Titelthema

Gespräche mit Verwandten

Wie Menschen sich in Zeiten von Klimakrise und ­Artensterben verwandt machen – und warum wir
diesmal auf die Kuh gekommen sind.
von Matthias Fersterer, Anja Marwege, erschienen in Ausgabe #67/2022
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© Florianne Köchin

Klimakrise, Dürre, Überschwemmungen: Die Welt wird sich in den kommenden Jahrzehnten um 2, 3 oder sogar 4 °C erwärmen – das waren die Ausgangspunkte der vergangenen Ausgabe zum Thema »Kompost werden!« und sie sind es auch in dieser Ausgabe, in der wir fragen: Wie können wir uns mit unseren Mitwesen verwandt machen, und welche Auswirkungen hat das auf den Umgang mit Erde – im Kleinen wie im Großen?

Das Rind ist uns dabei zum Leitmotiv geworden, so dass es nun auch vom Titel dieser Ausgabe blickt. Zunächst hat das mit der Erde selbst zu tun: Wenn sich die Erdgöttin Prthivi matar in der Menschenwelt zeigt, so tut sie dies der vedischen Überlieferung zufolge in Gestalt einer Kuh: die Kuh als Verkörperung der Erde – deshalb gilt sie in Indien als heilig. Auch in anderen Traditionen waren Rinder wichtig: Auðhumbla, die »Milch-reiche«, säugt in der altnordischen »Edda« das erste Lebewesen, den -Riesen Ymir; auf den Orkney-Inseln wurden die Schienbeine von 400 Rindern speichenförmig um eine Steinziste mit den Gebeinen eines menschlichen Verstorbenen gefunden; und in steinzeitlicher Höhlenmalerei sind zahlreiche Bisons, Auerochsen und andere Urrinder abgebildet, deren kunstvolle Linien auch in den mäandernden Kuhherden auf den beiden Bildseiten, die diesen Text einrahmen, anklingen.

Die großformatigen Bildseiten in dieser Ausgabe sind Werke der Biologin und Künstlerin Florianne Koechlin (Seite 28). Sie hat eine besondere Beziehung zu Kühen und wird nicht müde, auf deren landschaftspflegende Qualität hinzuweisen. Auch ohne transzendenten Überbau können Kühe und andere grasfressende Wesen heilig und heilend auf Ökosysteme wirken: Bei der Weide- und Wander-weidewirtschaft (Seite 40) kommen den Wiederkäuern wichtige Aufgaben zu: Sie düngen den Boden, sorgen für höhere Artenvielfalt, stimulieren das Graswachstum, betreiben Landschaftspflege und sind – als Weidetiere gehalten – -mitnichten Klimakiller.

Zugehörig sein
Übrigens sind alle Hausrinder, egal wie sie aussehen, eng verwandt: Einem anthropologischen Forschungsteam der Univer-sität Mainz zufolge stammen alle heute lebenden Exemplare von einer nur 80 Köpfe zählenden Herde von Auerochsen ab, die vor gut 10 000 Jahren im Nahen Osten gezähmt worden sei.

Was bedeutet überhaupt »verwandt«? Es kommt vom mittelhochdeutschen verwant, »zugewandt«, -»zugehörig«. In Oya experimentieren wir schon seit einer Weile damit, den Vektor des Eigentumbegriffs umzudrehen und zu dekonstruieren: Als Mensch kann mir ein Stück Land letztlich nicht gehören, ich kann mich ihm jedoch zueignen, kann mich in den Dienst einer Landschaft stellen, ihr meine Menschenstimme leihen sowie Pfleg- und Hüteschaft angedeihen lassen. Aus einer ähnlichen Haltung heraus widmen Menschen ihr Leben dem Schutz von Mooren (Seite 36) oder dem Ansinnen, Flüsse oder Pflanzen zu -juristischen Personen zu erklären, wie etwa Oya-Rat Claus Biegert (Seite 56 und 66). »Alle Erdlinge sind im tiefsten Sinn verwandt«, schreibt die Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway in ihrem Buch »Unruhig bleiben« (Oya 53) – was kann das im alltäglichen Handeln bedeuten?

»Auch in unserer ›aufgeklärten‹ Gesellschaft ist Verwandtschaft nicht bloß eine Sache der Materie, der DNA, sondern auch der Vorstellungskraft, sonst hätten wir keine Schwägerinnen, Ehemänner und Schwiegerväter«, schreibt der Ethnologe -David Sumerauer in seinem Versuch über artübergreifende Wahlverwandtschaft und mehr-als-menschliche Lyrik (Seite 68). Deshalb spricht die Bestatterin Alessa Rhode auch von »Zugehörigen«, also von Menschen, die sich auf vielfältige Weise mit der verstorbenen Person verwandt gemacht haben, und nicht im Sinn des Gesetzes durch Geburt oder Eheschließung »Angehörige« sind (Seite 73).

Das Verirren als Qualität erkennen
Wenn wir Menschen als Zugehörige der Erde mit ihr und mit-einander verwandt sind, dann kann es uns nicht einerlei sein, ob sich die Welt in den kommenden Jahrzehnten um 2, 3 oder 4 °C erwärmt! Eine Gruppe von Klimaforschenden spricht sich derzeit dagegen aus, weitere Klimaberichte zu veröffentlichen, da alle Fakten auf dem Tisch lägen und es nun ums Handeln gehe. Davon erzählen auch drei Menschen, die aus der Klimaforschung ausgestiegen sind, um sich praktisch und politisch handelnd für Transformation hin zu lebensdienlichem Sein einsetzen (Seite 32).

Doch was genau bedeutet »handeln«? In einem ökosozialen Newsletter stand neulich: »Klimakrise: Diese 6 Hebel können uns noch retten«. Aber wer genau ist mit »uns« gemeint – alle Menschen, egal ob unter der Brücke oder im Schloss hausend, egal ob in Bottrop oder Dheli zuhause, egal ob männlich, weiblich oder nicht-binär? Alle Säugetiere, egal ob Mensch, Igel oder Dugong? Alle Lebewesen, egal ob Kuh, Baum oder Pilz? Alles Seiende auf dieser Planetin, egal ob Smartphone, Stein oder Wassertropfen? Und was genau bedeutet dann »retten«?

In Gesellschaften, die durch 6000 Jahre Patriarchat, 500 Jahre Kolonialismus und einen ebenso lange währenden »Krieg gegen die Subsistenz« (Ivan Illich) gekennzeichnet sind, ist das Rettende – und mag es noch so naheliegen – nicht immer leicht zu erkennen. Der Philosoph Báyò Akómoláfé, den wir zum ausführlichen Gespräch trafen (Seite 46), erkennt in dem, was gewunden, abseitig, versehrt, irritierend und erschütternd ist, Auswege und Chancen. Er lädt dazu ein, alle und alles als potenziell Handelnde zu erkennen: diesen Lichtschein, diesen Schattenwurf – wird das Licht von einer Glühbirne oder einer Kerze ausgesendet? Ist die Kerze aus Bienenwachs, Rindertalg oder Erdöl? Wie flackert ihr Licht, welche Schatten, welche Gestalten, welche Monster lässt sie über die Wände tanzen? Wie geht es uns damit? Wozu veranlasst uns das als Menschenleute? Im Zweifelsfall lässt uns diese Perspektive demütig erkennen, dass wir in weitreichende Beziehungsgewebe eingebunden sind. Das macht uns kleiner und größer zugleich – kleiner, weil wir damit endgültig anerkennen, dass wir nicht die »Krone der Schöpfung« sind, und größer, weil es uns vor Augen führt, dass wir das, was wir sind, erst durch die Bezogen-heit auf vielfältige Andere geworden sind.

Verkörperte Ahnung, tätiges Nichtwissen
Eine These dieser Ausgabe ist, dass abstrakte Klimaangst lähmt, während verkörpertes Trauern oder »aktives Hoffen« (Seite 6) ins Handeln führen. Worin liegt der Unterschied zwischen losgelösten Schreckensbildern, und verkörperter Zukunfts-ahnung? Dystopische Szenarien voller bewaffneter Plünderung an -hollywoodesken Nicht-Orten – führen eher zu Verdrängung und Ohnmacht. Ahnung hingegen ist an einen bestimmten -Körper – diesen! – und an konkrete Orte gebunden: Wie mag es sich anfühlen, wenn ich in dreißig Jahren im Garten unserer Gemeinschaft unter einem Baum sitze, mit gealtertem Körper und schlohweißem Haar, den Frühlingsduft einatmend: -Welche Bäume werden dann dort in einer wärmer gewordenen Welt überhaupt noch stehen? Welche anderen Pflanzen werden dort mit mir leben? Werden wir einen Winter im warmen Haus hinter uns gehabt haben – und womit werden wir geheizt haben? Werden Enkelinnen um mich herum sein, oder werden wir gar nicht mehr in diesem Landstrich leben können?

Wie verkörperte, sinnliche Erfahrung mit konkreten Flecken Erde zusammengehört, beschrieb auch bell hooks (Seite 20). Dabei wird sichtbar, wie eng die Ausbeutung menschlicher Körper und fruchtbarer Erde, über die die unlängst Verstorbene vor dem Hinter-grund jahrhundertelanger Ausbeutungserfahrung schwarzer wie weiblicher Körper schrieb, zusammenhängen: »Wenn uns die Erde heilig ist, dann können uns auch unsere Körper heilig sein« – im Umkehrschluss können wir nicht zu einer Haltung der Erdfürsorge kommen, wenn wir nicht auch gut für uns selbst sorgen. Letzteres kann – je nachdem, wo das Leben uns hingestellt hat – sehr Verschiedenes bedeuten: für weiße, für männliche, für reich geborene Menschen kann es zunächst heißen, anzu-erkennen, dass sie vielleicht gelernt haben, Fürsorglichkeit geringzuschätzen, oder nicht genau wissen, wie sie gut für Andere sorgen können. Die Demut und Freude, in ein Beziehungsnetz eingebunden zu sein, bedeutet genau das: Selbstfürsorge und Fürsorge für andere sind untrennbar verbunden. Sich der Subsistenz, dem alltäglichen Sorgen fürs Lebensnotwendige, für die Erde und für uns selbst hinzugeben: Das ist ein anderer Weg, als die abstrakten sechs Hebel zur Rettung der Welt zu bedienen.

Wer weiß, ob es nicht den entscheidenden Unterschied macht, den Nebenpfaden des Wäschewaschens und Quitten-einkochens zu folgen, dem Mäandern der Flüsse zu folgen und die Gelegenheit für einen Verwandtenbesuch zu nutzen: Haben Sie schon mal einer Kuh in die Augen geschaut? Sie sind groß, braun, glänzend wie frische Rosskastanien und manchmal schauen sie so interessiert, als hätten sie nur darauf gewartet, mit einem Menschen ins Gespräch zu kommen. Es ist eine Übung im Sich-verwandt-Machen. Falls keine Kuh in ihrer Nähe lebt, könnten Sie ja schon mal mit dem Titelbild dieses Hefts üben. Dass die Augen des Hochlandrinds dort durch Stirn-frasen verdeckt sind, macht nichts – das regt die Vorstellungskraft an! //

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