Ein Dank zum 85. Geburtstag an Michael Succow, der quer durch die Systeme stets aufrecht und wendig, klug und beherzt das Mögliche getan und so unmöglich Erscheinendes erreicht hat.von Matthias Fersterer
Unter der Mispel in seinem Garten in Wackerow erklärt Michael Succow Oya-Redakteur Matthias Fersterer das Netz des Lebendigen.
Lieber Michael,
seit bald fünfzehn Jahren sind wir durch geteilte Werte, durch gemeinsame Unternehmungen und durch Oya, in deren Rat du bist, verbunden – herzlichen Dank dafür! Wie schön, dass ich nach deinem 75. und deinem 80. nun auch deinen 85. Geburtstag mit dir und vielen deiner Weggefährtinnen und Weggefährten feiern durfte: 170 Menschen waren am 21. April deiner Einladung ins Haus der Natur in Potsdam gefolgt. Der Reimar-Gilsenbach-Saal und das Festzelt waren bis auf den letzten Platz besetzt.
Einen Monat zuvor, als du uns in Klein Jasedow die Ehre gabst, hast du meine Frage, wie es dir gelang, auch in politisch stürmischen Zeiten eine aufrechte Haltung, klare Orientierung und denkerische Wendigkeit zu bewahren, mit einem poetischen Glaubensbekenntnis beantwortet: »Von guten Mächten wunderbar geborgen …« Diese Zeile aus Dietrich Bonnhöfers 1944 in der Gefängniszelle verfasstem Gedicht bringt auf den Punkt, dass du nie allein, sondern immer gemeinsam mit anderen agiert hast – um nur einige zu nennen: deine Frau Ulla (1940 – 2021), deine Töchter Kathrin und Juliane und deine vier Enkelkinder, enge Freunde wie die Ökologen Hannes Knapp und Lebrecht Jeschke (1933 – 2025), der Schriftsteller Reimar Gilsenbach (1925 – 2001) oder die Naturschutzlegenden Werner Rothmaler (1908 – 1962), Erna Rothmaler (1912 – 2001) und Kurt Kretschmann (1924 – 2007), nicht zu vergessen die Menschen in der Mongolei, in Kirgisistan, in Äthiopien oder im südlichen Afrika und all jene, die hierzulande in deinem Sinn mit Boden tätig sind, sowie diejenigen, die dein unermüdliches Wirken politisch wie finanziell ermöglichen und publizistisch begleiten.
Du hast »Tausende Menschen bezirzt«, wie es die ehemalige Bundesministerin und heutige Bundestagsabgeordnete Steffi Lemke bei deinem Festakt formulierte, hast »immer getan, was unter den gegebenen Umständen möglich war«, wie einer deiner langjährigen Weggefährten, der Bürgerrechtler und frühere Ministerpräsident Matthias Platzeck, in seiner Laudatio erinnerte. Deine Weitsicht, deine Klugheit und deine Hartnäckigkeit spiegeln sich in deiner jahrzehntelangen Arbeit zum Schutz von Mooren, wildem Weideland und Kulturlandschaften weltweit wider wie auch in der politischen Glanzleistung, in der Zwischenwendezeit 4,5 Prozent des DDR-Territoriums für das Nationalpark-Programm gesichert zu haben, wofür du 1997 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurdest, ebenso wie im Aufbau der Succow Stiftung, durch die dein Werk in die Welt getragen wird. Deine ökologische Weisheit hast du gewitzt in einem Fazit zusammengefasst, das dir die Singenden Succownauten als Geburtstagsständchen darbrachten: »Moor muss nass, Wald muss dicht, Acker muss Humus!«
Ganz praktisch drückt sich dein Einsatz für Vielfalt und Lebendigkeit in deinem Garten in Wackerow bei Greifswald aus, wo Mispel und Pfirsich, Ochsenherztomate und Antarktische Südbuche gedeihen, wo die Erde nie unbedeckt, sondern mit Moosen und Grasschnitt gemulcht ist, und wo auf der benachbarten Streuobstwiese alte Apfelsorten, aus denen du köstliche Marmelade kochst, und inzwischen auch ein Bienenvolk stehen. Bei unseren Gesprächen im Freien – ob in deinem Garten, ob rund um die Äcker der Commonie Klein Jasedow oder am Odertalrandbruch, wo du die wilden Weidelandschaften, die es dort hoffentlich bald geben möge, schon vor dir siehst – schwiff dein konzentrierter Blick immer wieder ab, weil ein Vogel deine Wahrnehmung striff. Eine Frage in Menschenworten war dann keinesfalls wichtiger als der Ruf einer Weihe, eines Rotmilans oder der nach Süden ziehenden Graugänse.
Wie gut, dass dein Wirken nun in dem Film Wie geht Natur?! und in dem Buch Das Abenteuer des Lebens Würdigung erfahren. Deine Biografie wird darin spannend wie ein Krimi als Lehrstück über sozial-ökologische Transformation erzählt. Was ich persönlich von dir lernen darf, lässt sich so zusammenfassen: Tue, was immer möglich ist, und möge es noch so gering erscheinen, lasse dies aber deine Vision nie schmälern, sondern halte sie als Ganzes lebendig, auf dass sie, wenn sich irgendwann – vielleicht durch disruptive Ereignisse – ein Möglichkeitsfenster auftut, ihre Strahlkraft behält und dir und der Gemeinschaft inmitten von Chaos und Durcheinander als Leitstern dienen mag.
Am 14. März, bei der Vorführung deines Films im Klein Jasedower Klanghaus, hast du dich erinnert, wie dein Freund Reimar Gilsenbach einmal notierte, dass die menschliche Zivilisation »womöglich ein interglazialer Irrtum« sei. Auf dem Sterbebett habe er dann »womöglich« durch »offenbar« ersetzt. Du hast gezögert, dem inspirierten Publikum diese Anekdote zu erzählen. Immerhin willst du ermutigen, nicht entmutigen. Ich bin froh, dass du sie dennoch geteilt hast, und kann darin sogar einen Hoffnungsfunken erkennen: Wenn nämlich »die menschliche Zivilisation« als die irgendwann nach der letzten Eiszeit einsetzende und gegenwärtig noch dominierende patriarchale, kriegs- und wachstumsgetriebene Zivilisation verstanden wird, dann eröffnet diese erschütternde Analyse auch Ausblicke auf Möglichkeiten anderen menschlichen Zusammenlebens, die es immer gab, immer gibt und immer geben wird.
Danke, lieber Michael, für dein Vorbild, deinen Mut, deine Beharrlichkeit – und deine Freundschaft!