enkeltauglich leben
Commonie

Wie kann nach Hause gehen politisch sein?

Reflexionen über Einbettung und Beheimatung und darüber, warum das Glitzern der Großstadt und des Bonbonpapiers uns Menschen in seinen Bann zieht.von Andrea Vetter, erschienen in Ausgabe #45/2017
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Ich bin kein politischer Mensch. Eigentlich. Das sagte ich jahrelang und immer wieder und war davon überzeugt, dass ich nicht »politisch« sei. Nicht politisch im Sinn von »berechnend«, »kalkulierend«, »sich in den Vordergrund drängen wollend«, »sich mit der Steuergesetzgebung und dem Bund-Ländern-Finanzausgleich befassen wollend«. Es hat lange gedauert, etwa fünfzehn Jahre, bis ich aufgehört habe, diesen Satz zu benutzen. Bis ich verstanden habe, was Politik auch ist und sein könnte.

Ich war immer schon ein politischer Mensch. Ich war Klassensprecherin und in der Fachschaft meines Studiengangs und später bei bundesweiten politischen Netzwerken aktiv. Ich habe protestiert und bei Aktionen mitgemacht, und jetzt arbeite ich bei einem Verein, der politische Bildungsarbeit macht und Graswurzelbewegungen verbindet.

Was heißt überhaupt »Politik«? Es heißt im griechischen Sinn der politeia Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen. Die Forschungsfrage lautet also: Wie kann »nach Hause gehen« – also die Verantwortung für mein eigenes Lebensumfeld zu übernehmen, anzunehmen, zu leben und zu erfüllen –, wie kann diese Verantwortung mit der Verantwortung und Gestaltung des Gemeinwesens – also Zusammenhänge, die über mein Haus hinausgehen – zusammenkommen? Ist das nicht eine Überforderung?

Wo liegt zu Hause?
Wir sitzen in der Brennkammer, mein Vater und ich. Es ist ein regengrauer Märztag, doch uns ist mollig warm hier drin. Wir betrachten, wie der Lutter ganz langsam, Tropfen für Tropfen, in den Eimer hüpft. Wir sitzen und schweigen friedlich. »Lutter« ist der erste Brand, der aus dem Apfelmost noch nicht so hochprozentigen Alkohol macht, mit vielen Fusel-Anteilen, das habe ich heute gelernt. In einem zweiten Brenndurchgang nächste Woche wird er noch einmal durch den Kupferkessel geschickt und veredelt werden. Der Kupferkessel stammt aus der Gastwirtschaft, die meine Ur-Urgroßeltern und danach meine Urgroßeltern bis in die 1960er Jahre betrieben haben. Dann haben sie verkauft, mein Opa wollte nicht zusätzlich eine Gastwirtschaft führen, sondern nur noch Förster sein, wie es sein Vater und sein Großvater und sein Urgroßvater auch schon waren. Den Kupferkessel haben sie mitgenommen aus der alten Gastwirtschaft, genauso wie das Brennrecht. Der Kessel ist fest eingemauert, so verteilt sich die Wärme besser. Er steht in der Brennkammer im Schuppen des schmucken Zweifamilienhauses, das meine Urgroßeltern und meine Großeltern gemeinsam in den 1960er Jahren gebaut haben, nachdem die Gastwirtschaft verkauft worden war. Geheizt wird der Brennkessel mit dem Holz vom Obstbaumschnitt des Herbsts. Es ist Holz, das eine ungleichmäßige Wärme erzeugt. Für den Lutter gut genug. »Das ist nachhaltig«, sagt mein Vater stolz, weil er weiß, dass mir solche Dinge wichtig sind. An den Wänden sieht man noch die braunen Spritzer und Flecken, als der Kessel früher einmal übergelaufen ist, »gekotzt hat«, wie mein Vater sagt – Jahrzehnte alte Zeugnisse dafür, dass mein Großvater oder mein Urgroßvater nicht so penibel auf den Druck im Kessel geachtet haben, wie mein Vater es tut. Überall die Spuren meiner Familie, meiner Vergangenheit. Auf dem Friedhof des kleinen Dorfs steht mein Familienname auf vielen der Grabsteine. Meine kleine Tochter spielt derweil mit meiner über neunzigjährigen Oma im Haus. Spuren der Zukunft? Mein Vater brennt einen sortenreinen Schnaps aus Gravensteiner Äpfeln, darauf legt er wert. Die Äpfel wachsen auf der Streuobstwiese meiner Oma. Meine Vorfahren haben die Bäume gepflanzt und gehegt. Es ist ein guter Schnaps. Ich schaue zu, lerne, und frage mich, wie nach Hause gehen politisch sein kann. Ich weiß jetzt, wie ich politisch sein kann. Aber ich weiß nicht genau, was es heißt, nach Hause zu gehen, und ob ich das will.

Wenige Tage später warte ich auf den ICE, der aus der nächsten Stadt abfährt und mich zurück bringt in mein Großstadtleben. Von meinem Bahnsteig aus sehe ich den Busbahnhof, und von dort dringt ziemlich laute, extrem groovige Musik. Ich drehe mich um, und sehe die Jugendlichen, die tanzen. Breakdance. Ich lasse meine Blicke weiter schweifen und erfasse plötzlich die Szenerie: während in der Mitte immer abwechselnd die Mutigen tanzen, stehen darum herum große Grüppchen von Jugendlichen, und auch oben auf der Eisenbahnbrücke sitzen sie, blinzeln wie Tiger in die Sonne, schauen gespannt-gelangweilt herab. Der Busbahnhof ist ihr Place-to-Be in dieser ordentlichen Stadt. Ich lächle, setze mich und schaue zu. Ich denke an die Zeit, als ich vierzehn war. Ich erinnere mich, wie wir an unserem verschlafenen Kleinstadtbahnhof herumsaßen, ein paar Jugendliche, stundenlang. An das Gefühl, hier irgendwie an die Welt angebunden zu sein, die Möglichkeit des Wegfahrens greifen zu können in den alle halbe Stunde an- und abfahrenden Zügen. An das Kribbeln, als der Junge neben mir nach gefühlten Stunden des Wartens zaghaft meine Hand nahm. An die Liebe zu Bahnhöfen, die mir geblieben ist – immer noch erfüllt es mich mit kribbliger Aufregung, wenn ich darüber nachdenke, jetzt einfach den Zug nebenan nach Moskau zu besteigen, nach Paris oder nach Wien, wenn ich von Berlin, Gleis 3, Tiefbahnhof, nach Anklam fahre. Als ich Anfang zwanzig war, wollte ich wegfahren, weg von den Spuren meiner Vorfahren, von der Familie, von den Gravensteiner Apfelbäumen, dorthin, wo ich Menschen vermutet habe, die die Sprache meines Herzens sprechen. In die große, glitzernde Stadt.

Die Sehnsucht nach dem Glitzern
Ich erinnere mich an ein Gespräch letzten Herbst mit einer ungarischen Freundin, ich war für die 5. Internationale Degrowth-Konferenz in Budapest – eine internationale Tagung zu Kritik an Wirtschaftswachstum und zu gesellschaftlichen Alternativen. Es war ein lauer Spätsommerabend, und ich half ihr, die Wäsche abzuhängen in ihrem schäbig-schönen alten Hinterhof, auf den die Musik einer Nachbarin schallte. Ihr Mann brachte die Kinder zu Bett. »Weißt du«, sagte sie zu mir auf Englisch, »das mit Degrowth ist ja eine gute Idee, aber ich weiß nicht, wie das funktionieren kann. Die Konsumwelt ist einfach zu verführerisch.« Und dann erzählte sie mir eine Geschichte, ihre Geschichte, die mich nicht mehr losgelassen hat: Sie selbst war die ersten zehn Jahre ihres Lebens in Rumänien aufgewachsen, in den 1980er Jahren ein ärmliches Land. Es gab wenige Dinge, aber von allem genug, es war eine beschauliche, gesellige Welt, in der meine Freundin manchmal ein Huhn mit aufs Plumpsklo in Omas Garten nahm, um Gesellschaft beim Klogang zu haben. Zu Weihnachten kamen Westpakete, von der ungarischen Verwandtschaft, mit glitzernden Bonbons darin, die man an den Weihnachtsbaum hängen konnte. Meine Freundin hütete die glänzenden Bonbonpapiere wie einen Schatz. Sie strich sie glatt, sie holte sie hervor, und sie dachte mit Sehnsucht an den Westen, in dem alles glitzert. Und dann, als sie zehn Jahre alt war, war es soweit, die Familie durfte ausreisen, für immer, nach Ungarn. Sie ließen die Oma, den Garten und die Hühner zurück und überquerten mit dem Auto nachts die Grenze. Meine Freundin erinnert sich noch daran, wie die Leitpfähle der großen Straße in der Nacht glitzerten und schimmerten, um sie zu begrüßen, dessen war sie sich sicher. Sie war angekommen in der glitzernden Stadt. »Woher kommt dieses Verlangen nach dem Glitzernden?«, schloss sie ihre Erzählung, und wir dachten gemeinsam darüber nach, wie schon unsere Kinder als Babys von glitzernden Dingen fasziniert gewesen waren. Vielleicht lieben wir Menschen alle das Glitzern, so wie die Elstern.

Wenn nach Hause gehen selbst schon ein politischer Akt ist, dann muss die Frage anders gestellt werden. Dann lautet sie nicht mehr: Wie kann nach Hause gehen politisch sein? Sondern: Wo liegt überhaupt zu Hause? Wer entscheidet darüber, welchen Ort jemand Zuhause nennen darf? Müssen dort die Spuren unserer Vorfahren an den Wänden zu sehen sein? Wie lange muss ich mich um etwas kümmern, bevor es meins geworden ist? Und natürlich: Wie kann nach Hause gehen glitzern?

Wie ging es weiter?
Jetzt ist es Mittsommer 2022, fünf Jahre, nachdem ich diesen Text verfasst habe. Und ich habe tatsächlich Antworten gefunden auf meine Fragen von damals – das hätte ich nicht gedacht! Ich bin tatsächlich nach Hause gegangen, habe ein gemeinsames Haus gekauft, zusammen mit befreundeten und wahlverwandten Menschen, in Ostbrandenburg, wo niemand meiner Ahnleute gelebt hat, zumindest nicht, dass ich wüsste. Politisch zu sein bleibt hier nicht aus – sei es in Ratsgremien, in Bündnissen oder in Protesten gegen die AfD-Kneipe. Wir haben das benachbarte Gelände einer ehemaligen Schnapsbrennerei dazu gekauft, und ich suche dort nach Spuren der Menschen, die schon länger als ich an diesem Ort leben. Ich betrachte die verstaubten Tafeln zur Dorfgeschichte, die eingelagert in der Scheune der Brennerei stehen, und will etwas von der Vergangenheit dieser Menschen verstehen. Bei der Dorfkneipe am Donnerstagabend lausche ich ihren Geschichten, wie sie Industriealkohol gebrannt haben, und dabei immer mal wieder etwas abgezweigt wurde, für den Hausgebrauch. Vor dem Backsteingebäude steht ein großer Wachholderbaum – »Juniper«, nennt ihn die Person, die in meiner Berliner WG wohnt und übers Wochenende zu Besuch bei mir auf dem Land ist. Sie kommt aus den USA, und erklärt mir, dass Wacholderbeeren genutzt werden, um Gin herzustellen. Ob die Menschen aus dem Dorf hier ihn deswegen vor das Tor der Brennerei gepflanzt haben, in der Hoffnung, ihren heimlich zur Seite geschafften Brand veredeln zu können, wenn er einmal groß sei? Der Baum wurde groß, doch in der Brennerei wird nicht mehr gebrannt, und das gesamte politische System, in dem der Baum gepflanzt wurde, ist zusammengebrochen. Doch der Baum steht noch, und auch die Mauern – sie sind aus der Zeit der Junker und des Kaisers. Was meint »politisch sein«, wenn die politischen Gebilde doch im Vergleich zur Lebensdauer von Feldsteinmauern und Bäumen so kurzlebig sind?

All die Jahre hat mich auch die Frage nach dem Glitzern nicht losgelassen, und dann habe ich auch diese Antwort gefunden. In der Küche unseres Hauses hat meine Freundin und Mitbewohnerin Julia sie mir erzählt, irgendein evolutionsbiologisch arbeitender Mensch hat es herausgefunden: Alle Menschen lieben das Glitzern, weil es uns an die spiegelnde Oberfläche des Wassers erinnert. Glitzern verheißt Flüssigkeit, Trinken. Jedesmal, wenn ich mir die Nägel lackiere, denke ich jetzt daran, dass Glitzern Lebendigkeit bedeutet. Manchmal denke ich auch an das Mikroplastik im Nagellack. Und dann bin ich traurig und fröhlich zugleich, über das Durcheinander, über das Unreine, über das Unfertige, über mein Scheitern und meine Liebe zu den glänzenden Dingen und darüber, dass ich zuhause politisch sein kann, und muss – denn wenn ich die Zusammenhänge, die über mein Haus hinausgehen, nicht aktiv mitzugestalten versuche, wird auch unser Haus nicht lange bestehen können.


Oya im Ohr
Diesen Beitrag gibt es auch als Hörstück.

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