enkeltauglich leben
Titelthema

Einverstanden mit allem, was ist

Wir fragten sechs Menschen, wie es ihnen gelingt, Trauer über die tagtäglich voranschreitende Weltzerstörung zuzulassen und in aktives Hoffen zu wenden. – Ein Stimmenmosaik.
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Wir sind das Draußen

Oya hat mich nach Wegen gefragt, wie ich trauere und hoffe, aber ich habe diese Wege nicht gefunden. Mal packt mich das blanke Entsetzen angesichts der Studien, die beinahe täglich auf meinem Schreibtisch landen und in immer neuen Variationen von der Beschleunigung des Untergangs künden. Mal ist es ein dumpfer Schmerz, wenn ich die ausgeputzte Landschaft sehe, die weggepflügten Wegränder, die Kirschlorbeergärten oder die kahlen Äste in hundert Jahre alten Eichen – erste Anzeichen eines vorzeitigen Todes.

Die meiste Zeit aber schreibe ich zuversichtliche Texte – wie wir die biologische Vielfalt noch retten können! – und moderiere Podiumsdiskussionen so, dass sich zum Ende hin Konsens und Veränderungsbereitschaft zu einem Bild des Aufbruchs verdichten. Das Glas ist halbvoll. Wir sind auf einem guten Weg.

Vielleicht sind aber diese Zuversicht, dieses Lösungen-Suchen und Die-guten-Projekte-Beschwören nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems? Weil wir Schreibende und Moderierende damit den Eindruck erwecken, alles sei ja auf einem guten Weg.

Es irritiert mich sehr, dass viele Menschen in meiner Umgebung das Artensterben für ein kleines Problem halten, schon irgendwie wichtig, aber nicht so wie die Menschendinge. Dass sie mit den Schultern zucken, wenn ich vom sechsten oder siebten Massenaussterben der Erdgeschichte rede. Ich gelte als apokalyptisch. Und schweige dann lieber. Ich kann ihnen nicht sagen, dass wir Teil des Lebendigen sind, dass es keine Natur da draußen gibt, sondern dass es nur dieses Draußen gibt und wir nicht ohne es sein können. Dass wir Holobionten sind, mit mehr »fremden« Zellen in uns als eigenen.

Ich habe die tiefe, tiefe Trauer in den Augen des Klima-forschers John Schellnhuber gesehen und eine kalte Entschlossenheit bei Umweltaktivisten, die sagen, es sei längst alles zu spät, und die doch mit einer kraftvollen und unbeirrbaren Entschlossenheit weitermachen. Ich stelle mir vor, dass diese Kraft eine Lawine ist.

Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.


Tanja Busse (51), Autorin und Moderatorin, pflanzt gerne Bäume und arbeitet an der Transformation des Bauernhofs ihrer Eltern.
tanjabusse.de


Abschiednehmen vom Wollen

Die tiefsten Trauermomente um den Zustand der Erde und der Menschen habe ich in der Praxis »Standing with the Earth« erfahren – einer öffentlichen Form des Innehaltens: Wir stehen auf und mit der Erde und verabschieden uns für diesen Moment davon, etwas erreichen, etwas er- oder bekämpfen zu wollen. Wir spüren die Erde unter unseren Füßen und öffnen aus dieser Verbindung heraus unser Herz. Genau daraus schöpfe ich zugleich immer wieder Momente großer Hoffnung: Ich bin nicht allein, es gibt Menschen, die bereit sind, sich all dem Schrecklichen zuzuwenden. Dadurch, dass wir uns gemeinsam dem zuwenden, wofür wir uns ansonsten oft taub machen, entsteht ein Gefäß, das größer ist als mein eigenes kleines Herz. Meine Trauer, meinen Schmerz fühle ich nicht in Einsamkeit, sondern in Verbindung mit anderen und mit dem Großen. Das konnten Menschen früher gut, dafür hatten sie Rituale. Aber unsere Gesellschaft hat es verlernt und gelang so dorthin, wo wir uns heute befinden.

Zum ersten Mal begegnete mir die Erkenntnis, dass Trauer und Hoffnung zusammengehören, in der Tiefenökologie Joanna Macys. Sie wird nicht müde, zu wiederholen: »In meiner Verzweiflung zeigt sich meine Liebe für das Leben.« Das ist tröstlich und ermächtigend. Es weist den Weg zur Erkenntnis, dass ich nicht hoffen kann, obwohl ich trauere – sondern dass ich hoffen kann, weil ich trauere! Was heißt das? Wir machen uns auf den Weg, uns aus der Erstarrung zu lösen und das gemeinsame Trauma von Abspaltung und Verhärtung zu erkennen. Wir können in uns selbst fühlen, wie viel Gewalt das erzeugt hat und tagtäglich wieder erzeugt. Dass wir beginnen, tastend unser Herz zu öffnen, ohne zu wissen, wohin uns das führen wird, ahnend, dass es schmerzhaft sein wird – das lässt mich hoffen!

Ich wünsche mir, dass diese Haltung Eingang in Prozesse politischer Entscheidungsfindung finden möge. Es ist nicht automatisch gefühlsduselig, irrational oder manipulativ, sich dem Trauern zuzuwenden: Wir brauchen diese scheinbar unproduktiven, unpraktischen, auf den ersten Blick nicht immer zielführenden Momente, um als Menschen anwesend zu sein. Das ist etwas anderes als ein populistisches Ausnützen emotionsgeladender Empörungswellen!


Heike Pourian (54) ist Tänzerin, Autorin und Wandelforscherin. Sie schafft Räume der Begegnung durch Dialoge – in Bewegung, in Stille oder mit Worten.
beruehrbarewelt.dewahrnehmen.org


Das Sein des Winters

Ich bin dankbar für die Frage nach meinem Schmerz angesichts des Sterbezeitalters »Anthropozän«. Ich bin dankbar, weil die Nähe zu diesem Schmerz des Verlierens und Verlassenwerdens das Wichtigste ist, was wir haben. Es ist so schwer, in dieser Nähe zu bleiben, weil sie weh tut, und das ist der andere Grund meiner Dankbarkeit: Die Frage erinnert mich daran, dass ich mich entziehe. Ich lenke mich ab. 

Das Zeitalter des Sterbens ist auch das Zeitalter einer nie gekannten Ablenkung, und auch ich falle ihr zum Opfer. Ich bin unglücklich über soviel Abgelenktheit, aber ich weiß, dass sie mit dem Sterben zu tun hat, das ich sonst die ganze Zeit sehen müsste. Weil ich über Leben schreibe und weil ich Biologe bin, der durchschaut, wenn Lebensräume zwar grün aussehen, in Wahrheit aber steril sind, begleitet mich das Sterben ständig. 

Ich will hinsehen. Trauer ist Liebe. Ich glaube, es gibt keinen anderen Weg, das Leben zu lieben, als den hinein in den Abschied, in das Gehen der Wesen, die uns alleinlassen mit Strukturen, die Gier und Machtanhäufung eniger Weniger ermöglichen. In der Logik des Medizinrads sind wir jetzt im »Norden« angelangt, im Winter des Jahreslaufs, und wenn es Winter wird, hat es keinen Sinn, den Wandel zum Sommer zu erzwingen. Ich will die unendliche Abgelenktheit bis aufs Fundament verfolgen, und das ist die Trauer, und sie ruht auf dem Boden der Liebe. Ich will alle guten Äpfel des Sommers aufessen, den Wein austrinken und dann wirklich im Winter sein, in der Zeit der Leere, die meine Tränen unsichtbar aufnimmt, wenn ich sie weinen kann.

Es gibt ein sonderbares Sonett von Rilke, das so beginnt: »Sei allem Abschied voraus, als wäre er hinter dir, wie der Winter, der eben geht. Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter, dass, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.« Rilke beschreibt den Entschluss, nicht auszuweichen, nicht den positiven Impuls zu suchen, weil dieser – auch wenn er für kurze Zeit helfen mag – über die Wahrheit hinwegtäuscht. Die Suche nach dem Positiven vertuscht, dass es sich heute um ein Sterben der Welt handelt. Ich, als Teil der Welt, muss mitsterben.

Wenn das Leben nicht genährt wird, schwindet es. Aber es vergeht nicht spurlos, sondern es zieht sich zurück in die Unsichtbarkeit. Es kontrahiert sich im Nichts, so wie sich der Sommer in der Winternacht kontrahiert, wie er sich zusammenzieht in den Zwiebeln der Schneeglöckchen, unfindbar unter dem harten Boden, und doch unaufhaltsam dem Leben zustrebend. Das ist die Liebe auf der anderen Seite der Trauer. Sie ist für mich nicht kleiner in diesen Zeiten des Verblassens, weil jede Regung eines Wesens eine Botschaft des unvernichtbaren Lebens ist.

»Sei – und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung«, schreibt Rilke am Schluss des zitierten 13. Sonetts an Orpheus. Das ist das Sein des Winters, aber es enthält kein anderes Wissen als das, was mir in den Bläulingsflügeln des Juni entgegenflattert. Es ist das gleiche Wissen, einmal von außen, einmal von innen. Die Zeit des Innen ist jetzt. Die Liebe braucht meine Gegenwart. Ich will sie begleiten, wohin auch immer.


Andreas Weber (54) erforscht als Biologe, Autor, Philosoph und Hochschullehrer die -Allmende des Lebendigen.
autor-andreas-weber.de


Sich weigern, aufzugeben

Es ist erst ein paar Tage her, dass ich zuletzt in der Nacht wach lag und mich schlaflos hin und her wälzte. Es waren keine Dämonen, die mich durch die Stille des Zimmers jagten. Die Gedanken, die mich wachhielten, die mein Gehirn wieder und wieder wälzte, drehten sich um äußerst diesseitige Vorgänge. 

Dass es quasi unmöglich ist, die Klimakrise noch einzudämmen, bevor sich selbst beschleunigende Prozesse angestoßen werden, ist bekannt und sichtbar. Doch obwohl ich meine Tage mit Klimakämpfen fülle, sucht dieser Fakt mich nachts heim. Ich versuche, das rational zu verarbeiten, indem ich mir sage, dass gerade in den anstehenden Zerfallsprozessen die Frage, wie wir als Gesellschaft unser Miteinander organisieren, relevanter denn je wird – und ich genau darum kämpfe: dass wir Menschen ein Leben leben können, das sich zu leben lohnt. Doch dazu gehört eine intakte Lebensgrundlage – und die Möglichkeit dieser schwindet.

Sowohl meine Trauer als auch meine Hoffnung beziehen sich meist nicht auf Möglichkeiten in der Zukunft, sondern viel mehr auf das Hier und Jetzt – auf das, was jetzt gerade verlorengeht; auf all die vielen Menschen, die jetzt gerade gegen die Zerstörung unserer Lebensgrundlage und darüber hinaus kämpfen, so als würden wir von unterschiedlichen Positionen aus in einen Gluthaufen pusten, um ein Feuer zu entfachen. Es ist stockduster, und so können wir uns erst sehen, wenn das Feuer lodert.

Da sind Wut und Trauer darüber, überhaupt kämpfen zu müssen. Diese Trauer ist so groß wie die Kluft, die zwischen dem liegt, wie die Welt ist, und dem, wie sie sein könnte: eine Schlucht, die all meine Tränen und all die Tränen der anderen nie füllen könnten. Und doch gilt es, diese Schlucht und alle Widersprüche, die sich aus ihr ergeben, zu beweinen. Manchmal gibt es mir auch Kraft, die andere Seite der Schlucht schon sehen zu können, weil sie in dem schlummert, was hier und heute ist. Manchmal erscheint mir der Widerspruch dazwischen aber so unerträglich, dass ich daran zu zerbrechen drohe.

Doch zugleich ist da auch eine tiefe Dankbarkeit: dafür, dass ich kämpfen kann; dafür, dass ich Menschen um mich habe, die sich aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz weigern, aufzugeben; die sich weigern, sich von der scheinbaren Absolutheit des Kapitals und der Herrschaft lähmen zu lassen und stattdessen all das sehen, was dagegen und darüber hinaus getan werden kann.

Müsste ich all das vermeidbare Leid aushalten, ohne das Gefühl zu haben, dagegen wenigstens irgendwie wirkungsvoll sein zu können – und sei es nur, gegen eine Wand zu schlagen, damit sie vielleicht irgendwann Risse bekommt –, dann müsste ich das, was ich an mir selbst liebe, vergessen, um diesen Zustand ertragen zu können. Der einzige Weg, den ich gefunden habe, um Hoffnung zu schöpfen, um zu trauern, ohne wahnsinnig zu werden, ist zu handeln – und dabei festzustellen, dass ich nicht allein bin.


Indigo (26) blockiert seit einigen Jahren von Baumhäusern aus Akte der Klimazerstörung, organisiert Seminare über Systemwandel und schreibt mit einer Freundin ein Buch über die Transformation hin zu einer Gesellschaft, in der alle gut leben können.


Freiheit in Gegenwart des Todes

Ich laufe durch den Wald und frühstücke am Bach. Ich verbringe Zeit mit ihr, die ich liebe – der Erde. Wenn ich wage, sie zu beschreiben, ist sie das Netz, das uns hält, das Gewebe, in dem wir uns verlieren und finden. Wenn ich zurück aus dem Wald komme, werde ich hektisch. Der Zustand der Welt ist eine Geschichte. Ich trauere, weil ich Menschen verloren habe, die mir eine andere Geschichte hätten erzählen können, weil wir eine Lebenshaltung verloren haben, die uns in Verbindung zu dieser Welt setzt, und weil ich Teil von all dem bin und nicht weiß, wie ich die Erde gebührend lieben und ehren kann. Ich kann nur versuchen, so gut wie möglich dazusein. Ich trauere um meine Beziehung zu den zukünftigen Generationen, indem ich an sie denke. Sie sind gefährdet und das nimmt meinem Leben einen Teil seines Sinns. Ich zünde eine Kerze an und weine vor ihr. Ich fürchte mich vor dem Hunger und dem Kollaps, der auch zu mir kommen wird.

Ist nicht Hoffnung – angesichts unseres gegenwärtigen Vermögens, mit Enttäuschung und Schmerz umzugehen – oft nichts anderes als eine Kolonialisierung der Zukunft? In diesem Wissen heißt »hoffen« für mich »anerkennen«: Ich erkenne mehr und mehr an, dass das Menschenleben endet und wir vergehen. Das ist schwer, weil der Tod wenig Platz hat in unserer gegenwärtigen Lebenspraxis. Wenn der Tod und die Trauer ihren Platz verlieren, leiden das Leben und die Fülle. Ich trauere und danke, und wenn in absehbarer Zeit alles endet – so frage ich mich –, was ist es dann überhaupt noch wert, getan zu werden? Wie möchte ich – egal ob es Zukunft gibt oder nicht – leben? Einer meiner Lehrer sagte einmal: »Die Erde trauert. Sie trauert um uns.«

Hoffnung im Sinn der Projektion der Gegenwart auf die Zukunft verschwindet, und ich werde dadurch freier. Es ist eine Freiheit, die ich in der Gegenwart des Todes finde; wenn ich Konzepte und Ideen darüber, was das Richtige sei, loslasse und mich dann frage, was zu tun ich hierhergekommen bin. Dann lebe ich in eine Antwort hinein, in der mir die Begrenztheit meiner Zeit und das Geschenk meiner Privilegien bewusst werden.

Gemeinsames Trauern und Hoffen fühlt sich für mich in unserer Gesellschaft schwer an. Ich verbinde mich mit anderen. Zum Beispiel in der Ritualausbildungsgruppe beim Institut -»Circlewise«, in der wir lernen, ein Dorf zu sein und gemeinsame (Trauer-)Rituale zu feiern. Wir brauchen einander dafür. Ich vernetze mich auch mit Menschen aus der »Tiefen Anpassung« (deep adaptation), wir treffen uns jeden Freitag, um der Erde zu lauschen (earth listening). Ich trete für meine Werte in Aktionen ein, weil ich nicht mehr blind für etwas kämpfen will, dass ich sowieso nicht bekomme. Ich danke mehrmals am Tag für die Privilegien – zu leben, zu essen zu haben und viele weitere mehr –, die ich mitbekommen habe. Und ich fühle mich einsam.

Kommst du auf einen Moment bei mir vorbei, damit wir zusammen weinen können?


Simon Rumo (30) war Aktivist in bedrohten Wäldern und begleitet Gruppen. Er hat gerade seine Ausbildung zum Sterbebegleiter abgeschlossen.
rumoraeuber.wordpress.com


Aktives Hoffen

Manchmal gibt es Momente in meinem Leben, da bin ich einverstanden – einverstanden mit allem, was ist. Das sind Momente, in denen ich mich tief verbunden fühle mit dem Leben, Momente in Meditation, Momente auf meinen Wanderungen in den Bergen und auch Momente im Austausch mit Menschen. Dieses »Einverstandensein« hat nichts mit Bewertung zu tun, nichts damit, ob etwas meinen Wünschen oder Erwartungen entspricht, auch nicht damit, ob es sich gut anfühlt – es ist ein Annehmen der Situation, so wie sie ist. Es sind Situationen, die in mir tiefe Freude, Glück, Liebe auslösen, sowie Erlebnisse, in denen ich Trauer, Schmerz und Wut spüre. Es gibt Momente in meinem Leben, da unterscheidet es in mir nicht zwischen sogenannten positiven und negativen Gefühlen, da nehme ich nur wahr und sage innerlich »ja«. Ich kann diese Momente nicht erzeugen oder konservieren. Sie stellen sich meist dann ein, wenn ich mich selbst nicht so wichtig nehme, wenn ich spüre – nicht nur weiß –, dass ich verbunden bin mit allem, was lebt, auch mit dem, was vor mir lebte, und dem, was nach mir kommen mag.

Seit zwei Jahren dreht sich (fast) alles – im persönlichen und gesellschaftlichen wie auch im globalen Leben – um die Corona-Pandemie. Ja, wir müssen ihr Aufmerksamkeit widmen, keine Frage. Doch was mich wütend, traurig, ängstlich und ohnmächtig werden lässt, ist die Verdrängung der Riesenwelle, die auf uns zurollt: Unsere Erde wird immer fiebriger, und durch menschengemachte Handlungen zerstören wir unser Zuhause! Aber was heißt hier »wir«? Ich lebe doch in einem Ökodorf, ernähre mich überwiegend vegan, fahre mit öffentlichen Verkehrsmitteln und freue mich über Kleidungsstücke aus der Verschenkecke. Wenn jedoch alles mit allem verbunden ist, dann komm ich aus der Nummer nicht raus: Alles, was ich tue – genauso wie alles, was ich nicht tue –, hat Auswirkungen auf das Ganze.

Mir gefällt das Bild meiner Lehrerin Joanna Macy: Wir sind gleichzeitig Sterbebegleitung für das mechanistische und Geburtshilfe für das systemische Weltbild. Das heißt jedoch nicht, dass alles paradiesisch werden wird. Für mich heißt es, mir dieses Wandels bewusst zu sein. Dazu brauche ich Weggefährtinnen und Räume, in denen wir einander die starken Gefühle bezeugen können, die ich im Angesicht der Erdensituation spüre. Wenn ich meine Wut, meine Trauer oder meine Angst ausdrücke, bin ich oft erstaunt zu spüren, welche Kraft und Lebensfreude in mir aufsteigen. Nicht, weil die Situation im Außen sich geändert hätte, sondern weil in mir eine größere Weite und ein Bewusstsein entstanden sind, die es mir ermöglichen, dem Chaos zu begegnen, ohne verrückt zu werden. Das Erleben, dass sich meine Verzweiflung zu Ermutigung transformiert, lässt mich auch ins Handeln kommen. Zahlreiche menschliche und mehr-als menschliche Begleitende unterstützen mich dabei.

Nicht zu wissen, was kommt, ist für mich Antrieb, so gut es mir möglich ist, im Hier und Jetzt zu sein und das zu tun, was ich tun kann, tun muss. Denn wenn ich wüsste, dass ohnehin alles entweder »gut« oder »schlecht« ausgehen wird, dann käme es ja nicht auf mich an. Doch in einem komplexen System ist nichts vorhersehbar. So bleibt mir nur, »aktive Hoffnung« zu praktizieren, Hoffen durch bewusstes Handeln.


Gabi Bott (61) ist Trainerin für Tiefenökologie und lebt seit 21 Jahren im Ökodorf Sieben Linden. gabibott.de //

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