enkeltauglich leben
Titelthema

Als lebendiges Menschen­tier zwischen ­Zettelturm und Monitor

Körperforscherin Sonja Kreiner ­erzählte Maria König, warum wir unseren Knochen, Zellen und ­Organen, unserem Becken und Bauch lauschen sollten, so dass ­selbstorganisierte Projekte
lebendig ­bleiben.
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Maria König: In den letzten Jahren war ich in verschiedenen Projekten wie einem Kindergarten und einem Familienzentrum tätig. Ich habe dabei erlebt, wie nach 15 bis 20 Jahren die anfängliche Begeisterung und Eigeninitiative der Beteiligten einer müden bürokratischen Routine gewichen waren. Sonja, wir kennen uns über die Assistenz bei der Körperforscherin Ilan Stephani. Welche Gedanken hast du zu körperlicher Lebendigkeit im Angesicht bürokratischer Strukturen?  
Sonja Kreiner: Erst einmal ohne Bürokratie, ohne Staat und ohne äußere Strukturen gedacht: Was ist Körper? Oder: Wie ist körperlich sein und lebendig sein für mich? Darin liegt für mich der entscheidende Punkt. Wie bin ich mit meiner Körperin unterwegs, wie sehr interessiert sie mich? Wie sehr interessiert mich, wie sie sich anfühlt? Wie oft in meinem Leben schalte ich ab und bekomme meinen Körper gar nicht mit, weil ich das Hinspüren nie gelernt habe – weil ich in der Schule oder generell in unserer Kultur verlernen musste, meinen Körper zu spüren, und vergessen habe, dass ich ein lebendiges Tier bin, das voller Prickeln und Lust sein kann. Es spricht nichts dagegen, sich für zwei oder vier Stunden hinzusetzen und zu konzentrieren, aber wie gut bekomme ich mit, dass es irgendwann mal wieder dran ist, meine Durchblutung anzuregen, meine Gelenke zu dehnen, meine Muskeln geschmeidig werden zu lassen oder meine Atmung zu vertiefen? Es ist die Frage, wie ich mich darum kümmere, mich lebendig und gut zu fühlen, oder ob ich einfach sitzenbleibe und erlaube, dass mein Körpergefühl immer stiller wird und irgendwann abstirbt. 


Das ist ein spannender Punkt. Auf einer oberflächlicheren Ebene könnten wir uns darüber unterhalten, dass Büroarbeit in ein unlebendiges Dasein führt. Es ist Arbeit in Innenräumen mit schlechter Luft, Arbeit im Sitzen mit wenigen gleichförmigen Bewegungen. Die Augen sind fokussiert auf eine weiße Fläche mit schwarzen Zeichen. Die Hände bewegen sich viel, aber auch da ist der Kontakt reduziert auf die Fingerspitzen. Einen Kugelschreiber zu benutzen, ist heute fast schon ein seltener haptischer Hochgenuss. Der zunächst naheliegende Gedanke, ob es nicht für alle gesünder wäre, es gäbe weniger Bürojobs und stattdessen mehr Arbeit im Freien und in Bewegung, trifft noch nicht den Kern der Frage nach lebendiger Körperlichkeit.  
Genau. Gleichzeitig ist es aber auch nicht zu trennen davon, wie unsere Gesellschaft strukturiert ist. Auch bei Projekten, die zum Beispiel mit Kindern oder Kunst zu tun haben oder mit Gemeinnützigkeit und ähnlichem Schönen, Lebendigen und Kraftvollen, kommen wir nicht raus aus diesen Strukturen. Es braucht jemanden, der die Abrechnungen macht und sozusagen verpflichtet ist, mehr zu sitzen als die anderen, damit ein Projekt nicht illegal wird und von außen eingestampft werden kann. Ich habe große Widerstände dagegen, Büroarbeit zuverlässig und sorgfältig zu machen, und ich weiß, wie viel Überwindung es kostet, mich wirklich hinzusetzen. Daher habe ich Hochachtung vor allen Menschen, die sich dem widmen. Für mein Gefühl gehören Menschen, die die Schnittstellenarbeit in alternativen, lebendigen Projekten leisten, mehr unterstützt und gefeiert: »Hey, du machst es! Danke, dass du dich durchbeißt! Danke, dass du so viel sitzt. Kann ich dir etwas Gutes tun? Komm, wir schütteln uns zusammen!« Diesen Leuten sollten wir applaudieren und ihnen Blütenblätter streuen, weil sie Arbeit verrichten, die oft keinen Spaß macht und die meist nicht das Gefühl gibt, lebendig zu sein.

 

Da stimme ich dir vollkommen zu. Auch bei den Tätigkeiten, die wir als lebendiger bezeichnen, weil sie körperliche Aktivität beinhalten, wie etwa die Pflege älterer Menschen oder die Arbeit in einem Kindergarten, ließe sich die Frage stellen, wie sehr spüre ich meinen Körper und bin mit ihm verbunden. Wenn ich meinen eigenen Rhythmus übergehe und beispielsweise keine Pause mache, obwohl mein Körper eigentlich eine braucht, dann scheint mir dieser Modus des Abarbeitens und das damit verbundene Effizienzdenken sehr verwandt mit dem Modus der starren bürokratischen Schreibtischarbeit zu sein.  
Ja, Handwerken, Pflegeberufe oder selbst Gärtnern können genauso unkörperlich sein wie einfach nur zu sitzen und sich nicht mehr zu bewegen, wenn ich mich selbst dabei nicht körperlich wahrnehme. Das Regulieren unseres Nervensystems haben wir kulturell überhaupt nicht gut gelernt. Es hört sich so schlicht an, gleichzeitig ist es so ungewohnt und bedeutet eigentlich das Lernen einer anderen Kulturpraxis: Der Körper ist der Weg! 


Im Modus des Funktionierens erlebe ich die größten Widerstände dagegen in den Körper hineinzulauschen. Es fühlt sich erstmal nicht wie »der Weg« an, sondern wie »im Weg«. Für das Lauschen muss ich aus dem Modus, alles schaffen zu müssen, heraustreten − und dabei würde ich wahrscheinlich merken, dass ich viel weniger Aufgaben annehmen sollte, damit ich sie in einem atmenden Rhythmus tun kann.
 Wenn das Funktionieren lange im Leben kultiviert wurde, kann ein erstmal langsames Pendeln helfen, um es wieder auszugleichen: Vielleicht beginne ich damit, den Körper immer morgens für zehn Minuten an die erste Stelle zu setzen, um ihn bewusst zu spüren, zu dehnen oder zu schütteln. Obwohl sie sich anfangs wie ein zusätzlicher und überflüssiger Aufwand anfühlen mag, hält bewusste Körperarbeit die größten Energiereserven und Potenziale bereit. Aber es dauert einen Moment, bis sie fließen kann. Irgendwann ist dann einfach Weiterfunktionieren sehr viel weniger möglich und ich brauche mehr Biss, um weiterhin Rechnungen zu schreiben und meine Steuererklärung zu machen. Etwa mit der Haltung: »Okay, ich beiße mich wie ein wildes Tier in die Steuererklärung und dann schüttele ich mich wieder!«. 

 

Ich kann mich gut erinnern, wie wir in der Arbeit bei Ilan Stephani die energetische Übung der Jing-Tigerin der Steuer-erklärung gewidmet haben. Dieses Umdrehen – also nicht Körperübungen mit etwas Schönem zu verbinden und das Unangenehme dann so schnell wie möglich abzuhandeln, sondern gerade dort mit viel Energie hineinzugehen – finde ich sehr stark. Das ist etwas anderes, als Fitnesseinheiten für eine bessere Work-Life-Balance in meinen Alltag zu integrieren. Körperarbeit mache ich nicht, um besser zu funktionieren.  Das ist ein guter und wichtiger Punkt.


Eine weitere Stelle, wo ich es das Körperlich-werden wichtig finde, ist innerhalb von Projekten, wenn es um den Spagat geht, einen möglichst freien und lebendigen Raum zu kreieren und sich zugleich an Normen und Regeln halten zu wollen, weil es das Umfeld erfordert − wie bei einem Gartenfest, bei dem am liebsten alle nackt sein wollen, aber das gute Verhältnis zu den Menschen in der Nachbarschaft, die das irritieren würde, erhalten bleiben soll. Wenn es mir nicht gelingt, Wunsch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen – so kenne ich es von mir selbst – behalte ich damit verbundene Gefühle von Frust oder Trauer eher für mich. Da kann es heilsam sein, sich die Zeit zu nehmen, das gemeinsam zu betrauern oder sich darüber zu ärgern, anstatt die Gefühle weiter unterschwellig zu halten.  Wenn ich genau weiß, wo meine persönlichen Schwerpunkte und Leidenschaften im Leben liegen und worum es mir geht − beispielsweise Kinder wirklich frei aufwachsen zu lassen −, kann ich viel klarer entscheiden, wo ich wie viel Energie in das lebendigere Sein gebe. Wann lasse ich meine Kinder nackig rumspringen und verzichte darauf, selbst nackt zu sein, weil das nun wirklich ein Ärgernis für meine Nachbarschaft wäre? Und vielleicht finde ich das schade, aber an dieser Stelle halte ich mich nicht mit dem Schmerz auf. Ich reibe mich daran nicht auf, sondern weiß genau, um was es mir geht. Für welche Freiheit kann und will ich in welchem Moment den Raum halten? Ich überlege mir also, wo ich meine Widerstands- und Revolutionsenergie – die eigentlich klar ausgerichtete Lebensenergie ist – einbringe. Und in dem Beispiel wäre dann auch wieder die Frage, wie lebendig ich mich fühlen kann, während ich angezogen bleibe. Wie sehr bin ich mit meinem Körper in Kontakt und kann innerlich äußerst lebendig sein, auch wenn ich äußerlich heute ein paar Regeln befolge, weil mir gerade etwas anderes wichtiger ist? 


Das ist ein tolles Bild.
 Es ist wieder die Frage: Wie sehr kümmere ich mich darum, dass es mir gut geht – und zwar auch ein ganzes Stück weit unabhängig davon, was mir erlaubt oder nicht erlaubt ist? Und ja, ich halte mich dann vielleicht manchmal an vorgegebene Regeln, die mich wütend machen. Ich schüttele mich mit meiner Wut und lasse mich davon weder taub noch klein machen! Ich ignoriere das Gefühl nicht und lasse es nicht an mir vorbeigehen! Aber ich schaue, wo meine Schwerpunkte sind: Wo ist das, worum es mir wirklich geht? Und da gehe ich mit meiner ganzen Lebendigkeit rein, konzentriere mich auf das für mich wirklich Entscheidende, nicht auf Kleinigkeiten darum herum.

Das bricht wieder auf eine gute Weise mit der Effizienz- und Optimierungsnorm. Ich muss nicht immer körperlich und gegen alles und überall sein. Ich darf mir meine Kräfte einteilen, um am Ende nicht unter dem Anspruch, immer und überall alles zu halten, zu kollabieren.
 Ich möchte noch einmal zur Eingangsfrage zurückkehren: Wie kann ein Projekt 20 Jahre lebendig bleiben, ohne dass der Saft verloren geht? Meine Antwort wäre: Ein Projekt mit einer einmal formulierten Ausrichtung kann nicht 20 Jahre lebendig bleiben. Es muss sich verändern, sonst bleibt es nicht lebendig, nicht einmal über wenige Jahre hinweg. Es ist schön, wenn sich alle an den Gründungsimpuls erinnern, aber wenn sich ein Projekt nicht mit den neu Hinzukommenden aktualisiert, dann – so glaube ich – wird alles alt. Alle Beteiligten müssen das Gefühl haben, hier wirklich ein wichtiger und entscheidender Teil des Ganzen zu sein.

Danke für das schöne Gespräch. //


Sonja Kreiner (45) ist Lebensfreude-Forscherin. Um Freude und Ekstase ins Leben zu bringen leitet sie – im Raum Freiburg und online – Sing- und Tanzgruppen und unterrichtet rund um Improvisation, Sexualität, Gefühle, Trauma und Embodiment. sonjakreiner.de


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