enkeltauglich leben

Ohne Grenzen

Das »NoBorder«-Netzwerk setzt sich für ein Willkommen in Europa ein.von Lara Mallien, erschienen in Ausgabe #17/2012
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© www.zapanka.net

Seit dem Protestmarsch der Asylbewerber von Würzburg nach Berlin ist mir bewusst geworden, wie wenig ich über die politischen Bewegungen rund um Flüchtlingspolitk weiß. Wie seltsam. Warum hatte ich das bisher ausgeblendet?

Das Netzwerk »Kein Mensch ist illegal« hatte mit seiner Kampagne schon vor über zehn Jahren viel Wirbel gemacht und im Jahr 2001 schließlich erreicht, dass die Lufthansa es häufig nicht mehr wagt, Menschen gegen ihren Willen abzuschieben – so bringe ich in Erfahrung. Einer der Mitbegründer der damaligen Initiative ist Hagen Kopp, der sich als Vollzeitaktivist für die Rechte der Flüchtlinge einsetzt. Er erzählt mir von der Bewegung der »NoBorder«-Camps. »Das erste Camp hat 1998 in Rothenburg bei Görlitz statttgefunden. Wir wollten an die nächstgelegene Grenze gehen, an der Menschen kriminalisiert werden.« Das waren zu jener Zeit die Flussläufe von Oder und Neiße, die Grenze zu Polen. »Damals gab es Todesfälle an dieser Grenze. Menschen aus dem Osten, die ohne Erlaubnis einzureisen versuchten, jagte der Bundesgrenzschutz mit Helikoptern und Hunden.« Nach der Osterweiterung der EU im Jahr 2004 verschob sich der unsichtbare Gitterzaun. Nach dieser »Externalisierung des Grenzregimes« weitete sich das NoBorder-Netzwerk aus und veranstaltete weiterhin Camps in der Ukraine, in Slowenien und im Mittelmeerraum.
»Unser bisher wichtigstes Camp hat 2009 auf der griechischen Insel Lesbos stattgefunden«, erzählt Hagen Kopp. 500 Aktivistinnen und Aktivisten aus ganz Europa waren dorthin gereist. »Da gelang uns ein Coup, nämlich eine Kamera in das Abschiebegefängnis Pagani einzuschleusen. Hier waren auf winzigem Raum Hunderte von jungen Männern und Frauen eingepfercht, viele aus Afghanistan oder Eritrea. Die Bilder gingen auf YouTube um die Welt und sorgten für Schlagzeilen. Es gab zahlreiche Demonstrationen, das Dach des Gefängnisses wurde besetzt, und es entstand ein Infozelt, an das sich Neuankömmlinge wenden konnten, um der Internierung zu entgehen. Später musste das Gefängnis wegen anhaltender Proteste geschlossen werden.« Nach diesem Camp entstanden weitere gemeinsame Projekte von NoBorder-Aktivisten und Flüchtlingen wie die Internetseite »Welcome to Europe«. Viersprachig – auf Arabisch, Farsi, Französisch und Englisch – sammelt sie Informationen über Orte und Institutionen, die Menschen auf ihrem Weg über Grenzen unterstützen. Auch die politische Arbeit weitete sich aus. »In den Schengen-Staaten gilt die Regel, dass, wer irgendwo in Europa offiziell ›sichtbar‹ wird, dorthin wieder zurückgeschickt wird, wo er seinen ersten Fingerabdruck auf unserem Kontinent hinterlassen hat. Der Protest hat mittlerweile erreicht, dass zumindest nicht mehr aus anderen EU-Ländern nach Griechenland zurückgeschickt wird«, erklärt Hagen Kopp. Wer es aus Afrika über Italien zum Beispiel zu Verwandten in Amsterdam geschafft hat, wird beim Versuch, seinen Status zu legalisieren, meist wieder nach Italien zurückgeschickt.
Wenn ich von Projekten wie der in Mali gestarteten Initiative »Afrique Europe Interact« für Bewegungsfreiheit und ein würdigeres Leben im eigenen Land höre, wächst in mir das Gefühl einer offenen Kultur von Zusammenarbeit, so wie viele Menschen sie ganz selbstverständlich leben würden, wäre da nicht ein wirtschaftliches Paradigma, das aussortiert. Es spiegelt sich an den Grenzen, wo auch nur die Stärksten überleben. Noch muss das NoBorder-Camp 2012 am Düsseldorfer Flughafen gegen die Massenabschiebungen vor allem von Sinti und Roma, durchgeführt mit eigens dafür gecharterten Flugzeugen, demonstrieren. Womöglich wird die zukünftige Situation mit der fortschreitenden Krise noch restriktiver. Doch zugleich wachsen das Lebensgefühl und die Initiativen der »eigentlichen« europäischen und weltweiten Gemeinschaft, die keine Grenzen kennt.  


www.noborder.orgwww.w2eu.net
www.afrique-europe-interact.net

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