Eine Jahreskreisgeschichte über das Martinsfest, bei dem in der Zeit des abnehmenden Lichts, Wesentliches geteilt wird.von Beata Seemann, erschienen in Almanach 2025
Ich war schon erwachsen, als ich zum ersten Mal einen Laternenzug gesehen habe. In meiner Kindheit gab es diesen Brauch nicht. Der Anblick der Kinder mit bunten Laternen in den dämmrigen Straßen rührte mich an, er hatte so etwas Zauberhaftes … Kurz darauf gingen wir mit unserem sechs Monate alten Jungen zum Martinsumzug bei einer Wallfahrtskirche. Fassungslos schaute er mit hängendem Unterkiefer aus der Babytragetasche auf die nächtliche Prozession der Laternen tragenden, singenden Kinder, darunter seine große Schwester Lara, und auf das große Pferd, auf dem Sankt Martin ritt: Wieder entfaltete sich die Faszination des Unwirklichen, Geheimnisvollen. Die Geschichte von Sankt Martin und dem Bettler kannte ich aus der Schule. Aber warum hat er den schönen Mantel entzweigeschnitten? War es nicht kleinlich, nur die Hälfte abzugeben? Erst später kam mir, dass Martin sich selbst gefährdet hätte, wenn er nicht einen Teil behalten hätte – vielleicht wäre ansonsten er anstelle des Bettlers erfroren … So aber konnten beide leben. Das wurde für mich zum Inbegriff des Gebots »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, nicht mehr, aber auch nicht weniger – denn so entsteht Verbundenheit auf Augenhöhe. Ich lernte auch den Brauch der Martinsgans kennen, lernte sie zuzubereiten und wurde mir dabei der jahreszeitlichen Hintergründe des bäuerlichen Lebens bewusst: Nach einem langen grasreichen Sommer waren die Gänse »reif« geworden. Das Jahr hat sich gerundet, die Ernte ist eingebracht, die Gans wird mit den Schätzen der Natur gefüllt: Äpfel, Maroni, Rosinen, Dörrpflaumen, Nüsse. Das Gänsefest ist ein Fest der Dankbarkeit. Mich berührt auch die Nähe zu Samhain. In der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November steht nach irisch-keltischer Überlieferung das Tor zur Anderswelt offen. Spiegelt sich dies im geheimnisvoll Zauberhaften des Martinsfests? Ist die Martinsgans ein mythologisches Symbol? Weiße Vögel sind in vielen Kulturen Boten zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt. Aus dem Keltischen wird auch der Brauch überliefert, auf einem Hügel ein Feuer zu entzünden, das dann von den Familien als erneuertes Herdfeuer nach Hause getragen wird. Gibt es auch hier eine Verbindung zu den Martinslaternen? Das Martinsfest ist mir das liebste Fest im Jahreskreis geworden. Jedes Jahr bereite ich das Essen für rund dreißig Menschen, decke den Tisch festlich und schmücke den Raum mit so vielen bunten Kerzen, dass wir kein elektrisches Licht brauchen. Draußen gehen die Kinder mit Laternen übers Areal. Vor der gläsernen Küchentür singen sie für mich. Sie wissen, dass ich den ganzen Tag für sie in der Küche gestanden habe, und wie sehr ich mich über sie freue. Nach und nach tauchen die anderen Menschen in die festliche, geheimnisvolle Atmosphäre ein. Wir setzen uns an unsere lange Tafel, ich bringe die Speisen auf den Tisch, bin dankbar für alle, die das Fest mit mir feiern.