Titelthema

Beschützt vom Sternenhimmel

Seit über 50 Jahren hat unsere Autorin Begegnungen mit dem Nomadischen.von Margret Liebau, erschienen in Ausgabe #63/2021
Photo
© privat

Ein Teil von mir fühlte sich immer sehr stark der nomadischen Lebensweise verbunden, wie eine Art Seelenverwandtschaft. Ich habe zwar nie mit Nomaden gelebt, bin ihnen aber immer wieder auf Reisen begegnet. Diese empfundene emotionale Nähe war möglicherweise vermischt mit Idealisierung, Verklärung und Faszination. Es war beglückend für mich, unterwegs sein und an den Lebensumständen anderer Menschen teilhaben zu können, die ganz anders waren als meine – sei es, dass ich mit Roma-Frauen auf einem Fest tanzte, halbnomadisierende Ziegenhirten im Sahara-Atlas Algeriens begleitete, mit einer Großfamilie der Tuareg im Süden Marokkos Tee trank, dabei den Silberschmuck der Frauen bewunderte und die Funktionalität ihrer aus Ziegenwolle gewebten, wasserdichten Zelte bestaunte oder dass ich mit Beduinen in Tunesien eines Abends am Feuer saß und der improvisierten Musik lauschte: Der Sänger sang von dem, was ihn gerade bewegte, begleitet von einer einfachen Bambusflöte, der Rhythmus wurde auf leeren Benzinkanistern geschlagen, so ging das über mehrere Stunden.

Ich hatte immer einen festen Wohnsitz, den ich zwar häufig wechselte, aber nie ganz aufgab. Offenbar brauchte ich dieses Heimkommen an einen stabilen Ort. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Freund vor langer Zeit, in dem wir beinahe in Streit gerieten über diesen Widerspruch. Es mag einer sein – ich habe in trüberen Zeiten diesen Spagat auch als belastend empfunden, als etwas, das sich nicht lösen ließ. Inzwischen kann ich seit längerem weitgehend gut damit leben und empfinde es als Bereicherung, anderen Lebenswelten nahe zu sein. Wie ein Puzzle, dessen Teile, die zuvor lose herumgelegen haben, sich allmählich zu einem schillernden Ganzen fügen, so scheinen sich auch die zuvor divergierenden Elemente meines Lebens ineinanderzufügen und ein Ganzes zu ergeben.

Vor ziemlich genau 50 Jahren rollte ich nach einer Nacht im Freien in Südfrankreich meinen Schlafsack ein. Wir machten uns auf den Weg zu einer günstigen Stelle außerhalb des Städtchens, von der aus man gut weitertrampen konnte. Das war damals, Anfang der 1970er Jahre, für mich eine wichtige Art des Reisens. Besonders beliebt waren LKW. Man fühlte sich in ihnen und bei deren Fahrern gut aufgehoben. Wir waren unterwegs von Dijon im Burgund, wo ich als Fremdsprachenassistentin arbeitete, nach Les Saintes-Maries-de-la-Mer in der Camargue. Dort trafen sich jedes Jahr Ende Mai hunderte Roma zum großen Fest der Marien und der Schwarzen Sara.

Am Ziel angekommen, empfing uns Flamenco im ganzen Dorf – an verschiedenen Plätzen, in den Cafés, am Strand. Viele -innige, spontane Begegnungen begleiteten uns in diesen Tagen, die mich tief berührten und beeindruckten. Auch der damals so bekannte Gitarrist Manitas de Plata war mit seinem Clan zugegen!

Manchmal war es auch im Zug, mit dem ich mich fort-bewegte: etwa 42 Stunden mit dem Orientexpress von Salzburg nach Athen – entweder zwei Nächte und einen Tag, oder eine Nacht und zwei Tage. Einmal waren wir zu zehnt im Abteil, wir zogen die Sitzbänke zusammen und schichteten uns wie die Sardinen, das Gepäck unter den Sitzen, damit dort oben, wo dieses normalerweise seinen Platz finden sollte, noch drei der Reisenden auf ihren Luftmatratzen schlafen konnten.

Das Nötigste für die kommenden Wochen war in einen Beutel aus Ziegenleder gepackt, den ich im Süden Algeriens auf einem Markt erworben hatte. Geld, Papiere, Fotoapparat, Tagebuch und Lektüre fanden so in einem Kelimbeutel Platz. Auf diese Weise war ich für die nächsten Wochen kaum vom Gewicht des Gepäcks belastet und konnte mich einen Sommer lang frei über die Kykladen-Inseln bewegen. 

Als damalige Studentin der Archäologie war ich zunächst überwältig von den Exponaten in den -Museen Athens, bis ich mich mit dem Schiff auf die Inseln begab. Ich schlief immer im Freien, an Stränden, in Olivenhainen, bei Kapellen. Ich fühlte mich in der Nacht beschützt vom Sternenhimmel und verspürte keinerlei Angst. Bereits bei meinem ersten Aufenthalt in Griechenland hatte ich das Gefühl, in eine Art Heimat zu kommen. Ähnlich ging es mir in den Ländern Nordafrikas, wo ich nie ein Gefühl des Fremdseins verspürte.

Diese und viele andere Erinnerungen sind lebendige Bereicherungen meins Lebens. Und immer noch bin ich gerne unterwegs.

weitere Artikel aus Ausgabe #63

Photo
von Theresa Leisgang

Über Leben in Zeiten der Erdüberhitzung II

Auf dem Weg zum »Haus des Wandels« in Ostbrandenburg fuhren wir vergangenes Jahr mit den Rädern eine Allee entlang und haben auf einmal gemerkt, dass die Eichen merkwürdig rascheln. Wir sind stehen-geblieben und haben gesehen, dass ihre Blätter vertrocknet

Photo
von David Abram

Das Fleisch der Welt

Im Herbst 1985 tobte ein starker Hurrikan durch die Vororte Long Islands, wo ich als Student lebte. Noch Tage darauf musste der Großteil der Einwohner ohne Elektrizität auskommen. Strom- und Telefonleitungen waren ausgefallen, die Straßen waren übersät mit

Photo
von Dennis Trendelberend

Vom Nachtwandern

Mit anderen Menschen die Dunkelheit zu begehen, ist für mich etwas vom Schönsten, besonders an Orten, an denen die Eulen zu hören sind, die Wildschweine durch das Unterholz knacken oder ein Fuchs den Weg kreuzt. Noch immer gerate ich, ähnlich dem ersten Laternenumzug der

Ausgabe #63
Unterwegs sein

Cover OYA-Ausgabe 63
Neuigkeiten aus der Redaktion