enkeltauglich leben
Titelthema

Was ist Postaktivismus?

Der Philosoph Báyò Akómoláfé erklärt, wieso es wichtig ist, sich zu verlieren, warum ­Weißsein »unfähig« macht und wie alle Wesen und ­Dinge ihre eigene Handlungsmacht entfalten. Matthias Fersterer und André Vollrath trafen ihn zum Gespräch.von Matthias Fersterer, André Vollrath, Bayo Akomolafe, erschienen in Ausgabe #67/2022
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© privat/Andrea Vetter/bayoakomolafe.net

Matthias Fersterer  Danke, dass du dir Zeit für ein Gespräch nimmst, Báyò! »Wenn die Zeit drängt, dann lasst uns langsamer machen« – dieses afrikanische Sprichwort habe ich kennengelernt, als ich einen deiner Essays für die vergangene Ausgabe übersetzt habe (Oya 66, »Kompostierendes Sein«). Gestern Abend hatte ich ein Erlebnis mit meinen Kindern, von dem ich erzählen möchte, weil es mich an dieses Sprichwort erinnert hat: Ich wollte meinen siebenjährigen Sohn und meine dreieinhalbjährige Tochter zu Bett bringen, doch sie tobten in einem Anfall von Abendraserei herum. Ich sagte: »Jetzt ist Schluss, beruhigt euch!« Aber sie tobten weiter und weiter. Wenn ich das Licht dimmte, drehten sie es wieder auf. Keine Chance! Also ging ich zum Sicherungskasten und legte den Schalter um – es wurde dunkel. Nach einer Weile kam mir die Idee, eine Kerze anzuzünden. Ich tastete nach Kerze und Streichhölzern. Die Kinder bestaunten die Flamme und beruhigten sich nach und nach. Dann pusteten sie die Flamme ganz ruhig aus und kamen ins Bett gekrochen, wo ich ihnen eine Gutenachtgeschichte erzählte. Im bestehenden Paradigma war es mir nicht gelungen, sie zur Ruhe zu bewegen – dazu bedurfte es eines Paradigmenwechsels. Báyò, was bedeutet dieses Sprichwort für dich persönlich angesichts des Klimakollaps?

Báyò Akómoláfé  Was für eine schöne Geschichte! Ich möchte sie mit anderen teilen, wenn du erlaubst, Matthias.

MF  Gern!

BA  Die elektrische Beleuchtung geht aus, und an geht die Kerze, deren flackerndes Licht Schatten, monströse Wesen und Bilder an die Wand wirft – ein neues Paradigma! Du hast intuitiv erkannt, dass »Entschleunigen« keine Frage der Geschwindigkeit ist. Ein hilfreiches Bild ist hier jenes der »Kreuzung« – dort nämlich begegnen uns der Teufel, der Trickster oder andere Kräfte, die so exzessiv, so überbordend sind, dass sie auf kein uns zugängliches Maß reduziert werden können. Entschleunigung kommt dann ins Spiel, wenn uns andere Seinsformen, andere Denkformen, andere Körperformen begegnen, die unsere Kontinuität unterbrechen – so wie du, Matthias, als du das Licht ausgeknipst hast. Die Einladung, mit den dann erscheinenden Körpern zu verweilen, ist eine Einladung zur Entschleunigung. 

Auf die Erderwärmung bezogen: Inzwischen gibt es eine breite aktivistische Bewegung, um die Klimakrise aufzuhalten. Die entscheidenden Fragen sind jedoch: Warum tun wir die Dinge, die die Klimakrise befördern? Warum leben wir in Industriegesellschaften? Warum halten wir an unseren Vorstellungen von Fortschritt, Wachstum, Individualität und Unabhängigkeit fest? Wenn wir uns diese ontologischen, diese ethischen Fragen nicht stellen, dann werden wir mit diesen Dingen auch nicht aufhören! Etwas, das von jenseits der menschlichen Sphäre kommt, muss das Menschliche unterbrechen, damit wir zu Kindern werden können, die der Geschichte ihres Vaters lauschen, während ihr Blick sich an die flackernde Handlungsmacht (agency) einer Kerzenflamme heftet.

MF  Mir scheint, das hat viel mit »Postaktivismus« zu tun. Würdest du noch etwas zu diesem von dir geprägten Begriff sagen, der derzeit viele Menschen inspiriert? Was ist der Unterschied zum Aktivismus, bei dem es oft darum geht, die Kontrolle zu behalten, um die Welt nach bestimmten, rein menschlichen Vorstellungen zu gestalten oder zu retten?

BA  Ich möchte euch eine Frage stellen: Habt ihr euch schon mal verirrt?

MF  Ja. Wie sieht es mit dir aus, André?

André Vollrath  Sicher!

BA  Sich zu verirren, ist für mich wie eine eruptive Störung unserer Kontinuität: Mit einem Mal verändert sich alles, und die uns bekannten Mittel, mit denen wir bislang Vorwärtsbewegungen und Identitäten begriffen haben, brechen weg. Die üblichen ontologischen, epistemologischen und ethischen Hebel greifen nicht mehr: Jemand verlässt etwa das Haus, und findet bei der Rückkehr das gesamte Mobiliar umgestellt vor, als ob dort ein Geist gespukt habe – so etwas nenne ich einen »Riss«; dies ist eine Form von »Un-fähigkeit« (disability). Eben solche Risse haben mich veranlasst, jene Theoriebildung, die ich »Postaktivismus« nenne, zu betreiben. Ich definiere Post-aktivismus nicht. Sollte ich aber eine Definition für Ungeduldige geben, dann würde ich Post-aktivismus als die »Unfähigkeit der Ontologie« beschreiben: der Riss in der Handlungsmacht der Handelnden, der dann auftritt, wenn etwas geschieht, das unsere Erzählung darüber, dass wir diejenigen seien, die am Steuer sitzen, auf den Kopf stellt. Ein solcher Riss kann etwa entstehen, wenn etwas – wie ein Meteorit – den Horizont unserer guten Absichten und Handlungen durchkreuzt und etwas Fremdes mit sich bringt. Denkt nur an den Coronavirus, diesen neuen Einwanderer.

Seit den 1970er Jahren sprechen aktivistische Gruppen darüber, wie der Klima-wandel aufgehalten und unser Planet gerettet werden könnten; und dann dringt dieses winzig kleine, praktisch unsichtbare Ding in unsere Ökosysteme ein – und schickt uns alle nach Hause! Könnt ihr euch ein Staatsoberhaupt oder eine politische Maßnahme vorstellen, die es geschafft hätten, alle dazu zu bewegen, sich freiwillig in Quarantäne zu begeben? Wer hat so viel Macht? Mir fällt keine menschliche Gesetzgebung oder Institution ein, die jene Art von Veränderung, die wir seit 2020 erleben, hätte bewirken können, ohne den Beitrag jenes Dings, das wir etwas rüde als »Virus« bezeichnen. 

Postaktivismus beruht auf der Idee, dass es Zeiten topografischer Verschiebungen der Welt gibt, und dass Handlungsmacht – die immer eine materielle, ortsgebundene Angelegenheit ist – nicht etwas ist, das eine Person »haben« könnte, sondern immer in weitreichende Zusammenhänge eingebunden ist. Was also passiert, wenn diese Zusammenhänge sich verschieben, wenn verschiedene Landschaften ineinanderfließen? Dann werden wir plötzlich wach für das Andere, das uns umgibt. Postaktivismus ist keine weiterentwickelte, keine bessere Form von Aktivismus à la: »Oh, ihr macht Aktivismus? Wir machen Postaktivismus! Wir haben neue Werkzeuge, also sind wir besser als ihr!« Nein, Postaktivismus ist Unfähigkeit, ist Scheitern, ist versehrtes Wirklichkeitswissen, ist die Demut, die wir fühlen, wenn wir schlichtweg nicht mehr wissen, was wir tun sollen. Was kommt an diesen Orten des Verlorenseins, des Nichtwissens ins Leben? Was ist für uns wahrnehmbar, was lesbar oder unverständlich, sichtbar oder unsichtbar, wenn wir uns verirren?

Wenn wir uns verirren, verlieren wir nicht bloß unseren Weg aus dem Blick, sondern unsere Körper erfahren auch eine Neuausrichtung unserer Beziehung zur Welt. Wir können dann sehen, was sich jenseits der Zäune, die wir errichtet haben, befindet. Deshalb sagen die Yoruba: »Du musst dich verirren, um deinen Weg zu finden.« Wir stecken gegenwärtig nicht etwa deshalb in einer Sackgasse, weil wir uns zu sehr verirrt hätten, sondern weil wir uns in die Idee verrannt haben, auf dem richtigen Weg zu sein! Wir brauchen eine Pause, nicht im Sinn eines Urlaubs, sondern als Störung, die unsere Pläne durchkreuzt – als Riss, der plötzlich andere Empfindungsweisen aus uns hervorbrechen lässt.

MF  Wie Leonard Cohen in dem Song »Anthem« gesungen hat, There’s a crack in everything, that’s were the light gets in – »Alles hat einen Riss, und dort scheint das Licht hindurch« …

AV  Genau. In der Corona-Pandemie fällt mir ganz besonders auf, dass viele Menschen das Problem ausschließlich bei anderen Menschen – etwa der Regierung – suchen, anstatt sich etwas Mehr-als-Menschlichem, wie dem Coronavirus selbst, zuzuwenden. Báyò, wie halten weiße Privilegien und patriarchale Strukturen deiner Wahrnehmung nach insbesondere weiße Männer davon ab, demütiger zu werden und zu sehen, was sich »jenseits der Zäune« befindet?

BA  Gebt mir weiße Privilegien! Ja, ihr habt richtig gehört: Ich brauche weiße Privilegien. Ich möchte ungehindert am Flughafen in Frankfurt am Main umsteigen können, ohne von Sicherheitskräften schikaniert zu werden. Ich glaube jedoch, dass »weiße Privilegien« heute zu »weißer Unfähigkeit« geworden sind: Der Handlungsspielraum, der bestimmten Körpern bislang Zugang, Sichtbarkeit, Mitsprache, Anerkennung und Macht gewährte, ist derselbe Raum, der unter dem Gewicht einer schlichtweg nicht zu stabilisierenden und notorisch unruhigen Welt schwindet und verkümmert.

Der Virus dringt in unsere Dialogräume, in unsere Politik, in unsere Wirtschaft ein und entlarvt fragile Macht- und Überwachungssysteme. Der Virus lässt nicht nur Formen, wie wir uns aufeinander beziehen, die zuvor kaum oder nicht sichtbar gewesen sind, stärker hervortreten; sondern er lähmt auch unsere Anspruchssysteme – dieses weiße Terrain, diese weiße Architektur der Moderne –, indem er die Vorstellung erschüttert, dass wir unabhängige, voneinander getrennte Körper mit unabhängiger Immunität seien. Er erschüttert unsere bisherigen Rahmungen von Macht, Begehren, Kontinuität und Hierarchie – selbst in unseren Versuchen, den Virus zu eliminieren und zur Normalität zurückzukehren, zeigt sich diese Unfähigkeit. Gut möglich, dass diese Unfähigkeit eine Einladung an uns bereithält, an den Orten unserer Verwundungen – an diesen Rissen – zu verweilen; deshalb fokussiere ich in meiner Arbeit fragend-forschende Energie auf ebendiese Risse. Postaktivismus ist nicht die Antwort auf alles, sondern stellt alles in Frage!

AV  Das resoniert stark in mir und führt mich zu meiner nächsten Frage. Dass ich persönlich Mechanismen des Patriarchats und des Weißseins – und wie diese sich auf mein Leben und meine Weltwahrnehmung auswirken – besser verstehen konnte, hatte viel damit zu tun, dass Frauen mir sagten »das ist ein männliches Privileg« oder Schwarze mir sagten »das war eine richtig weiße Antwort!« Ich bin dankbar für all diese »Risse«, die es mir ermöglicht haben, meine Prägungen zu hinterfragen und die Dinge anders zu sehen. Wie haben dir Feminismus und Schwarzsein – verstanden als kritische Perspektive und Erfahrungs-hintergrund – dabei geholfen, dominante Realitäten zu hinterfragen und klarer zu -sehen?

BA  Ich möchte noch einmal genauer ausführen, dass ich Weißsein nicht mit als weiß gelesenen oder aus Europa stammenden Körpern gleichsetze. Ich weigere mich, Weißsein auf weithin bekannte Merkmale zu reduzieren, denn diese Reduktion könnte es nur noch verstärken! Weißsein ist wendiger und zugleich sperriger als die identitätspolitischen Benennungen nahelegen, mit denen wir es für gewöhnlich bezeichnen. Viele afrikanische Länder sind weiße Gebiete – damit meine ich gar nicht die Kolonial-geschichte und die Völkermorde, die dort stattgefunden haben, sondern die Denkweisen, die uns antrainiert wurden: wie wir unsere Kinder erziehen, welche Zukunft wir anstreben und erschaffen, was »Fortschritt« und »Hoffnung« für uns bedeuten. Weißsein bedeutet für mich das ökonomische, spirituelle, soziomaterielle, politische, theologische Unterfangen, das eine Welt begehrt, die das moderne staatsbürgerliche und traditionell humanistische Individuum unterstützt, und durch dieses Begehren Körper aller Arten rassifiziert.

Weißsein ist für mich gerade nicht nebulös, Schwarzsein gerade nicht klar: Vielmehr ist Weißsein für mich ein lineares Streben nach Klarheit, bei dem darauf beharrt wird, dass Weiße einen privilegierten Zugang zu »Noumenon«, zum Vergeistigten, und zum Wissen darüber, wie die Welt in Wahrheit funktioniert, hätten. Dieses raumgreifende Begehren nach »Ankunft« oder Trans-zendenz schlägt sich in positivistischen Wissenschaftsbildern nieder, in denen die quasi theologischen und religiösen Dynamiken der Naturwissenschaften verhüllt werden, wenn etwa zu hören ist: »Glaube der Wissenschaft!« – so als ob Wissenschaft der einzige Weg wäre, die Welt zu verstehen, als ob sie apolitisch, ahistorisch und neutral wäre. Diese Vorstellung verhüllt, dass Wissenschaft ebenso politisch und kulturell verortet ist wie andere Wissensformen auch. Schwarzsein betrachte ich als etwas, das über dieses Paradigma hinausgeht, das gegenhegemonial und ständig in Bewegung ist und unsere Forderungen nach stabilen Identitäten durcheinanderrüttelt.

Und hier kommt der Feminismus ins Spiel: Es gibt nicht den Feminismus, es gibt verschiedene feministische Engagements, Projekte und Ziele. Mein Denken ist durch feministische Strömungen geprägt, die sich weigern, die Welt in binäre Gegensätze wie Mann / Frau, Kultur / Natur, oben / unten einzuteilen und Menschen zu den einzigen Urhebern von Wandel, zum einzigen Ursprung von Geschichte und Bedeutung zu stilisieren. Diese Denkweisen laden dazu ein, »unruhig zu bleiben« – um Donna Haraways zeitlosen Satz aufzugreifen – und Verkörperung anders zu begreifen. Sie legen nahe, dass unsere Identitäten nicht so statisch sind, wie sie uns erscheinen mögen. Unsere Privilegien können zur Unfähigkeit werden, denn unsere Identitäten – über die wir hitzig diskutieren mögen – sind beweglich und fluide. Was können unsere Gesellschaftsanalysen noch ausrichten, wenn wir das begreifen?

AV  Für meinen eigenen Horizont war und ist es wichtig, mein Weißsein auf struktureller und identitätspolitischer Ebene zu erkennen. Wenn ich dir zuhöre, dann frage ich mich, ob weiße Menschen deine Argumentation verwenden könnten, um sich nicht mit ihrem eigenen Weißsein konfrontieren zu müssen …

BA  Ja!

AV  … und zu dem Kurzschluss gelangen: »Ich muss mich gar nicht mit meinem Weißsein beschäftigen, weil das ohnehin eine flüchtige, fluide Identität ist!« Ich frage mich also, wie wir uns einerseits bewusst werden können, dass »schwarz« und »weiß« Kategorien sind, die durch ein Machtsystem gestaltet wurden und Auswirkungen auf die Welt und mein Leben haben, und gleichzeitig anerkennen, dass unsere Identitäten keine geschlossenen und stabilen Kategorien sind. Wenn ich in starren Gedanken über Identitäten feststecke, kann ich mich nicht mit anderen Menschen verbinden – und dennoch erscheint es mir wichtig, diese Fragen anzusprechen. Das ist eine Art Doppelbewusstsein. Ich frage mich, wie diese beiden Dinge zusammenkommen können.

BA  Vielleicht kommen sie auch einfach nicht zusammen.

AV  Vielleicht.

BA  Wir haben mehr oder weniger das gleiche gesagt, André. Oft schreibe ich »Blackness« (Schwarzsein) mit großem oder mit kleinem »B«, um Spannungen zu markieren: etwa zwischen Identität und Begehren, zwischen Stabilität und Fluss zwischen den realen Auswirkungen gesellschaftlicher Anerkennung und dem Umstand, dass Identitäten sich laufend in ihre Bestandteile zersetzen – wodurch Identität letztlich erst ermöglicht wird. Durch die Großschreibung betone ich die politische Sichtbarkeit von Menschen, die sich auf den Marktplatz stellen und rufen: »Schaut mich an, bestätigt, dass ich hier bin! Ich bin genauso wichtig wie die anderen Körper in dieser Stadt, in diesem Staat, in diesem Land!« Das meine ich damit, wenn ich sage: »Ich brauche weiße Privilegien!« Wenn das kein Doppelbewusstsein ist, dann weiß ich auch nicht. Das ist keine Absage an die Identitätspolitik, doch ich bin mir auch über deren Begrenzungen bewusst – wir dürfen dort nicht stehenbleiben.

Heute ist viel die Rede davon, »weiße Privilegien aufzugeben« – das halte ich für Weißsein hoch drei! Das Weißsein über Bord zu werfen, bedeutet, die eigene Aufmerksamkeit vom Weißsein wegzulenken, was nur dazu führt, dass das Weißsein sich selbst verstärkt. Gute weiße Verbündete können mir zwar durch eine Politik der Inklusion helfen, indem sie mir einen anderen Platz innerhalb der weißen Moderne zuweisen – ich aber möchte ganz woanders hin und weiß nicht, wer dann meine Verbündeten sein werden. Weiße Verbündete können mir zu einem neuen Auto, zu einem neuen Haus, zu bürgerlichen Rechten verhelfen – auf dem Deck der sinkenden Titanic! Ich möchte aber nicht auf der Titanic bleiben. Ich brauche keine guten weißen Verbündeten, brauche keine Selbstgefälligkeit! Wir brauchen mehr als das, ansonsten laufen wir Gefahr, uns beim Versuch, zu den Guten zu gehören, in den ethischen und moralischen Räumen der gegenwärtigen Politik einzukerkern. Deshalb spreche ich von »Flüchtigkeit« -(fugitivety). Das ist keine Ausflucht, keine Vermeidungstaktik, vielmehr bedeutet es, die Plantage zu verlassen und sich jenseits ihres ethischen Imperativs zu bewegen. Dieser Begriff unterstreicht, dass es nicht ausreicht, »gut« zu sein, um Veränderung herbeizuführen. Auch als guter Sklaven-halter veränderst du nicht das Gefüge unserer Lebenswelt: Du bist und bleibst mein Besitzer!

Wie können wir uns auf tiefere, andere Formen einlassen, um der Welt zu lauschen? Es geht darum, unseren Identitäten so nachzuspüren, als wären sie unablässig wandernde anstatt statische Eigenschaften. Identität als statische Eigenschaft oder gar Eigentum zu betrachten, ist ein Merkmal der weißen Moderne.

MF  Die Zeit ist schon fortgeschritten, und wir müssen wieder zu unseren Kindern. Es gibt noch eine Frage, die ich dir stellen möchte, Báyò: Der Titel »Oya« steht neben anderem – »Elternschaft« auf Japanisch, »Veilchen« auf Türkisch, »Fluss« auf Singhalesisch oder der lebensbejahende Ausruf »Oh, ja!« auf Deutsch –, auch für Oyá, die Yoruba-Göttin des Wandels und der Transformation. Was bedeutet dir persönlich Oyá, und wie geht es dir damit, dass der Name unserer Zeitschrift Anklänge an eine Yoruba-Göttin hat?

BA  Mir scheint, da schwingt die Frage nach kultureller Aneignung mit … Yoruba ist eine tonale Sprache. Je nach Betonung kann oya der Name der Göttin oder der Appell »Auf geht’s!« bedeuten. Die aus dieser Doppeldeutigkeit entstehende Spannung lasse ich stehen, ohne sie auflösen zu wollen, weil es mir bei meiner Arbeit nicht darum geht, Spannungen aufzulösen. Ich persönlich habe keine Beziehung zur Göttin Oyá. Als guterzogenem nigerianischem Yoruba-Kind war mir diese Tradition so fern, dass ich die Geschichten der Orishas erst als interessante Aspekte meines Universums kennen und schätzen gelernt habe, nachdem ich aus der Kirche ausgetreten war.

Die wesentlichen Fragen sind für mich: Wie beeinflusst dieser Name eure Denkweisen, wie irritiert er eure Identitäten? Zu welchen Träumen und zu welchen Gesprächen – wie diesem, das wir hier gerade führen – fordert er euch heraus? Wie gestaltet er handelnd euren Raum? Wie unterbricht er eure Kontinuität? Das ist die Magie der Kontaktzonen! Die Welt ist auf eine Weise unbändig und lebendig, die wir – du und ich – nicht ansatzweise in den Griff bekommen können. Dieser Name ist jetzt ein Geschenk an euch, und vielleicht wird er sich auch als Fluch erweisen – auf jeden Fall ist er ein Monster, und er wird euch verändern. Er wird ganz unerwartete Handlungen vollziehen. Deshalb möchte ich die Frage aufwerfen: Was passiert mit kultureller Aneignung, wenn wir erkennen, dass die vermeintlich angeeigneten Objekte nicht unbewegt oder passiv sind, sondern selbst auch Handlungsmacht haben? Sie verändern auch diejenigen, die sie sich vermeintlich angeeignet haben. Was verändert sich, wenn wir die Welt auf diese Weise sehen?

MF  Oya fühlt sich für mich tatsächlich wie eine Präsenz an, die einen Ruf aussendet, uns immer wieder aufs Neue überrascht und viel mehr ist als die alle paar Monate erscheinenden hundert bedruckten Seiten. Diese animistische Perspektive halte ich für wesentlich, um mich zu einer Welt, in der alles fühlt und handelt, angemessen in Beziehung setzen zu können … 

Danke für die Zeit und für deine Gedanken!

AV  Danke, Báyò, ich nehme viel Inspiration aus unserem Gespräch mit.

BA  Danke. //



Báyò Akómoláfé (38) wurde in Nigeria in eine Diplomatenfamilie geboren. Der Philosoph, Autor und Referent lebt mit seiner Frau und zwei Kindern im indischen Chennai. bayoakomolafe.net


André Vollrath (43) gibt körperorientierte Trainings zu »Kritischem Weißsein« und ist Teil des Performance-Kollektivs »Fräulein Bernd«. Er lebt in Berlin und in Ostbrandenburg. fraeuleinbernd.com

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