enkeltauglich leben
Die Kraft der Vision

Das Fleisch der Welt

Wie wir uns mit der sprechenden und belebten Welt wiederverbinden können.von David Abram, erschienen in Ausgabe #63/2021
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© wildethics.org

Im Herbst 1985 tobte ein starker Hurrikan durch die Vororte Long Islands, wo ich als Student lebte. Noch Tage darauf musste der Großteil der Einwohner ohne Elektrizität auskommen. Strom- und Telefonleitungen waren ausgefallen, die Straßen waren übersät mit umgestürzten Bäumen. Die Leute mussten zu Fuß zur Arbeit oder zu den wenigen noch geöffneten Läden gehen. So begannen wir wieder, uns »persönlich« auf der Straße zu treffen, anstatt uns anzurufen. Ohne den Autolärm waren auch die Rhythmen der Grillen und die Vogelstimmen wieder deutlich zu hören. Vogelschwärme zogen in ihr Winterquartier nach Süden, und viele von uns blieben lauschend stehen und hörten mit frischer, kindlicher Neugier dem an- und abschwellenden Gezwitscher aus den stehengebliebenen Bäumen und den Wiesen zu. Und der nächtliche Himmel war von Sternen übersät! Nun, da ihre Augen nicht mehr durch den ständigen Lichtschein der Häuser und Straßenlaternen geblendet waren, sahen viele Kinder zum ersten Mal die Milchstraße – und waren baff. Während dieser wenigen Tage und Nächte wurde unser Städtchen tatsächlich zu einer Gemeinschaft, die sich im allesumfangenden Kosmos verortet wusste. Selbst unsere Nasen schienen aufzuwachen, denn der Geruch der frischen Meeresbrise schien plötzlich viel kräftiger und salziger zu sein. Durch diesen technischen K. o. waren wir gezwungen, uns auf unsere Sinne und somit auf die natürliche Landschaft, in der diese so tief wurzeln, zurückzubesinnen. Mit einem Mal lebten wir wieder in einer sinnlichen Welt, die am Rand unseres Bewusstseins viele Jahre auf uns gewartet hatte: ein wohlvertrautes Terrain, durchdrungen von Vogelgesang, salziger Gischt und Sternenlicht.

Alles lebt und spricht

Machen wir uns wieder mit unserem atmenden Körper vertraut, beginnt auch die wahrgenommene Welt, sich zu verändern und zu wandeln. Beginnen wir, bewusst die wortlose Dimension unserer sinnlichen Partizipation aufzusuchen, werden gewisse Phänomene, die bisher für gewöhnlich unsere Aufmerksamkeit beherrschten, ihre besondere Faszination verlieren und in den Hintergrund treten, während zuvor unbemerkte oder ignorierte Präsenzen ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rücken. Die zahllosen menschlichen Artefakte, mit denen wir uns ständig umgeben – die Asphaltstraßen, Maschendrahtzäune, Telefonleitungen, Gebäude, Glühbirnen, Kugelschreiber, Automobile, Straßenschilder, Plastikcontainer, Zeitungen, Radiogeräte und Bildschirme – werden sich zunehmend als ganz ähnlich geartet erweisen und so ihre Besonderheit verlieren, während sich organische Wesen – Krähen, Eichhörnchen, die Bäume und Wildkräuter um unser Haus herum, die summenden Insekten, die Bachbetten, Wolken und Regenschauer – von ganz neuer Belebtheit zeigen und den atmenden Körper in einen je einzigartigen Tanz hineinziehen. Selbst Steine und Felsen scheinen nun ihre eigenen seltsamen Sprachen aus Gesten und Schattenwürfen zu sprechen, während sie meinen Körper und seine Knochen zu stillem Austausch einladen. Im Kontakt mit den der Erde eingeborenen Formen erwachen unsere Sinne allmählich zu neuem Leben und fügen sich wieder und wieder zu unendlich wandelbaren Mustern zusammen.

Die Sinne als Schlüssel zur Welt

Denn diese anderen Gestalten und Arten haben sich – ebenso wie wir selbst – gemeinsam mit dem Rest der wandelbaren Erde entwickelt. Ihre Rhythmen und Formen fügen sich aus Schichten um Schichten früherer Rhythmen zusammen. Indem wir diese erkunden, werden unsere Sinne in eine unerschöpfliche Tiefe hinabgeführt, in der die Tiefe unseres eigenen Fleischs widerhallt. Die Muster eines Bachs, der sich an Felsen kräuselt, einer Ulmenborke oder eines Unkraut-büschels sind immer neue, aus wiederkehrenden Mustern gefügte Kompositionen, die sich doch nie exakt wiederholen, aus iterierenden Formen, auf die sich unsere Sinne auch dann noch einschwingen können, wenn die graduelle Veränderung und Verwandlung jener Gestalten unsere Aufmerksamkeit in unerwartete und unvorhersehbare Bahnen lenkt.

Die Massenerzeugnisse der Zivilisation hingegen – von Getränkekartons über Waschmaschinen bis zu Smartphones – verstricken unsere Sinne in einen ewiggleichen, eintönigen Ringelreihen. Wie alle Phänomene sind auch diese Erzeugnisse für den wahrnehmenden Körper belebt oder lebendig, doch ist das Leben dieser Dinge stark begrenzt durch die »Funktionen«, für die sie konstruiert wurden. Beherrscht unser Körper diese Funktionen, so können die maschinell gefertigten Objekte die Sinne meist nichts Weiteres lehren. Sie können uns nicht mehr überraschen, und so müssen wir ständig neue konstruierte Objekte, neue Techniken und das neueste Modell von diesem oder jenem erwerben, um uns zu stimulieren.

Deshalb nehmen wir auch in unserer gebauten Umgebung und den menschengemachten Erzeugnissen, die diese bevölkern, eine traurige Redundanz und Dumpfheit wahr, sobald wir uns mit unserem Körper identifizieren und die Welt mit unseren animalischen Sinnen schmecken. (Das soll nicht heißen, dass diese Erzeugnisse harmlos wären: Viele sind von übermäßiger oder gar ohrenbetäubender Lautheit – denn wo es ihnen an Vielfalt und Nuanciertheit mangelt, machen sie dies durch lautstarkes Insistieren, mit dem sie das Wahrnehmungsfeld monopolisieren, wett.) Nehmen wir Perspektive und Haltung des menschlichen Tiers ein, so scheint die gesamte materielle Welt zu erwachen und zu uns zu sprechen, wenngleich die organischen, von der Erde hervorgebrachten Entitäten sich ungleich eloquenter ausdrücken als die menschengemachten. Wie wir Vorstädter nach dem Hurrikan stellen wir nun fest, dass wir in einem lebendigen Kräftefeld leben, das über weit mehr Ausdrucksvermögen und Vielfalt verfügt als unsere gewohnte, rein menschliche Sphäre.

Wenn wir die verkörperte, sinnliche Erfahrungsdimension zurückgewinnen, gewinnen wir zugleich die lebendige Landschaft zurück, in die wir körperlich eingebettet sind. Indem wir unsere Sinne wiederentdecken, entdecken wir nach und nach, dass unsere sinnliche Wahrnehmung schlichtweg unser Anteil an einem gewaltigen Wahrnehmungs- und Empfindungsgewebe ist, aufgespannt zwischen zahllosen anderen, sich gegenseitig durchdringenden Körpern. Getragen wird dieses Gewebe nicht von uns allein, sondern auch von Eisbächen, die über Granithänge stürzen, von Eulenflügeln, Flechten und vom unsichtbaren, nicht aus der Ruhe zu bringenden Wind.

Dieses verwobene Erfahrungsgeflecht ist das, was der Philosoph Edmund Husserl (1859–1938) als »Lebenswelt« bezeichnete, nur dass sie sich nun als zutiefst fleischliches Feld erweist: als Dimension der Gerüche, Geschmäcker und der zirpenden, sonnendurchglühten, samenprallen Rhythmen. Sie ist nichts anderes als die Biosphäre selbst, die Matrix des irdischen Lebens, in die wir selbst eingebettet sind. Doch ist sie nicht die Biosphäre einer abstrakten und verdinglichenden Wissenschaft, nicht das komplexe Mosaik aus planetaren Mechanismen, die Fernerkundungssatelliten zu kartografieren und zu vermessen versuchen – sie ist die Biosphäre, die der intelligente Körper von innen heraus erfährt und erlebt, die das wache, menschliche Tier erfährt, das ganz und gar Teil der von ihm wahrgenommenen Welt ist.

Fleisch von ihrem Fleisch

Anknüpfend an Husserl suchte der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) nach einer neuen Sprache, die die Blutsverwandtschaft zwischen dem menschlichen Tier und der Welt, die es bewohnt, ausdrückt. In seinem letzten Werk »Das Sichtbare und das Unsichtbare« führte er den Begriff des kollektiven »Fleisches« ein, der für unser Fleisch wie auch das »Fleisch der Welt« steht. Mit »Fleisch« bezeichnet Merleau-Ponty eine elementare Kraft, die in der gesamten westlichen Philosophiegeschichte namenlos geblieben war. Das Fleisch ist das geheimnisvolle, auch als »Matrix« bezeichnete Gewebe, das sowohl dem Wahrnehmenden als auch dem Wahrgenommenen zugrundeliegt und beide als voneinander abhängende Aspekte der eigenen spontanen Aktivität hervorbringt. Es ist die reziproke Gegenwart des Empfindenden im Empfindbaren und des Empfindbaren im Empfindenden – ein Mysterium, das uns, zumindest stillschweigend, immer schon bewusst ist, denn keines dieser beiden Phänomene, weder die wahrnehmbare Welt noch das wahrnehmende Selbst, können wir anerkennen, ohne implizit auch die Existenz des Anderen anzuerkennen.

Wenn ich die furchige Haut eines Baums berühre, erfahre ich immer auch meine eigene Berührbarkeit und fühle mich selbst vom Baum berührt. Die Welt zu sehen heißt, meine eigene Sichtbarkeit zu erfahren und mich selbst gesehen zu fühlen. Offenkundig könnte ein rein immaterieller Geist Dinge weder sehen noch berühren – er wäre zu keinerlei Sinneserfahrung fähig. Wir können Dinge nur deshalb erfahren, können sie berühren, hören und schmecken, weil wir als Körper selbst in das sinnlich erfahrbare Feld eingebunden sind, selbst eine eigene Oberfläche haben, eigene Laute hervorbringen und selbst nach etwas schmecken. Wir können Dinge nur wahrnehmen, weil wir selbst ganz und gar Teil der wahrnehmenden, sinnlichen Welt sind! Man könnte auch sagen, dass wir Organe dieser Welt sind, Fleisch von ihrem Fleisch, und dass die Welt sich selbst durch uns wahrnimmt. //


Aus: David Abram, Im Bann der sinnlichen Natur. Die Kunst der Wahrnehmung und die mehr-als-menschliche Welt, aus dem Englischen
übersetzt von Matthias Fersterer und Jochen Schilk, thinkOya, 2012.


David Abram (63) wuchs auf Long Island im Bundesstaat New York auf. Er promovierte an der State University of New York in Philosophie und Anthropologie. Inspiriert durch die Philosophie des Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty und langjährige Reisen als Taschentrickkünstler durch Südostasien, auf denen ihn intensive Naturerfahrungen und Begegnungen mit indigenen Schamanen prägten, entwirft er eine vollständig im Körper verankerte ökologische Philosophie. Der Körper ist für ihn keine mechanistisch-biologische Maschine, sondern das mit allen Sinnen wahrnehmende, lebendige Selbst, das aus seiner Bezogenheit auf die lebendig atmende Natur heraus lebt. -Abrams poetische Sprache verlockt zur sinnlichen Erfahrung der sprechenden, fühlenden, beseelten und geheimnisvollen mehr-als-menschlichen Welt, in der wir leben. Dies ist für ihn keine romantische Pose, sondern die Quelle für gesellschaftspolitisches Engagement. Der »Utne Reader« führte ihn als einen der 100 Visionäre, die die Welt verändern. Sein 1997 erschienenes Buch »The Spell of the -Sensuous« (»Im Bann der sinnlichen Natur«) gilt als Standardwerk eines aufgeklärten Animismus. 2010 erschien »Becoming Animal«, 2019 der gleichnamige, auf Abrams Arbeit basierende Dokumentar-film. Er lebt in New Mexiko.

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