»Wir müssen unsere Utopien einem Crashtest unterziehen«, schreibt Annette Schlemm (Espero 13/2026), denn »wir müssen davon ausgehen, dass die schon vorhandene massive Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen das Leben selbst unter besseren Bedingungen erheblich beeinträchtigen würde.« Damit fasst die Philosophin gut zusammen, was verschiedene aktuelle Publikationen umkreisen: die Möglichkeiten eines guten Lebens inmitten des Zerfalls alter geopolitischer Ordnungen, des fühlbaren Zusammenbrechens von Ökosystemen und eines »Vierten Weltkriegs«, wie die Zapatistas die seit Jahrzehnten andauernde kolonialistische und rassistische Ausbeutung randständiger Regionen für die profitgetriebenen Metropolen der Weltwirtschaft nennen. Das Themenheft »Die Klimakatastrophe aus libertärer Perspektive« der Online-Zeitschrift Espero lotet Handlungsspielräume angesichts kollabierender Systeme aus. In einer umfassenden und gründlich argumentierten Einführung fragt Gastherausgeber Christian Siefkes, warum Wachstum und technischer Fortschritt nicht zum Wohl aller führen können. Dem Problem der Technik wendet sich Informatiker Nicolas Guenot vom »Konzeptwerk Neue Ökonomie« zu: Er beschreibt den Unterschied zwischen prometheischen und primitivistischen Traditionen anarchistischen Denkens und plädiert für einen Low-Tech-Ansatz, der zwar auf dem Bestehenden aufbaut, aber den Pfad des Fortschritts verlässt.
Ansgar Klein und Klaus Farin, die Gastherausgeber des Themenschwerpunkts »Utopien und Science Fiction« im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, hingegen sind dem modernen Fortschrittsdenken durchaus verhaftet, wenn sie in ihrer Einführung schreiben, der Wille »die Erde für alle Menschen zum Besseren zu verändern« gehöre zur DNA des Menschen. Doch wird »technische Innovation« hier teils auch kritisch beäugt und stattdessen das spekulative Erzählen vom guten Miteinander in den Mittelpunkt gerückt, etwa in den Beiträgen von Isabella Hanning, Aiki Mira oder dem Kollektiv »Unleashing Fantasy for Transformation«. In weiteren kenntnisreichen Artikeln werden die Genese und aktuelle Entwicklung der Genres »Science Fiction« und »Utopie« detailreich dargestellt. Abschließend wird vom Netzwerk-Projekt des auf drei Jahre angelegten »Kongress der Utopien« berichtet, das in diesem Jahr einen neuen Anlauf nehmen soll und sich dezidiert gegen dystopische Weltuntergangsvisionen richtet.
Einen ganz praktischen Umgang mit dystopischen Zukünften bietet das »Preppen«. Mit der Geschichte dieser Katastrophenvorbereitung und deren politischer Vereinnahmung von Rechts setzt Annette Schlemm sich in einer Broschüre auseinander. Sie arbeitet die Unterschiede zwischen »regressivem« und »progressivem« Preppen heraus. Bei letzterem gehe es nicht nur um kollektiv organisierte Katastrophenhilfe, sondern über katastrophische Einzelmomente hinaus um dauerhafte Vor- und Fürsorge für gemeinschaffend getragene Infrastruktur. Auch dies ist ein utopischer Funke in dystopischen Annahmen.
Aus der gegenwärtigen Praxis solcher gegenseitiger Hilfe kommen Manuel Callahan und Annie Paradise, die in der kalifornischen Bay Area seit Jahrzehnten in solidarischen Kollektiven organisiert sind. In ihrem soeben erschienenen englischsprachigen Büchlein mit »Notizen zu aufständischer Konvivialität« weisen sie auf die Gegenwärtigkeit kollabierender Strukturen hin und beschreiben, wie insbesondere von rassistischen staatlichen Strukturen betroffene Gemeinschaften durch gegenseitige Hilfe selbst für Gerechtigkeit und Schutz sorgen können.
Christian Siefkes (Hrsg.), Espero. Libertäre Zeitschrift, 13/2026, »Die Klimakatastrophe aus libertärer Perspektive«, ISSN 2700-1598, 216 Seiten, Open Access: edition-espero.de
Ansgar Klein und Klaus Farin (Hrsg.), Forschungsjournal Soziale Bewegungen. Analysen zu Demokratie und Zivilgesellschaft, Jg. 39, 2026, Bd. 2, »Utopien und Science Fiction«, ISSN 2192-4848, 224 Seiten, Open Access: kurzelinks.de/UtopienSF
Annette Schlemm, Endzeit – nicht nur im ›Prepperkeller‹, Packpapier-Verlag, 2026, ISBN 978-3000875298, 62 Seiten, 5,00 Euro
Manuel Callahan und Annie Paradise, Community Safety in the Fourth World War. Notes on Insurgent Conviviality, Pluto Press, 2026, ISBN 978-780745351513, 162 Seiten, ca. 18 Euro