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Titelthema

Routinen können tödlich sein

Der Biologe Pierre Leonhard Ibisch erforscht, wie sich menschliche dauerhaft in mehr-als-menschliche Systeme integrieren lassen. ­Charlotte Haug befragte ihn zum Begriff »Öko­humanismus«.von Pierre Leonhard Ibisch, erschienen in Ausgabe #67/2022
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Charlotte Haug: Sie haben mit dem Vorsitzenden der Deutschen Umweltstiftung, Jörg Sommer, ein Manifest verfasst. Worum geht es dabei?

 Pierre Leonhard Ibisch: Wir nehmen den Menschen als Ausgangspunkt, deshalb wählten wir auch den Untertitel »Unsere Zukunft in der Natur«. Wir bieten an, positiv über uns Menschen nachzudenken, und fragen angesichts der Zerstörung der Lebensgrundlagen, was wir tun können. An eine humanistische Tradition anknüpfend, richten wir den Fokus unserer Überlegungen auf den Menschen. Dabei gehen wir davon aus, dass Menschen befähigt sind, ein gutes Leben zu führen. Deshalb wählten wir den Begriff des Humanismus, der auf vielfältige Weise in der Geschichte verwendet wurde. Was uns daran fehlt, ist, dass wir Menschen uns auch innerhalb der planetaren Grenzen einordnen. So kamen wir zum »Ökohumanismus«.


Die Idee vom guten Leben für alle ist nicht neu. Was genau zeichnet Ihren Ansatz aus?  

Uns geht es darum, das Denken im wahrsten Sinn des Worts zu erden, also auf dem ökologischen Fundament aufzubauen. Das beginnt damit, zu begreifen, dass wir schlicht und einfach eine auf vielfältige Weise abhängige Tierart in diesem Ökosystem sind, wenn auch eine – zumindest für uns selbst – besondere Art.


Sie verwenden den Begriff »Natur«, sagen jedoch gleichzeitig, dass der Mensch selbst Natur ist, da zwischen beiden kein Widerspruch herrsche und keine Abgrenzung nötig sei. Wie kann ich dann Aussagen wie »die Natur hat immer Recht« oder »die Natur lehrt uns zukunftsfähiges Denken« verstehen? In Oya versuchen wir, den Mensch-Natur-Dualismus nicht zu reproduzieren, und suchen stattdessen neue und konkrete Begriffe, wie etwa den von David Abram geprägten Begriff von der »mehr-als-menschlichen Welt«.

 Der Mensch ist Teil der Natur als kleine abhängige Komponente, die aber auch ohne weiteres verzichtbar für das Funktionieren der Natur wäre. Es stimmt zwar, dass der Naturbegriff über die Jahrtausende immer unschärfer geworden ist. Trotzdem haben wir ihn im Manifest bewusst genutzt, weil er wiederum so vielen Menschen vertraut ist. Als Wissenschaftler spreche ich eher über »das globale Ökosystem«, was aber dann sehr technisch ist. Die Natur machte ihre eigenen Gesetze, lange bevor es den Menschen gab, und das wird auch so sein, wenn es den Menschen einmal nicht mehr gibt.


Wann und wo haben Sie selbst sich zuletzt als Natur erlebt?

 Ich muss zugeben: mich als Teil von Natur zu fühlen, gelingt mir leichter, wenn ich mich außerhalb von menschengestalteten Räumen bewege – was ich sehr viel tue und immer getan habe. Ich bin ständig im Wald unterwegs, und das ist sicher ein Ökosystem, das für mich eine gewisse Bedeutung hat.


In der zweiten These beschreiben Sie, weshalb es wichtig ist, dass wir Menschen etwas fühlen, und warum es kein gutes Leben geben wird, wenn wir unsere Gefühle unterdrücken.

 Ich bin ja Wissenschaftler durch und durch, denke jedoch gleichzeitig, dass es ein grundlegendes Missverständnis ist, zu glauben, Wissenschaft sei nur rational und dürfe auch nur so sein. Unser Wesen beruht auf der Fähigkeit zur Kooperation, auf Emotion und Zugewandtheit. Es geht also nicht um das gute Leben eines Einzelnen, sondern um das gute Zusammenleben – wie sagte doch Alberto Acosta: »Das Menschsein ist sehr ambivalent.« Wie definieren wir etwas als gut, wo klar ist, dass sich das als »gut« Angesehene zwischen Kulturen und unterschiedlichen sozialen Systemen erheblich unterscheiden kann? Ich gehe allerdings davon aus, dass es einen kleinsten gemeinsamen Nenner gibt und dass wir alle befähigt sind, Mensch zu sein und Menschlichkeit zu erkennen. Wenn wir von Menschenwürde sprechen – etwa in der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen –, drückt sich darin Menschlichkeit als etwas Universelles aus.


Wie erfahren wir unser Menschsein?

 Wer viel draußen ist und direkten Kontakt zu Tieren, Pflanzen und verschiedenen Ökosystemen hat, erlebt sich selbst mit allen Gefühlen in dieser Umgebung. Ein Großteil der Menschen lebt inzwischen in großen, sehr natur- und auch menschenfeindlichen Städten und kann diese Wahrnehmung nicht ohne Weiteres entfalten. Eine der wesentlichen Fragen, die wir uns stellen müssen, ist: Wie gelingt es, dass wir in wesentlichen Phasen der Entfaltung – etwa als junge Menschen – die Empfindsamkeit der Lebewesen spüren wie auch unsere eigene Empfindsamkeit wahrnehmen? Das muss nicht im Urwald passieren. Was heißt es, im Alltag zu erleben und auch emotional zu be-greifen – im wahrsten Sinn des Worts –, dass ich Teil von diesem großen Ganzen bin? Diese Fragen mögen für manche provokant sein; es geht um lauter Minirevolutionen auf dem Weg zu einem geerdeten Menschenbild. Und immer müssen wir fragen: Was geschieht, wenn wir das, was gestern noch in Ordnung war, hinterfragen, vielleicht auch dekonstruieren, um aus den Einzelteilen dann Neues und besser Geeignetes zu schaffen?

Das beinhaltet auch, dass Menschen lernen, Spannungen und Widersprüche auszuhalten.  Es ist geradezu menschlich, dass man sich auf etwas verlassen möchte, Stabilität und Routinen will, anstatt sich ständig auf Neues und Anderes einzustellen. Veränderungen sind anstrengend, aber die Lage, in die wir Menschen uns nun einmal hineinmanövriert haben, lässt uns keine Wahl. Routinen können tödlich sein.


Wie sinnvoll ist es dann, herkömmliche Bildungswege zu beschreiten, wenn diese eben auch die Gefahr bergen, überholte Routinen zu reproduzieren?

 Ja, da ist immer ein Risiko, wenn man irgendwo mitmacht: Was verändert wen? So wie in der Politik tätige Menschen eher durch das Amt verändert werden, als dass sie das Amt verändern, so kann es Ihnen an der Hochschule eben auch passieren, dass Sie ein Teil des Systems werden. Aber sollten deshalb die, die schon im Ansatz anders denken, da etwa nicht hineingehen? Wie sollte es dann etwas werden mit der Transformation? Insofern brauchen wir Studierende, die schon früh wissen, dass das System so nicht in Ordnung ist. Bildungswege zu beschreiten heißt letztlich, viel über unsere Welt zu wissen und sich auf das Lernen in dem Bewusstsein einzulassen, dass die Formen, wie wir lernen, und die Prioritätensetzungen, was gelernt wird, kritisierbar sind – und dass wir dazu beitragen können, das umzubauen.


In Ihrem Buch stellen Sie zwei Grundsatzfragen: »Beruht mein Handeln auf dem Primat der Ökologie?« und »Ist mein Handeln darauf gerichtet, ein gutes Leben für die Menschen zu fördern?«

 Eben das ist der kreative Widerspruch des Ökohumanismus: Menschen stehen im Mittelpunkt, aber die Ökologie kommt zuerst. Es wäre genauso falsch, etwas für »die Natur«, aber gegen Menschen zu tun, wie es falsch ist, etwas nur für Menschen zu tun, ohne das große Ganze zusammenzuhalten. Wenn wir Teil des globalen Ökosystems sind, dann kann ich mir gar kein anderes Weltbild mehr vorstellen als eines, das gewährleistet, dass dieses globale Ökosystem funktioniert, und erst dann können wir schauen, wie viele Bäume wir entnehmen können, wie viel wir nutzen und stören dürfen, um uns zu versorgen.


Wie setzen Sie diese Prinzipien konkret in ihrem Leben um?  

Ich besitze ein Haus und ein Stück Land. Ich persönlich habe das gekauft, es gehört mir. Aber ist das eigentlich in Ordnung? Und ist das verbunden mit dem Recht, da alles rauszuholen und alles zu nutzen oder geht das eben auch mit einer Verpflichtung einher? Analog zur »Sozialpflichtigkeit des Eigentums«, wie es im Gesetz heißt, müsste es auch eine »Ökologiepflichtigkeit des Eigentums« geben. Das heißt, wenn ich den Anspruch habe, ein Stück Land für eine Zeit zu besetzen, müsste das mit Regeln verbunden sein, die vorsehen, dass dieses Stück Land, nachdem ich es besessen habe, besser dastehen wird als vorher. Das tue ich dann etwa, wenn ich in meinem Garten wurschtle: anfangs war dort karger Boden ohne Humus auf einem ehemaligen Kasernengelände. Jetzt bemühe ich mich, den Boden aufzubauen und die Pflanzen, und die großen Bäume, die da sind, zu bewahren und zu unterstützen, damit sie auch besser durch trockene Jahre kommen. Eine Person, die beispielsweise Wald besitzt, sollte am Ende ihres Lebens sagen können: »Dieser Wald ist jetzt gesünder als damals, als ich ihn bekommen habe.«


Individuen wie auch Bewegungen, die sich für ökohumanistische Werte einsetzen, stoßen schnell an Grenzen und Herausforderungen. Wo sehen Sie solche Grenzen?

Wer beispielsweise gängige Praktiken des Wissenschaftsbetriebs hinterfragt, kann schnell auf Ablehnung stoßen. Da ist es hilfreich, sich tastend zu bewegen, um nicht Gefahr zu laufen, sich letztlich selbst zu zerstören oder irgendwann den Impuls zu entwickeln, andere zerstören zu wollen.


Wie können wir aus der Haltung heraus, dass wir selbst Teil des Ganzen sind, wirksam werden?

 Wir haben uns so eingerichtet in unserem System, dass wir unsere Gestaltungsmacht oft an jene delegieren, die uns repräsentieren. Längst ist klar, dass das nicht ausreicht. »Die Politik« sind wir alle. Wir müssen alle gemeinsam auf allen Ebenen – holarchisch – daran bauen, dass unsere menschengemachten Systeme gut in die Welt passen.


Das ist ein schöner Satz zum Abschluss. Vielen Dank! //


Die menschliche und nicht-menschliche Natur vereinen

Pierre Leonhard Ibisch und Jörg Sommer: Das ökohumanistische Manifest. Unsere Zukunft in der Natur, S. Hirzel Verlag, 2021.


Charlotte Haug (23) wuchs in Süddeutschland auf. Sie studiert »Internationales Forst-Ökosystem-Management« in Eberswalde und schafft gerne Kreatives und Künstlerisches. 

Pierre Leonhard Ibisch (54) ist Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde und stell-vertretender Vorsitzender der Deutschen Umweltstiftung. oekohumanismus.de

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