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Das Gift und wir (Buchbesprechung)

von Hanne Tuegel, erschienen in Ausgabe #63/2021
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»Verlustanzeigen« heißen die in »Das Gift und wir« zwischen den Kapiteln verteilten Doppelseiten. Vorgestellt werden in Wort und Bild Arten wie Rotkopfwürger, Heideschrecke, Feldlerche, Schwarze Mörtelbiene  – ehemalige Mitbewohner und Mitbewohnerinnen der Menschen, heute wegen des Einsatzes von Ackergiften aus unseren Landschaften völlig oder fast verschwunden. 

Die facettenreichen, von 37 Autorinnen und Autoren verfassten Beiträge drumherum schildern zunächst, »wie der Tod über die Äcker kam«, seit der Chemiker Justus Liebig 1840 sein Buch über die »organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie« veröffentlichte. Synthetische Gifte wurden wirksame und brutale Waffen, die Erträge steigerten, aber Natur- und Nährstoffkreisläufe zerstörten. Die Opfer: Artenvielfalt, Bodenfruchtbarkeit, Gesundheit, Lebensräume, Wasserqualität. 

»Bankrott« sei dieses Modell, schreibt Hans Rudolf Herren, Pionier der biologischen Schädlingsbekämpfung und Träger des Welternährungspreises, in seinem Text. Er skizziert den Weg zu einem Kurswechsel, den heute auch der Weltklimarat und andere UN-Organisationen fordern. Beharrlich gestalten ihn Menschen schon an vielen Orten weltweit: im Biolandbau und in Agrarforschungsinstituten, in der Umwelt- und Bodenökologie, in der Pflanzenzucht und in Landwirtschaftsschulen, in NGOs, im Journalismus, in Handelsnetzwerken und in der Entwicklungszusammenarbeit.

Der Sammelband ist ein -spannendes, lehrreiches und hoffnungsweckendes Mosaik aus all diesen Perspektiven. Drei Millionen Biobetriebe in 181 Ländern sind inzwischen weltweit zertifiziert. Der indische Bundesstaat Andhra Pradesh mit sechs Millionen Bauernfamilien will bis 2024 pestizidfrei sein. EU-Vorbilder sind Estland mit aktuell 19 und Österreich mit 26 Prozent biologisch bewirtschafteter Agrarfläche, im Schweizer Kanton Graubünden sind es sogar 60 Prozent. 

Aus der Schweiz stammt auch die für mich faszinierendste Geschichte im Buch, die des Guts Rheinau: 1998 wagte es der Kanton Zürich, seinen größten Landwirtschaftsbetrieb Pionieren des Biolandbaus anzuvertrauen – als Agrar-, Sozial- und Kulturprojekt. Ein defizitärer traditioneller Staatshof mit zwölf Angestellten verwandelte sich in einen wirtschaftlich gesunden 145-Hektar-Biokosmos mit Rindern und Schweinen, Gemüse-, Obst- und Weinbau, in dem zusammen mit Partnerbetrieben wie Hofläden, Landwirtschaftsschule, Käserei und Metzgerei heute 180 Mitarbeiter wirken.

 Die Schweiz, so hoffen die Herausgeber des Buchs, könnte den Wandel zu einer neuen Agri-Kultur einleiten. Am 13. Juni 2021 wird dort über die Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» abgestimmt. Ein Erfolg wäre ein starkes Signal für den Rest der Welt.  


Das Gift und wir
Wie der Tod über die Äcker kam und
wie wir das Leben zurückbringen können.
Mathias Forster, Christopher Schümann (Hg.)
Westend, 2020
448 Seiten
ISBN 978-3864892943
29,95 Euro

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