enkeltauglich leben
Commonie

Die Gegenwart der Toten unter den Lebenden

Nachruf auf Christopher Alexander, der das Wesen ­lebendigkeitsfördernder Gestaltung erkundete.von Matthias Fersterer, erschienen in Ausgabe #68/2022
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© Wikimedia Commons

Eine verwitterte Bank vor der windschief gewordenen, mit Efeu bewachsenen Südseite einer inzwischen abgerissenen Schnitterkate: Unzählige Worte waren dort gedacht, geschrieben, gesagt, geschwiegen worden – unzählige Rederunden und spontane Zusammenkünfte hatten sich dort ereignet – unzählige Feste waren dort gefeiert worden. Der Platz lud zum Verweilen ein, alles schien dort zu stimmen, nichts zu fehlen.

Orte von dieser Qualität gibt es überall. Der österreichisch-US-amerikanische Architekt und Architekturtheoretiker Christopher Alexander (1936–2022) nannte sie die »Qualität ohne Namen«. Diese Qualität sei zwar unbenannt, aber weder zufällig, noch rein subjektiv, sondern überpersönlich: »Es gibt eine zentrale Qualität, die das fundamentale Kriterium für das Leben und den Geist eines Menschen, einer Stadt, eines Gebäudes oder der Wildnis ist. Diese Qualität ist objektiv und präzise, aber sie kann nicht benannt werden«. Dieser Gedanke sammt aus »The Timeless Way of Building« (1979), das zusammen mit »A Pattern Language« (1977) und den vier Bänden von »The Nature of Order« (2002–2005) Alexanders theoretisches Hauptwerk bildet. Immer wieder betonte er darin, dass Muster nicht er-funden, sondern ge-funden werden. Eine reiche Fundgrube waren für Alexander »vernakuläre«, also traditionelle, regional eingebettete Bauweisen. Die Erkenntnisse, die er daraus schöpfte, sollten nicht nur die Architektur nachhaltig prägen, sondern auch die System- und Designkunde, die Permakultur, die Organisations- und Softwareentwicklung – und nicht zuletzt die Commonsforschung: Silke Helfrich gründete die von ihr begonnenen »Muster des Commoning« auf Alexanders Mustersprachenansatz, der auch zahlreiche Oya-Beiträge inspirierte.

Am 17. März verstarb Christopher -Alexander nach langer Krankheit. Für den Lebendigkeitsforscher bildeten Leben und Tod jedoch keinen absoluten Gegensatz. So schrieb Alexander in Muster 70: »Wer dem Tod den Rücken kehrt, lebt nicht. Die Gegenwart der Toten unter den Lebenden ist eine alltägliche Tatsache in einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder zum Leben ermutigt.«  

patternlanguage.com


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