enkeltauglich leben
Permakultur

Stadt? Land! Fluss!

Die südportugiesische Permakulturfarm Varzea da Gonçala tastet sich an größtmögliche Autarkie heran.von Arne Frehse, erschienen in Ausgabe #16/2012
Photo
© Natalie Hanenkamp

[Bild-1]

Die Sonne brennt unerbittlich herunter, kaum eine Wolke zieht über den Himmel. Dabei ist jetzt, Anfang März, in Portugal eigentlich Win­terregenzeit angesagt. Der Waliser Chris Lewis, der gemeinsam mit seiner Partnerin Kris und ihrer Tochter die Quinta Varzea da Gonçala führt, schaut skeptisch nach oben: »No rain«, kein Regen, konstatiert er trocken. Portugal erlebte gerade einen historisch niederschlagsarmen Februar, und noch immer ist kein Tropfen in Sicht. Das bedeutet Ernteausfälle, bedeutet vielleicht ausgedehnte Wald- und Buschbrände, wie zuletzt vor zehn Jahren, als eine Feuerwalze durchs Tal wütete und kaum etwas übrigließ.
Damals waren »Kris und Chris«, wie man sie hier im phonetischen Gleichklang nennt und kennt, noch nicht im Land. Sie arbeiteten als Brauer daran, das englische Bier zu verbessern (Chris), und als Kunst- und Design-Lehrerin in der englischen Hausbootszene (Kris). Dann, vor nun fünf Jahren, entschieden sich die beiden, der Insel den Rücken zu kehren und ein neues Leben auf eigener Scholle an der Algarve zu beginnen. Ein anderes Leben. Sie erwarben acht Hektar Land mit einigen Ruinen darauf, gesäumt von einem Flüsschen, gelegen im reizvollen, hügeligen und nach der Landflucht vor vielen Jahrzehnten recht dünn besiedelten Hinterland der Algarve-Küste.

Ein ökologisches Happening
Doch es sollte weder ein rein privates Glück zwischen Kork­eichen und Olivenbäumen, noch eine introvertierte Kommune oder ein aufgeblähtes Seminarcenter werden, sondern »etwas Drittes«, nahe an den natürlichen Grundlagen und der menschlichen Natur – eine ökologisch-familiäre Zelle, jedoch offen, sich mitzuteilen und sich mit anderen aus der Region fruchtbar zu vernetzen: ein ökologisches Happening.
So machten sie sich ans Werk, in Sachen Nahrung und Energie zunehmend autark zu werden: »Ich kann mich selbst ernähren« wurde zum programmatischen Motto. Schon bald fanden sich Helfer und ähnlich Gesinnte, die an diesem kleinen Organismus mit­taten. Aus Ruinen erwuchsen schmucke Häuschen, Gärten erblühten, Chris grub Hunderte Löcher und pflanzte die verschiedensten Obstbäume, aber zur Renaturierung auch Korkeichen und andere einheimische Gewächse; das Land leidet schwer unter dem Einfluss von eingeschleppten Spezies, allen voran dem zur Papierherstellung in Plantagen gepflanzten Eukalyptus.
Ein fast surreal anmutender Festplatz in multiethnischer ­Architektur entstand im Herzen der Varzea, gebaut aus Lehm, für gemeinsame Pizza-Gelage, Musik-Sessions und natürlich fürs Brotbacken in einem landestypischen Steinofen. Gleich in der Nähe wurde Varzeas stattlichster Olivenbaum dazu erkoren, ein imposantes Naturholz-Baumhaus zu tragen.
Heute ist die Varzea nahezu das, was sie am Anfang zu sein vorhatte. Workshops werden angeboten, unter anderem zu Lehmbau, Korbflechten, Pilzzucht, Rocket-Stove-Bau (ein so simples wie effizientes, emissionsarmes Ofenprinzip) sowie Permakulturdesign mit englischem Zertifikat. Auch Permakulturferien sind im Programm, und WWOOFer sind sowieso gern gesehen. Das Akronym steht für »World Wide Opportunities on Organic Farms«, was soviel bedeutet wie: Freiwilligenarbeit auf Biobauernhöfen.
[Bild-2]

Zweiwöchentlich treffen sich Menschen aus der Umgebung zum Tauschkreis, tauschen Gedanken und Dinge und arrangieren Arbeitspartys nach dem Motto: »Morgen kommen wir alle zu dir und bauen’s gemeinsam!« Ein landessprachlicher Kindergarten wurde aus der Taufe gehoben, dreimal in der Woche und jeden Freitag hat er im eigenen Tipi seinen Platz. Es wurde also viel geschafft.
»Aber die Varzea wird nie fertig sein«, sagt Chris, getreu seiner Lebensphilosophie, dass alles, sei es ein Besucher, ein Workshop, ein regenarmer Winter, ein Gewitter, ein Gedanke oder was auch immer, den Ort im steten Wandel hält. Dabei schaut er zum Flüsschen hin­unter, das noch zwölf Kilometer vor sich hat, ehe es den Atlantischen Ozean küsst. 


Arne Frehse (46), chronisch nomadischer, freischaffender Autor, Gecko-Forscher und neugieriger Beobachter innovativer Lebensformen.

Weitere Informationen, Kontakt und Reservierungen:
http://www.varzeavivapermaculture.com

weitere Artikel aus Ausgabe #16

Gemeinschaftvon Juliane Rudloff

Selbstverwaltet wohnen

In der Rigaer Straße stehen viele ehemals besetzte Häuser – und tragen an ihrer zum Teil mit viel Gewalt beladenen Geschichte. Die »­Rigaer 78« zeigt, wie ein solches Haus ­einen konstruktiven Weg gehen kann.

Bildungvon Herbert Renz-Polster

Artgerecht aufwachsen

Das Cover der »Times«, das einen Dreijährigen an der Brust seiner Mutter zeigt, hat in diesem Jahr wieder einmal die Diskussion über »zu viel Nähe« für Kinder aufkommen lassen. Dabei gibt es keinen Grund, vor Nähe Angst haben zu müssen.

Lebenswegevon Jochen Schilk

Forschung und Lehre auf eigene Faust

Ottmar Lattorf sagt von sich selber, er sei kein Aussteiger, denn genau genommen ist er nie richtig ins System eingestiegen. Dennoch wirkt der Sohn eines Hirten heute als (r)evolutionäre Denk-Hefe mitten im Teig dieser Gesellschaft: In seinem Kölner Stadtviertel kümmert sich der selbsternannte Öko-Sozialarbeiter um Menschen und Bäume. Er macht Bildungs- und Bewusstseinsarbeit dort, wo es brennt, und hat mit Vorträgen zu allen möglichen Themen auch über seine Heimatstadt hinaus schon so manches Hirn angeregt. – Ein fulminantes Leben in Anekdoten.

Ausgabe #16
Stadt Leben

Cover OYA-Ausgabe 16
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion