enkeltauglich leben
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An der Schnittstelle zwischen Acker und Teller

Lebensmittel, die biologisch und solidarisch erzeugt wurden, finden über Herbie den Weg in die Mägen und Herzen.von Theresa Leisgang, erschienen in Ausgabe #68/2022
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© supermarche-berlin.de

»Na Herbie, wie geht’s«? Montagnachmittag in Berlin-Neukölln, Urbanstraße 100, zweiter Hinterhof, an den Plakaten mit Aufrufen für »Schlachthäuser schließen« und »Ende Gelände« vorbei, 

23 Treppenstufen runter, da steht Herbie gut gelaunt in seinem Kellerdepot. »Ich sag mal so: Wenn man Artenschwund, Krieg und Klimakrise ignoriert, dann könnte man nach Feierabend das gute Wetter da draußen genießen.«

Tatsächlich wird »das gute Wetter da draußen« zunehmend zum Problem, vor allem für bäuerlich arbeitende Menschen. Im ganzen Monat März fielen dieses Jahr in Berlin und Brandenburg drei Liter Regen pro Quadratmeter, wo sonst 36 Liter Niederschlag normal sind. Der Weltklimarat IPCC prognostiziert in seinem neuesten Sachstandsbericht zunehmende Extremwetter: länger anhaltende Dürren, heftigere Starkregen, Überschwemmungen. Das sind keine guten Aussichten für die Landwirtschaft, die in Just-in-Time-Liefer-ketten verstrickt ist und ohnehin unter dem Preisdruck der Supermärkte ächzt.

Herbie sitzt drinnen zwischen Paletten und Regalen und malt sich eine andere Welt aus – eine Welt, in der die »Seebrücke« unnötig geworden ist, weil es sichere Einreisewege für Menschen auf der Flucht gibt; eine Welt, in der sich mehr Menschen das, was sie zum Leben brauchen, selbst organisieren und in der er an einem Freitagnachmittag kein Schild mit der Aufschrift »System Change not Climate Change« mehr durch die Straßen tragen muss. Natürlich ist das auch eine Welt, in der alle die Geschmacksexplosion einer Apfel-Wurzel-Saft-Schorle genauso feiern wie er und nie wieder auf die Idee kommen, Fanta oder Maracujasaft zu bestellen.

Vor 14 Jahren hat Herbie mit drei befreundeten Menschen das Vertriebsprojekt »Schnittstelle« gegründet, um die erträumte Welt ein bisschen mehr Realität werden zu lassen. Immer montags von 15 bis 19 Uhr verkauft er im Depot direkt importierte Lebensmittel, von Pasta aus der Lombardei und Wein aus Apulien über Linsen von der Hohenloher Ebene bis hin zu Zapatista-Kaffee aus dem Hochland von Chiapas. 

Die Idee: Solidarität statt neoliberaler Handelspolitik leben und selbstorganisierte kleinteilige Wirtschaft fördern.
»Kapitalistische und zentralisierte Lösungen funktionieren auf Dauer einfach nicht«, sagt Herbie, Vollbart, angegraute Schläfen, drei silberne Ohrringe, Alter schwer zu schätzen. Er kennt sich aus in der Lebensmittelbranche, schon in Jugendjahren hat er sich aufs Thema Gentechnik spezialisiert. Für den Vertrieb sucht er bewusst Produzierende, die ihre Ware nicht nur biologisch, sondern auch solidarisch herstellen. In den Regalen finden sich Tee aus dem Oderbruch, genossenschaftlich produziertes Oliven-öl von der Insel Lesbos und aus Messenien auf der Halbinsel Peloponnes sowie auch besagter Apfel-Möhren-Rote-Bete-Pastinaken-Sellerie-Petersilienwurzel-Saft aus einem wendländischen Mosterei-Kollektiv.

Das Depot ist der Ort, an dem sich die Wege der Menschen, die Lebensmittel erzeugen, und derjenigen, die sie konsumieren, überschneiden. Herbies Ziel ist es, dass dies die einzige Schnittstelle bleibt und nicht wie im konventionellen Handel »35 Schnittstellen dazwischen sind, die alle etwas verdienen wollen«. Billiger als ein Bio-Supermarkt kann er die Ware aber trotzdem nicht anbieten. Der Grund sei schlicht, dass er nicht versuche, die Preise zu drücken. Vielmehr will er den Erzeugenden selbst die Entscheidung überlassen, wie sie produzieren wollen und zu welchen Konditionen. Aber sein Anspruch ist auch, dass möglichst viele Hausprojekte, Schulen, Kitas, Menschen aus dem Kiez es sich leisten können, bei ihm einzukaufen. Deshalb gibt es in der Schnittstelle keine »schnieken Manufaktur-Produkte aus dem Spreewald«, sondern ein saisonal angepasstes Sortiment. »Wenn der Tee alle ist, ist er eben alle.«

Zwischen Idealismus und Selbstausbeutung 

Herbie ist einer, der anpackt, der an die Kraft des Kollektivs glaubt und an den Zauber jedes Neuanfangs, bevor man weiß, wohin die Reise geht. Viele der Projekte, die er jahrelang mit Herzblut und viel Spaß vorangetrieben hat, waren Experimente: »Man darf sich selber nicht zu sehr im Weg stehen«, sagt er rückblickend, »manchmal muss man einfach machen.« Ohne diese Einstellung wäre wohl weder die Schnittstelle Realität geworden, noch das Kneipenkollektiv oder die jahrelangen Kampagnen gegen Atomkraft, wo er Seite an Seite mit konventionellen Bauern und jungen Anarchistinnen kämpfte.

Bis heute liebt er die Diversität in seinem Freundeskreis, den Altersunterschied von 28 bis 72 Jahren in seinem Hausprojekt, er zitiert den Öko-Anarchisten Murray Bookchin und Theorien zu Commoning und sagt gleichzeitig: »Ich habe nie eine Uni von innen gesehen, das war strukturell in meinem Leben nicht vorgesehen. Wollte ich auch nicht.« Sein Idealismus ist ihm mehr wert als ein großes Gehalt am Monatsende. Aber die Bitterkeit ist in seiner Stimme nicht zu überhören, wenn er sagt: »Ich lebe so prekär, dass ich mir sicher bin: Viele meiner gutbürgerlichen Freunde würden nicht eine Stunde für meinen Stundenlohn arbeiten.« Dabei gilt dieses Ressentiment weniger den Menschen, die mit ihm befreundet sind, als einem Wirtschaftssystem, das jenen einen Wettbewerbsnachteil verschafft, die faire Löhne für harte Arbeit bezahlen. 

In diesem Spannungsfeld von Idealismus und Wirtschaftlichkeit bewegen sich auch alle anderen Betriebe, die dem Mainstream des profitorientierten Markts ein solidarisches Prinzip entgegenstellen: selbstverwaltete Kneipen und Druckereien, Arztkollektive und Naturkostläden, Zeitschriften wie Oya und Bäckereien wie »Die Backstube« in Berlin-Kreuzberg. Der Sozial-wissenschaftler Rolf Schwendter stellte schon 1975 fest: »Ein strukturelles Prinzip der alternativen Ökonomie ist das der Selbstausbeutung.« Bequem macht Herbie es sich jedenfalls nicht unter den Leuchtstoffröhren im Kellerdepot. 

Die Politik im Blick 

Und genau darum geht es vielleicht auch nicht, in einer Welt voller Krisen und Bequemlichkeit. Die Preissteigerungen und Lieferengpässe im Lebensmittelbereich seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine zeigen längst: Wir müssen uns von der Idee der ständigen Verfügbarkeit verabschieden. »Absurd« nennt Herbie es, dass auch in Bio-Supermärkten bis Ladenschluss alle Brotsorten in der Theke liegen. Den wenigsten Menschen sei bewusst, wie viel harte Arbeit es ist, Nahrungsmittel zu produzieren. »Wenn die einzige Verbindung zu deinem Essen die Bestell-App ist, dann haben wir ein Problem.« Doch Herbie weiß, dass der individuelle Konsum nur eine Ebene ist und die politischen Rahmenbedingungen stimmen müssen, damit die Mehrheit der Gesellschaft überhaupt eine Wahl zwischen einem Essens-Lieferdienst per App und dem Ernteanteil einer solidarischen Landwirtschaft haben kann. Für ihn ist das Projekt deshalb weit mehr als der Direktvertrieb von ökologisch und solidarisch hergestellten Lebensmitteln. 

In seinem sorgfältig kuratierten Newsletter finden Filmtipps und Veranstaltungshinweise genauso Platz wie Petitionen. »Eine Schnittstelle, um die wir uns viel zu wenig kümmern, ist die von Politik und Lobbyismus«, sagt Herbie. Dass Wirtschafts-interessen das Gemeinwohl gefährden, ist für Herbie glasklar, ganz egal ob es um die Privatisierung der Deutschen Bahn geht oder das Problem des globalen Sämereien-Monopols. »Heute werden 60 Prozent des weltweiten Saatguthandels von nur noch drei multinationalen Konzernen beherrscht«, schreibt die Initiative »Open Source Seeds«. Den Kampf gegen die Patentierung von Saatgut sieht Herbie auch als den seinen. »Es ist ja gut, dass wir anfangen, über das Artensterben zu sprechen«, sagt er. »Aber kaum jemand weiß, dass der Genpool, mit dem wir künftige Sorten züchten könnten, massiv kleiner wird.« Seit Jahren demonstriert er deshalb während der Grünen Woche in Berlin, verbreitet die Forderungen der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und verkauft Samentüten der brandenburgischen Kooperative »Keimzelle«, um seine Kundschaft für das Problem zu sensibilisieren. Die effektivste Art, Kulturpflanzen an den Klimawandel anzupassen, ist, sie in einer Region über Jahre hinweg immer und immer wieder auszusäen.

Für alle, die selbst keinen Garten haben, gibt es bei der Schnittstelle eine Abo-Kiste für agrar-biodiverse Lebensmittel. Rund 100 Haushalte beziehen derzeit Raritäten wie gelbe Bete oder weiße Möhren aus dem Berliner Umland, nach Herbies Geschmack dürften es mehr sein. »Wir können allerdings auch nur langsam wachsen, mit der Kapazität der Bäuerinnen und Bauern.« Eine Marketing-kampagne mit Promo-Code plant er deshalb nicht. Aber für den Newsletter gibt es keine Obergrenze, der richtet sich an alle, die sich für solidar-ökonomische Projekte interessieren, auch wenn sie nicht in Berlin leben. Diese Projekte sind der Grund, warum Herbie weitermacht, seine Inspiration und Motivation: Sie sind der Beweis, dass sich nicht nur das Klima wandeln kann, sondern auch die Art und Weise, wie wir wirtschaften. //



Theresa Leisgang (33) ist Aktivistin für ein gutes Leben für alle und Mitbegründerin des »Netzwerk Klimajournalismus«.

Herbies Schnittstelle im Netz
schnittstelle.berlin


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