann nichts mit der aufgelaufenen, aber nicht abgereiften Hirse anfangen und hat nichts zu essen. Wer Vieh hält, hat hingegen immer noch die Tiere und ihre Produkte als Nahrungsquelle – aus diesem Grund, wegen des Klimawandels und weil sie dem Geldsystem nicht vertrauen, investierten zumindest in Westafrika viele Menschen in Tiere. So kombinieren sie jetzt Ackerbau und Tierhaltung, sind dabei allerdings an einen Ort gebunden. Wenn es nicht viel regnet, können sie nicht mit ihren Tieren in fruchtbare Gegenden ziehen – es sei denn, sie haben gute Beziehungen zu Wandernden, die ihre Tiere mitnehmen. Da verbünden sich auch einige: Die Hirten bringen die Tiere von Sesshaften in Regionen, wo es keinen Ackerbau gibt.


Bei richtiger Bewirtschaftung können die Tiere ja auch zur Fruchtbarkeit des Bodens beitragen und die Landschaft vitaler machen.

 Ja. Entlang der Wanderrouten wird Dung hinterlassen, wodurch diese zu »fruchtbaren Straßen« – auf Englisch: highways of fertility – werden. Man könnte den Kot absammeln und auf die Felder bringen, aber stattdessen wird die fruchtbare Straße oft zu Ackerland umgebrochen. Das Land – in dem Fall also die Route, aber möglicherweise auch die dadurch verbundenen Weide-fläche – wird damit den nomadischen Familien weggenommen, und die -Mobilität wird weiter eingeschränkt oder sogar unmöglich gemacht. Das Absammeln von Dung ist natürlich aufwändiger und zudem fehlt das Verständnis für die Wichtigkeit der Transhumanz. Die Staaten müssten die Wanderwege, Brunnen und Rastplätze der Herden als dritte Infra-struktur schützen. Es gibt diesbezüglich Vereinbarungen zwischen den Sahelstaaten, aber sie werden nicht gut genug kon-trolliert. Bei Konflikten gewinnt vor Gericht meist der ackerbauende Mensch, denn er hat ja das Land »in Wert gesetzt«. Nomadische Leute werden für ihre ökologischen Dienstleistungen nicht entlohnt, sondern als lästig angesehen.


Wäre es eine Möglichkeit, Land durch Wanderweidewirtschaft zu begrünen?  

Renaturierung durch die angepasste mobile Tierhaltung funktioniert tatsächlich sehr gut. Trotzdem denke ich nicht, dass es mehr Menschen geben sollte, die Wanderweidewirtschaft betreiben. Ihre Gruppen sind geschrumpft, denn das ist schon ein hartes Leben. Man sollte die bestehenden wandernden Gruppen allerdings darin unterstützen, das System beizubehalten. Es braucht mehr Schutz, denn Tiere können gestohlen werden, etwa von terroristischen Gruppen. Man müsste sich in den einzelnen Regionen anschauen, wie viele nomadische Familien wirklich gut dort leben könnten, und sich fragen, ob sie auch bei Katastrophen wie Regenknappheit oder einer Heuschreckenplage noch gut situativ reagieren könnten.


Wie reagieren diese Menschen auf Wasser- oder Futterknappheit?  

Bei Dürren in Westafrika verkaufen natürlich viele ihre Tiere. Großinvestoren gehen dann auf die Viehmärkte und kaufen alle Tiere für wenig Geld; sie bringen sie zu den Küstenstädten wie Accra in Ghana oder Cotonou in Benin und mästen sie dort zwei, drei Monate lang. Sie machen viel Gewinn, weil die Bevölkerung in den großen Städten Fleisch will. Die nomadischen Leute hatten die Arbeit mit der Aufzucht der Tiere und bekommen fast nichts vom Erlös ab.


Nun gibt es heute ja viele Projekte, die Wüsten begrünen wollen, unter anderem, um Armut zu reduzieren. Was halten Sie von solchen Projekten? Tragen sie dazu bei, Landnutzungskonflikte zu regulieren?

 »Da ist ja Wüste – wieso sollte sich jemand gestört fühlen, wenn wir hier einen Solarpark hinstellen?«, lautet ein gängiges Vorurteil. Die Pastoralisten sind nur einmal im Jahr dort, und somit denken Investoren, dass das Land ohnehin niemand nutzt. 1973/74 waren starke Dürrejahre in der Sahelzone, verursacht durch die El-Niño-Meersströmung. Die von Staaten und NGOs danach gestarteten Aufforstungs- und Begrünungsprojekte arbeiteten mit der sesshaften Bevölkerung vor Ort zusammen. Die mobilen Tierhaltenden kommen dann irgendwann vorbei, und dann sagen die Sesshaften: »Sorry, das Wiederherstellen und Aussäen war so viel Arbeit – das ist jetzt unser Land!« Durch solche Interventionen kann Allmendeland also zum Besitz, zur »Teil-Allmende« werden, auf das nur noch bestimmte Menschen Anspruch haben.

Wie gesagt: Renaturierung durch eine angepasste mobile Tierhaltung kann sehr gut funktionieren. Eine Beschleunigung durch Einsäen und andere Maßnahmen kann klappen, außer in ganz trockenen Regionen, da sollte man die Vegetation sich selbst überlassen. Der Erfolg wird allerdings durch die Umnutzung der wiederhergestellten Flächen zu Äckern und durch Landnutzungskonflikte geschmälert.


Was können wir sesshaft geprägten Menschen hier und heute von nomadisch lebenden Gruppen lernen?  

Ich würde zwar nicht ein System über das andere stellen, meine jedoch, dass eines unserer grundlegenden Probleme in der Geringschätzung von gemeinschaftlichem Besitz, gemeinschaftlichen Zielen, Werten und Regeln zu finden ist – all dies erfordert Vertrauen in die Gemeinschaft und in die Wechselseitigkeit des Handelns. Haltungen wie »Dies gehört mir«, »Ich will mehr haben« und »Andere sind mir egal« sind immer schädlich – allerdings kann es diese auch bei nomadisch lebenden Menschen geben, etwa wenn sich Tuareg- und Fulbe-Gruppen gegenseitig aus Weideterritorien zu vertreiben suchen. Dürre fördert diese Konflikte, da die Knappheit größer wird. Gemeinschaftliche Strukturen versuchen zumindest, für eigene Territorien Regeln zu finden, die für alle Nutzenden gut sind.


Vielen Dank für das interessante Gespräch! //

Eva Schlecht (56) ist Professorin am Lehrstuhl für »Nutztierhaltung in den Tropen und Subtropen« an der Universität Kassel sowie an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie forscht an Schnittstellen von Wanderweidwirtschaft und Ackerbau. kurzelinks.de/EvaSchlecht 


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