enkeltauglich leben
Titelthema

Haltestelle

Werner Küppers erzählt, wie er, inspiriert durch Joseph Beuys, nomadisch wurde.von Matthias Fersterer, Werner Küppers, erschienen in Ausgabe #63/2021
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© www.er-fahrungen.de

In einer Ausgabe zu nicht-sesshaften Lebensweisen und mündlicher Erzählkunst darf Werner Küppers, der langjährige Fahrer des Omnibus für Direkte Demokratie, nicht fehlen. Wie kein anderer verkörpert er für mich Beheimatung im Unterwegssein. In Ausgabe 40 schenkte uns Werner an einem entscheidenden Wendepunkt den rätselhaften Satz »Geh nach Hause und kümmere dich um die Bienen!«, und in Ausgabe 56 schrieb ich über ihn: »Wenn ich spontan einen Menschen nennen sollte, der hier und jetzt nomadisch lebt – der, saisonalen Wanderungsmustern folgend, Erdung und Fluidität zugleich verkörpert –, dann käme mir als erstes -Werner in den Sinn«.

Als ich Werner dazu einlud, für diese Ausgabe aus seiner Erfahrung des Unterwegsseins zu erzählen, schrieb er: »lieber matthias, gerade habe ich – anläßlich von ›100 jahre joseph beuys‹ – einen text für einen ausstellungskatalog verfasst, der die geschichte meines ›unterwegs-seins‹ schöner erzählt als alles, was ich in der kürze der zeit dazu schreiben könnte. ich würde mich sehr freuen, wenn ihr diesen text drucken würdet, denn er wäre gleichzeitig eine von herzen kommende hommage an joseph beuys und schüfe ein größeres ganzes. allerdings ist meine schreibweise unverzichtbarer teil der aussage. bei mir sind die wörter gleichberechtigt, und ich nehme mir auch bei den buchstaben alle möglichen freiheiten – also bitte mit den ohren lesen! alles liebe, werner«.

Werner machte uns ein Angebot, das wir schlichtweg nicht ablehnen konnten, und so schufen wir auf der folgenden Doppelseite eine Omnibus-Haltestelle, wo wir bestimmte schriftsprachliche Konventionen, an denen wir ansonsten konsequent festhalten – wie jene der Groß- und Kleinschreibung –, vorübergehend aussetzen.  Matthias Fersterer


der auslöser

vor 50 jahren habe ich hilfe suchend an der haustür von joseph beuys in oberkassel geklingelt: ich lebte fahnenflüchtig untergetaucht in düsseldorf, weil ich mit zwei freunden den zivilen ersatzdienst aus gewissensgründen verweigert hatte. wir wollten durch einen musterprozeß erreichen, daß unsere grundrechte während des dienstes nicht eingeschränkt wären. wir suchten unterstützung & beratung aller art und haben deshalb menschen aus der welt der kunst aufgesucht. es war umständlich, an sie heranzukommen, und hatte wenig praktische konsequenzen.

joseph beuys – 50 jahre alt & welt-berühmt – öffnete selbst die tür und bat uns – 20 jahre alt & wildfremd – freundlich interessiert herein. er hörte mit aktiver aufmerksamkeit zu und war der einzige, der den sinn & umfang unserer aktion voll verstanden hat. seine geistesgegenwart war fänomenal. er hat uns hilfreiche hinweise gegeben und am ende noch dreihundert mark aus seiner berühmten anglerweste gezogen – ich war hin & weg und bin von da an sein herzlicher bewunderer gewesen. ohne theoretisches über seine »kunst« zu wissen. endlich ein richtiger mensch.

das war die »apo-zeit«, in die ich tief verwickelt war (und von der die enkelinnen nichts mehr wissen). und es war die zeit, in der joseph beuys in einem frisörladen in der altstadt das büro für direkte demokratie durch volksabstimmung eröffnet hat. wer damals in düsseldorf lebte, wurde von seiner schillernden figur bestrahlt – mir fiel dazu immer till eulenspiegel ein. auf närrische weise führte er die absurditäten der gesellschaftlichen verhältnisse vor augen und stellte die frage: was kann ein mensch werden? er war umringt von faszinierten menschen. die medien -konnten seiner figur nichts anhaben – er drang mit seinen botschaften überall durch und sorgte für aufregung. und er lachte.

als ich ein plakat entdeckte, mit dem er unter der überschrift »wahlverweigerung« die menschen aufforderte, ihre wahlbenachrichtigungen zur landtagswahl in nordrhein-westfalen bei ihm abzugeben, um der forderung nach direkter demokratie nachdruck zu verleihen, habe ich mich mit der größten selbstverständlichkeit an dieser aktion beteiligt. ich habe noch nie verstanden, wieso ich menschen oder körperschaften, denen ich nicht vertraue, auf jahre hinaus blankovollmachten geben sollte, wenn ich immer ohne weiteres bereit bin, selbstbestimmt & verantwortlich in das geschehen einzugreifen. da brauchen wir so schnell wie möglich ein werkzeug zur gleichberechtigten abstimmung der grundlegenden fragen.

zwar hatte ich nie mehr die gelegenheit eines direkten kontakts zu joseph beuys, aber er war mir immer als seelenverwandter gegenwärtig, und ich habe – so gut ich konnte – seine entwicklung verfolgt und immer wieder berührungspunkte erlebt – ganz besonders die documenta 5, wo er 100 tage über die direkte demokratie und den erweiterten kunstbegriff gesprochen hat. was er sagte, war sehr eigenartig & vollkommen einleuchtend.

von kind an war die kunst mein lebens-elixier und der treibstoff meiner ent-faltung. der erweiterte kunstbegriff ist mir angeboren. ohne schöpferische praxis konnte ich nicht leben. ich bin ein eingefleischter bücherwurm und studiere wunderfitzig die welt & das leben & meine artgenossinnen. ich konnte mir nie einen »beruf« vorstellen und wurde von meinen autoritäten als begabter spinner geliebt & gehaßt nach dem motto »the higher you fly, the deeper you go«. ent-sprechend wild mäanderte mein lebenslauf, denn ich mußte mir ja mein brot erdienen.

nach der documenta 5 habe ich mir jede documenta ausgiebig angeschaut, um über die zeitgenössische kunst auf dem laufenden zu bleiben. deshalb konnte ich noch »die honigpumpe am arbeitsplatz« (1977), »7000 eichen – stadtverwaldung statt stadtverwaltung« (1982) und den start des »omnibus für direkte demokratie in deutschland« (1987) miterleben. das hat mich jeweils stark berührt, weil die richtung, in die diese aktionen wiesen, völlig mit meinen einschätzungen & bedürfnissen im einklang schwebte. joseph beuys war da schon ein weltstar und um ihn herum war ein riesenrummel. da wollte ich mich nicht einmischen. er gefiel mir immer besser. ein wahrer meister.

salto vorwärts – 1993

ein freund hat mir zum geburtstag den gemeinsamen besuch der ersten großen beuys-ausstellung nach seinem tod geschenkt. und ich konnte zum ersten mal ins mutterland der direkten demokratie fahren, denn die ausstellung war in zürich und hat mich völlig in ihren bann gesogen – ich bin wissensdurstig in diesen brunnen eingetaucht und habe von da an das »künstlerische werk« von joseph beuys intensiv studiert. besonders »zeige deine wunde« habe ich mir zu herzen genommen und in meinem leben praktisch angewendet. das hat mir sehr viel weiter geholfen.

wenn ich etwas lernen will, suche ich nach einem meister, dem ich tausend -fragen stellen kann. also habe ich johannes stüttgen meine dienste angeboten. er ist fünf jahre älter als ich und war seit mitte der sechziger jahre der engste mitarbeiter von joseph beuys. es stellte sich heraus, daß er seine frühe kindheit in lank-latum verbracht hat, dem dorf, in dem ich aufgewachsen bin. linker niederrhein. es gab also affinitäten. am meisten habe ich von ihm gelernt, wenn ich ihn kutschiert habe – auf vielen autofahrten hatte ich ihn ganz für mich allein ...

johannes stüttgen hat mich durch die hintertür in einen avantgardistischen arbeitszusammenhang eingeführt, der schon seit jahrzehnten geduldig an der einführung der direkten demokratie auf allen hoheitsebenen arbeitete: das gemeinnützige unternehmen »omnibus für direkte demokratie« und der verein »mehr demokratie e. v.«, die wie yin & yang ineinander überfließen und ein größeres ganzes bilden. da hab ich mich voller freude reingestürzt und die schönsten bekanntschaften gefunden: zum beispiel zu brigitte krenkers, der erfinderin des omnibus, die mit dem -omnibus die soziale plastik in die alltägliche welt gefahren hat. das konnte wohl nur eine frau schaffen – ich hab sie von anfang an staunend bewundert und bezeichne sie gern als »mutter der direkten demokratie«, denn ihr habe ich letztlich mein unglaubliches leben zu verdanken.

salto vorwärts – 2000 

nur sie konnte mich dazu überreden, im mai 2000 zwei wochen in bayern für das volksbegehren »macht braucht kontrolle« jeden tag in einer anderen stadt zu werben und aktionen für die presse zu machen, was mir spontan völlig widerstrebte. und siehe da: ich (der spinner) war plötzlich voll in meinem element: ganz vielen »zufälligen« mensch-zu-mensch-kontakten, in denen ich mich üben kann, zu friedlichen & heilsamen übereinkünften zu kommen.

inzwischen war ich 50 jahre alt – und sah zum ersten mal die möglichkeit aufleuchten, hauptsächlich etwas friedliches & heilsames zu tun und nicht nur zuhause kreativ zu sein. als also im herbst 2000 der zweite »omnibus für direkte demokratie« auf den weg gebracht wurde, habe ich ganz laut »hier!« gerufen, denn ich hatte einen entsprechenden führerschein. und als ich die weiße schönheit mit dem goldenen gürtel gesehen habe, war es um mein herz geschehen ...

dazu mußte ich frei ins ungewisse springen und alles materielle & bisherige außer acht lassen. das war ziemlich heftig – ein existenzieller nullpunkt.

inzwischen lebe ich schon seit 20 jahren in dem weißen doppeldecker mit dem goldenen gürtel und jeder tag ist wie ein roman. mit ständig wexelnden besatzungen, die jeweils einen produktiven einklang finden und unter wild wexelnden umständen zu allem bereit sein müssen. im omnibus habe ich erfahren, was intrinsische motivation bedeutet, und verstanden, was albert camus meinte, als er sagte, man möge sich sisyphus als glücklichen menschen vorstellen.

das schönste ist, daß meine mitspielerinnen & mitspieler alle ungefähr in der lebenslage sind, in der ich war, als ich bei joseph beuys geklingelt habe. mit ausrutschern nach oben & unten 16 bis 25 jahre alt. sehr taugliche enkelinnen & enkel, mit einem viel klareren bewußtsein davon, was wir mutter erde und uns gegenseitig antun. ich bin zwar der kapitän und inzwischen 70 jahre alt, aber ohne die »soziale praxis« mit ihnen und unserem alltäglichen »publikum« könnte ich nicht leben. gemeinsam schaffen wir eine lebensqualität im omnibus und im umgang mit den menschen vor ort, die ich nie für möglich gehalten hätte.

weil ich nirgendwo einheimisch bin, kommt mir der omnibus wie ein mutterschiff vor, zu besuch aus einem anderen raum-zeit-kontinuum. da kann ich nach herzenslust spinnen und mich so gut es geht einnisten. während ich mit meiner jeweiligen all star band geduldig mein mutterland beackere, fliegen 100 praktikantinnen in der großen weiten welt herum und schenken mir ihre wahrnehmung der globalen zustände. dabei kommt uns die digitale kommunikation zugute, denn sie bietet die möglichkeit, unabhängig von raum & zeit in verbindung zu bleiben. ich stelle mich da ziemlich unbeholfen an und will auch mit den asozialen medien nichts zu schaffen haben, aber ich versuche eifrig, die welt der nullen & einsen sinnlich zu unterwandern und sowas wie »anatale« kommunikation zu entwickeln.

ich bin der welt & dem leben unendlich dankbar und freue mich, wenn ich als kapitän vielleicht auch ein »auslöser« sein kann. //

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