enkeltauglich leben

Vom Wald und seiner Dauer

Der Dauerwald ist ein Beispiel für eine gelingende Ökonomie des Lebendigen.
von Lara Mallien, erschienen in Ausgabe #35/2015
Photo

Über struppigen Brombeeren und buschiger Traubenkirsche erheben sich dicht an dicht hohe Kiefern – das ist kein Wald, sondern eine ökologisch äußerst ärmliche Plantage. Ich bin etwas enttäuscht, als ich die ­ersten Schritte in »unseren« neuen Wald im Papendorfer Forst setze. Erst kürzlich sind die verstreuten, kleinen Waldflächen, die meine Lebensgemeinschaft im vorpommerschen Dorf Klein Jasedow in den vergangenen Jahren erwerben konnte, zu bescheidenen zweieinhalb Hektar zusammenhängender Fläche an einem neuen Standort vereint worden. Ein paar waldbegeisterte Gemeinschaftsmitglieder haben den Förster Eckhard Wenzlaff eingeladen, uns zu einem möglichen Umbau der Kiefern­monokultur zu ­beraten.

»Ihr könnt Förderung beantragen«, klärt er uns auf. »Am besten, ihr nehmt einige der Kiefern raus, lasst aber noch einen Schirm von den schönsten Bäumen stehen, damit sich der Jungwuchs im Halbschatten besser erzieht. Buche, Linde, Ahorn – das zum Beispiel würde ich hier pflanzen.« Eckhard ist Mitinitator der 2011 gegründeten »Dauerwaldstiftung«, die einige Kilometer nördlich von uns den »Spechtwald« in einen naturnahen Mischwald mit Bäumen unterschiedlichster Arten und Altersstufen umgestaltet – das erste und einzige Dauerwaldprojekt im Nordosten Deutschlands. Ansonsten dominiert der Altersklassenwald, der wie eine Plantage bewirtschaftet wird: Bäume weniger Arten werden gezielt angepflanzt, und wenn der Bestand »hiebreif« ist, wird abgeholzt und wieder nachgepflanzt. Ich bin erstaunt, zu erfahren, dass auf 90 Prozent der Waldfläche Deutschlands Alters­klassenwald steht, wo doch die Waldschutzgesetze des Landes über den grünen Klee gelobt werden. Eckhard klärt uns auf, dass naturnaher Waldumbau nicht besser gefördert werde als der konventionelle Weg.
»Ihr könntet hier auch alles platt­machen – ein Hektar Kahlschlag ist nach wie vor erlaubt – und 60 bis 70 Prozent Buchen und den Rest Douglasie pflanzen. Auch dafür gibt der Staat Geld. Dann hast du einen flächigen Bestand, der sich ideal maschinell ernten lässt. Die Lobby der Holzindustrie, der Deutsche Forstwirtschaftsrat, die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände etc. – die stellen sicher, dass der Aspekt der reinen Holzproduktion bei den Waldgesetzen immer im Vordergrund bleibt. Die Bundesregierung hat zwar beschlossen, fünf Prozent der Waldfläche Natur sein zu lassen – dagegen wettern diese Verbände, aber sie haben immer das gleiche Argument: Wenn ich den Wald hierzulande stilllege oder ökologischer behandle, trage ich anderswo zur Vernichtung der Urwälder bei, weil die Nachfrage auf dem Holzmarkt so groß ist und dann eben mehr Importe nötig wären.«

Der gefräßige Holzmarkt
Diese Nachfrage lässt die Waldwirtschaft selbst in den staatlichen Wäldern das Maximum an »Masse« herausholen, auch kleine Äste und Kronen von gefällten Bäumen landen in Heizkraftwerken. »Damit wird dem Wald sehr viel Holz entzogen, das sonst zu Käferbiotopen und Humus werden würde«, beklagt Eckhard. Schon heute werden in großen Mengen Holzhackschnitzel produziert, um sie zu verfeuern – wie wird das, wenn Öl noch teuerer wird?
Derzeit verringert sich die globale Waldfläche jährlich um 13 Millionen Hektar. Nicht nur Regenwald fällt Ölpalmenplantagen und Sojafeldern zum Opfer. Kanada zum Beispiel, berühmt als Waldparadies, ist für 21 Prozent dieses Verlust verantwortlich, angetrieben von Bergbau, Schiefergas- und Ölförderung, Papierindustrie und der Energienutzung der Hölzer. Solange all diese Märkte wachsen, bleibt die 2014 auf der UN-Klimakonferenz von vielen Staaten unterzeichnete New Yorker Wald-Erklärung, die das Ende der weltweiten Abholzung bis 2030 bewirken will, nutzloses Papier.
Eckhard Wenzlaff erklärt: »Die wirtschaftliche Schwierigkeit für den Dauerwald besteht gegenwärtig dar­in, dass dickes Holz von der modernen Holzindustrie nicht mehr wertgeschätzt wird, weil die Techniken des Verleimens perfektioniert wurden. Deshalb werden sowohl in den privaten Wäldern als auch im Staatswald die Erntedurchmesser immer weiter reduziert. Wird ein Baum schon mit 80 Jahren geerntet, fehlen ihm mindestens 60 Jahre, in denen sich Flechten, Moose, Käfer auf ihm einen Lebensraum schaffen könnten.« Ein Dauer­wald, in dem die am gleichmäßigsten gewachsenen Bäume so alt werden dürfen, wie sie wollen – während sie sich aussäen und in Lichtungen, die durch gezielten Einschlag entstehen, schon der Nachwuchs heranwächst –, gewinnt durch Zeit seinen ökologischen wie auch wirtschaftlichen Wert. Schätzen kann ihn vor allem ein Tischler, Zimmermann oder Bootsbauer. Eigentlich ist der Dauerwald das perfekte Beispiel dafür, dass sich Ökologie und Ökonomie prinzipiell nicht ausschließen, wohl aber Ökologie und kurzfristige Profite.
Wir stapfen tiefer in unseren Wald ­hinein. In einer Senke ändert sich das Bild – zwischen die Kiefern haben sich Buchen, Ahorn und sogar ein hochgewachsener Weißdorn gemischt.
»Hier kann das alles erstmal weiter vor sich hinwachsen«, meint Eckhard zufrieden. Dauerwald heißt vor allem, die Natur machen zu lassen. Wir bewundern eine etwa 20-jährige Eiche, die es hier den vielen Rehen zum Trotz geschafft hat, aufzuwachsen, und begreifen: Wenn wir möchten, dass dieser Baum nicht nur 100, sondern gerne 1000 Jahre oder noch älter werden darf, kommt es auf die folgenden Generationen an.

Naturschützer und Waldnutzer
Ein Waldgebiet in Deutschland, in dem schon die Urgroßeltern der heutigen Förster die Prinzipien des Dauerwalds angewendet haben, gehört der Familie von Bernstorff, Landbesitzer im Wendland und berühmt geworden durch ihre Klage gegen das Atommülllager in Gorleben. »Ich gehöre zu der Fraktion, die die Bernstorffs für die diesjährige Waldmedaille des Naturschutzbunds vorgeschlagen hat«, erklärt Eckhard. »Leider hatten wir keinen Erfolg. Ich hätte das gerne gesehen, weil es eine Brücke zwischen den Artenschützern und den Waldnutzern geschlagen hätte.« Nicht nur die Holzindustrie setzt dem Dauerwald zu – nein, auch der Naturschutz, für den der Mensch im Wald keinen Platz hat.
»In einem Eichwald an der Elbaue, der den Bernstorffs gehört, wurden seltene Eremitenkäfer und sogar die Mopsfledermaus gefunden«, erzählt Eckhard. »Jetzt soll er nicht mehr bewirtschaftet werden – aber diese Tiere gibt es genau deshalb noch, weil die Familie Bernstorff dafür gesorgt hat, dass dieses Biotop über Generationen hinweg gepflegt wurde.«
Ist das Holz für die Industrie schnöde »Biomasse«, so ist der Wald für den Naturschutz eine in Euro berechenbare Ökosystemdienstleistung. Aus beiden Richtungen wird ein Konzept wie der Dauerwald, das auf ein Miteinander von Mensch und Natur setzt, in die Zange genommen.
Die Bernstorffs suchen nach Wegen, alle Seiten ins Gespräch zu bringen. Dieses Jahr fanden zum zweiten Mal die »Gartower Oktobergespräche« statt – eine informelle Runde, zu der der 37-jährige Förster Fried von Bernstorff, der die Gräflichen Bernstorffschen Betriebe 2012 von seinem Vater übernommen hat, zusammen mit der Umweltwissenschaftlerin Catharena van Zyl sowie dem Juristen und Ökonomen Albrecht von Sydow vom »Erde Institut« einlädt. Ihr Thema ist der ­Dualismus von Ökonomie und Ökologie. »Wir haben drei Gruppen gebildet«, erzählt mir Albrecht am Telefon. »Die erste hat philosophisch-intellektuell diskutiert, die zweite praktisch-wirtschaftlich, die dritte intuitiv-emotional. Alle kamen auf jeweils ihrem Weg zu dem gleichen Schluss: Wir müssen die Gräben überwinden, brauchen Mediation und Moderation zwischen Waldbesitzern und Naturschutzbehörden. Der Förster wirft dem Naturschützer vor, dass dieser mit seiner Ideologie, in Deutschland sollten eigentlich nur Buchenwälder stehen, weil das der hier heimische Urwald sei, die Holzwirtschaft kaputtmacht. Der Naturschützer wirft der Holzwirtschaft Geldgier vor.« Dass eine Herangehensweise wie der Dauerwald diesen Zwiespalt überwindet und sogar ein noch artenreicheres Ökotop schafft als ein reiner Buchenbestand, scheint auf der Hand zu liegen, aber: »Es fehlt die Sprache, um an einem gemeinsamen Strang zu ziehen«, erklärt Albrecht. »Der Naturschutz ist leider allzu oft nur der Arm einer Politik, die es nicht schafft, mit prozessorientierten, langfristigen Programmen zu arbeiten. Stattdessen muss sie Pläne umsetzen, die schnell messbare Resultate zeigen. Der Handel mit CO2-Zertifikaten lässt die CO2-Bilanz des Landes schneller gut aussehen, als das Investitionen in die Regionalentwicklung schaffen können.«
Statt in den Dauerwald investiert die Bundesregierung in Forschung, wie aus Zellstoff Biosprit zu gewinnen sei. Dass diese Technik irgendwann zur Marktreife kommt, gehört zu Albrechts Alpträumen; dies würde den ohnehin schon globalisierten Markt für minderwertiges Holz noch mehr beschleunigen.
Ich versuche, mir 13 Millionen jährlich abgeholzte Hektar Land vorzustellen. Nichts regt sich in mir. Die Dimension des Grauens ist zu groß, um sie zu begreifen. Mühsam verwandle ich das Bild der toten Zone, denke an die Pioniere, die Regenwald wieder aufforsten, und an die alten Bäume am Brebowbach in Eckhards Spechtwald.

Wald-Landwirtschaft
Wieviel Holz könnte eine genügsame Gesellschaft des guten Lebens aus naturnah bewirtschafteten Wäldern gewinnen? Bestimmt wäre Holz sehr begehrt, und es spräche ja nichts dagegen, reichlich nachzupflanzen. Agrarwüsten aufzuforsten, wäre eine gute Möglichkeit, aber auch sogenannte Agroforstsysteme. Über letztere möchte ich mehr in Erfahrung bringen und frage einen Experten in diesem Bereich, Burkhard Kayser. »Es gibt verschiedene Systeme«, erklärt er. »Mal hast du 30 Bäume auf einem Hektar, mal 200 Bäume, mal sind sie in Reihen gepflanzt, zwischen denen Getreide wächst, mal weiden darunter Schafe. Ökologisch betrachtet, entsteht jeweils etwas ganz Eigenes. Kurzumtriebsplantagen mit schnellwachsenden Gehölzen, wie Weiden, die alle paar Jahre wieder abgemäht werden, gehören nicht zu den Agroforstsystemen. Sie sind aber immer noch ökologischer als eine Maisplantage.«
Burkhard Kayser möchte in Deutschland eine Lobby für die Einführung von Bäumen in die Landwirtschaft aufbauen. Erste Landbesitzer wurden schon für Pilotprojekte gewonnen. Zum Team der Kampagne gehört auch der Permakulturlehrer Robert Strauch, den ­Johannes Heimrath und ich in Berlin besuchen. Sein ursprüng­licher Beruf ist Tischler. »Ich weiß den Wert eines Baums mit ­einem astfreien Stamm für ein vernünftiges Handwerk zu schätzen, und ich bin sicher, dass Wertholz für die Menschen immer eine große wirtschaftliche Bedeutung haben wird. Deshalb wollen wir Menschen suchen, die es als langfristige Investition begreifen, wenn sie auf dem Acker Streifen mit ›Werthölzern‹ anlegen. Für ihre Enkel ist das wirtschaftlich klug gedacht, und vor allem hat es nur ökologische Vorteile: Die Bäume halten Feuchtigkeit im Boden, sorgen für Schatten, und nicht nur ihre Blätter schaffen Humus, sondern auch ihre Wurzeln. Sie stoßen immer wieder ihre feinen Wurzelhaare ab, und so baut sich im Boden Humus auf. Selbst wenn neben den Bäumen Getreide angebaut wird, funktioniert das – die Wurzeln wachsen etwas tiefer unter dem Getreide weiter. Die Feinwurzeln füttern Mikroorganismen; so entsteht fruchtbare Erde, ohne dass der Mensch von außen etwas hinzugeben muss. In Agroforstsystemen in Frankreich ist dieser Effekt gut erforscht worden.« Wie wunderbar sind doch die Bäume! Selbst wenn es nur ein Baumstreifen in einem Acker ist, verbreitet er Lebendigkeit.
Als wir an dem nassen Oktobertag im Papendorfer Forst »unseren« Wald verlassen, stehen wir auf einem abgemähten Maisfeld. Ich versuche, nicht daran zu denken, welche Mengen Ackergifte der Boden dort dieses Jahr schlucken musste. Wir malen uns aus, wie wir den Waldrand beleben könnten – mit Weißdornbüschen, Kirsch- und Apfelbäumen. In Gedanken baue ich Hecken, die vom Waldrand in das Feld führen. Einen Teil des Ackers verwandle ich in eine Weide und lasse ein paar von Miraculix’ Zaubereicheln dar­auf aufgehen. »Es gab mal einen Fürsten«, erzählt Eckhard, »der hat den Landeignern, die auf ihren Feldern und Wiesen Eichen gepflanzt haben, Steuern erlassen.« Daran sollte sich die Politik ein Beispiel nehmen. Es wäre so einfach, eine Bioökonomie zu fördern, die diesen Namen wirklich verdiente. •


Wald, Mensch, Artenvielfalt:
www.dauerwaldstiftung.de
www.bernstorff.de
www.agroforst.de

weitere Artikel aus Ausgabe #35

Photo
von Jochen Schilk

Ökodörfer weltweit (Buchbesprechung)

Leserinnen und Leser dieser Zeitschrift wissen es schon lange: Ökodörfer sind eine tolle Idee – so gut, dass man sich wundern mag, warum es bislang kein deutschsprachiges Buch über die global so vielfälti- gen und doch so ähnlichen »Ecovillages« gab. Das

Photo
Permakulturvon Jochen Schilk

Mehr Wachstum! (Folge 4)

Das »Desert-Greening«-Projekt am Rand des algerischen Teils der Sahara gehört nicht zu den größten, wohl aber zu den faszinierendsten Aufforstungsprojekten weltweit – spielt hier doch eine eigenartige Praxis des »Regenmachens« eine Rolle. Wir stellen die Initiative auch deshalb vor, weil sie einen weitsichtigen Vorschlag zur Linderung der durch die Migration ausgelösten Probleme anbietet.

Photo
von Johannes Heimrath

Der ­Ansatz der Bio­ökonomie ist totalitär

Franz-Theo, in deinem Buch »Irrweg Bioökonomie« argumentierst du gemeinsam mit Anita Krätzer, dass die Menschen nicht in der Lage seien, Systeme zu verstehen, die so komplex sind wie die Natur. Deshalb sei es angebracht, sich in Bescheidenheit zu üben und Eingriffe in das

Ausgabe #35
Vom Wert des Lebendigen

Cover OYA-Ausgabe 35
ProbeheftNeuigkeiten aus der Redaktion