enkeltauglich leben
Commonie

Mit Kohle verbunden

Die Commons-Forscherin Lara-Katharina Roszak stieß während einer Reise auf ihr eigenes Naturverbundensein.von Lara-Katharina Roszak, erschienen in Ausgabe #70/2022
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© Shino Ahmad

Der folgende Beitrag erscheint im Rahmen der Serie zu den »Muster des Commoning«. Muster sind lebendigkeitsfördernde Werkzeuge. Sie beschreiben den Kern gelingender Lösungen von häufig auftretenden Problemen, ohne dass die Lösung je
dieselbe wäre. Muster werden nicht erfunden, sondern gefunden: Sie sind aus realen Erfahrungen geschöpft und Teile einer sich fortschreibenden »Mustersprache«.


»Naturverbundensein vertiefen« – was kann dieses Commoning-Muster im Alltag bedeuten? Was ist mit »Natur« gemeint, und wo ist sie zu finden? Ich lebe in den Bergbaufolgelandschaften des Ruhrgebiets. Bis vor vier Jahren hatte ich wenig Bezug zu den dortigen Landschaftsformen, Tieren und Pflanzen – ich hatte mir nie die Frage gestellt, was sie mit mir zu tun haben, sie waren einfach »Umwelt«. Das änderte sich durch eine Reise nach Südamerika und die Begegnung mit Merino und Maura, die völlig anders mit den nicht-menschlichen Wesen in ihrer Umgebung leben, als ich es bislang kannte.

Im Frühjahr 2018 reiste ich für ein mehrwöchiges Praktikum ins ethnobotanische Zentrum und Reservat am Fluss Las Piedras im Osten Perus. Zufällig zeitgleich dort zu Besuch war ein älteres Paar, Maura und Merino, aus einer Familie der indigenen Machiguenga aus dem Südosten Perus. Ihre Familie hatte ihr Land im Westen der Manu-Provinz verlassen müssen, weil ihnen im Zuge der Errichtung eines Nationalparks als Maßnahme des nationalen Natur- und Ressourcenschutzes und des Ökotourismus ihre Lebensgrundlagen durch das Verbot von Fischerei und Jagd genommen wurden. Juan, der Linguist und Betreiber des botanischen Zentrums ist, hatte nun Merino und Maura eingeladen, den Ort kennenzulernen: ein kulturelles Begegnungs- und Forschungszentrum für indigenes Wissen, das die Autonomie und Bewahrung der Lebensweise und der kulturellen Traditionen indigener Gemeinschaften in Peru durch gleichberechtigten interkulturellen Austausch förderte. Er bot den beiden auch an, sich auf einem ungenutzten Stück Land in der Nähe niederzulassen und die ihnen eingeschriebene Lebensweise dort fortzusetzen. 

Während meines Aufenthaltes beobachtete ich mit Staunen das Naturverbundensein und das Wissen der beiden älteren Leute. Ihre Wechselkleidung wusch Maura im Flussbett, indem sie die nassen Stoffe immer wieder auf große Steine im Flussbett schlug und sie auf ihnen wie auf einem Waschbrett schrubbte. Sie sammelte große Blätter verschiedener Farne und Palmen, die sie zerfaserte; einige Fasern hing sie in die Sonne zum Trocknen, andere flocht sie direkt zu kleinen schalenförmigen Gefäßen. An einem anderen Tag halfen wir ihr dabei, jene Palmblätter zu sammeln, die zum Decken der Dächer verwendet werden. Maura knüpfte sie mit den langen Fasern zusammen, die sie zuvor in der Sonne getrocknet hatte, und wir besserten damit die Dächer der Hütten aus. Zum gemeinsamen Essen kamen die beiden nie. Sie hatten mit Juan vereinbart, sich während der Tage durch Fischen und Jagd selbst zu versorgen, und zogen sich dazu abends früh zurück. An einem Nachmittag erzählte Merino von den Namen und dem Gebrauch von Heilpflanzen, die im Dschungel auf dem Gelände des Zentrums wuchsen. Er kannte fast alle betreffenden Arten, ihre Fundorte und ihre verschiedenen Einsatzgebiete. 

In den wenigen Tagen, die wir im Dschungel gemeinsam verbrachten, führten mir Maura und Merino vor Augen, was tiefes Naturverbundensein bedeutet. Trotz ihrer Enteignungs- und Entwurzelungserfahrungen gestalten sie ihren Alltag in äußerst praktischer und zugleich kontinuierlicher Austauschbeziehung zu den sie umgebenden Tieren, Pflanzen und Ökosystemen. Ihr breit gefächertes Wissen über Pflanzen, die Herstellung von Gebrauchsgegenständen und Baumaterial sowie ihr genügsamer, anpassungsfähiger Lebensstil machten mir bewusst, wie wenig materielle Dinge Menschen brauchen, wenn sie über genug situiertes – also durch Praxis erworbenes, umgebungsbezogenes und verkörpertes – Erfahrungswissen verfügen. 

Für mich fühlte sich meine Anwesenheit in der Umgebung des Regenwalds an wie intensive Beziehungsarbeit – etwas, das ich im Gegensatz zu Menschen wie Maura und Merino in meiner Heimat, dem Ruhrgebiet, nicht erlernt hatte. Meine Naturbeziehung basierte auf dem System des Extraktivismus, der zum Alltag gewordenen Ausbeutung von Menschen und Ökosystemen, im Gegensatz zum subsistenzbasierten Lebensstil der Machiguenga, den sie trotz Einhegung ihrer Wohn- und Lebensstätte beibehalten hatten. 

Mit dem Beutel unterwegs

Als ich nach drei Monaten in Peru nach Deutschland zurückkehrte, versuchte ich, meine Beziehung zur Umgebung zu erforschen. Ich begann an den Ufern der stinkenden Emscher und am Fuß der Abraumhalden mit den klebrigen Schlackeresten meine Verbundenheit zu den mich umgebenden Ökosystemen zu kultivieren.

Mehrmals pro Woche ging ich zu den laubbedeckten Bombenkratern im Wald, schaute mir die wilden Karden und Königskerzen zu verschiedenen Jahreszeiten an, staunte über die Präsenz und Heilkraft des Japanischen Staudenknöterichs, der mein durch die Reise beanspruchtes Immunsystem wieder regulierte, legte an langen Sommertagen Johanniskraut in Öl ein, um später meine Neurodermitis damit zu behandeln, und machte im Spätsommer Holunderbeersaft. Die Sträucher, an denen sie hingen, wuchsen auf Gleyböden mit schwankendem Grundwasserspiegel, die durch menschlichen Eingriff verdichtet und oft mit Altlasten aus dem Bergbau belastet sind. Deshalb sind auch heute noch viele der Pflanzen für Wildsammlungen nicht geeignet. Ich versuche daher, an jenen Orten zu sammeln, die ich für relativ unbelastet halte. In einigen Jahren trugen die kreuz und quer wachsenden Mirabellenbäume Früchte in allen Farben, im anderen Jahr blieben sie leer; in manchem Jahr stieß ich auf eine Fülle von Waldengelwurz – stumme, elfengleiche Geschöpfe –, wo sie im darauffolgenden Jahr plötzlich unauffindbar waren. Bei meinen Streifzügen durch die jungen Buchenwälder tauschte ich Blicke mit Rehen, sah stoische Reiher im Emscher-Auffangbecken und stieß auf zahlreiche tote Ringelnattern und Fische in eutrophen Seen. Ich erzählte Steinen Lebensgeschichten, die ich endlich umschreiben wollte, bat um Erlaubnis, wenn ich etwas mitnahm, gab zurück, indem ich mein Monatsblut in den Erdboden einsickern ließ und regelmäßig Müll aufsammelte. 

Mit der Zeit intensivierte sich meine Naturbeziehung mit den durch Kohleabbau geschändeten Landschaften, in denen ich groß geworden bin. Ich fühlte mich dabei meinem Großvater, der dort unter Tage gearbeitet hatte und früh an einem Lungenleiden gestorben war, genauso nahe wie den mehr-als-menschlichen Gemeinschaften, die nun dieses Stück Land besiedeln. Ich bin ein Teil dieser verletzten, ausgebeuteten Landschaft und ihrer Geschichte, die mich noch heute oft traurig macht, mich aber auch Liebe und Verbundenheit spüren lässt und kontinuierlich in mir den Wunsch nährt, an einer Regeneration mitzuwirken. Maura, Merino und der Dschungel Perus haben die Erinnerung an mein Ich-in-Bezogenheit an diesem verletzten, ausgebeuteten Ort, der meine Heimat ist, wachgerufen. //

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