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Utopia 2048 (Buchbesprechung)

von Ute Scheub, erschienen in Ausgabe #59/2020

»Für alle, die sich nach einer schöneren Welt sehnen« steht als Widmung vorneweg. Lino Zeddies, ein 29-jähriger Geldtheoretiker, Organisationsberater und Aktivist für gesellschaftlichen Wandel aus Berlin, hat mit »Utopia 2048« ein bemerkenswertes Erstlingswerk vorgelegt. DieHandlung der Geschichte: Zwei der Hauptpersonen – die linke Aktivistin Lena und der konservative Ökonomieprofessor Jannis – haben 2020 unabhängig voneinander entschieden, sich in ein künstliches Koma versetzen zu lassen, aus dem sie im Jahr 2048 wieder aufwachen. Und siehe da: Die Welt ist so viel besser geworden! Besser als im berühmten Roman »1984« sowieso, aber auch wesentlich besser als im Corona-Jahr 2020. Der junge Damian, eine weitere Hauptfigur, führt die beiden durch ein vollständig verändertes Berlin und andere Orte. Die Geschichte besteht hauptsächlich aus Dialogen.

Die beiden Erwachten lernen, dass es in Deutschland fast keine Privatautos mehr gibt, dafür aber kostenlose »Öffis« und Transportdrohnen. Sie lernen, dass die Demokratie völlig umgekrempelt wurde – die Bevölkerung hat eine neue Verfassung verabschiedet, organisiert sich in Bürgerräten und stimmt minderheitenfreundlich durch »systemisches Konsensieren« ab. Sie lernen, dass Großkonzerne und Banken abgeschafft wurden, alle Unternehmen sind jetzt entweder in Staatsbesitz oder gehören kleinen Kollektiven. Sie lernen, dass eine »Vollgeld«-Reform durchgeführt wurde, Geldschöpfen aus dem Nichts ist nun nicht mehr möglich. Sie lernen, dass die Klimakrise zwar nicht vollständig überwunden, aber doch gebändigt ist. Sie lernen, dass es keine Kriege mehr gibt. Und auch keine Wirtschaftsweisen mehr. Und vieles andere Erfreuliche. 

Im Grund ist es ein Buch über Utopismen, denn die verschiedenen Länder – die zum Teil nur kurz auftauchen – haben beim ökosozialen Wandel unterschiedliche Wege eingeschlagen, und es gibt eine Vielfalt an Lebensmodellen und Geldsystemen. Zudem ist der Umgang mit Gefühlen wie Wut oder Schuld ein großes Thema und eine ebenso große Stärke des Buchs. Die US-Präsidentin zum Beispiel bittet die Ureinwohner und die Vietnamesen um Verzeihung für die von ihrem Staat begangenen Verbrechen, wird dann aber ermordet, woraufhin sich mehrere US-Bundesstaaten abspalten und die USA implodieren. Das entstehende Machtvaku-um verhilft der UNO zu neuer Stärke … 

Um ehrlich zu sein, war ich anfangs ziemlich skeptisch, ob solch ein einfacher Plot überhaupt funktionieren kann, zumal die Figuren nicht sehr plastisch gezeichnet sind. Aber die Dialoge sind so lebendig und die geschilderten Veränderungen so fantasievoll, dass es viel Spaß und auch Mut macht, »2048« zu lesen. Gemeinwohlökonom Christian Felber lobt auf der Buchrückseite sogar: »Das beschriebene Utopia ist so überzeugend und kommt so passgenau zur rechten Zeit, dass es gar nicht anders kann, als Realität zu werden.«  


Utopia 2048
Lino Zeddies
Books on Demand, 2020
312 Seiten
11,99 Euro
ISBN 978-3751902250
www.linozeddies.de

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