enkeltauglich leben
Gesundheit

Langsamer durchs Leben tanzen

Katharina Baum erzählt von ihrem Umgang mit einer
chronischen Schilddrüsenerkrankung.
von Sara Mierzwa, erschienen in Ausgabe #19/2013
Photo

Katharina Baum steht mit grauem Pullover und roten Filzhausschuhen am Türrahmen. Zwischen ihrer Wirbelsäule und der Wand ist ein faustgroßer Ball eingeklemmt, mit dem sie sich auf und ab bewegt. Mit dieser Technik kann sie verschobene Wirbel oft selbst wieder einrenken. Die diffusen Beschwerden fingen mit Anfang zwanzig an: Unterleibsprobleme, Haarausfall, Depressionen. Die Ärzte waren ratlos. »Irgendwann hatte ich quasi ein rotes Leuchtzeichen auf der Stirn: Psychosomatikerin oder Hypochonder«, sagt ­Katharina, fährt sich mit der Hand über die Stirn und verdreht die Augen. Ein Endokrinologe stellt endlich die Diagnose: Hashimoto – eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Die verschriebenen Hormonpräparate verträgt sie jedoch nicht und nimmt 45 Kilogramm zu: »Ich ging auf wie ein Hefeteig«, sagt sie mit einer ausladenden Armbewegung. Hinzu kommen Sprach- und Sehstörungen, Muskelschmerzen und Konzentrationsschwäche. Die Ärzte blicken auf ihre Werte im Normalbereich, zucken mit den Schultern und wiederholen: psychosomatisch! Katharina glaubt das nicht und sucht weiter nach Gründen für ihre Schmerzen. Sie forscht gerne, interessiert sich für Zusammenhänge und Hintergründe – auch bei ihrer Krankheit. Über ein Internet-Forum findet sie heraus, dass ihr Stoffwechsel womöglich das synthetische Schilddrüsenhormon nicht umwandeln kann. Mit einem neuen Präparat sind die Depressionen wie weggeblasen, und sie nimmt ab. Energie und Konzentration kehren wieder zurück: »Ich bin durch diesen Sommer gehüpft wie ein Reh«, erinnert sie sich.
Auch heute geht es Katharina ganz gut: Sie hat bereits mit dem Frühjahrsputz begonnen. Schnell spült sie noch das Geschirr ab und trocknet ihre Hände an dem selbstgewebten Handtuch. Dann sitzt sie still auf dem Küchenstuhl, die Hände entspannt in den Schoß gelegt, und erzählt, was sich durch ihre Erkrankung verändert hat: »Ich muss meine Ungeduld zügeln, weil die Bedürfnisse meines Körpers Vorrang haben: Wie eine alte Frau!« Sie zeigt auf ihre Lachfalten: »Ich rüttle nicht mehr an jeder Gitterstange, mache mir selbst weniger Druck und lasse mir auch keine Deadlines mehr von anderen Menschen setzen.« Nach der Ausbildung zur Handweberin hatte sie vergleichende Kulturwissenschaften studiert. Dann kam die Zeit, in der sie als Sekretärin in einer großen Firma manchmal 60 Stunden pro Woche gearbeitet hat und nebenher noch als Musikerin umhergereist ist. Heute sieht der Alltag anders aus: Pausen machen, Ruhe haben, Auszeiten nehmen. Leichter gesagt als getan? »Eine gute Planung und die Fähigkeit, Nein zu sagen, haben mir dabei geholfen, nicht mehr so durchs Leben zu hetzen.« Katharina überlegt sich gut, welche Ziele realistisch sind, und akzeptiert, dass manche Dinge langsamer gehen oder auch gar nicht: die Kinderlosigkeit gehört in diese Schublade der nicht erfüllten Wünsche. Statt viel zu reisen, spielt sie heute mit einer Musikergruppe vor Ort zum Folkloretanz auf – mit Flöten und Trommeln. Dazu singt sie mit ihrer kräftigen und warmen Stimme Lieder aus Osteuropa und aus aller Welt. Manchmal würde sie gerne mittanzen; ein langsamer Walzer geht auch noch, aber andere Tänze sind zu anstrengend. »Ein freier Kopf, keine Gliederschmerzen und ein Gefühl von Leichtigkeit – so fühlt sich Lebendigkeit für mich an«, fasst Katharina den gewünschten Ideal­zustand zusammen. Eine Krankheit hingegen schränkt ein und tut dem Körper nichts Gutes, so lautet ihre eigene Definition. Was die guten Seiten an ihrem jetzigen Leben sind? Katharina ernährt sich bewusster und nimmt sich Zeit, selber Gemüse anzubauen. Ihr Freund übernimmt meistens das Gießen mit den schweren Wasserkannen, sie hackt den Boden. »Im Sommer stapeln sich Kisten voller Zucchini in unserer Küche«, erzählt sie.
Nach einem langen Marsch durch die Wartezimmer hat sich Katharina von der Standardmedizin emanzipiert und trifft auch Entscheidungen gegen den Rat der Ärzte. Eine Erkenntnis aus ihrem bisherigen Leben ist: »Gestern ist heute ist morgen. Das hängt alles miteinander zusammen. Wir leben das Bild, das wir für die Zukunft malen. Denn wir wissen jetzt nicht, was morgen sein wird, und somit beeinflussen wir auch wieder die Vergangenheit.« Auch in Zukunft möchte sie gut leben können. »Bitte weiterhin mit viel Musik – das reicht.« •

weitere Artikel aus Ausgabe #19

Photo
von Dieter Koschek

Allmende Vorarlberg

Von der Kraft des gemeinsamen Tuns Kann man während der Lektüre eines Buchs über Genossenschaften und Commons mit allen Sinnen die Seele baumeln lassen? Tatsächlich geschieht gerade dies beim Lesen von Rita Bertolinis »Allmeinde Vorarlberg«. Das Buch enthält

Photo
von Elena Rupp

Arme Roma, böse Zigeuner

Es gibt kein »Roma-Problem« Wo immer man über Roma schreibt, scheint man Gefahr zu laufen, sich an Vorurteilen die Finger zu verbrennen. Norbert Mappes-Niediek wagt es trotzdem und tritt ohne Scheu direkt in das Minenfeld an Klischees und Feindbildern – in der Absicht,

Photo
Gesundheitvon Sabine Wandelt-Voigt

Heilsames Singen

Seit 2006 gibt es die Singgruppe an der psychiatrisch-neurologischen Klinik Christophsbad in Göppingen. Sie ist offen für derzeitige und ehemalige ­Patientinnen, Mitarbeiter, Angehörige und Menschen aus der Umgebung. Die heilsame Kraft des gemeinsamen Singens entfaltet sich besonders dann, wenn es um Freude und Verbundenheit statt um Leistung und Perfektion geht.

Ausgabe #19
Lernorte bilden

Cover OYA-Ausgabe 19
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion