enkeltauglich leben

Das Paradies ist weiblich (Buchbesprechung)

von Jochen Schilk, erschienen in Ausgabe #1/2010
Photo

Der argentinische Journalist Ricardo Coler hatte in seinem Heimatland bereits einige Reportagen aus noch bestehenden Matriarchaten veröffentlicht. Man sollte meinen, dass er durchaus einiges gewohnt ist, wenn
es um exotisch anmutende Kulturen geht. Doch sein etwa einmonatiger Aufenthalt in einem Mosuo-Dorf in Südchina hat ihn dennoch ziemlich aus dem Konzept gebracht – so völlig anders sind in der kleinen Ethnie von rund 30 000 Menschen die Geschlechterrollen ver- teilt. Frauen haben in den streng matrilinear geordneten Clans klar das Sagen. Sie managen aufopferungsvoll Haus und Hof und geben den herumlungernden Män- nern scharfe Arbeitsanweisungen, die jene prompt und ohne Widerrede erledigen, um anschließend wieder
zu dösen oder mit ihresgleichen Karten zu spielen. Andererseits wiederum haben die scheinbar so unselb- ständig und unterwürfig wirkenden Mosuo-Männer das Heft in der Hand, wenn es um die Außenpolitik des Dorfs sowie um »die ganz großen Fragen« geht – wobei nicht ganz klar wird, worin diese ganz großen Angelegenhei- ten eigentlich bestehen.
Wirklich wunderbar liest sich der Bericht eines Mannes aus einer Machismo-Gesellschaft, der sich selbst einem krassen Kulturschock ausliefert! Weder kennen noch brauchen die Mosuo das Konzept einer Vaterschaft, noch das der Kleinfamilie oder der Ehe. Niemals würde eine Mosuo den eigenen Mutterclan verlassen, um sich auf das unsichere Experiment einer Ehe in einem Zweipersonenhaushalt einzulassen. Denn sie wissen, dass das Weh groß und die Konsequenzen hart sein können, wenn die Liebe sich entschlossen hat, weiterzuwandern. In ihrer traditionellen Praxis der Be- suchsehe bedeutet Liebe nicht, dass zwei Verliebte sich einander früher oder später auf Gedeih und Verderb ausliefern und eine Wirtschaftsgemeinschaft bilden. Die ökonomische Unabhängigkeit der Liebenden bleibt hier immer gewahrt, denn beide Partner bleiben in ihren jeweiligen Clans gut versorgt, egal ob ihre Liaison zwei Nächte oder mehrere Jahrzehnte währt. Und was den Autor noch mehr verwirrt: Die sonst so dominanten und selbstsicheren Mosuo-Frauen mutieren auf den dörfli- chen Balz-Festen zu schüchternen Mädchen ...
Auf dem Buch prangt ein Aufkleber mit dem Rezensenten-Urteil »Faszinierend!« – meiner Meinung nach völlig zu recht. Noch nie hatte ich die Gelegenheit, durch ein Buch derart lebensnah mit dem Thema Mat- riarchat Bekanntschaft zu machen. Noch dazu fand ich es äußerst reizvoll, dieses besondere Matriarchat durch die Augen und Ohren eines einigermaßen unbedarften westlichen Mannes kennenzulernen. Da bekommt man richtig Lust, noch tiefer einzusteigen mit dem autobiographischen Roman »Land der Töchter« von der Mosuo-Frau Yang Erche Namu oder freilich mit dem ethnografischen Werk »Matriar- chat in Südchina« von der großen Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth. 

Das Paradies ist weiblich
Ricardo Coler
Kiepenheuer, 2009,
165 Seiten
ISBN 978-337801103
17,95 Euro

weitere Artikel aus Ausgabe #1

Gemeingütervon Matthias Fersterer

Allmende revisited

Allmende – bedeutete das »allen gehört alles«? Wir haben nur vage Vorstellung vom Wesen der mittel­alterlichen Allmende. Dabei fördert eine Spurensuche in dieses vergessene Kapitel der europäischen ­Geschichte wahre Schätze zutage. In der Geschichte der Allmendewirtschaft schlummert der abgerissene Faden einer mündlich überlieferten Tradition nachhaltiger Landnutzung. Das kennen wir sonst nur von indigenen Völkern. Lässt sich heute mit einem modernen, aufgeklärten Geist daran anknüpfen?

Gesundheitvon Johannes Heimrath

Ich bin eine Gemeinschaft

Wenn sich die Medizin darauf ausrichtete, Menschen in ihrem Gesundsein oder Gesundwerden zu unterstützen, statt vor allem Krankheit zu bekämpfen – was würde das für uns bedeuten? Ellis Huber, der durch sein Engagement für Erneuerungen im Gesund­heitswesen bekannte Mediziner, und
Marco Bischof, Wissenschaftsautor und Atemtherapeut, sprachen mit Oya-Herausgeber Johannes Heimrath über die Vision einer gesunden Gesellschaft.

Bildungvon Anke Caspar-Jürgens

Anders Lernen

Anders Lernen? Warum »anders«? Weil wir heute schulisches Lernen mit der Angst vor Versagen, vor schlechten Zensuren oder gar vor dem Sitzenbleiben verbinden. Wer Angst hat, kann bekanntlich nicht gut lernen. Viele Menschen sind seit langem überzeugt, dass hier etwas ­anders werden muss, denn die Art, wie wir lernen, hat Einfluss auf die Gestaltung unserer gesamten Kultur. Und die wäre eine andere, wenn sie weniger von Angst als von mehr Vertrauen und Freude am Lernen geprägt wäre.

Ausgabe #1
Wovon wir alle leben

Cover OYA-Ausgabe 1ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion