enkeltauglich leben

Samen der Hoffnung

Menschen aus Ökodörfern in Europa, Afrika und dem Nahen Osten trafen sich in Tamera. von Leila Dregger, erschienen in Ausgabe #10/2011
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Die Zeltdächer der »Aonda«-Bar an einem der Seen der Tamera-Wasserlandschaft schwirrten vier Tage und Nächte von Erzählungen und Begegnungen – und vermittelten einen Eindruck von der Vielfalt der Ökodorfbewegung:
Die Brüder Pavel und Dmitri aus einer Anastasia-Siedlung am Ural verschenkten selbst geimkerten Honig und suchten Methoden, den nach fast hundert Jahren Misswirtschaft ausgelaugten Boden wieder fruchtbar zu machen. Städteplaner Erik Rombaut aus Belgien wendet Methoden aus Ökodorfern an, um Städte grüner und gesünder zu gestalten. Professor Ali Gökmen und seine Frau Inci sind so etwas wie die Großeltern der türkischen Ökodorfbewegung. Alex vom Kibbuz Lotan in der israelischen Negev-Wüste hat sich auf Komposttoiletten und Abfallmanagement spezialisiert: »Die Wüste lehrt uns, so zu leben, dass alles wiederverwendet werden kann.« Teilnehmer aus Dänemark haben aus ihrer Wohnsiedlung ein Co-Housing-Projekt gemacht, wo sich mehrere Familien verschiedener Generationen Gärten, Küchen und Keller teilen. Lua aus dem Kongo wurde durch eine persönliche Lebenskrise zu der Entscheidung geführt, in ihrem durch Krieg verwüsteten Land Straßenkinder aufzunehmen und Ökodörfer zu gründen.
Vertreter der großen Gemeinschaften, wie dem ZEGG oder Sieben Linden in Deutschland, Findhorn in Schottland, Damanhur in Italien und Tamera sind schon seit vielen Jahren in ihren Regionen Säulen für Nachhaltigkeitswissen und globale Ausbildungs- und Erfahrungsorte. Paulo und Ruth, zwei Vertreter der Firma Lush (»fresh handmade cosmetics«) aus England, möchten dabei helfen, Produkte aus Ökodörfern zu vermarkten. Lush sponserte bereits die Gründung von GEN Afrika. Und aus dem Friedensdorf San José de Apartadó in Kolumbien (siehe Artikel auf Seite 76) trafen die ersten 25 Tonnen Kakaobohnen ein.
Am lautesten und lustigsten ist es immer dort, wo der Australier John Croft mit seiner dröhnenden Stimme einer Gruppe von jungen Menschen die Grundlagen der von ihm konzipierten »Dragon-Dreaming«-Methode erklärt: Er zeigt, wie aus einem persönlichen Traum ein menschheitlicher wird und man ihn so überzeugend vermittelt, dass man Geldgeber und Mitstreiter findet.

Neues Ziel: Politische Anerkennung
»Ökodörfer sind Samen der Hoffnung in einer Zeit der Veränderung«, sagte die Präsidentin von GEN Europe, Macaco Tamarice aus Damanhur. »Zusammen zu leben, scheint das große Problem unserer Zeit geworden zu sein. In ihrer Vielfalt können Ökodörfer Antworten auf verschiedenste Fragen geben.«
In der Aula von Tamera wurden bei Vorträgen, Workshops und Projektvorstellungen nicht nur Wissen ausgetauscht, Erfahrungen vermittelt und Netzwerkkontakte geknüpft. Man erarbeitete vor allem Wege, wie das in Ökodörfern entwickelte soziale und ökologische Wissen angesichts der globalen ökonomischen Krise und der Klimaveränderung noch effektiver zur Verfügung gestellt werden kann. Gerade Portugal ist ein aktuelles Beispiel für die ökonomischen und ökologischen Probleme dieser Zeit – aber eben auch dafür, wie das Wissen aus Ökodörfern helfen kann.
Helder Guerreiro, Vize-Bürgermeister der Kreisstadt Odemira, sagte in der Eröffnungsrede: »Wie ein Samen die Kerninformation des Lebens in sich trägt, so tragen Sie als Samen der Hoffnung die Basisinformationen für das Zusammenleben der Menschheit. In seiner derzeitigen entscheidenden Phase braucht Portugal und brauchen vor allem auch wir Politiker eine solche Orientierung, zu der wir immer wieder zurückkehren können.«
»Es ist geradezu elektrisierend, was ich hier erlebe«, begeistert sich Paulo Daniel von der Umweltschutzorganisation Quercus aus Lissabon. »Die Erfahrung Tameras hinsichtlich eines natürlichen Wassermanagements, das Wissen, das in seinen Projekten zu nachhaltiger Architektur und dezentraler Energietechnologie steckt, und vor allem die Erfahrung, gemeinschaftlich zusammenzukommen und Probleme gemeinsam zu lösen – all das schafft Hoffnung auf eine bessere Zukunft! In Portugal denken die Leute so oft: Ich kann ja doch nichts verändern. Hier erlebt man viele Beispiele, wie Menschen die Eigeninitiative aufgebracht haben, ihr Leben in die Hand zu nehmen.«
Mit den inzwischen in 23 Ländern durchgeführten EDE-Kursen (Ecovillage Design Education), die z. B. im brasilianischen São Paulo von 100 Städteplanern besucht wurden, mit Veröffentlichungen und über das Internet wird das Wissen bereits heute effektiv weitergegeben.

Antworten für die Welt
Kosha Joubert vom GEN-Council machte aber deutlich, dass dieses Wissen angesichts einer rapide steigenden Nachfrage noch besserer Verbreitungswege bedarf: »GEN verändert sich. Wir hören den Ruf der Gesellschaft an uns, erhalten Anfragen auch von politischen Gremien wie der EU, von Botschaften und dem deutschen Außenministerium. Unser Wissen wird gebraucht. GEN erhält damit unter anderen die Aufgabe, für Ökodörfer eine politische Anerkennung zu erreichen.«
Der allgemeine Tenor nach der Konferenz war: Noch nie haben wir so hautnah die Situation der Welt an uns herangelassen, und noch nie haben wir so ernsthaft daran gearbeitet, Antworten zu finden. Ganz besonders lag dies an den Teilnehmern aus Afrika. Professor Adama Ly aus Senegal, Lua Bashala-Kekana aus dem Kongo und Philip Munyasia aus Kenia stellten die Ökodorfprojekte ihrer Länder vor: Antworten auf Armut, Kriegstraumatisierung und Natur­zerstörung.
So war es nur folgerichtig, dass der GEN Excellency Award in diesem Jahr nach Afrika ging. Allerdings war es unmöglich, sich zwischen den Projekten Otepic aus Kenia und Mama na Bana aus dem Kongo zu entscheiden. Kurz entschlossen wurde der Preis deshalb geteilt. Ein spontanes Fundraising verdoppelte die Preissumme von 3000 Euro, und so konnten Lua und Philip jeweils die ganze Summe mitnehmen.
Die mutige Frau aus dem Kongo berührte uns mit ihrer Rede: »Mama na bana heißt übersetzt ›Mutter und Kind‹. Wir haben bereits fünf Hektar Land für unser Straßenkinder-Ökodorf erhalten und die Möglichkeit, noch mehr zu erwerben. Von dem Preisgeld werden wir einen alten Pick-Up und andere Dinge kaufen, die wir für den konkreten Aufbau der ersten Einrichtungen brauchen. Noch wichtiger als das Geld ist aber die persönliche Unterstützung: Noch in diesem Jahr werden mehrere Fachkräfte beim Aufbau einer Wasserlandschaft und der ersten Lehmhäuser helfen. Kongo gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Tatsächlich ist es – als das Herz Afrikas – das reichste Land: Es hat global die wertvollsten Rohstoffe und die größte Artenvielfalt. Aber im Krieg sind mindestens drei Millionen Menschen umgekommen, unzählige Frauen wurden vergewaltigt, Bauern wurden vertrieben, und der Krieg internationaler Konzerne um unsere Bodenschätze geht weiter.
Wir brauchen Orte, wo Frauen und Kinder sich sicher fühlen dürfen. Denn noch ist das Herz des Landes intakt; wir haben immer noch unberührte Regenwälder, eine Bevölkerung, die voller Elan für den Wiederaufbau ist, das ursprüngliche magische Wissen unserer Kultur ist noch deutlich spürbar, und die Frauen in den Gemeinden erfahren immer noch den größten Respekt. Ich bin überzeugt davon, dass Ökodörfer helfen können, diesen Schatz zu heilen.«
Die Palästinenserin Aida Shibli fand für diese Haltung eigene Worte, die sich gewiss bei allen Teilnehmern einprägten. Sie sagte: »Wir Frauen aus Krisengebieten haben nicht das Privileg, die Hoffnung aufzugeben.« 

Leila Dregger (51) ist Journalistin, lebt in ­Tamera und hat den Traum, ein Haus für »Writers for Peace« aufzubauen. werkstatt@snafu.de
Hier findet die Hoffnung weitere Nahrung:
www.gen-europe.org, www.tamera.org

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