enkeltauglich leben

Gewebe des Lebens

Über die heilsame Wirkung des Webens und Spinnensvon Monika Hoffmann, erschienen in Ausgabe #6/2011
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 Als ich vor mittlerweile fast zwölf Jahren aus dem Ruhrgebiet aufs Land in den Nordosten Deutschlands gezogen bin, kam mir inmitten einer Krise, die so ein Ortswechsel mit sich bringt, eine für mich sehr wichtige Erkenntnis: Auch wenn alle Stricke reißen, ich kann mir und anderen warme Kleidung aus dem hier reichlich vorhandenen Rohstoff Schafwolle selber herstellen. Das gab mir neues Selbstbewusstsein: ein altes Handwerk zu beherrschen und damit ein ganz elementares Grundbedürfnis mit meinen eigenen Händen befriedigen zu können. Einerseits habe ich dadurch einen Kleiderschrank voll wirklich guter Wollkleidung, die mich in den kalten Wintern wärmt und schmückt, andererseits fühle ich mich auch seelisch durch die Tätigkeit an sich genährt.

Lebensrhythmus und Sinnfindung

Das Spinnen und Weben zieht sich seit meiner Kindheit wie
ein roter Faden durch mein Leben. Meine Urgroßeltern haben sich noch ihr eigenes Linnen gewebt, und irgendwie war es mir wichtig, das alte Handwerk nicht aussterben zu lassen. In äußerlich unruhigen Zeiten sehne ich mich nach innerem Halt, nach Festhalten an etwas Elementarem, und immer wieder geht es auch um Sinngebung für mein Leben. Das konkrete »Festhalten« am Faden gibt mir dieses Gefühl. Mit allen Sinnen dabeizusein, ergibt Sinn. Der gleichmäßige Rhythmus, das Zusehenkönnen, wie ein Faden entsteht, berührt meine Seele. Da findet etwas ganz tief in mir eine Resonanz, die mir älter zu sein scheint als die Erfahrungen aus meiner Kindheit, sogar älter als kulturelle Erinnerungen an die schwere ­Arbeit unter extremen Bedingungen aus der Zeit kurz vor der Industrialisierung.
Ja, beim Spinnen befinde ich mich in einer anderen Zeit. Meine Seele kann an ­etwas ganz Archaisches andocken. Ich ­verbinde mich mit einem ursprünglichen Rhythmus, mit dem Rhythmus meines ­Lebens. Ich spinne meinen eigenen Lebensfaden, um daraus mein Leben, »meinen ­Lebensteppich« kreativ zu gestalten.
Spinnen sieht so einfach aus, sagen viele. Das ist es im Prinzip auch. Die Fasern werden verdreht und auf die Spule eingezogen. Ich halte lediglich die Fasern und dosiere die Menge durch Herausziehen aus der Rohwolle. Den Rest macht das Spinnrad.

Meinen eigenen Faden lieben lernen

Spinnen braucht Fingerspitzengefühl. Hände und Füße müssen harmonisch zusammenarbeiten, so bekommen die Dinge »Hand und Fuß«. Sobald die Harmonie gestört ist, zeigt es sich an der Art des Fadens. So wird das Spinnrad zum Diagnose­medium. Ihm kann ich nichts vormachen. Bin ich »überdreht«, stehe ich unter Stress, sieht der gesponnene Faden entsprechend aus. Bin ich ungeduldig, reißt der sprichwörtliche »Geduldsfaden«. Verborgene Ängste tauchen auf: Ist es schlimm, wenn der Faden reißt?
Bei mir anzukommen, war ein langer Weg. Geholfen hat mir die Einsicht: Es gibt gar keine Fehler. Es gibt nur eine Bandbreite von Möglichkeiten mit je einem extremen Pol. Das eine ist, zu schnell zu drehen – dann wird der Faden zu fest. Der andere Pol ist der zu locker gesponnene Faden. Dazwischen liegt die goldene Mitte, zu der wir nur über die Erfahrung der Extreme kommen.
Durch das Spinnen meines eigenen Fadens konnte ich lernen, mich selbst anzunehmen. Es hat Jahre gedauert, bis ich zu »meinem« Faden stehen konnte, so wie er ist: nicht immer gleichmäßig fein und dünn, wie es die alte Schule fordert, sondern so, wie es kommt, ungleichmäßig, mal dicker, mal dünner. Ja, das Leben nehmen, wie es kommt und sich nicht von Knubbeln oder dickeren Stellen aus der Ruhe bringen lassen. Muss ich immer perfekt sein? Reicht es nicht, den Faden flüssig zu spinnen, mit welchen Macken auch immer?
Wenn ich meine unregelmäßigen Garne, diese vermeintlichen Katastrophen, auf meinem 140 Jahre alten Bauern-Webstuhl zu einem Gewebe verarbeite, sehe ich die Dinge plötzlich in einem ganz anderen Licht. Gerade das vermeintlich unperfekte Garn hat eine ganz besondere Wirkung, wenn es verwebt wird. Das fertige Gewebe vom Webstuhl abzunehmen, ist immer ein ganz besonderes Erlebnis. Ungläubig staune ich, was ich da in kurzer Zeit erschaffen habe. Noch vor kurzem war es ein Berg unansehnlicher Rohwolle …
Der Rohstoff hat einen Transforma­tionsprozess durchgemacht. Und mir geht es immer wieder genauso. Ich habe mein Schicksal (die Rohwolle) in die Hand genommen und meinem Leben ein weiteres Stück Teppich hinzugefügt. 

Am Spinnen gesunden:
Monika Hoffmann (links im Bild) bietet im Lassaner Winkel in Ostvorpommern Kurse im heilsamen Spinnen und Weben an.
www.woll-werkstatt.de

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