enkeltauglich leben

Der Boden unter unseren Füßen

Der »Summer of Soil« in Schweden hat eine ­Bewegung für die vernachlässigte Lebensquelle Boden begründet. Svenja Nette war auf dem »Living Soil Forum« in Järna dabei.von Svenja Nette, erschienen in Ausgabe #22/2013
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Der Boden ist das zentrale Element einer ökologischen Landwirtschaft und damit eine fundamentale Ressource für unsere Nahrung – eine Lebensquelle, die geschützt werden muss: Ein Viertel der menschlich genutzten Böden ist durch Erosion, Verarmung und Landraub bedroht. Doch eine hörbare Lobby hat gesunde Erde derzeit nicht. Diese schwerwiegende Lücke inspirierte eine kleine Gruppe von Menschen dazu, eine soziale Bewegung zu schaffen, die künftig für den Boden sprechen soll. Der »Summer of Soil«, eine sechswöchige Veranstaltungsreihe rund um das Thema im schwedischen Ökodorf und Lernort Järna, sollte ihr Kondensationskeim sein. Herzstück des Bodensommers war das Living Soil Forum, zu dem 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer für fünf Julitage nach Järna kamen, um Initiativen zu entwickeln, die das Bewusstsein für die immense Bedeutung von Böden stärken und praktische Lösungen anstoßen sollen. Dabei stand der Aufbau von Gemeinschaften im Vordergrund, sind sich die Veranstalter des Forums doch sicher: Die Basis einer starken sozialen Bewegung sind lebendige, authentische Beziehungen.
Erstaunlich an diesem Prozess ist, dass das Organisationsteam des Summer of Soil kaum über Hintergrundwissen im landwirtschaftlichen Bereich verfügte. Die Gruppe hatte sich im Rahmen des Jugendprogramms »YIP« (Youth Initiative Program) kennengelernt, das in Järna zu Hause ist. In diesem Bildungsjahr geht es vor allem um Persönlichkeitsentwicklung und Wandlungsprozesse der Gesellschaft. Zwei ehemalige Teilnehmer, Reinoud Meijer und Pieter Ploegh, brannten nach ihrem YIP-Jahr darauf, etwas Wirksames zu tun. »Aus unserem Jahrgang waren sechs Leute hier in Järna geblieben«, erzählt mir Pieter. »Wir wollten gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Als größte zusammenhängende Herausforderung kristallisierte sich das Thema Landwirtschaft heraus, das Berührungspunkte mit so vielen anderen Problemen hat. Der Boden zeigte sich uns als ebenso vernachlässigter wie drängender und konkreter Kernpunkt.« Das fehlende landwirtschaftliche Wissen wollten sich Pieter und sein Team über den Summer of Soil mit ins Boot holen.

Gemeinsam an runden Tischen Ideen ausbrüten
Vandana Shiva sitzt an einem Diskussionstisch und schlürft Tee, während sie anderen Gästen des Living Soil Forums ihre Gedanken über gesunde Erde erläutert. Die Saatgut-Aktivistin und Trägerin des ­Alternativen Nobelpreises ist die großen Bühnen gewohnt. Doch hier verbringt sie – wie alle Teilnehmenden – die meiste Zeit mit Gesprächen auf Augenhöhe.
Ich erlebe das Forum in Järna vor allem als Kreativraum, in dem wir alle unser Wissen und unsere Vorstellungen hineingeben – ein idealer Nährboden für neue Initiativen. Unsere Begegnungsformen stammen aus dem »Art of Hosting« (etwa »die Kunst des Gastgebens«), einer Sammlung von Moderationstechniken, die Menschen zu persönlich involvierten Gesprächen anregt.
Wie kommt also eine Bewegung ins Rollen? »Was geholfen hat, war die Formulierung eines ehrgeizigen Ziels. Letzten Herbst haben wir in kürzester Zeit die gesamten Rahmenbedingungen des Summer of Soil festgelegt«, erklärt Pieter. Es helfe, in solchen Momenten einen gewagten Plan in die Welt hinauszuschicken. Das schaffe eine Energie, die weitere Menschen anzieht. Die Initiatoren hatten lediglich das Metathema des Forums bewusst konkret gehalten. Weg von ermüdenden Vortragsreihen – hin zu einer menschlicheren Versammlungskultur, die uns Entscheidungskraft in die Hand gibt. Diese Strategie scheint aufzugehen: Inzwischen sind 14 konkrete Initiativen geplant, von Renaturierungszentren über ein Netzwerk von Bauernhöfen mit Vorbildcharakter hin zu einer Akademie für Menschen, die im weiten Feld zwischen politischen und landwirtschaftlichen Aspekten arbeiten wollen.
Zum Schluss des Forums wird mir bewusst, dass ich in den fünf Tagen 130 Menschen auf einer Ebene getroffen habe, die viel tiefer ging als das übliche »Und was machst du so?«. Bei der Verabschiedung standen vielen die Tränen in den Augen. Ich fühlte mich tatsächlich mehr als Teil einer Bewegung denn als Konferenzteilnehmerin und verabschiede mich im festen Wissen, dass ich einige Verbündete bald wiedersehen werde. 
 

www.summerofsoil.se
www.artofhosting.org
www.yip.se

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