enkeltauglich leben
Titelthema

Pflanzen vor Gericht

In seiner »Charta der Pflanzenrechte« knüpft der italienische Botaniker Stefano Mancuso an vielfältige Traditionen an, die in mehr-als-menschlichen Wesen gleichwürdige Gegenüber erkennen.von Claus Biegert, erschienen in Ausgabe #67/2022
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Als ich aufwuchs, war die Welt um mich herum beseelt: Das Leben in einem Grasbüschel faszinierte mich. Als ich aufwuchs, hörte ich Geschichten, die ich nicht glauben wollte: Atombombentests seien doch bloß Tests. Als ich aufwuchs, ging ich, wenn niemand es bemerkte, nachts auf den Balkon, schaute in den Himmel und stellte Fragen. Ich erzählte es niemandem. Manchmal kam ich mir anders vor als die Anderen.

Dann wurde ich Journalist und bereiste regelmäßig Nordamerika. Bei den Onondaga im Staat New York traf ich Chief Irv Powless. Der erzählte mir, wie seine Eltern ihn als Baby in den Wald brachten, um ihn, den neugeborenen Erdbewohner, den dortigen Verwandten vorzustellen. Sie hoben den Kleinen den Bäumen entgegen und riefen nach oben: »Hier ist Irv, er ist neu auf dieser Welt, er wird eine Weile hier sein auf seiner Reise auf dem Strom des Lebens. Passt gut auf ihn auf, er wird auch auf euch gut aufpassen.« Er habe sich sein Leben lang im Wald nie alleine gefühlt, sagte Irv, denn er wusste, dass die Bäume ihn kannten.

Dann traf ich Ian Zaparte aus Nevada. Der erzählte mir, dass das Land der Western Shoshone durch die Nukleartests über Jahrzehnte radioaktiv verseucht worden war: »Wir sind das Volk, auf das die meisten Atombomben abgeworfen wurden.«

Jetzt wusste ich, dass meine kindliche Perspektive mich doch nicht getäuscht hatte.

Und schließlich kam Christopher Stone des Wegs. Der Jurist aus den USA hatte 1972 in der »Southern California Law Review« die Frage gestellt: »Should trees have standing?« – Dürfen Bäume vor Gericht? Stone berief sich auf den Status von Firmen. Auch diese wurden einmal zu »juristischen Personen« erklärt. Siemens, Monsanto, General Electric – alle keine Lebewesen, alle Konstrukte unserer Gesellschaft, alle seelenlos, vor Gericht müssen sie anwaltlich von Menschen vertreten werden. Warum, so fragte Stone, könnte das nicht auch für Berge und Wälder gelten? Diese Weichen zu stellen, sagte er, sei die große Aufgabe künftiger Juristinnen. Die Diskussionen mit ihm lenkten meinen Weg.

Dann, im April 2017, kam die Nachricht aus Neuseeland: Der Whanganui River erhält Eigenrechte! Die Vergangenheit zog im Zeitraffer an mir vorbei: gerade noch das Grasbüschel in Uffing – jetzt ein Fluss als Rechtsperson. Weitere Flüsse folgten. Ich persönlich musste dabei gleich an die Loisach denken, den Fluss meiner Heimat, die in Tirol entspringt und südlich von München in die Isar mündet. »Was wäre, wenn … ?« – kaum gedacht, erfuhr ich schon von dem geplanten Volksbegehren »Rechte für die Natur«, in Bayern soll es losgehen. Ich schloss mich an. Die Loisach ist meine Begleiterin.

Zuletzt trat Stefano Mancuso, Botaniker aus Florenz, auf die Bühne. Gerade noch hatte er uns die »Intelligenz der Pflanzen« nähergebracht, jetzt fordert er eine Charta der Pflanzenrechte. »La nazione delle piante« – »die Nation der Pflanzen« –, so Mancuso, habe ihm diese Charta diktiert; und so solle sie – in Kurzform – aussehen:

Artikel 1

Die Erde ist die gemeinsame Heimat allen Lebens. Die Macht gehört allen Lebewesen.

Artikel 2

Die Nation der Pflanzen garantiert die unveräußerlichen Rechte der natürlichen Gemeinschaften und erkennt sie als Gesellschaften an, die auf den Beziehungen zwischen den Organismen basieren, aus denen sie sich zusammensetzen.

Artikel 3

Die Nation der Pflanzen erkennt die tierischen Hierarchien mit ihren Kommandozentren und konzentrierten Funktionen nicht an, sondern unterstützt dezentrale Pflanzendemokratien mit verteilten Funktionen.

Artikel 4

Die Nation der Pflanzen respektiert die universellen Rechte aller gegenwärtigen und zukünftigen Lebewesen.

Artikel 5

Die Nation der Pflanzen garantiert das Recht auf sauberes Wasser, sauberen
Boden und saubere Luft.

Artikel 6

Der Verbrauch nicht regenerierbarer
Ressourcen auf Kosten kommender Generationen von Lebewesen ist untersagt.

Artikel 7

Die Nation der Pflanzen hat keine Grenzen. Jedes Lebewesen ist frei, ohne Einschränkung zu reisen, zu leben und sich zu bewegen.

Artikel 8

Die Nation der Pflanzen unterstützt die gegenseitige Hilfe natürlicher Gemeinschaften von Lebewesen und erkennt sie als Mittel des Zusammenlebens und des Fortschritts an.

Mancuso ist kein Jurist, er macht sich aber dennoch daran, die Aufgabe eines Anwalts der Umwelt zu übernehmen, um die Rechte der Fauna in einer Charta zu verankern. Es ist immer erfrischend, wenn jemand quer einsteigt, weil der Blick dann relativ frei auf das Sujet gerichtet ist. Dabei kann natürlich auch mal der rote Faden verlorengehen, was Mancuso bisweilen passiert, aber die Bedeutung des Unternehmens nicht mindert.

Pflanzen sind Haut und Fell der Erde und machen sie zur Mutter, sie sind unser Teppich des Lebens, sie sind unverzichtbar – was sie von vornherein von uns Menschen unterscheidet. Erst Pflanzen verwandeln unseren Planeten zu der Welt, die wir kennen. Ohne sie wäre unsere Erde so unbewohnbar wie der Mars oder die Venus, sie wäre eine sterile Felskugel.

Damit ist geklärt, wer das Fundament unseres Erdenlebens bildet. Wo ein Fundament ist, da vermuten wir auch eine Spitze. Und wie es unsere Art ist, gießen wir das Ganze in eine hierarchische Struktur – heraus kommt dann eine Pyramide. Als Organismen, die aus anorganischen Substanzen organische aufbauen, bilden die Pflanzen die Basis der Pyramide. Darüber liegen die Ebenen der Verbraucher, also der Pflanzenfresser und der Fleischfresser, bis hinauf zu uns, den »Spitzenprädatoren« ganz oben in der Nahrungskette. So das gängige Bild. Mancuso will diese Konstruktion auf den Kopf stellen: »Meiner Ansicht nach sollten die Energie produzierenden Organismen an der Spitze stehen und nicht die Energieverbraucher.«

Unser grünes Lebensfundament reicht bis tief in die Erde hinein. Ihre Verwurzelung im Boden hat für die Pflanzen weitreichende Konsequenzen: Sie können nicht vor Fressfeinden fliehen, sie können sich nicht auf Nahrungssuche begeben, sie können ihren Standort nicht wechseln, wenn dieser nicht mehr zum Gedeihen geeignet ist. Die Nation der Pflanzen hat für diese Umstände ein passendes Organisationskonzept geschaffen: Es gibt keine speziellen Organe, dafür sind alle Funktionen über den ganzen Körper verteilt. Pflanzen sehen, fühlen, atmen und denken von der Wurzel bis zur Blüte.

Wir – Vierbeinige, Zweibeinige, Geflügelte – sind mit einem Gehirn ausgestattet, das die Funktionen der verschiedenen Organe lenkt. Auch wenn Menschen sich historisch auch ganz anders organisiert haben, bildet dieses Schema ein Vorbild für derzeitige hierarchische Organisationsformen. Stefano Mancuso: »Wir replizieren dieses auf Zentralisierung und Führung ausgelegte Prinzip überall und bauen unsere Gesellschaften nach dem gleichen Schema auf. Seien es nun Unternehmen, Behörden, Schulen, Armeen, Verbände oder Parteien, alles ist in pyramidalen Strukturen organisiert. Unsere Werkzeuge, sogar unsere Computer, sind letztlich nur künstliche Analogien unserer selbst.«

Doch während sich im Computer unser zentrales Schaltsystem widerspiegelt, überrascht das Internet mit einer Ähnlichkeit zur Nation der Pflanzen: Es ist dezentral, weitverzweigt, besitzt keine spezialisierten Organe und setzt sich aus einer Vielzahl immer gleicher Knotenpunkte zusammen. Mancuso erblickt darin ein digitales Wurzelsystem: »Einzelne Module reihen sich endlos aneinander und bilden auf diese Weise immer größere und komplexere Strukturen, die jedoch kein wirkliches Zentrum besitzen. Das Wurzelsystem eines Baumes besteht aus Milliarden von Wurzelausläufern, die sich auf der Suche nach Nährstoffen und Wasser im Boden ausbreiten und ein Netzwerk bilden, das sich mit der strukturellen Komplexität unserer neuronalen Netzwerke messen kann.«

Artikel 3 schließt mit den Worten: »Die Nation der Pflanzen hat sich, indem sie ausschließlich auf dezentrale und modulare Organisationsformen setzt, für immer von den Problemen befreit, die mit der Fragilität, Bürokratie, Entscheidungsferne, Erstarrung und Ineffizienz hierarchisch oder zentral strukturierter Tierorganisationen einhergehen.«

Pflanzen kooperieren mit Bakterien und Pilzen und erweisen sich dabei als Meister der »gegenseitigen Hilfe«, wie sie 1902 der russische Geograf und Anarchist Pjotr Alexejewitsch Kropotkin für die Tier- und Pflanzenwelt beschrieben hat. Mancuso verweist bewundernd auf ihn. In Artikel 8 kommt dann auch unsere – des Menschen – Kooperation mit Pflanzen zur Sprache. Denn Domestizierung, so der Pflanzenkundler, sei nichts anderes als eine lange Beziehung, in deren Verlauf zwei Arten lernen, miteinander zu leben und voneinander zu profitieren: »Tatsächlich hat der Mensch durch die Domestizierung von Getreide einen Großteil seiner Ernährungsprobleme gelöst, denn etwa 70 Prozent der von Menschen verbrauchten Kalorien werden durch Getreide erzeugt. Im Gegenzug konnten Weizen, Reis und Mais sich dank des Menschen […] überall auf der Welt verbreiten. Zusammenarbeit ist die Kraft, die das Leben gedeihen lässt, und die Nation der Pflanzen erkennt sie als wichtigstes Mittel für den Fortschritt von Gemeinschaften an.«

Hier, auf Seite 140, endet der Text plötzlich. Hieß es nicht eingangs, »La nazione delle piante« hätte dem Autor die Charta diktiert? Wo sind dann die folgenden Seiten, auf denen die domestizierten Pflanzen ihre Abscheu darüber kundtun, wie wir mit ihnen umgehen? Wie wir – entsprechend zu den Massentransporten von Tieren – Monokulturen anlegen, in denen die Getreidepflanzen – ganz zu schweigen von den als »Unkraut« diffamierten Pflanzen – keine Rechte haben, dafür großzügig Pestizide und Herbizide verabreicht bekommen? Dies, so ließen informierte Kreisen mich wissen, werde von der Nation der Pflanzen schmerzlich vermisst! Das soll ich Ihnen auf diesem Weg ausrichten, Herr Mancuso: Diese Charta ist ein Entwurf, Verbesserungen sind jederzeit möglich! Dank gebührt Ihnen in jedem Fall. //


Mehr erfahren

... zum geplanten Volksbegehren »Rechte für die Natur«:
gibdernaturrecht.muc-mib.de


Claus Biegert (74) ist Autor, Journalist und Filmemacher. Er ist Beirat der »Gesellschaft für bedrohte Völker«, engagiert sich für eine Welt ohne Atomwaffen und Atomenergie
sowie für die Eigenrechte der Natur.

biegert-film.de

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