enkeltauglich leben

Wenn die Organe ihr Schweigen brechen und die Seele streikt

von Beata Seemann, erschienen in Ausgabe #31/2015
Photo

Gesundheit als Lebenstanz
»Gesundheit und Krankheit sind keine sich ausschließenden Gegensätze, sondern als polare Kräfte komplementär miteinander verbunden«, schreibt die Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil in ihrem neu erschienenen Buch. »Wird die Gesundheit geschwächt, hat die Krankheit ein leichtes Spiel. Im Gegenzug fordert die Krankheit die Lebendigkeit der Gesundheit heraus«. Die Autorin beleuchtet zunächst das immer mehr vorherrschende Verständnis von Gesundheit und Krankheit als marktwirtschaftlichen Faktoren und thematisiert die allzu oft bei den Medizinern abgegebene Verantwortung.
Im Gegensatz dazu zeigt Annelie Keil, dass es uns durchaus in die Wiege gelegt ist, kompetent mit unserer Gesundheit umzugehen: Schon die Zeugung sei von Offenheit, Überraschung und Koexistenz geprägt – diese Qualitäten sind also ein grundlegender Bestandteil menschlichen Lebens. Auch die Polarität von Gesundheit und Krankheit erschließt sich als etwas Systemisches, das in vielerlei – auch biografischen, kulturellen und sozialen – Abhängigkeiten steht und immer wieder neu sein Gleichgewicht ausbalancieren muss. So ist jeder Mensch einzigartig, nicht nur in der Weisheit seines Körpers und seiner Seele, sondern auch in der Gestalt und Gestaltung seines Gesundseins. Dazu gehört auch die Kompetenz im Kranksein – mutig und geduldig zu sein, »im kritischen Dialog mit sich selbst und den Experten Krankheit und Krisen in die eigenen Hände zu nehmen« und die Botschaften verstehen zu lernen, die die Krankheit für ihren »Besitzer« bereithält. Auch Themen wie Demenz, Sterben und Tod werden konsequent aus dieser Perspektive betrachtet.
Annelie Keils Verständnis von Gesundheit erinnert an künstlerische Prozesse, in denen sich das Leben ausdrückt – Improvisationen, die ständig weiterfließen und sich entwickeln, die niemals »abgehakt« werden können. Schön sind in diesem Zusammenhang auch die immer wieder eingestreuten Zitate aus der Literatur. Wie ein roter Faden leuchtet die Liebe zum Leben durch den gesamten Text.
Das Buch leistet einen hervorragenden Beitrag zum Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Es ermutigt zur »Wiederaneignung des Lebens«, zum Vertrauen in die angeborene Kompetenz. Aus einigen Kapiteln geht hervor, dass die Autorin aus einer Menge an persönlicher Erfahrung schöpft. Sie schreibt authentisch, tiefgründig und klug und benutzt dabei eine Sprache voller Esprit und Charme. Diese Lektüre rührt etwas Tiefes an und macht gleichzeitig Spaß. ◆ 


Wenn die Organe ihr Schweigen brechen und die Seele streikt
Krankheit und Gesundheit neu denken.
Annelie Keil
Scorpio Verlag, 2014, 240 Seiten
17,99 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #31

Photo
Aktion & Widerstandvon Sara Mierzwa

Auf dem Weg zur Radstadt

Martin sitzt im grünen Wollpulli auf dem Sofa seiner Zwei-­Zimmer-Wohnung in Darmstadt. Auf dem Tisch liegen Bücher – »Denkfehler Wachstum« und »Virus Auto« –, daneben die Kamera, mit der er seine Aktionen dokumentiert. Im Rucksack und auf

Photo
von Lara Mallien

Lebendigkeit

Ungepanzert Einigen Leserinnen und Lesern mag das Buch »Alles fühlt – Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften« von Andreas Weber bestens bekannt sein. Es ist 2007 im Berlin Verlag erschienen und wurde 2014 bei thinkOya neu aufgelegt. Bei manchen rangiert

Photo
von Christina Stange

Tiefenökologie

Verbindung ist (über-)fällig Eine Studie zum Thema »Tiefenökologie« wurde vom österreichischen Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegeben, und Elisabeth Loibl, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bundesanstalt für Bergbauernfragen wirkt, hat aus

Ausgabe #31
Tatorte

Cover OYA-Ausgabe 31
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion