Buchtipps

Der grüne Planet (Buchbesprechung)

von Annette Schlemm, erschienen in Ausgabe #59/2020

Ich weiß nicht mehr, wann ich sie nicht mehr ertragen konnte: Die Science-Fiction-Storys, bei denen über das in ihnen schon vergangene 21. Jahrhundert berichtet wurde, ohne dass die Folgen der steigenden Erdtemperatur erwähnt worden wären. Klar, es ist sowieso alles ausgedacht. Aber irgendwie sollten die Geschichten aus der fernen Zukunft doch von unserer Gegenwart und der näheren Zukunft ausgehen! Ich weiß noch, wie erleichtert ich beim ersten Roman war, der aus dem 24. Jahrhundert auf unseres als längst vergangene Zeit zurückblickte und in dem der dramatische Beginn des Umbruchs der klimatischen Bedingungen als Realität fast nebenbei erwähnt wurde. Ja, so wird es gewesen sein! Und nun mal weiter, was passierte mit der Welt und den Menschen?

Inzwischen weiß ich, dass es in der Science-Fiction-Literatur ein neues Genre gibt, das manchmal auch »Climate Fiction« genannt wird. Viel davon ist noch nicht auf Deutsch erschienen; deshalb lag es unter meinem Radar. Nun aber gibt es für deutschsprachige Lesende ein ganzes Buch voller Geschichten über den Klimawandel. Ausgehend von der Science-Fiction-Zeitschrift »Exodus«, stellte der Hirnkost-Verlag die wundervoll gestaltete Anthologie »Der grüne Planet« zusammen. Sie enthält Geschichten, die von der über uns hereinbrechenden Apokalypse erzählen, vom Leben in heißen Zeiten und auch davon, wie wir vielleicht noch einmal davon kommen könnten. Ganz besonders gefällt mir die Auftaktgeschichte, bei der – ach nein, ich will lieber nichts verraten! Nur dies: Nicht immer überlebt die Menschheit, und einmal findet der Klimawandel gar nicht statt, weil die Klimawandel-Skeptiker recht hatten. Die Orte der Post-Kollaps-Welt befinden sich teilweise im Kosmos, dem alten Sehnsuchtsort, und durch diesen erweiterten Horizont wird der Blick zurück auf die Erde fokussiert auf das, worauf es ankommt: dass die Menschheit, für die die Erde nur die Wiege sein sollte, einen heimatlichen Planeten braucht. Manches, was wir heute noch als selbstverständlich hinnehmen, wird in Zukunft wahrhaft utopisch sein, jedenfalls auf der Erde. 

Wie bei Veröffentlichungen in der Exodus-Reihe üblich, enthält dieser Band eindrucksvolle Collagen, die allein das Buch schon zu etwas Besonderem machen. Für Zukunftsvorstellungen, die noch etwas mit unserer Welt und der näheren Zukunft zu tun haben, setzen die Texte im deutschsprachigen Raum Maßstäbe. Auch wenn die Gefährdung unseres heimatlichen Planeten für eingeschworene Science-Fiction-Fans die Zukunft überschatten mag, zeigt dieses Buch, dass sich das Genre kreativ unter -allen Bedingungen bewegen kann.  


Der grüne Planet
Zukunft im Klimawandel. Eine Anthologie.
H. J. Kugler, R. Moreau (Hg.)
Hirnkost, 2020
290 Seiten
ISBN 978-3948675158
25,00 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #59

Photo

Burg Klempenow – kultureller Leuchtturm

Wir, der Kultur-Transit-96 e. V., betreiben als gemeinnütziger Verein einen Ort für Kunst, Kultur und Denkmalpflege: Burg Klempenow. Die älteste Niederungsburg Norddeutschlands steht als kultureller Leuchtturm auf einer Schwemmsandinsel und wird seit 28 Jahren mit viel Liebe

Photo

Kleine Dorfschule Lassaner Winkel

Im Herbst 2017 eröffnete die Kleine Dorfschule Lassaner Winkel, eine Demokratische Schule als Grundschule mit Orientierungsstufe. Derzeit bilden hier 20 Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren, vier Teilzeit-Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter, zwei Praktikantinnen sowie zwei Menschen, die in der

von Inga Degenhart

Hauserneuerung (Buchbesprechung)

Als ich Mitte der 1980er Jahre begann, mich mit der Lehmbauweise zu befassen, zählte ich zu den Pionierinnen. Anders als heute gab es damals kaum aktuelle Literatur und praktische Erfahrungen im Bereich des Bauens und Sanierens mit Naturmaterialien, an die ich hätte anknüpfen

Ausgabe #59
Schöne neue Welt?

Cover OYA-Ausgabe 59
Neuigkeiten aus der Redaktion