enkeltauglich leben
Permakultur

Mit Beharrlichkeit und positiver Resonanz

Karsten Winnemuth und Freunden ist es zu verdanken, dass Kassel seit mehr als zehn Jahren zur essbaren Stadt heranwächst.von Ulrike Meißner, erschienen in Ausgabe #67/2022
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© Essbare Stadt e.V.

In Oya-Ausgabe 1 berichteten wir über die Anfänge des 2009 in Kassel gegründeten Vereins »Essbare Stadt«. Dessen 30 Mitglieder hatten damals Flächen im Stadtgebiet zur Verfügung bekommen und planten nun erste Obst- und Nussbaumpflanzungen. Heute zählt der Verein rund 130 Mitglieder und kann das zehnjährige Bestehen des ersten innerstädtischen Waldgartens in Deutschland feiern. Ich traf Vereins-Mitgründer Karsten Winnemuth im vergangenen Herbst in Kassel. 

Schritt für Schritt in die Stadtöffentlichkeit 

Mit einer Grünfläche in der Kasseler Innenstadt hatte es angefangen: »plan t« hieß das als lebendige Skulptur angelegte Projekt und erinnerte mit seinem Titel an das englische »plenty« – es ist genug für alle da. Initiiert und gepflegt von dem gelernten Gemüsegärtner Karsten, wurden hier rund um ein als Kunstgalerie genutztes ehemaliges Trafohaus zwischen 2002 und 2012 diverse Nutzpflanzen im öffentlichen Stadtraum erlebbar. Hier entfaltete sich über zehn Jahre – seit 2007 auch unter dem Motto »essbare Stadt« – ein bunter, offener Garten, der Fülle, Vielfalt und Schönheit repräsentierte. Direkt an einer innerstädtischen Verkehrskreuzung gelegen, stand dort die Vermehrung im Vordergrund – und so wurde das gewonnene Saatgut auf Tauschbörsen oder direkt an Passanten weitergegeben. 

Bei diesem Projekt konnte Karsten gute Erfahrungen mit Stadtöffentlichkeit und -verwaltung sammeln. In der Folge konkretisierte sich die Idee, noch viel mehr essbare Pflanzen in den Stadtraum zu pflanzen; und so schrieb der damals bereits auf dem Lernweg zum Permakulturdesigner befindliche Karsten ein Ziele und Umsetzungsstrategien benennendes Konzept einer essbaren Stadt – und initiierte die Gründung eines gleichnamigen Vereins.

Zu dessen erklärten Zielen zählt die Stärkung lokaler Resilienz unter anderem durch Erhöhung des Selbstversorgungsanteils mit pflanzlichen Erzeugnissen. Konkret setzen die Vereinsmitglieder dies etwa durch Pflanzungen essbarer Bäume im öffentlichen Raum um. Bei einer Führung durch Kassel machte Karsten mich an zahlreichen Stellen auf das Wirken von Essbare Stadt e.V. aufmerksam. So trafen wir auf Obst- und Nussbäume, mit denen kommunale Grünflächen aufgepeppt wurden, auf einen Gemeinschaftsgarten sowie einen über den Verein initiierten Schulgarten, den Karsten als Ganztagsangebot mit Kindern pflegt und gestaltet.

Seit einigen Jahren gibt es in Kassel fünf Gemüse-Selbsterntefelder, auf denen professionell bepflanzte Parzellen für jeweils eine Saison gepachtet werden können. Der Verein hat die verschiedenen Bereitstellungs-Initiativen von Anfang an unterstützt; und er hat überdies mehrere Parzellen gepachtet, um seinen Mitgliedern den niedrigschwelligen Einstieg in den Gartenbau zu ermöglichen. Das auf den Vereinsparzellen geerntete Gemüse wird beim »Schmecktakel« gemeinsam verkocht und genossen.

Wie nebenbei holt Karsten beim Spaziergang die Gartenschere hervor, um einem am Ufer der Losse von selbst aufgegangenen Walnussbaum einen Formschnitt zu verpassen. Er freut sich dabei, dass die für die Pflege der Uferflächen zuständigen Leute vom Grünflächenamt den fast mannshohen Sämling nun schon seit mehreren Jahren stehenließen – Karsten deutet das als Zeichen eines allmählichen Bewusstseinswandels.

Der dafür mitverantwortliche Aktivismus sei allerdings nicht immer einfach gefallen. Zum Beispiel war aufgrund des fehlenden eigenen Flächenbesitzes zunächst hartnäckiges Anklopfen beim Umwelt- und Gartenamt nötig. Erst nach einem dreiviertel Jahr des regelmäßigen Nachfragens kam von dort endlich die Erlaubnis, auf einer ersten Fläche pflanzen zu dürfen: Im Stadtteil Waldau wurde dann 2010 mit der Setzung von vierzig Obstgehölzen eine städtische Wiese in einen »essbaren Park« verwandelt. Heute hat der Verein die Fläche, auf der sich unter anderem Walnüsse, Esskastanien, Äpfel, Kirschpflaumen und verschiedene Beeren ernten lassen, gepachtet.

Die Zusammenarbeit mit dem Gartenamt läuft mittlerweile auf einer anderen Ebene. Man kennt sich, und es kam sogar schon mal eine Anfrage vom Amt, ob Essbare Stadt nicht vielleicht Ideen für eine kaum genutzte Spielplatzfläche hätte – woraufhin dort der Gemeinschaftsgarten Wesertor ins Leben gerufen wurde.

Vielfältige Verbündete

Der eingangs erwähnte, zehn Jahre alte Waldgarten hingegen liegt auf einer Fläche, welche die örtliche Wohnungsgenossenschaft GWG im Stadtteil Forstfeld (!) zur Verfügung stellt. Nach einem Jahr konzeptioneller Vorarbeit wurden 2012 auf rund 7000 Quadratmetern ein Gemeinschaftsgarten sowie der permakulturelle Waldgarten mit rund 50 Gehölzen angelegt. Beides zusammen bildet den »ForstFeldGarten« – ermöglicht durch die fruchtbare Kooperation von Essbare Stadt mit dem Stadtteiltreff piano e.V. sowie mit der Kasseler Mach-Was-Stiftung. Zum Mittun eingeladen wurde damals übrigens erfolgreich über Postwurfsendungen in der unmittelbaren Nachbarschaft. Heute gärtnern hier rund 30 Menschen unterschiedlicher Nationalität, wobei auf den Parzellen Karsten zufolge »jeder sein Ding macht«. Der Waldgarten daneben steht nicht nur den unmittelbar Anwohnenden offen, und es wird viel geerntet. Seit einigen Jahren steht eine ehemalige Ausstellungshütte der »documenta« vor Ort; sie wird als »GartenKulturBühne« für Konzerte oder als Treffpunkt von Jugendlichen bespielt. Auch hier ist immer wieder Pflege nötig; wöchentlich gibt es deshalb das »Earth Care Projekt«, bei dem gemeinschaftlich mit den Gartennutzenden gestaltet, geputzt und gegärtnert wird. Größere Aufgaben organisiert man als Arbeitseinsätze und auch Gartenfeste werden zusammen gefeiert.

Nachmachen erwünscht! 

Auf die Frage nach Tips für das Vorgehen in anderen Städten empfiehlt Karsten, vernetzend an einer kommunalen Agenda für Klimaschutz und Stadtnatur mitzuwirken und mit konkreten Vorschlägen auf die Verwaltung zuzugehen. Um Bäume und Gemeinschaftsgärten in die Stadt zu bekommen, sei es in Kassel zudem förderlich gewesen, an bestimmte Jubiläen oder stadtweite Events anzuknüpfen.  

So schaffte die internationale Kunstausstellung documenta in Kassel immer wieder Raum für grüne Stadtveränderung. Mit dem documenta13-Projekt »commoning in Kassel« entstand beispielsweise 2012 der Gemeinschaftsgarten am Huttenplatz. Nach der Ausstellungszeit setzten sich zahlreiche Menschen für den Fortbestand des Gartens ein. Ein weiteres Beispiel ist die 1100. Jährung der Stadtgründung. Im Rahmen dieses 2013 begangenen Jubiläums startete der Verein das von der Stadt anerkannte Projekt »StadtFruchtGeNuss«. Ziel war und ist es weiterhin, im öffentlichen Raum 1100 Fruchtgehölze als neue Allmende zu pflanzen. Das Prozedere bei der Umsetzung des Langzeitprojekts ist inzwischen gut erprobt: Der Verein findet geeignete Standorte und gibt seine Vorschläge ans Gartenamt. Wenn es von dieser Seite grünes Licht gibt, wird der jeweilige Ortsbeirat für die lokale Verankerung und Förderung aus seinen Dispositionsmitteln einbezogen. Mit dem zuständigen Mitarbeiter des Gartenamtes werden die Details der Pflanzung besprochen und schlussendlich eine Pflanzaktion organisiert. Bis heute konnten so bereits etwa 500 Gehölze gepflanzt werden. Essbare Stadt kümmert sich dann drei bis fünf Jahre lang um die Anwuchspflege; manchmal finden sich auch Baumpaten vor Ort. Die Kronenpflege der Obstgehölze wird regelmäßig mit Baumschnittkursen kombiniert.  

Auch die Vernetzung mit anderen Initiativen und Institutionen aus den jeweiligen Stadtteilen ist sinnvoll und wichtig. So erschien zu Pflanzaktionen auch schon mal die örtliche Feuerwehr mit dem Tankfahrzeug zum Angießen der Bäume. 

Seit dem Zeitpunkt der Gründung des Essbare Stadt e.V. hat sich in Kassel das Thema Waldgarten ins Interessenfeld größerer Bevölkerungskreise bewegt. Und ein entsprechendes Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben gibt es seit -Kurzem auch an der Universität Potsdam. Im Projekt »Urbane Waldgärten: Mehrjährig, mehrschichtig, multifunktional« tritt das Kasseler Umwelt- und Gartenamt als Partner bei der Anlage von zwei »Urbanen Waldgärten« in Kassel auf – merkwürdig ist allerdings, dass in der offiziellen Projektdarstellung die Aktivitäten von Essbare Stadt e.V. nirgendwo Erwähnung finden. Denn die Erprobung von »Umweltbildung, sozialem Miteinander und einer naturnahen und langfristigen Form des Urban Gardening«, wie sie als Projektziele formuliert werden, betreibt der Verein immerhin schon seit dreizehn Jahren. 

Für die Zukunft hat Karsten bereits neue Pläne: Er möchte mit Essbare Stadt eine offene Lebensmittelwerkstatt aufbauen. Hier könnten die immer größer werdenden Erträge aus den Gärten und der wachsenden Bäume und Sträucher gemeinschaftlich verarbeitet werden. //


Inspiration für dein Umfeld

essbare-stadt.de


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