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Erdsee (Buchbesprechung)

von Andrea Vetter, erschienen in Ausgabe #71/2022
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Wer ein Wesen bei seinem wahren Namen nennen kann – in der alten Sprache, der Sprache der Macht, der Sprache der Drachen –, der kann Magie wirken. In dieser Wahrheit steckt das Geheimnis von »Erdsee«, der durch die kalifornische Schriftstellerin Ursula K. Le Guin (1929–2018) erdachten Fantasy-Welt. Alle sechs Bände mit Geschichten aus dieser Welt sind 2018 als illustrierter Prachtband im Fischer Verlag in einfühlsamer und poetischer Neuübersetzung von Karen Nölle, Sara Riffel und Hans-Ulrich Möhring erschienen. Während die allermeisten Bücher der Genres Fantasy und Science Fiction bloß Herrschaftsstrukturen der Gegenwart vor fremde Kulissen transportieren, nutzte Le Guin erdachte Welten für soziale Experimente und öffnet einen Raum der Imagination, in dem deutlich wird, dass alle sozialen Beziehungen auch ganz anders sein könnten.

Die ersten drei Bände entstanden zwischen 1968 und 1973 – in der Zeit von acht Uhr abends und Mitternacht in Le Guins Arbeitsbibliothek unter dem Dach, wenn ihre damals noch kleinen Kinder schliefen. Die Erzählweise war damals noch stark in einen »männlichen Blick auf die Welt« eingebettet, wie die Autorin 1992 in der im Prachtband enthaltenen Rede »Erdsee mit neuen Augen« beschrieb.

Der erste Band handelt von Ged, einem zunächst traditionellen männlichen Helden – wenn auch kein weißer Mann –, der vom unwissenden Jungen zum mächtigen Magier wird und sich dabei seinem inneren Schatten stellen muss. Der zweite Band endet immerhin damit, dass die weibliche Heldin, Tenar, den Ort ihrer rituellen Gefangenschaft nach ihrer Flucht durch ein Erdbeben einstürzen sieht – ein mächtiges Symbol der Befreiung. Auch wenn die ersten drei Bände in einer Männerwelt spielten, gab es hier doch keine der großen Kriege und Schlachten, die seit dem Fantasy-Urtext »Der Herr der Ringe« das Genre als endlose Variationen der Beschreibungen militärischer Operationen dominieren. Nein, Le Guins männliche Helden müssen sich in der Auseinandersetzung mit den eigenen Schatten, mit der Grenze von Leben und Tod bewähren – und selbst wenn die Gefahr im Außen lauert, ist sie immer auch verknüpft mit dem Innenleben der Protagonisten.

1990 folgte dann mit dem vierten Band, »Tehanu«, die große »Re-Vision« von Erdsee. Darin wird keine Heldengeschichte mehr erzählt, sondern eine »Beutelgeschichte«, wie Le Guin das theoretisch in »Am Anfang war der Beutel« (thinkOya, 2019) beschrieb. Tenar, inzwischen Mitte 40, ist nun die verwitwete Mutter zweier erwachsener Kinder. Langsam und ruhig fließt die Geschichte dahin, beschreibt Frauen und ihre Beziehungen zueinander. Ged hat all seine Macht verloren und trifft als normaler älterer Mann, als Ziegenhirte, auf Tena. Sie verlieben sich und führen ein subsistentes Leben.

»Tehanu« ist eine zärtliche Abrechnung mit dem Fantasy-Genre: Es erzählt die Geschichten aus einer weiblichen, bäuerlichen Subsistenzperspektive. Ich wünschte, ich hätte als jugendlicher Fantasy-Fan diese Bücher bereits gekannt! Sie hätten mir von jener – mir damals unbekannten – Welt, für die ich mich heute im Schreiben für Oya einsetze, erzählt; davon, dass Wandel nicht bedeutet, das Personal einer Geschichte auszutauschen, sondern die Geschichte selbst ganz anders zu erzählen.


Erdsee
Die illustrierte Gesamtausgabe.
Ursula K. Le Guin
Fischer Tor, 2018
1108 Seiten
ISBN 9783596701605
72,00 Euro

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