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Borkenkäfer bohren Gedichte

Ein ungewöhnliches Kunstprojekt sowie der Tod eines Freunds und Mentors inspirierten die folgenden Gedanken über weitreichende Verwandtschaftsbeziehungen.von David Sumerauer, erschienen in Ausgabe #67/2022
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© Angela von Brill

Wir saßen gemeinsam vor Reinhards Haus, ein paar Kilometer vom Inn entfernt, um uns herum sein bewusst wild kultivierter Garten mit Tomatensträuchern, Spinat und Sanddornhecken. Am Rand des Gartens begannen die hoch aufragenden militärisch gereihten Maismonokulturen, die die Hügellandschaft um das oberbayerische Mühldorf prägen. 

Es ist ein großes Glück für mich, Reinhard Kapfer (1952–2021) bis zu seinem Tod vor ein paar Monaten als Freund in meinem Leben gehabt zu haben. Reinhard war Ethnologe außerhalb der Universitäten, gab im legendären Trickster Verlag Bücher heraus und war mit großer Ernsthaftigkeit und Freude um eine tragfähige Lebens-praxis bemüht. Mit ihm konnte ich neben vielem anderen lernen, dass es einen großen Raum zwischen herzloser Objektivität und selbstbespiegelnder Esoterik gibt – und dass dieser Raum darauf wartet, unsere Geschichten und Gedanken aufzunehmen. Wir aßen Rhabarberkuchen, den Stefanie – Reinhards Lebensgefährtin – gebacken hatte, und tranken Tee dazu. Oskar, Stefanies Sohn und seit der fünften Klasse mein ältester Freund, erzählte von seiner WG in Berlin. Als es zu kalt wurde, setzten wir unser Gespräch drinnen fort, umgeben von den siebentausend Büchern, die ihr Leben mit Reinhard geteilt haben. Oskar nahm eines von ihnen, Donna Haraways »Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän« aus dem Regal.

»Seht ihr, diese Abscheu vor neuer Technologie, die ihr von eurem Wendell Berry übernommen habt, die ist so eng«, sagte er zu Reinhard und mir. »Haraway denkt in diesem Buch auf ganz tolle Art über Verwandtschaft zwischen allen möglichen Geschöpfen nach und benutzt dafür auch Technologien wie die Gen-Schere. Versteht ihr?«

Reinhard war nicht überzeugt und erzählte von einem anderen Weg, wie Verwandtschaft hergestellt werden könnte. Oder vielleicht ließ er auch nur einen Satz, einen Gedanken fallen und die folgende Geschichte ist meine Ausschmückung dieses Gedankens?

Weithin verwandt

»Stellt euch Folgendes vor«, sagte Reinhard. »Es ist Nacht und eine Frau liegt in den Wehen, um sie herum ihre Verwandten und Freundinnen. Draußen läuft eine Kojotin vorbei, und weil das, was sie hört, ihr Interesse weckt, kommt sie näher heran an das Tipi oder die Jurte oder das Lehmhaus. Sie merkt, dass gerade etwas Wichtiges geschieht, setzt sich hin und bleibt eine Weile, bis sie die Schreie des neugeborenen Menschen vernimmt. Und um auf ihre Art an dem Ereignis teilzuhaben, geht sie in die Hocke und pisst auf den Boden. Auch eine Verwandte der gebärenden Frau, vielleicht die Großmutter, muss mal Wasser lassen und geht nach draußen, vor das Tipi oder die Jurte oder das Lehmhaus. Sie schaut hinauf in den Sternenhimmel und atmet tief durch. Da hört sie ein Rascheln, wendet sich um und sieht die Kojotin. Auch die Kojotin bemerkt die Frau, bleibt kurz hocken und läuft dann davon in die Dunkelheit. Im Weglaufen dreht sie noch einmal ihren Kopf und lacht der Frau zu. Kojoten haben ein sehr schönes Lachen, das nur für die spöttisch klingt, die sich mit Kojoten nicht auskennen. Die Großmutter geht ein Stück in die Dunkelheit, dann hockt auch sie sich hin. Als sie fertig ist und wieder in das Zelt oder die Jurte oder das Lehmhaus eintritt, lächelt sie. Sie weiß, dass sich gerade eben eine weitere Tante dem neuen Menschen vorgestellt hat und sie weiß auch, dass diese Art von Verwandtschaft zwischen Menschen und anderen Tieren gut ist.«

Auch in unserer »aufgeklärten« Gesellschaft ist Verwandtschaft nicht bloß eine Sache der Materie, der DNA, sondern auch der Vorstellungskraft, sonst hätten wir keine Schwägerinnen, Ehemänner und Schwiegerväter. Und doch werden Ethnologinnen und andere, die davon erzählen, wie groß die Verwandtschaften in indigenen Völkern sein können, wie viele nicht-menschliche Lebensformen sie umfassen, oft nicht ernst genommen. Noch immer glauben viele von uns an reduktionistische und materialistische Gedankengebäude, die Kreativität einzig im menschlichen Gehirn verorten und so zur Annahme einer absoluten Überlegenheit der Menschen über nicht-menschliche Tiere beitragen. Viele heute lebende indigene Menschen und ein großer Teil unserer Ahnen – jene Menschen, die vor 40 000 Jahren anfingen, Geschichten zu erzählen, auf Flöten zu spielen, ihre Toten zu begraben und komplexe Höhlenmalereien zu erschaffen – fänden diese Idee schlichtweg unbegreiflich oder überheblich.

Die Poesie der Erde

Einen Monat vor unserem Gespräch über Verwandtschaft mit der mehr-als-menschlichen Welt hatte mich Stefanie gefragt, ob ich gemeinsam mit Oskar einen Beitrag zu einem ihrer Kunstprojekte leisten könne. Stefanie arbeitete zu jener Zeit an einer Ausstellung im Münchner »Haus der Kunst«, bei der sie Gipsabgüsse von Borkenkäferspuren in Fichten präsentieren würde. Zu den Abgüssen sollte eine kurze Erzählung der nordamerikanischen (nicht nur) Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin (1929–2018) ausliegen: »Der Autor der Akaziensamen«. Darin umreißt Le Guin in Form eines fiktiven wissenschaftlichen »Journals für Therolinguistik« eine in ferner Zukunft liegende Forschungsrichtung, die nicht-menschliche Literaturen – unter anderem die der Ameisen und die der Kaiserpinguine – zum Gegenstand hat. Für die Ausstellung sollten Oskar und ich dieses Journal um einen Beitrag zur Lyrik der Borkenkäfer erweitern. 

Ich kannte die Erzählung und mochte sie sehr gerne. Trotzdem zögerte ich zunächst, hatte ich doch mehr als genug »eigene« Arbeit zu erledigen; Stefanie schlug vor, dass ich mich erst einmal mit Oskar zusammen der Sache annähern solle, um dann zu sehen, ob wir Spaß daran hätten. Noch einmal las ich Ursula K. Le Guins Geschichte und war wieder begeistert, wie klug und liebevoll sie mit ihrer Perspektive aus einer möglichen Zukunft so viele neue Sichtweisen auf unsere Mitgeschöpfe ermöglichte:

Ich erfuhr, dass die Literatur der Ameisen »mit dem Berührungsdrüsensekret auf entkeimte Akaziensamen geschrieben« wird und in Übersetzung zum Beispiel Hymnen dieser Art ergibt: 


Lang sind die Tunnels. Länger ist das Nichttunnellierte. Kein Tunnel erreicht das Ende des Nichttunnellierten. Das Nichttunnellierte reicht weiter, als wir in zehn Tagen gelangen können (d. h. ewig). Lob!


Von einem anderen fiktiven Le Guin’schen Forscher lernte ich, dass die Kaiserpinguine eine rein kinetische Literatur pflegen, die sich hauptsächlich in gemeinsamen Bewegungen ausdrückt. Einen Höhepunkt erreicht ihre Kunst in den kalten, dunklen Monaten, wenn die männlichen Kaiserpinguine die frisch gelegten Eier ausbrüten. Sie legen sich diese auf die Füße, bedecken sie mit ihrer Bauchfalte und bilden dann einen großen Kreis, in dem sie alle nah beieinander stehen und sich wärmen. Der Kreis ist in ständiger Bewegung, damit niemand zu lange an den kalten Rändern stehen muss: 


Die Dichter können einander nicht hören; sie können einander nicht sehen. Sie können nur die Wärme der anderen fühlen. Darin besteht ihre Poesie, das ist ihre Kunst. Wie alle kinetischen Literaturen ist sie lautlos; im Gegensatz zu anderen kinetischen Literaturen ist sie beinahe statisch, unbeschreiblich subtil. Das Sträuben einer Feder; die Bewegung eines Flügels; die Berührung, die flüchtige, leichte, warme Berührung des neben dir Stehenden. In unaussprechlicher, elender, schwarzer Einsamkeit die Bejahung. In Abwesenheit, Anwesenheit. Im Tod, Leben.

Borke und Buchdrucker als Gedicht

Dann las ich mich in die Welt der Borkenkäfer hinein. Dabei erfuhr ich, dass diese kleinen Wesen, die so literarische Namen wie »Buchdrucker« und »Kupferstecher« tragen und filigrane weitverzweigte Netzwerke aus Brutgängen und »Rammelkammern« genannten Liebesgemächern in die Borke hineinfressen, nur geschwächten Bäumen gefährlich werden können. Sie sind keine Killer, sondern Sterbebegleiter. Die Borkenkäfer gehen vor allem dort ans Werk, wo Klimaerwärmung, Sturmkatastrophen oder Monokulturforste kranke Bäume hinterlassen haben. Der Kampf gegen diesen vermeintlichen Schädling ist somit Symptom-, nicht Ursachenbehebung.

Der virtuelle Gedankenaustausch mit Oskar war sehr fruchtbar und in ein, zwei Stunden umrissen wir die ganze Forschungsrichtung der »Borkenkäferlinguistik« mit ausufernden Diskussionen um die schlüssigste Deutung ihrer Gedichte –
etwa diesem, in einer im Jahr 2036 an der polnisch-weißrussischen Grenze gestorbenen Rotbuche gefundenen:


Von oben nach unten steigend

durchwandern wir tausend Welten aus Tod und Liebe

gelangen zu weiteren tausend Welten aus Liebe und Tod.


In unserem fiktiven Forschungsbericht, den wir im Jahr 2165 ansiedelten, wollten wir bei der Leserin schon viel Wissen über Borkenkäferliteratur voraussetzen – und vor allem eine neue Entdeckung bekanntmachen: Waren Forschende bisher davon ausgegangen, dass nur die Borkenkäfer die Gedichte schrieben, so konnten wir jetzt anhand umfassender Textvergleiche nachweisen, dass auch der jeweilige Baum an der Entstehung beteiligt war. Dabei erwogen wir auch die sich wandelnde Religiosität der europäischen Bäume in der Ära des Kapitalozäns sowie den anhaltenden »Gender-Bias« in unserer Forschungsrichtung. 

Wir waren beide überrascht, wie viele Gedanken uns gemeinsam kamen, und einmal mehr war ich dankbar, Oskars wachen Geist und Tiefsinn zu spüren; und einmal mehr dachte ich darüber nach, dass es in unserer Gesellschaft zwar keinen Verwandtschaftsbegriff gibt, mit dem ich unsere Beziehung benennen könnte, aber dass Oskar für mich trotzdem viel mehr und auch etwas anderes als ein Freund ist.

Das Schreiben ging dann sehr schnell:  nach ein paar Tagen war der Text fertig. Und mit einem etwas anderen Blick schaute ich bei Waldspaziergängen lange auf die Spuren von Borkenkäfern und sah in ihnen etwas Direktes und Anderes, das mich unmittelbar betraf, ja, mit dem ich auf eine Weise verwandt war. Die Idee, Verwandtschaft bloß über unsere geteilte Materie herzustellen, greift in meinen Augen zu kurz, denn was sagt uns ein Satz wie »Mensch und Ahorn teilen ungefähr 60 Prozent ihrer DNA« wirklich? Er weckt in mir kein teilnehmendes Interesse am Leben verschiedener Ahornbäume. Teilnehmendes Interesse aber scheint eine Grundlage zu sein, um zu gelebter Verwandtschaft zu gelangen.

Le Guins Geschichte und unsere Erweiterung derselben war für mich auch deshalb so anregend, weil ich einen beträchtlichen Teil meiner Zeit mit Literatur verbringe. Die Vorstellung, dass Ameisen und Ahornbäume, Borkenkäfer und Kaiserpinguine ihre eigenen Arten des literarischen Erzählens pflegen, lässt mich – obwohl sie ganz andere Lebensformen sind – ihre unmittelbare Nähe spüren. Dabei gehen diese Schriftzeugnisse weit über menschliche Literatur hinaus, denn sie tun das, wovon dichtende Menschen meist nur träumen können: Sie verkörpern, ja, sind ihre Dichtung! Und auch ich Mensch erscheine – als mögliche Nebenfigur in einem ihrer Epen oder Gedichte – mit einem Mal als viel interessanter für diese so anderen Wesen.

Und doch: Vielleicht zwei Monate, nachdem Reinhard (oder war ich es selbst?) seine Geschichte von der pissenden Kojotin erzählt hatte, sah ich Stefanie und Oskar wieder. Viele Freunde und Verwandte hatten sich zur Trauerfeier in einer schönen alten Kirche am höchsten Punkt eines kleinen bayerischen Dorfs versammelt, um sich gemeinsam an Reinhard zu erinnern. Nachdem manche von uns Lieder gesungen oder kurze Reden gehalten hatten, gingen wir nach draußen zu der Stelle, an der die Urne mit Reinhards Asche bestattet werden sollte. Für kurze Zeit, vielleicht eine halbe Stunde, war die schmerzhafte Distanz zwischen meinem Inneren und dem der anderen aufgehoben, und immer wenn ich in ein weiteres Paar feuchter Augen sah, kamen auch mir wieder die Tränen, und dann drückten wir uns aneinander, wie die Kaiserpinguine vor dem Schlüpfen ihrer Jungen. Zwischen den Trauernden war eine tiefe Verwandtschaft spürbar – und so viel ich auch über Borkenkäfer und indigene Weltanschauungen nachdenke, so merke ich doch, dass Verwandtschaft für mich auch wesentlich damit zusammenhängt, tief in ein menschliches Auge schauen zu können. //


David Sumerauer (31) arbeitet als Lehrer und Ethnologiedozent in München und hat lange in einem zenbuddhistischen Kloster in Kalifornien geforscht und gelebt. Er ist Mitherausgeber der »Edition Trickster«.


Verwandtschaftsbande knüpfen

Ursula K. Le Guins Erzählung The Author of the Acacia Seeds and Other Extracts from the ›Journal of the Association of Therolingu-istics‹ erschien 1974 im Original und 1985 in deutscher Übersetzung im Heyne Verlag.
Die Weiterdichtung zur Borkenkäferpoesie von David Sumerauer und Oskar Zoche ist online verfügbar: 
haubitz-zoche.de/text-journal-therolinguistik

Stefanie Zoches Kunstprojekt Der Autor der Fichtenborken war 2021 im Münchner »Haus der Kunst« im Rahmen der Ausstellung The World:Reglitterized sowie im Osnabrücker Kunstraum »hase29« zu sehen.
haubitz-zoche.de

Der von Reinhard Kapfer mitbegründete Trickster Verlag lebt seit 1996 in der »Edition Trickster« im Peter Hammer Verlag weiter.

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