enkeltauglich leben
In eigener Sache

Oya wird gemeinschaffender

Wie können wir zusammen in vielfältigen Kreisen vertrauensvoll neue Wege gehen?
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Wir möchten Sie und euch einladen, liebe Lesende, liebe Hütende, liebe Genossenschaftsmitglieder, mit uns gemeinsam herauszufinden, wer oder was Oya künftig alles sein soll!

Oya wandelt sich – davon haben wir bereits in der vergangenen Ausgabe geschrieben. Nach dieser vorliegenden wird es keine Ausgabe mehr geben, die genau dieses Format hat und genau so gegliedert ist – es wird kein Fokusthema und keine Rubriken mehr geben, und auch der künftige Erscheinungsrhythmus einer schriftlichen Form ist noch ungewiss.

Gewiss ist: Oya soll kein Produkt mehr sein, das auf dem Markt, an einem Kiosk, gekauft werden kann. Oya wird zu einem Wesen mit vielfältigen Ausdrucksformen, das wir gemeinsam hüten, in verschiedenen Kreisen, jede nach ihren Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten.

Die Zeit, in der wir gerade leben, ist eine Zeit des radikalen Wandels. Wenn es unmöglich wird, das Bestehende aufrechtzuerhalten – wenn das Papier und der Druck dafür zu teuer geworden sind, wenn die Zeitqualität und die Lebensumstände danach verlangen, dass Kinder und Alte, Bäume und Gärten, Schafe und Hühner gehütet werden –, dann gibt es drei Möglichkeiten: erstens aufzugeben; zweitens etwas vom Gewohnten, wenn auch kleiner, weniger, trauriger, mit allen Mitteln zu erhalten zu versuchen; oder drittens sich dem Wandel hinzugeben, und ins Ungewisse aufzubrechen. Wir haben uns für den dritten Weg entschieden.

Doch als Redaktionskreis allein können wir Oya nicht gemeinschaffender produzieren, als wir es gegenwärtig bereits tun, ebensowenig, wie die Gärtnerin allein entscheiden kann, eine Solidarische Landwirtschaft zu gründen. Um das, was uns am Herzen liegt, tun zu können, brauchen wir Menschen, die sich mit uns trauen, aus einer konsumierenden Rolle herauszutreten und Oya mitzuhüten! Dies muss nicht bedeuten, Oya mehr Zeit zu widmen oder mehr Geld zu geben, sondern vor allem die Qualität der Beziehungsweise zu verändern.

Wir freuen uns sehr, wenn uns – trotz der offenen Enden und Ungewissheiten – viele Menschen auf diesem Weg begleiten – ob im Lesekreis, im Hütekreis oder in der Genossenschaft. Oya wird von starken Kreisen getragen, und wenn Oya mehr als eine Zeitschrift ist, dann ist sie es dank der Menschen in diesen Kreisen, die mittragen, mitträumen, mitdenken und mittun. Wir freuen uns über die Zuschriften mit Ermutigung und Zweifel, die uns auf den Text »Oya im Wandel« in der vorigen Ausgabe erreicht haben. Danke für die inspirierenden Gedanken! An dieser Stelle wollen wir noch einmal zeigen, welche Kreise aktuell Oya tragen, und wie Menschen sich diesen anschließen können. 

Wir sind bereit, in den Brunnen des Wandels zu springen! – Springt ihr, springen Sie mit?


Wie könnte sich Oya künftig anfühlen? – Nachdem ich bereits ein paar Esskastanien und Haselsträucher gepflanzt habe, halte ich inne und genieße die frische Luft und den Blick in die weite Landschaft. In einer Stunde werde ich wieder ein paar vertraute Oya-Gesichter beim gemeinsamen Mittagessen sehen. Nach der harten Arbeit freue ich mich schon auf den Austausch zu »regenerativen Agroforst-Systemen« nach dem Essen. Jetzt, wo ich selbst auf dem Acker stand, den Boden erkundet und die Wasserwege erforscht habe, gären noch ein paar neue Fragen in mir, über die ich mich auf diesem Zusammentreffen austauschen möchte.


Der Redaktionskreis

Der Redaktionskreis besteht aus derzeit zwölf Menschen, die Oya konzipieren, Texte schreiben und lektorieren, Seiten gestalten und setzen, die Website betreuen oder den Hütekreis begleiten. Etwa die Hälfte dieser Menschen trifft sich wöchentlich in einer Telefonkonferenz, um Ausgaben zu konzipieren und sich über das, was gerade dran ist, abzustimmen. Die andere Hälfte arbeitet konti-nuier-lich an konkreten Einzelaufgaben, wie der Betreuung einzelner Rubriken, dem Setzen der Anzeigen, dem Zusammenstellen der Bücherseiten oder dem Zweitlektorat von Texten.

Die vergangenen 13 Jahre Oya haben einen reichen Boden geschaffen,auf dem wir als Redaktionskreis gemeinsam stehen. Als Oya begann, wurde Oya vor allem von Menschen aus Klein Jasedow im Lassaner Winkel in Vorpommern produziert, nun wirken von dort noch Matthias Fersterer, Marlena Sang, Robert Volkmer und Jochen Schilk; Andrea Vetter und Maria König wohnen in Brandenburg und Berlin; Lotte Selker in Leipzig und Ulrike Meißner bei Meißen; Tabea Heiligenstädt und Luisa Kleine in der Fuchsmühle im Frau-Holle-Land; Matthias Fellner in Alfter; und Anja Marwege am Rand des Wendlands.

Produktionsrhythmen haben sich verändert und müssen sich auch weiterhin wandeln, um dieses dezentrale Redaktionsgeflecht fruchtbar zu machen. Als Kollektiv sind wir uns sicher, dass wir weiterhin gemeinsam denken und schreiben wollen, auch wenn uns schon längst viel mehr als das verbindet. Als Schreibende zeichnet uns aus, dass wir alle tief in der Praxis verwurzelt sind. Die Themen, über die wir schreiben, kommen immer aus unserem Alltag, und unser Schreiben und gemeinsames Denken verändert wiederum unsere Praxis.


Ich schlage Oya auf und finde Gedanken, die für mich als Commonin -wesentlich sind. Hier vernetzen sich verschiedene Praxisprojekte, Diskurse und Geschichten. Oya verbindet Orte, die sich miteinander verwandt machen und gemeinsam an der Frage forschen, wie Gemeinschaffen in Alltagszusammenhängen, auf meinem Hof, im Stadtteilladen oder in der Kommunalverwaltung gelingen kann. Immer wieder schlage ich sie im Lauf des Jahres auf, wenn ich einmal nicht weiter weiß, oder mich in meinem Wirken allein fühle.

Das Büro

Im Büro in Klein Jasedow geschieht essenzielle Arbeit an den Schnittstellen zu Bürokratie und Markt. Im Büro, in dem auch andere Betriebe der Klein Jasedower Lebensgemeinschaft – etwa der »Allmendhof«, die »Europäische Akademie der Heilenden Künste« oder der »Drachen Verlag« – verwaltet werden, arbeiten drei angestellte Menschen für Oya: 10 Stunden pro Woche für Leseservice, 10 Stunden pro Woche für die Anzeigenakquise und 10 Stunden pro Woche für die Buchhaltung. Hier werden beispielsweise Oya-Pakete gepackt und verschickt, Abo-Rechnungen geschrieben, telefonische Anfragen beantwortet, Rechnungen an die Druckerei und andere Gläubiger bezahlt oder Adressdaten von Abonnierenden und Genossenschaftsmitgliedern verwaltet. Außerdem wurden hier bislang die Anzeigen eingeworben und verwaltet. Nach der Umwandlung in eine gemeinnützige Genossenschaft, die hoffentlich noch 2023 erfolgen wird – der Antrag liegt derzeit beim Finanzamt –, werden dort künftig auch spendenwillige Menschen betreut und Förderanträge abgerechnet werden können.

Der Finanzkreis

Der neu gegründete »Finanzkreis« wird die Veränderungen von Oya im nächsten Jahr aufmerksam begleiten. Alle zwei Wochen werden einzelne Menschen aus Redaktionskreis, Hütekreis, Genossenschaft und Büro bei einer Telefonkonferenz zusammenkommen, um einen Blick auf die Zahlen zu werfen, neue Strategien für Spendenakquise und Fördermittelanträge zu besprechen oder auf die Entwicklung der Abozahlen zu schauen. Sie sollen die finanzielle Entwicklung zeitnah an die anderen Kreise kommunizieren, damit Hüte- und Förderkreis unterstützend wirken können. Klar ist, dass die festen Stellen im Büro erhalten bleiben sollen. Unklar ist, inwiefern die Redaktionsmitglieder, von denen die meisten – wenn auch nicht alle – bisher monatlich Beträge zwischen 200 und 800 Euro aus dem Finanztopf genommen haben, dies weiterhin tun können. Die Höhe der Beträge richtete sich dabei nach individuellen Bedürfnissen und war bisher von einer bestimmten Leistung oder der mit Oya verbrachten Zeit entkoppelt. Wir freuen uns auf weitere Menschen aus allen Kreisen mit Finanzkompetenz, die den Finanzkreis mit ihren Erfahrungen unterstützen wollen!


Inzwischen erscheint Oya nicht mehr als Periodikum, als Zeitschrift, sondern als jährlicher »Almanach«. Viele Menschen kennen dieses Wort heute gar nicht mehr, doch früher gab es zahlreiche solcher Jahresbücher. Sie enthielten eine Fülle an praktischen Informationen, an Erzählungen und Essays, an historischen Bezügen, kalendarischen Daten und allem, was für an bestimmten Themen interessierte oder in bestimmten Regionen lebende Menschen sonst noch unverzichtbar war. Als Hausfreund, oder besser: Hausfreundin, führt der Oya-Almanach durch den Jahreskreis. Dabei richtet er sich an eine überregionale Gemeinschaft von Menschen, die in vielen verschiedenen polyzentrischen Kreisen in vielen verschiedenen Gegenden für das gute Leben wirken.

Der Lesekreis

Alle Menschen, die Oya lesen, bilden den Lesekreis. Derzeit haben etwa 3500 Haushalte, Bibliotheken, Praxen oder Cafés Oya abonniert. Weitere Menschen kaufen Oya am Kiosk oder lesen oder hören die Texte online. Am Kiosk wird Oya ab 2023 nicht mehr erhältlich sein. Aktuell laufende Abos werden mit der nächsten Rechnung in »Jahresbeiträge« umgewandelt. Anstatt wie bisher fünf Einzelausgaben abzurechnen, wird ab Dezember 2022 auf jeder Abo-Rechnung ein »Jahresbeitrag ›Oya ermöglichen‹« aufgeführt werden. Briefe, Wirkwochen, Hörstücke, Veranstaltungen, Online-Salons oder Bücher – und andere Formen, die Oya künftig annehmen kann – verlieren so ihren Preis, nicht aber ihren Wert. Damit sollen, ganz im Sinn des Musters »Commons und Kommerz auseinanderhalten«, Geben und Nehmen stärker voneinander entkoppelt werden.


Der Hütekreis

Der Oya-Hütekreis hat derzeit rund 330 Mitglieder. Diese tragen den Organismus Oya mit, und einige der Hütenden stehen in regelmäßigem Austausch durch Videokonferenzen, über eine Online-Plattform sowie über das jährlich stattfindende Hoffest. Sie fühlen sich mitverantwortlich für das Ganze und haben Lust, über das Lesen hinaus aktiv zu sein. Seit 2017 sind immer mehr Menschen aus dem Abo aus- und in den Hütekreis eingestiegen. Sie haben damit gewissermaßen schon das Prinzip der Jahresgabe vorweggenommen, denn die Hütekreismitglieder zahlen einen freigewählten monatlichen Beitrag in den Oya-Topf ein. Für die Hütekreismitglieder ändert sich künftig, dass – sobald Oya gemeinnützig wird – zumindest ein Teil der monatlichen Beiträge als Spenden steuerlich abgesetzt werden können. Auch Einzelspenden sind möglich. Jetzt ist ein guter Moment, um vom Lesekreis in den Hütekreis zu wechseln! Dafür reicht eine E-Mail an hueten@oya-online.de. 


Oya kommt in einem Pappkarton bei mir zu Hause an, und ich verteile die kompakten Bücher in der Nachbarschaft. In den kommenden Wochen werden viele Leute bei mir vorbeikommen, um sich ein Buch abzuholen, denn meine Wohnung ist eine der vielen nun eingerichteten Verteilstationen. Dadurch sparen wir Porto und tragen dazu bei, dass Menschen sich regional miteinander vernetzen. Das Buch führt mich auf eine ganz praktische, erdige und immer tiefer fragende Weise durchs Jahr. So wie die Commoning-Karten ist es ein praktisches Werkzeug, das mir hilft, für mein Erleben eine Sprache und für meine Herausforderungen kontextbezogene Lösungen zu finden. Manchmal sehe ich das Buch auch auf fremden Küchentischen liegen und fühle mich dann, als käme ich nach Hause.

Der Genossenschaftskreis

Die Oya Medien eG hat derzeit 573 Mitglieder. Sie haben den Beginn und Weiterbetrieb von Oya ermöglicht, indem sie mutig Anteile zeichneten. Die Genossenschaft wird, wenn die außerordentliche Mitgliederversammlung zustimmt, bald gemeinnützig werden. Um das strukturelle Defizit, das die Genossenschaft seit ihrer Gründung 2009 mit sich herumträgt, auszugleichen, werden wir die Mitglieder um Geschenke bitten: Wer immer sich dazu in der Lage sieht, seinen Anteil an Oya zu spenden – dann mit Spendenquittung –, möge sich diesen Schritt überlegen.

Der Ratskreis

Acht Menschen, die vom Redaktionskreis dazu eingeladen wurden, bilden derzeit den Oya-Rat. Aktuell trifft sich der Rat zweimal im Jahr online mit dem Redaktionskreis. Dazwischen schenken uns die Ratsmitglieder Ideen, Kritik und Gedanken – so wie in den ausführlichen Gesprächen in dieser Ausgabe.

Der Jahreskreis

Oya soll künftig jährlich vier Impulse – einen pro Jahreszeit – in die Welt senden. An den Impulsen können verschiedene Kreise beteiligt sein. Sicher ist, dass um Ostern 2023 herum eine Ausgabe 72 gedruckt und ausgeliefert werden wird. Ende Januar wird sich dafür der Redaktionskreis für eine Woche in das »Commons-Atelier« – das ehemalige Haus der Commonsforscherin Silke Helfrich – zurückziehen, um dort ein neues Gewand für Oya zu weben. Ob dieses flatterig, bauchig, träumerisch, praktisch, lustig, fürsorgend – oder gar alles in einem – werden wird, wird sich zeigen, wenn die nächste Ausgabe im Frühjahr in Ihren und euren Briefkästen landet. Sicher ist auch, dass es mehrere Oya-Wirkwochen an Lebensorten von Redaktionsmitgliedern geben wird (siehe Seite 10). Außerdem werden neue Hörstücke aufgenommen, und der Hütekreis wird ein Hoffest veranstalten. Sehr wahrscheinlich wird es zudem Ende 2023 eine Oya in eher buchförmigerem Format geben. Wir wollen uns gemeinsam mit allen Oya-Kreisen mit den Qualitäten des Jahreskreises verbinden und für jede der vier Jahreszeiten erfühlen, was wirklich wichtig ist und auf welche Impulse die Oya-Gemeinschaft wartet.


Oya ist für mich längst viel mehr als eine Zeitschrift. Abends, nach der Arbeit auf dem Feld, bin ich immer so müde; lieber höre ich dann die Hörstücke von »Oya im Ohr« – oder lade im Sommer bei »Oya findet statt« zum gemeinsamen Rübenhacken ein. Irgendwie haben all diese Formen einen ähnlichen Geschmack, sind verbunden miteinander, wie ein riesiges Myzelium, das an verschiedenen Stellen Pilze aus dem Boden schießen lässt: alle unterschiedlich, und doch alle Früchte desselben Wesens.


Was denken Sie, was denkt ihr dazu? Wir freuen uns auf Gedanken, Anregungen, Impulse: mitdenken@oya-online.de


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