enkeltauglich leben
Titelthema

Muster des Friedensschaffens

Wo lassen sich Erfahrungen, Geschichten, Praktiken finden, die dabei helfen können, friedlich miteinander umzugehen? Eine Spurensuche durch Zeit und Raum.von Matthias Fersterer, Tabea Heiligenstädt, erschienen in Ausgabe #70/2022
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Frieden ist kein statischer Zustand, der irgendwann einmal erreicht sein wird. Diese Erkenntnis kam uns auf der Suche nach friedensstiftenden Praktiken. Ist »Frieden« dann vielleicht gar kein Substantiv? So wie »Commoning« den Prozess des Gemeinschaffens beschreibt, der ein Commons überhaupt erst und immer wieder neu hervorbringt, ist »friedenschaffen« ein Verb. Unsere Sprache birgt viele Beispiele für solche prozesshaften Friedensbeziehungen: Frieden stiften, Frieden pflegen, jemanden in Frieden lassen …

Angeregt durch die von Silke Helfrich beschriebenen »Muster des Gemeinschaffens«, haben wir in vielen Richtungen nach »Mustern friedensstiftender Praktiken« Ausschau gehalten. Wir wollten Geschichten sammeln, die erzählen, wie Frieden gesät und gepflegt werden kann. Frieden ist auch ein Weg. Damit dieser Weg nicht zuwuchert, müssen viele Menschen ihn gehen und pflegen. Auf dornenüberwachsenen Pfaden sind Menschen vonnöten, die dort Wege sehen und beschreiten, wo es scheinbar keine gibt. Die Vorstellungskraft auf dieses Pfadfinden zu lenken, kann ungeahnte Kräfte freisetzen und überraschende Wendungen herbeiführen.

As-salāmu ‘alaykum, der arabische Friedensgruß »Friede sei mit dir«, ist bei Begrüßungen und Verabschiedungen eine beständige Erinnerung daran, was wichtig ist. Wie der Landwirt und Literat Wendell Berry auf Seite 63 zitiert wird: »Was wir brauchen, ist da.« Es gibt also nichts, was uns davon abzuhalten bräuchte, zu-frieden zu sein.


Gabe und Aufgabe

In ihrer Arbeit verflicht die Pflanzenökologin Robin Wall Kimmerer ihre Perspektiven als Akademikerin, als Angehörige der Potawatomi, als Mutter und als Großmutter.


Ich träume von einer Welt, deren Sichtweise sich von Geschichten herleitet, die in den Offenbarungen der Wissenschaft wurzeln und in ein indigenes Weltbild eingebettet sind – Geschichten, in denen sowohl die Materie als auch der Geist zu Wort kommen. Wissenschaftler sind besonders gut darin, Erkenntnisse über das Leben anderer Arten zu gewinnen. Die Geschichten, die sie erzählen können, sprechen vom immanenten Wert des Lebens anderer Wesen, die in jeder Hinsicht so interessant, vielleicht sogar inter-essanter sind als der Homo sapiens. Doch obwohl Wissenschaftler die Intelligenz dieser anderen Arten besonders gut kennenlernen, scheinen viele von ihnen zu glauben, dass die Intelligenz, der sie begegnen, nur ihre eigene ist. Ihnen fehlt eine grundlegende Eigenschaft: Demut. Es bedarf der Demut, um von anderen Arten zu lernen. Im Weltbild der Indigenen stehen die Menschen in der Demokratie der Arten nicht an der Spitze. Wir werden die »jüngeren Brüder der Schöpfung« genannt und müssen wie jüngere Brüder von den älteren lernen. Die Pflanzen waren zuerst da und hatten lange Zeit, sich in der Welt zurechtzufinden. Sie leben sowohl über- wie unterirdisch und halten die Erde in ihrem Platz fest. Pflanzen wissen, wie man aus Luft und Wasser Nahrung macht. Sie ernähren nicht nur sich selber, sondern versorgen mit dem, was sie produzieren, auch noch alle anderen Arten. Sie sind Dienstleister für den Rest der Gemeinschaft und verkörpern beispielhaft die Tugend der Großzügigkeit, indem sie immer etwas zu essen anbieten. Was wäre, wenn die westlichen Wissenschaftler in den Pflanzen ihre Lehrer sehen würden, statt ihre Untertanen? Wenn sie Geschichten erzählen würden, die von dieser Sichtweise bestimmt sind?

Viele indigene Völker teilen die Auffassung, dass jeder von uns eine besondere Gabe, eine einzigartige Fähigkeit hat. Wie die Vögel den Gesang und die Sterne das Funkeln. Doch haben diese Gaben für sie eine doppelte Natur: Jede Gabe ist zugleich eine Verantwortung, eine Aufgabe. Wenn der Vogel die Gabe des Gesangs hat, ist es seine Aufgabe, den Tag mit Musik zu begrüßen. Es ist die Pflicht der Vögel zu singen, und wir übrigen empfangen ihren Gesang als Geschenk. Die Frage nach unserer Verantwortung ist vielleicht auch die Frage nach unserer Gabe. Und wie wir sie verwenden sollen. […] Die Dankbarkeit steht am Anfang, aber Dankbarkeit allein reicht nicht. Wir wissen, dass andere Wesen besondere Gaben haben, Fähigkeiten, die den Menschen fehlen. Sie können fliegen, bei Nacht sehen, mit ihren Krallen Bäume aufreißen, Ahornsirup machen. Was können die Menschen? Wir mögen keine Flügel oder Blätter besitzen, aber dafür haben wir Worte. Sprache ist unsere Gabe und Aufgabe. Ich bin zu dem Schluss gelangt, dass Schreiben ein Akt des Gebens und Nehmens gegenüber dem lebendigen Land ist. Mit Worten können wir an alte Geschichten erinnern und neue erzählen, Geschichten, die Wissenschaft und Geist wieder in Einklang bringen.

Aus: Geflochtenes Süßgras, Aufbau Verlag, 2021


Systemsprenger integrieren

2019 besuchte der Mohawk-Älteste Tom Porter einen Teil der Oya-Redaktion in Klein Jasedow. Im Gespräch mit Oya-Rat Claus Biegert erzählte er die Legende vom Friedensstifter, der Gründerfigur der Konföderation der Irokesen (Haudenosaunee), und dem Tadodaho, einer Widersacherfigur. Ganz anders als in dualistischen Traditionen gilt es diesen Systemsprenger im Weltbild der Haudenosaunee jedoch nicht zu bekämpfen, sondern zu heilen und zu integrieren.


Der Tadodaho wollte immer das letzte Wort haben. Seine Haut war schuppig wie die eines Fischs, seine Arme und Beine waren gekrümmt, sein Körper siebenfach gewunden. Weil es niemand mit ihm aushielt, lebte er allein in den Sümpfen. In seinem wirren Haar nisteten Klapperschlangen, die nach allen züngelten, die sich ihm näherten. Wölfe und Krähen waren seine Späher. Seine übersinnlichen Kräfte setzte er ein, um Wirbelstürme und Orkane heraufzubeschwören.

Als der Friedensstifter kam, ging er zuerst zu den Mohawk, die ihn schweren Prüfungen unterzogen – er bestand sie, und sie glaubten ihm. Dem Lauf der Sonne folgend, gingen sie mit dem Friedensstifter zu den Oneida, die sich leichter überzeugen ließen. Die Onondaga ließen sie aus, denn dort lebte der Tadodaho. Stattdessen gingen sie zu den Cayuga, die sich ihnen ebenfalls anschlossen. Da die Seneca nicht bereit waren, ihre Waffen niederzulegen, wurde ein Kompromiss gefunden: Bis heute haben sie zwei Anführer mit Kriegstitel. Wer immer aus der Irokesen-Liga als letzten Ausweg den Weg des Kriegs beschreiten möchte, muss zuvor diese beiden konsultieren – bis heute können nur diese das Tor zum Krieg öffnen, nachdem alle anderen Mittel ausgeschöpft worden sind. Auch die Seneca schlossen sich an. Gemeinsam waren sie nun bereit, dem Tadodaho gegenüberzutreten.

Als der Friedensstifter und die Delegierten [der damals fünf Nationen der Haudenosaunee] sich seinem Sumpf näherten, ließ er einen Wirbelsturm und hohe Wellen aufziehen. Der Friedensstifter beruhigte die Wellen, und es gab ein Kräftemessen zwischen ihm und dem Tadodaho. Am Sumpf angekommen, sagte der Friedensstifter: »Ihr müsst das ›Friedenslied‹ singen, ohne zu zweifeln und zu zögern. Wenn ihr standhaft weitersingt, dann hat der Tadodaho keine Macht über uns.« Singend schritten sie auf Tadodaho zu. Die Schlangen zischten und wanden sich, konnten ihnen aber nichts anhaben, weil sie fest zusammenstanden. Mit vereinten Kräften entfernte die Gruppe die Schuppen von der Haut des Tadodaho und heilte seine siebenfachen Windungen. Dann stimmten sie erneut das Friedenslied an. Die Schlangen fielen aus Tadodahos Haupt – und sie kämmten sein Haar. Nun sah er wieder menschlich aus, war jedoch noch immer ein Quertreiber. Da wendete der Friedensstifter einen psychologischen Trick an: Zahlenmäßig sind die Onondaga die kleinste Nation, dennoch versprach er ihnen die meisten Delegierten in der Konföderation. Zahlen sind jedoch bedeutungslos, wenn es um Gemeinstimmigkeit geht. Und weil der Tadodaho so daran gewöhnt war, immer den Ton anzugeben, ernannte der Friedensstifter ihn zum großen Feuerhüter, zum Tadodaho aller – zum damaligen Zeitpunkt: fünf – Nationen der Konföderation. Die Verfassung legt fest, dass alle Anführer gleich viel Macht haben, doch der Tadodaho ist ihr Oberhaupt – so ähnlich wie die Queen von England (und Kanada): Sie ist das Staatsoberhaupt, hat aber keine politische Macht. So ist es auch bis heute mit dem Tadodaho, und dem hatte er damals zugestimmt.

Aus: Frieden stiften und bewahren, Oya 54, 2019.


Friedensbäume pflanzen

Die kenianische Biologin und Aktivistin Wangari Maathai (1940–2011) gründete 1977 die »Grüngürtel-Bewegung«, die bis heute mehr als 50 Millionen Bäume in Kenia gepflanzt hat. Für ihr friedensstiftendes Engagement wurde sie 1984 mit dem Alternativen Nobelpreis und 2004 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt.


Als wir die Grüngürtel-Bewegung starteten, reagierte ich damit auch auf die Grundbedürfnisse von Frauen aus ländlichen Regionen Kenias: ein Mangel an Feuerholz, an sauberem Trinkwasser, an ausgewogener Ernährung, an Obdach und Einkommen. Das Bäumepflanzen war schlichtweg der naheliegendste Weg, um einige grundlegende Bedürfnisse dieser Frauen zu decken.

Obwohl sich die Grüngürtel-Bewegung anfangs nicht für Fragen von Demokratie und Frieden einsetzte, wurde bald klar, dass es ohne demokratische Räume gar nicht möglich sein würde, verantwortungsvoll für die Umwelt zu sorgen. So wurde der Baum zum Symbol des Streitens für Demokratie in Kenia. 

Durch die Grüngürtel-Bewegung wurden tausende ganz gewöhnlicher Menschen dazu angeregt und ermächtigt, aktiv zu werden und Veränderung herbeizuführen. Sie lernten, ihre Angst und ihre Hilflosigkeit zu überwinden und ihre demokratischen Rechte zu verteidigen.

Nach und nach wurde der Baum zum Symbol für Frieden und Konfliktlösung. Insbesondere während der Zeit der ethnischen Konflikte in Kenia setzte die Grüngürtel-Bewegung Friedensbäume ein, um Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gruppen zu schlichten. Während der langwierigen Neuformulierung der kenianischen Verfassung wurden in vielen Teilen des Landes ähnliche Friedensbäume gepflanzt, um eine Kultur des Friedens zu fördern. Bäume als Friedenssymbole zu nutzen, knüpft an vielfältige, weitverbreitete afrikanische Traditionen an. So führten die Ältesten der Kikuyu etwa einen Stab des Thigi-Baums mit sich, der, wenn er zwischen zwei Streitparteien platziert wurde, diese dazu anhielt, ihren Zwist zu unterbrechen und nach einem Weg der Versöhnung zu suchen.

Seit wir mit dieser Arbeit begonnen haben, sind inzwischen [2004, Anm. d. Red.] 30 Jahre vergangen. Die Zerstörung von Umwelt und Gemeinschaften hält ungebrochen an. Wir sind heute dazu herausgefordert, unser Denken grundlegend zu wandeln, damit die Menschen endlich aufhören, ihre eigene Lebensgrundlage aufs Spiel zu setzen. Wir sind dazu herausgefordert, uns für die Erde einzusetzen und ihre Wunden und in diesem Zug auch unsere eigenen Wunden zu heilen – ja, das gesamte Wunder der Schöpfung in all seiner Vielfalt und Schönheit zu umarmen. Dies kann nur gelingen, wenn wir erkennen, wie notwendig unser Gefühl der Zugehörigkeit zur großen Familie des Lebens ist, die uns durch unsere gemeinsame evolutionäre Reise getragen hat.

Aus: Wangari Maathais Friedensnobelpreisrede, Copyright © The Nobel Foundation, Stockholm, 2004.


Warum Kompromisse schließen?

Für den Biologen und Philosophen Andreas Weber ist der Kompromiss nicht notwendig faul, sondern ein Grundmuster des Lebendigen. Eine wesentliche Voraussetzung für gelingende Kompromisse erkennt er in der Bereitschaft zu radikaler Ehrlichkeit.


Wir gehen heutzutage nicht zu viele, sondern zu wenige Kompromisse ein. Wenn wir im Konsens zu handeln versuchen, machen wir es oft falsch: Wir leiden an einem Geist des Schacherns und zeigen wenig Bereitschaft, wirkliche Änderungen zu erwägen. Das gilt für uns alle, besonders aber für unsere politische Kultur. Nicht die Zugeständnisse sind das Problem, sondern die Tatsache, dass sich hinter vielen Konsensabkommen, die Zusammenhandeln vortäuschen, in Wahrheit Gewalthandeln verbirgt. Heute haben Demagogen so viel Erfolg mit ihrer vorgeblichen Kompromiss-losigkeit, weil der Kompromiss ohnehin schon dahin ist, und nicht deshalb, weil wir zu viele davon machen. Fünfhundert Jahre Neuzeit im Westen, fünfhundert Jahre Ethos des Geldverdienens haben das Kompromiss-Machen gründlich vertrieben.

Wenn wir keine Kompromisse eingehen, stehen wir nicht in Beziehung. Und die Beziehungslosigkeit nimmt zu. Auch das ist eine Diagnose, die sich für unsere Zeit stellen lässt. Wir vermeiden Beziehungen, so gut es geht, weil sie das Projekt unseres Traums stören, uns für alle Unglücksfälle unantastbar zu machen. Aber Leben ohne Beziehung ist unmöglich. Kompromisse neu zu lernen heißt daher, an unserer Beziehungsfähigkeit zu arbeiten. Es ist der Versuch, lebendiger zu werden. Der Kompromiss wird dadurch zum Schlüssel einer neuen Lebenskunst.

Kompromisse schließen heißt nicht, zähneknirschend zweitbeste Lösungen zu akzeptieren, sondern das zu wählen, was mir etwas schenkt, weil ich selbst anderen gegenüber großzügig bin. Es steht außer Frage, dass nur Zusammenhandeln der Vielstimmigkeit und der Gemeinschaftlichkeit des Kosmos gerecht wird. Die Lebenskunst liegt darin, die natürliche Fließrichtung dieser Gemeinschaftlichkeit so zu unterstützen, dass das Gemeinsame nicht zu kurz kommt. Auch dieses ist nämlich Teil des Fließens und darf nicht einem Handel geopfert werden. Im Austarieren des Eigenen und des Gemeinschaftlichen, dieser beiden Dimensionen der Wirklichkeit, liegt die Kunst des Kompromisses.

Der Kompromiss ist etwas Aktives. Er ist kein Zurückstecken, sondern ein Handeln mit dem Ziel, in dieser Welt die Beziehungen zu intensivieren, damit alle etwas davon haben. Er ist keine Resignation und kein bloßes Durchhalten, sondern ein schöpferischer Akt. Ich muss dabei an die afroamerikanische Schriftstellerin Toni Morrison denken, die diese Umkehr, diese magische Aktivierung beschreibt, die möglich wird, wenn man nicht nur Besitzstände bewacht. Es ist der Moment, da man begreift, dass die eigentliche Freiheit nicht darin besteht, zu kontrollieren, ob einem auch ja nichts weggenommen wird, sondern darin, der Welt etwas hinzuzufügen. In solchen Momenten wird man mit Schönheit beschenkt, weil man aktiv zu ihr beiträgt. Morrison schreibt: »Schönheit war nicht einfach etwas, das es nur zu bestaunen galt, sie war etwas, das ich tun konnte.«

Warum also sollten wir Kompromisse schließen? – Weil sich nur das zu besitzen lohnt, was mehr wird, wenn wir es teilen.

Aus: Warum Kompromisse schließen? Dudenverlag, 2020.


Gemeinsame Absichten und Werte kultivieren

Wenn in Projekten des Gemeinschaffens Konflikte oder Regelverstöße auftreten, können diese »beziehungswahrend bearbeitet« oder »stufenweise sanktioniert« werden. Was aber kann getan werden, damit es gar nicht erst so weit kommt? Silke Helfrich (1967–2021) und David Bollier haben eine Reihe von Mustern des Commoning entdeckt, die – wie dieses – vor dem Konfliktfall ansetzen.

Gemeinsame Absichten und Werte sind das Herzblut eines jeden Commons. Ohne sie schwinden Zusammenhalt und Lebendigkeit. Doch können gemeinsame Absichten und Werte nicht vorausgesetzt werden. Sie entstehen, wenn Menschen aus eigenem Antrieb, aus Interesse und Leidenschaft heraus, etwas tun, was sie miteinander verbindet oder ihnen vergleichbare Erfahrungen ermöglicht. Ein Commons beginnt also nicht zwingend mit gemeinsamen Absichten und Werten. Sie müssen im Lauf der Zeit erarbeitet werden, im Ringen darum, vielfältige Perspektiven abzustimmen, wenn notwendig in Einklang zu bringen oder auch nebeneinander stehenzulassen. Das Gefühl, an etwas Gemeinsamen zu arbeiten und Werte zu teilen, stellt sich nicht ein, indem es formal auferlegt wird. Es nützt auch nichts, gemeinsame Absichten und Werte zu verkünden oder zu beschwören. Sie müssen immer wieder durch sinnstiftendes Commoning entstehen – und dann durch gemeinsame Reflexion, durch gelebte Traditionen, Feiern und alle möglichen Aktivitäten kultiviert werden. Sonst käme dies der Idee gleich, einen Baum zu pflanzen, ihn aber nicht zu gießen.

Gewiss, auch formale, organisatorische und infrastrukturelle Fragen spielen eine Rolle; aber wenn verschiedene Anliegen und Haltungen miteinander in Einklang zu bringen sind, gibt es für Commoning keinen Ersatz. Und das braucht Zeit. Eine gemeinsame Kultur kann nicht von einem Tag auf den anderen aufgebaut werden.

In der eingangs erwähnten SoLaWi wird die Verpflichtung auf frische, lokal produzierte Bio-Lebensmittel auf verschiedene Weise kultiviert: durch Einladungen zu Hoffesten; durch die Möglichkeit, im vierzehntägigen Rhythmus einige Stunden auf dem Hof mitzuarbeiten; durch Rezeptvorschläge für Gemüse der Saison; durch Einladungen zu Workshops, um alte Verarbeitungstechniken kennenzulernen, und vieles mehr. Dabei ist die beste Art, Menschen zusammenzubringen: authentisch zu sein. Alle sollten idealerweise etwas beitragen können, was sie wirklich gerne tun. Die hilfreichste Frage dafür ist nicht: Was brauchen wir? Sie lautet: Was haben wir? Was ist mit dem möglich, was hier und jetzt verfügbar ist? Wendell Berry fasst dies poetisch
zusammen:

Was wir brauchen, ist da
Gänse erscheinen hoch über uns,
ziehen vorüber, und der Himmel schließt sich. Hingabe
– so wie in der Liebe oder im Schlaf – hält
sie in ihrer Bahn, klar
in uraltem Vertrauen: Was wir brauchen,
ist da. Und wir beten, nicht
um eine neue Erde und einen neuen Himmel, sondern darum,
im Herzen und im Auge still zu sein,
klar. Was wir brauchen, ist da.

Aus: Frei, Fair und Lebendig, oekom, 2019.


Ordnung wiederherstellen

Das Siedlungsgebiet der Kogi liegt in der kolumbianischen Sierra -Nevada de Santa Marta. Sie betreiben dort Agroforst, Kaffeeanbau und sind Hütende der archäölogischen Stätte Teyuna, der »Verlorenen Stadt« im Regenwald, die sie touristisch erschlossen haben. Der Autor Lucas Buchholz aus Deutschland besuchte sie für einige -Monate und schrieb darüber ein Buch.


Eine Missachtung der Gesetze ist in unserer Welt eine Straftat, in der Welt der Kogi eine Ordnungswidrigkeit – im wahrsten Sinn des Worts. Daher wird nicht der verkehrt handelnde Mensch als schuldig betrachtet, sondern vielmehr werden die Zusammenhänge gesucht, warum er oder sie es an Achtung für die Ordnung hat fehlen lassen. Es gibt keine Opfer bei den Kogi und daher auch keine Täter, es gibt nur an dem Geschehen Beteiligte. Oft wird derjenige als hauptverantwortlich für ein Verbrechen angesehen, der dem »Täter« nicht das Nötige beigebracht hat und es damit versäumt hat, das Gleichgewicht auf lange Sicht sicherzustellen. Die Tat ist eher ein Symptom dieser Vernachlässigung. Oft gestaltet sich die Situation jedoch komplexer, und es wird ermittelt, wer alles einen Anteil an dem Vergehen hat, was größere Gruppen von Menschen und mehrere Generationen umfassen kann. Das Ziel ist dabei niemals Gerechtigkeit im Sinn von richtig und falsch, Täter und Opfer, Bestrafung und Schadensersatz, sondern eine Wiederherstellung der Ordnung. Diese bedeutet zugleich Prävention für die Zukunft.

Die Kogi kennen Vergehen sozialer und individueller Art. Das Vergehen kann sich auf Besitz beziehen oder es sind Vergehen allgemeiner, sexueller und religiöser Art. Jede Art von physischer Destruktivität ist bei den Kogi ein Vergehen, ebenso wie das Unterlassen von ökonomischer Zusammenarbeit im familiären Rahmen und Geheimnisverrat in Form von Weitergabe von Wissen an andere Völker, die selber kein adäquates Wissen mehr haben. Vergehen in Gedanken werden Vergehen in Taten gleichgesetzt. Schon der Gedanke daran, Yucca [Palmlilien; ein Grundnahrungsmittel der Kogi] zu stehlen, ist dasselbe wie die ausgeführte Tat.

Aussprachen zu Vergehen finden öffentlich statt, und alle Beteiligten äußern sich zu dem Vorfall in der Versammlung. Mögliche Konsequenzen können zum Beispiel im Lernen von Sagen und Geschichten bestehen, die Parallelen zum eigenen Verhalten aufweisen und die Auflösung der Vorkommnisse in ein Gleichgewicht beschreiben. Als Strafe würde das bei den Kogi niemand bezeichnen, bei uns auch nicht. Unser Gerechtigkeitsempfinden hinsichtlich von Zwang und Gewalt ist daran gebunden, wer den Zwang und die Gewalt ausübt und ob sie als legal oder illegal bezeichnet wird. In unserer Gesellschaft dürfen vom Volk gewählte Staatsvertretende Steuern eintreiben oder Menschen in Gefängnisse sperren. Tun dies einzelne nichtgewählte Menschen, handelt es sich um Raub beziehungsweise Freiheitsberaubung. 


Aus: Kogi. Neue Erde, 2021.


Überraschendes Durcheinander

Ina Praetorius erzählt in ihrem Buch »Im postpatriarchalen Durch-einander« (siehe auch Seite 90) diese Variante einer biblischen Geschichte, die davon handelt, wie kleine Leute große Wirkung haben können und Hierarchien und Militärgewalt mitunter schnell und über-raschend zu Fall kommen.


Wieder einmal stehen zwei Heere einander gegenüber. Zwei Heere von zwei Stämmen. Worum ging es? Keine Ahnung. Wahrscheinlich sollten die Soldaten für ihre Herrschaften eine dieser üblichen Streitigkeiten über Land, Geld oder Frauen ausfechten. Statt zu verhandeln, lassen die Chefs Heere aufmarschieren. Es fällt ihnen einfach noch nichts Besseres ein.

Zwar haben alle Angst vor der anderen Seite, aber niemand traut sich, davonzulaufen. Zwar fürchten sich alle vor dem Tod, aber vielleicht hat ihnen jemand die Geschichte vom besseren Leben im Jenseits erzählt? Womöglich harren sie aus, weil sie sich wie Sokrates aufs Sterben freuen? Eines der beiden Heere hat einen Vorzeigekämpfer: Zwei Meter ist der lang, ein Koloss in furchteinflößender Rüstung. Den schicken sie immer wieder vor, damit er den anderen Angst macht. »Wer traut sich gegen mich anzutreten? Ich werde ihn zu Matsch hauen und alle anderen zu Sklaven machen!«

Keiner traut sich. Bloß ein ganz Junger steht plötzlich da, ein Hirte, oder vielleicht war es eine Hirtin, keine Ahnung, in dem Alter ist der Unterschied nicht so deutlich zu sehen. Ihre Mutter hat sie vom Schafehüten weggeholt, damit sie ihren Soldatenbrüdern Proviant aufs Schlachtfeld bringt. Die Kleine sagt: »Wir schaffen das, lasst mich nur machen.« Erst lachen die Soldaten. Weil sich die kleine Schwester aber nicht von ihrem Plan abbringen lässt, versuchen sie schließlich, ihr eine Rüstung anzuziehen. Aber das viele Eisen ist ihr zu schwer.

Sie packt ein paar Steine, nimmt Anlauf, stürmt auf den Koloss zu, wirft ihm einen Stein an die Stirn und päng – da liegt der baumlange Kerl. Tot ist er nicht, aber schwerstens benommen. Allen auf beiden Seiten ist klar: Der ist k. o.

Als der Riese sich wieder berappelt hat, binden ihm seine Kameraden einen Verband um den Kopf. Und da fängt er plötzlich dermaßen laut an zu lachen, dass Frauen und Kinder aus den umliegenden Dörfern angerannt kommen, um zu schauen, was los ist. Da sitzt der Riese, noch ganz durcheinander, mit ein paar Lumpen um den Kopf und amüsiert sich königlich über sich selber.

Was tun die anderen? Sie lachen mit, setzen sich ins Gras und packen ihren Proviant aus. Fünftausend Leute sind es oder noch mehr. Frauen, Soldaten, Kinder, Hirtinnen, Katzen, Hunde, Her-gelaufene. Alle werden satt und gehen friedlich wieder heim.

Und obwohl sie irgendwann alle gestorben sind, zeigen die Leute aus dieser uralten Geschichte immer noch, dass es manchmal anders kommt, als man denkt. Heute sowieso. Schließlich leben wir jetzt im postpatriachalen Durcheinander, und da passieren zum Glück andauernd Überraschungen.

Aus: Im postpatriarchalen Durcheinander. Christel Göttert Verlag, 2020.


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