enkeltauglich leben
Gemeinschaft

»Das peppt die Ecke auf!«

Eine Stadt wird lebendig.
von Andreas Schug, erschienen in Ausgabe #28/2014

 

Es begann mit einer Idee des Aktionskünstlers Bernd Demandt, der von sich sagt: »Für mich ist Gemeinschaft gar nicht so wichtig.« Er betreibt in der Dreiflüssestadt Hannoversch Münden, wo sich Fulda und Werra zur Weser vereinen, ein Fahrradhotel, ein Gästehaus und ein Café. Wenn er früher durch den Stadtkern mit den Fachwerkhäusern ging, blickte ihn in der Speckstraße 7 ein ausgebranntes Haus an. Das Feuer hatte den Dachstuhl zerstört, Decken und Wände waren marode, die Treppen zum Teil eingestürzt. »Ein wirtschaftlicher Totalschaden«, fasst Demandt zusammen. Eine Idee ließ ihn aber nicht los: Innerhalb von neun (!) Tagen könnte das Haus in Ehrenarbeit und durch Spenden wieder saniert sein.
Alleine geht so etwas nicht. Also suchte Demandt seit 2012 Verbündete, die noch im Dezember des gleichen Jahres den »Kunstnetz e. V.« gründeten – das Untergeschoß des Speckstraßenhauses war fortan für Ausstellungsräume und Ateliers vorgesehen. Kurz darauf folgte im Februar 2013 mit 173 Gründungsmitgliedern die Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt eG und im April der Förderverein Mündener Altstadt e. V. So war alles Formale akribisch organisiert, um eine ziemlich verrückte Idee zu verwirklichen.
Im Herbst 2013 startete dann die Aktion »9 mal 24« als Highlight des Festivals »DenkmalKunst«. An der staubigen 9-Tages-»Performance« in der Speckstraße beteiligten sich schließlich mehr als 140 Bauhelfer.
 

Der Plan ging nicht auf, aber …
Soviel zur Vorgeschichte. Das Ergebnis Anfang Oktober 2013, nach neun Tagen Dauerbaustelle: Das Haus ist komplett entkernt, Dachstühle und Dächer sowie einige Wände sind neu – aber die Sanierung ist noch lange nicht fertig … Doch nun wird das Projekt erst richtig spannend! Die Helfer geben nicht auf, denn sie haben selbst Feuer gefangen, und die junge Gemeinschaft beginnt, sich zu organisieren. »Am Anfang bin ich dauernd durch das Haus gelaufen und habe eingeteilt, wer welche Arbeiten machen könnte«, erinnert sich die Innenarchitektin Barbara Brübach. Doch nach dem Auftakt kristallisiert sich eine Handvoll pensionierter Handwerker heraus, die nahezu täglich auf dem Bau sind. Einer von ihnen ist der Elektriker Eduard Finkedey. »Ich hatte mich selbst dazu überredet, weil die Fassade an mein Grundstück grenzt«, sagt er. »Jetzt macht es mir richtig Spaß, mit einer Gemeinschaft so was aufzubauen. Das peppt die Ecke hier auf!« Finkedeys anfängliche Zweifel sind verflogen.
Ein großer Beitrag zum Zusammenhalt kommt zudem von Rosi Kowalczyk, die immer ein warmes Essen für ihren Mann und die anderen Helfer kocht. Dem 66-jährigen Finkedey gefällt die unverhoffte Gemeinschaft; er hat neue Freunde gefunden und lernt viel dazu. So hat er vorher noch nie mit Lehm gearbeitet. »Wir haben hier keine Scheuklappen, jeder hilft dem anderen quer über die Gewerke, das kenne ich von anderen Baustellen nicht.«
Im Sommer 2014 ist die Speckstraße 7 fast fertig. Die ersten Bewohner sind eingezogen, mit ihrer Miete werden sie das vorfinanzierte Projekt ermöglichen. Bevor die Möbelwagen kamen, haben die Aktiven im Mai zum Tag der offenen Tür geladen und im Anschluss bis vier Uhr nachts vor dem Haus gesessen und gefeiert.
Die Wirkung geht indessen weit über die Speckstraße hinaus; die Stimmung in der ganzen Stadt habe sich positiv verändert, findet Bernd Demandt: »Es gibt das Gefühl, dass die Stadt lebt.« Auch sind Auswärtige auf Münden aufmerksam geworden und haben sich getraut, leere Fachwerkhäuser zu kaufen und – unterstützt vom Förder-verein – zu renovieren. Barbara Brübach freut sich, dass viele Zugezogene wie sie in der Initiative aktiv wurden: »Ich konnte in der Stadt richtig ankommen.« Jetzt feiert sie so manchen Geburtstag zusammen mit anderen Helfern. In die Zukunft blickend, verrät sie: »Einige von uns haben schon Lust auf ein neues Projekt.« • 

www.9-mal-24.de

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