enkeltauglich leben

Wir können ­eigentlich alles

Die ­eigenen Fähigkeiten mit anderen teilen –
ein einfaches, aber wirkungsvolles Konzept.
»Skill Sharing« hat das Zeug zu einer neuen Bewegung.
von Svea Blieffert, erschienen in Ausgabe #19/2013
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Zwei Dutzend junge Leute bevölkern das kleine, von Wald und Wiesen umgebene Haus des I.G.E.L. e. V. im vorpommerschen Zarnekla. In einem der gemütlich eingerichteten Gemeinschaftsräume gibt eine Teilnehmerin eine Einführung in Grafikdesign. Jede Frage ist willkommen und wird beantwortet, entweder von Charlotte, die den Workshop anbietet, oder aus dem versammelten Wissen der Anwesenden. Gegenüber in der Scheune rattert die von Marco mitgebrachte Nähmaschine. Im Hof vor dem Haus stehen reparaturbedürftige Fahrräder umgedreht auf dem Sattel und werden fachkundig unter die Lupe genommen.

Wie können wir einen Raum schaffen, in dem Menschen sich gegenseitig beibringen, was sie gut können? Ein Raum für selbstbestimmtes Lernen mit Kopf, Herz und Hand? Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen wagten wir mit einer »Skill-Sharing«-Seminarreihe ein erstes Experiment. An zwei Wochenenden im Oktober und November 2012 fanden die ersten von Paul Vonberg und mir selbst organisierten Seminare zum Teilen (englisch: sharing) von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten (skills) statt. Aus ganz Deutschland kamen Lehr- und Lernbegeisterte junge Leute in Zarnekla zusammen.
Was uns Initiatoren antrieb, war vor allem die Enttäuschung über starre Modulpläne und kopflastige Lehrveranstaltungen an der Uni. Immer wieder spürten wir das Verlangen, den eigenen Interessen auf einem individuellen Lernweg zu folgen – wobei wir feststellen mussten, dass niedrigschwellige Angebote zur Befriedigung des Wissens- und Lerndursts nach praktischen Fähigkeiten häufig fehlen. »Viele Menschen wollen lernen, wie man Fahrräder repariert oder den eigenen Apfelsaft presst. Sie wollen ein Musikinstrument ausprobieren, kommen aber im Alltag nicht dazu«, weiß mein Kompagnon Paul. »Sie nehmen sich nicht die Zeit dafür, finden keine Gelegenheit und keine Unterstützung von Erfahrenen.«
 

Es geht auch ohne viel Vorbereitung
Im Vorfeld wurden von uns lediglich Ort und Zeit bekanntgegeben. Alles weitere brachten die motivierten Skill-Sharer selbst mit. Sie konnten ihre Lernangebote und -gesuche bei der Anmeldung online angeben, so dass sich die Workshops den Inter­essen der Teilnehmenden entsprechend vorbereiten ließen. Das genaue Seminarprogramm entwickelte sich jedoch erst zu Beginn des Wochenendes gemeinsam mit der Gruppe. Wer beim Skill-Sharing teilnimmt, kann immer wieder zwischen der Rolle des Lernenden und des Lehrenden wechseln. Marco, der das Nähen mit alten Fahrradschläuchen anbietet, beschreibt seinen Workshop als einen Miteinander-selbst-lernen-Prozess: »Ich habe etwas mehr Erfahrung als die anderen und kann diese weitergeben. Letztlich ist vieles aber einfach ein gemeinsames Ausprobieren.« Im Vordergrund steht für Marco das gleichberechtigte Lernen, bei dem sich Hierarchien zwischen Lernenden und Lehrenden auflösen. Wer einen Workshop anbietet, kann sich hier in einem sicheren Rahmen ohne Leistungs­druck im Lehren ausprobieren, kann die eigenen Fähigkeiten durch die Weitergabe an andere festigen und durch den Austausch weiterentwickeln. Niemand muss bereits Profi sein. »Wenn ich das weiterdenke, kristallisiert sich hier ein ganz anderes Bildungsverständnis heraus«, glaubt Marco zu erkennen.
Im Unterschied zu Schule und Uni verknüpft das Skill Sharing verschiedene Formen des Lernens. Neben handwerklichen Fähig­keiten wurden bei den vergangenen Seminaren auch Kurse zu Moderation, gewaltfreier Kommunikation, Reden und Zuhören sowie Sinnesmeditationen oder tiefenökologische Übungen angeboten. Auch Spiele waren Teil des selbstgestalteten Programms.
Wie geht es nach diesen ersten Begegnungen, die so großen Anklang fanden, weiter? Wir denken über das Skill Sharing an verschiedenen Orten mit ihren je unterschiedlichen Möglichkeiten nach. Auch das Lernen in altersgemischten Gruppen wollen wir ausprobieren. »Wenn Menschen aus unterschiedlichen Lebenslagen zusammenkommen, bereichert diese Vielfalt das Voneinander-Lernen«, meint Lea aus dem Junge-Leute-Seminar.
Ein paar Wochen später erzählt mir Marco von der tatendurstigen Stimmung, die er in der Gruppe empfunden habe. Als er hinzufügt, dass die Impulse, die er in Zarnekla aufgefangen hat, weiterhin in ihm Musik machen, weiß ich, dass das Skill Sharing auf fruchtbaren Boden gefallen ist und weiter wachsen wird.  

www.skillsharinglandwende.wordpress.com

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