Buchtipps

Wildes Land (Buchbesprechung)

von Ute Scheub, erschienen in Ausgabe #70/2022
Photo

Es ist möglich, einen ausgelaugten konventionellen Rinderhof in ein Öko-Paradies für bedrohte Arten zu verwandeln. Die britische Reisejournalistin Isabella Tree berichtet, wie dieses Wunder verwirklicht wurde; ihr Buch »Wilding« (»Wildes Land«) wurde in Großbritannien ein Bestseller. Im Knepp-Gut in Sussex im Südwesten Englands singen nun wieder Nachtigallen, gurren Turteltauben, bauen Biber Dämme in einem regenerierten Fluss, der auch gegen Hochwasser schützt. Herden von halbwilden Exmoor-Ponys, Tamworth-Schweinen, Langhornrindern und Damwild durchstreifen Wiesen und Waldweiden. Seltene Arten von Tag- und Nachtfaltern, Libellen, Käfern und Wildbienen bevölkern die 1400 Hektar große Farm. Es wirkt, als ob sich unter allen bedrohten Tier- und Pflanzenarten herumgesprochen hätte, dass in Sussex ein Refugium für sie entstanden ist. 

Isabella Trees Mann Charlie Burrell hatte den konventionellen Rinderhof 1987 von seiner Großmutter übernommen. Als »Kind der Grünen Revolution« brachte er jahrelang jede Menge Kunstdünger und Pestizide auf die Felder, wie er es halt gelernt hatte. Doch die warfen immer weniger ab – bis die beiden auf die Idee kamen, die Farm ab 2001 gezielt verwildern zu lassen. 

Schon ein Jahr später zeigte sich die Veränderung, schreibt Isabella Tree: »Der Sommer 2002 war eine Offenbarung. Wenn wir morgens aufwachten, fanden wir uns in einer sanft gewellten Prärie wieder. Die industrielle Landwirtschaft vor unserem Fenster war verschwunden. Keine aufgerissene Erde, keine Maschinen, keine stramm aufgereihten Feldpflanzen, keine Zäune. Den Park wieder in Weideland zu verwandeln, war nicht nur eine lebensrettende Maßnahme für die Eichen: Es erwies sich auch als Heilmittel für uns. Der Boden, erlöst aus dem Kreislauf der Fronarbeit, schien einen Seufzer der Erleichterung auszustoßen. Und mit dem Boden entspannten auch wir uns.«

Dennoch dauerte es noch eine Weile, bis ihre Farm zu einer Art britischer Mini-Serengeti wurde, beliebt und vielbesucht. »Wir schaffen Unordnung«, beschreibt eines der Kapitel den Arbeitsansatz des Paares. Nicht immer überließen die beiden alles allein der Natur, manchmal halfen sie auch nach. Komplexe Pflanzengemeinschaften entwickelten sich. Tausende Eichen schossen aus dem Boden. Selbst im Winter war Vogelgesang zu hören. 

Spannend und kenntnisreich bis in viele Details erzählt Isabella Tree diese Geschichte. Natürlich ist sie nicht so einfach zu kopieren. Nur wenige besitzen so viel Land und das nötige Geld, um die Umbruchphase zu überstehen. Dennoch: Die Geschwindigkeit, mit der die Natur sich regenerieren kann, macht große Hoffnung, auch für viele kleinere Projekte. »Ungeheuer wichtig« fand der »Guardian« das zusätzlich mit einem Sachregister und Verweisen auf wissenschaftliche Studien ausgestattete Buch. Ich kann mich diesem Urteil nur anschließen. (Zur Renaturierung intensiv genutzten Agrarlands siehe etwa auch den Beitrag von Patricia Christmann auf Seite 86 in diesem Heft oder den Artikel über die »Thüringeti« in Oya 37.)


Wildes Land
Die Rückkehr der Natur auf unser Landgut.
Isabella Tree
Dumont, 2022
416 Seiten
ISBN 978-3832181826
24,00 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #70

Photo
von Matthias Fersterer

Im postpatriarchalen Durcheinander (Buchbesprechung)

Im Klassiker der Subsistenzperspektive »Eine Kuh für Hillary« von Veronika Bennholdt-Thomsen und Maria Mies findet sich die bezeichnende Grafik eines Eisbergs: Unterhalb der mit »Kapital und Lohnarbeit« betitelten sichtbaren Spitze liegt der ungleich größere,

Photo
von Jochen Schilk

Market Gardening und Agroforst (Buchbesprechung)

Leon Schleep hat selbst kaum Praxiserfahrungen mit den Themen seines Buchs »Market Gardening & Agroforst«. Wie der frisch studierte Ökolandwirt und derzeitige Einrichter eines Gemüse-Hofs in Hessen gleich zu Beginn freimütig einräumt, ist der vorliegende Band

Photo
von Matthias Fersterer

Muster des Friedensschaffens

Frieden ist kein statischer Zustand, der irgendwann einmal erreicht sein wird. Diese Erkenntnis kam uns auf der Suche nach friedensstiftenden Praktiken. Ist »Frieden« dann vielleicht gar kein Substantiv? So wie »Commoning« den Prozess des Gemeinschaffens beschreibt, der ein

Ausgabe #70
Was gibt Sicherheit?

Cover OYA-Ausgabe 70
Neuigkeiten aus der Redaktion